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Transhumanismus – Veränderungen beim Menschen durch die Technik

Kopfrechnen

Viele Jüngere tun sich heute mit ganz einfachen Rechenaufgaben schwer, denn ab den 1980er Jahren hielt der Taschenrechner in den Schulen Einzug. Kopfrechnen, früher mitunter heftig geübt, wurde ab dann durch Eintippen ersetzt.

Es mag für Betrachter bitter wirken, wenn 35jährige Mitmenschen keinen ausgehandelten Rabatt rechnen können, ohne zum Handy und der Taschenrechner-App zu greifen. Was fast schmerzhafter ist, es fehlt ihnen dann meist ebenso das Vertrautsein mit dem Zahlenraum, um beispielsweise Größenordnungen schnell einschätzen zu können. Eine wichtige Grundfertigkeit gerade in der immer weiter ausufernden Konsumgesellschaft, in der nahezu alle Lebens-Mittel gekauft werden müssen.

Abgeschnitten

Diese Abhängigkeit, diese durch Bequemlichkeit und Gewohnheit sozusagen selbstverschuldete Entmündigung, merken Menschen dann kräftig, wenn der Akku im Mobiltelephon ausfällt. Die anzurufende Nummer steckt im toten Gerät – die Kommunikation ist abgeschnitten, mitunter nützt auch das Telefonbuch oder die Auskunft nichts, da vielleicht die Rufnummer des potentiellen Kontakts gar nicht mehr im Telefonverzeichnis eingetragen ist (Geheimnummer).

Gut, beim Auto wird das in Zukunft anders sein. Das “Connected Car” ist in der EU demnächst vorgeschrieben. Passiert was, kommen Polizei und Rettung assistenzsystem-unterstützt automatisch zum Unfallort.[3] Damit wird auch das Auto Bestandteil des “Internet of Things”, jener transhumanistischen und technophilen Lieblingsidee vollständiger Vernetzung sukzessiv entmündigter Bürger und ihrer Umwelt (Das “Internet of Things”).

Ver-Appung des Alltags

Apps, also benutzerfreundliche bzw. mundgerechte Anwendungen, dominieren nach Smartphones und Tablets mittlerweile, mit neuen Betriebssystemversionen, auch den Personal Computer. Es ist ja schon praktisch, denn ein Knopfdruck sorgt dafür, daß man weiß, wie das Wetter draußen ist, man muß nicht mehr rausgehen, oder ein Fenster aufmachen. Auf der einen Seite wirft das Marketing der neuen Technologien einen lichten und freundlichen Blick auf die Ver-Appung des Alltags[4], aber es gibt auch einen starken Schatten mit den neuen Gegebenheiten (Rennen gegen die Maschine oder mit ihr? ).

Wenn Menschen ihre Fitnesszwänge mit digitaler Hilfe lösen, wobei die App, wenn man brav zu Fuß gegangen ist, Lob und sogar virtuelle Medaillen verteilt (“Quantified Self” – die Vermessung des Selbst), oder ihre Flirtpartner per Fragebogenergebnis-Zuordnung und Teilnahmegebührenzahlung an die kommerzielle Agentur finden (Partnerwahl im Zeitalter der Online-Kontaktbörsen), dann werden reale Erfahrungsmöglichkeiten und Chancen durch Technik und vorgefertigte Strukturen ersetzt. Letztlich ist es eine Regression zum Kind, zurück zur Konditionierungsstruktur der Pavlovschen Hunde, die daraus folgt.

Medizintechnik

Die Erweiterung des Menschen durch medizinische Technik ist eine Art “heilige Kuh” geworden, wenn es um Heilung geht, sind für die meisten Menschen, selbst kritische Geister, gentechnisch hergestellte Arzneimittel oder andere Techniken, etwa Transplantationsmedizin, gern gesehen. Für die technischen Fortschritte im Bereich der Reproduktionsmedizin gibt es Mehrheiten, in ein paar Jahren wird das medizinisch-technisch aus- und abwählbare Wunschkind nach der angestrebten oder erhofften Karriere im Beruf wohl eine Realität für die wohlhabende Hälfte der Bevölkerung sein, egal welchen Geschlechts die Person ist.

Auch Selbstoptimierung durch kosmetische Chirurgie wird dank Altstars wie Fritz Wepper und gute massenmediale Massage breitenwirksame Realität werden. Ein Geschäft ist sie heute bereits, dafür sorgen zuverlässig die Mainstream-Medien.

Symbiose

Handeln, dieser Kosmos aus Utopie, Einsicht und subjektivem Willen (sofern einem die Eltern dazu verholfen haben, Wirklichkeit als gestaltbaren Raum zu betrachten) wird verflacht auf fremdgesteuertes Verhalten, wie man es aus der durchweg autoritären Arbeitswelt gelernt hat. Technik ist eine weitere Initialisierung dazu.

