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Türkei und ISIS: Über Staatsterrorismus und den Pipeline-Krieg

Die Antwort des Generals:

“Ich kenne wichtige arabische Verbündete, die sie finanzieren.”
Mit anderen Worten: der höchste Militär der USA hat damals bestätigt, daß ISIS von genau jenen “wichtigen arabischen Verbündeten” unterstützt wird die gerade der US-geführten Anti-ISIS Koalition beigetreten sind.

Zu diesen Verbündeten gehören Saudi Arabien, Katar, die Vereinigten Arabischen Emirate und insbesondere Kuwait – die zumindest in den letzten vier Jahren Milliarden von Dollar hauptsächlich an extremistische Rebellen geschleust haben. Kein Wunder daß ihre Luftschläge gegen ISIS (vorher schon winzig) jetzt nahezu völlig aufgehört haben. Sie konzentrieren sich stattdessen darauf, die schiitischen Houthis im Jemen zu bombardieren, was dort übrigens zum Aufstieg von ISIS führt.

Durchlässige Verbindungen zwischen einigen Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA), Islamistengruppen wie al-Nusra, Ahrar al-Sham und ISIS ermöglichen auch rege Waffenlieferungen von den „Moderaten“ zu den islamistischen Milizen.

Der ständige Transfer von Waffenbeständen der CIA/Golfstaaten/Türkei an ISIS wurden mit einer Analyse der Seriennummern von Waffen durch die in Großbritannien ansässige Conflict Armament Research (CAR) dokumentiert. Deren Datenbank über illegalen Waffenhandel wird von der EU und dem Schweizer Außenministerium gefördert.

“Kräfte des IS haben erhebliche