Wie symbiotisch sich das Lebewesen Mensch an die Technik anpassen läßt, zeigt sich in den U-Bahn- und S-Bahnzügen der Städte: Menschen starren auf ihre Smartphones, reagieren mit Wischbewegungen auf den Bildschirm, herausgehoben aus einer offenbar feindlichen Umwelt. Der private Rest des Individuums ist auf eine mehr oder weniger konditionierte Betätigung des Geräts reduziert.

Maschinelle Bewertungsassistenten

Schüler und Studenten werden während ihrer Ausbildung benotet. Diese Note bestimmt sich heute kaum noch aus mündlichen Prüfungen und schriftlichen Arbeiten, sondern wird im Wesentlichen durch Tests gewonnen. Multiple Choice-Tests, das heißt in einer Batterie von vielen Fragen, jeweils aus drei Möglichkeiten die richtige Antwort ankreuzen.

Diese Tests sind in erster Linie Assistenzsysteme für die Lehrenden und die Bildungsorganisation. Sie lassen sich einfach und maschinell auswerten, wobei das Ergebnis objektiv dokumentiert ist, falls es Beschwerden oder Klagen gibt. Relevanz oder praktische Anwendbarkeit von Wisseninteressieren dabei weniger, auch daß es solche Multiple Choice-Aufgaben im späteren Erwerbsleben der Studierenden gar nicht gibt (außer sie werden selbst Lehrer) ist irrelevant.

Im Beruf müssen Berufstätige nämlich sprechen, also mündlich Sachverhalte erläutern oder schriftliche Stellungnahmen und Infos verfassen. Daran orientiert sich die Ausbildung nicht, denn sonst würden klassische Kolloquien und Hausarbeiten verschiedenster Aufgabenstellungen blühen. Mit solchen Test werden allerdings die Menschen ganz gut auf die Wahrnehmung und Akzeptanz von Reaktionsmustern zugerichtet – es heißt nur Ja oder Nein, da ist nichts Vermischtes oder eine ganz andere Alternative möglich, schon gar nicht Widerspruch.

Gewöhnung und Verlust

Mit immer mehr gewordenen Assistenzsystemen beim Auto oder App-Lösungen vertrauen Menschen – ob sie es nun wollen oder nicht, es geschieht einfach durch Gewöhnung, durch (passives) Lernen – der Technik mehr als anderen Menschen oder sich selbst. Der Vertrauensgrundsatz des zivilen Lebens ist abgelöst durch technische Systeme.

Aber Mißtrauen läßt sich ebenfalls durch Systemausweitung und Gewöhnung abbauen. Waren in den 1970er Jahren die Leute der damals vergleichsweise geringen Werbung gegenüber skeptisch, so haben sie diese mittlerweile als notwendiges und manchmal sogar lustiges Übel akzeptieren gelernt. Auch an die Videoüberwachung auf Straßen, Plätzen und bei öffentlichen Verkehrsmitteln hat man sich angepasst. Und digitales Abhören, Stichwort: NSA, wird selbst von der deutschen Bundeskanzlerin mittlerweile achselzuckend zur Kenntnis genommen.

Selbst stinknormale, selbstverständliche Fertigkeiten werden durch Gewöhnung an Hilfssysteme abgebaut, ohne daß es der Betroffene merkt. Ein alter Studienkollege von mir hatte sich über viele Jahre strebsam und mühsam in die Leitungsfunktion einer großen Organisation gearbeitet, wurde dann aber plötzlich zum politischen Bauernopfer des Regierungschefs. Ein paar Monate später begegneten wir uns zufällig. Das Gespräch war erhellend.

Auf meine Frage, wie es ihm jetzt gehe, meinte er nach den paar üblichen Floskeln: Weißt Du, was mir am schwersten gefallen ist, sagte er, – mich wieder auf die ganz normalen, auf die üblichen Dinge des Alltags einzustellen und mit ihnen umzugehen. Ich wusste nicht mehr, wie man ein Postpaket aufgibt, oder wie man zu Winterreifen für das Auto kommt, oder wie man zu einem Flug kommt.

Diese vielen Alltagskleinigkeiten haben über viele Jahre meine Assistentinnen oder der Chauffeur erledigt. Ich hatte vergessen, wie man sich in der Welt zurecht findet, ich bin mir da dann über viele Wochen wie ein kleines Kind vorgekommen, völlig hilflos, in eine fremde Welt hineingeraten.

In diesem Fall waren es Menschen, also gewissermaßen analoge Assistenzsysteme, über die “Mächtige” in ihrer Position nun einmal verfügen. Werden sie entmachtet, haben sie ein Problem, sich in der Wirklichkeit zurecht zu finden. Erfreulich war, es ist dem Studienkollegen seine Entfremdung aufgefallen.

Technische Demokratisierung?

Natürlich ist es ungerecht, wenn die Eliten persönliche Dienstboten haben und die anderen nicht. Es gibt jedoch mittlerweile eine praktisch-marktwirtschaftliche Lösung dafür. Nicht persönliche, sondern technische Assistenzsysteme und Hilfen: Technisierung demokratisiert in einem gewissen Sinn und ist für alle jene da, die solche Hilfen kaufen (können). Assistenzsysteme im Auto, automatische Steuerung bei der Wohnraumheizung. Preiswerter sind Fitness-Apps, oder Convenience-Produkte, die Kochen überflüssig machen, ebenso billige textile Artikel aus Fernost, wo es sich nicht auszahlt, kleine Beschädigungen noch selbst zu reparieren.

Das alles ist in der Überflussgesellschaft kein Problem, sofern die Leute halbwegs Geld haben. Haben sie es plötzlich nicht, wissensie auch nicht mehr, sich kostengünstig im Alltag zu helfen. Die Grundkenntnisse, um eine preiswerte Mahlzeit selbst herzustellen (Grillenkönnen allein wird wohl zu wenig sein, vor allem im Winter), oder einen Riß in einem Kleidungsstück mit eigener Hand zu nähen, das gelingt dann nicht mehr. Fröhliche Sklaven von Konsumgesellschaft und Technik, solange alles funktioniert einerseits, durch Technik entfremdete, auf Reiz-Reaktions-Dressuren zugerichtete Lebewesen andererseits. Dazwischen sind die Begrifflichkeiten von Selbstbestimmung und Mündigkeit zu romantischen Geschichten aus einer vergangenen Epoche geworden.

Zurück zum Anfang

Eingangs war von den lebenslangen Vorteilen jener Kinder die Rede, die in den gehobenen Klassen groß werden, sozusagen Klassenvorteile durch Erleben “vererbt” bekommen. Von der unteren Mittelschicht abwärts können da Eltern kaum mit, außer beim Fernseher und dem neuesten Smartphone für das Kind. Motiv dabei, es soll auch haben, was die anderen alle haben. Oft übernimmt dann die Elektronik, die handzahme Technik, menschliche Betreuungsfunktionen.

Die bessere und vielleicht preiswertere Alternative wäre es, sich mit dem Kind als Kind mehr zu beschäftigen – also es nicht bindungsschwach bis hin zu sozial verwahrlost aufwachsen zu lassen – und ihm dabei brauchbare, einfache technische und soziale Grundfertigkeiten beizubringen, von denen es später vielleicht profitieren kann.

Etwa selbst kochen oder einen Knopf annähen zu können, die eigene Phantasie entdecken, Menschen, Tiere und das Wetter kennen und mit ihnen halbwegs umgehen, oder sich verständlich und freundlich ausdrücken und die eine oder andere Aggression beherrschen zu können. In Kindergarten und Schule allein lernt ein Kind sowas nicht, sie sind keine Defizitbehebungsagenturen, für die sie heute gern gehalten werden. Klar ist, das müsste man vielen Eltern ebenso erst einmal beibringen.

Technische Fortsetzung

Es sieht eher nicht nach mehr Hausverstand in der Gesellschaft aus. Der Mainstream flüchtet in Technikeuphorie. Naturwissenschaft, Politik und Medien befeuern die eskapistische Hoffnung, die Technik wäre die Lösung, ein allumspannender Schlüssel für alle Fragen: “Welche wunderbaren Entdeckungen uns erwarten.”[5] Da werden die “DIY Bodies” durch Verdatung, Chirurgie und elektronische Prothetik erst zum vollkommenen Menschen, zur Mensch-Maschine-Einheit, mit dem Versprechen ewigen Lebens und der Eroberung des Weltalls.

Was Raymond Kurzweil und viele andere, vielleicht weniger exzessiv auftretende Naturwissenschafter mittlerweile auch in Dokumentationen im deutschen Fernsehen verkünden, ist eine “Theologie der Technik” und der technischen Auflösung des Menschen.

Die Assoziation mit “Endlösung” liegt nahe und das ist nun eine fürchterliche Angelegenheit. Gerade auch wegen der viele Milliarden teuren Forschung – nahezu immer: dual use, also militärisch und wirtschaftlich nutzbare Forschung, die die Bürger bezahlen. Währenddessen hungert eine Milliarde Menschen und das Drittel der übrigen ist arm.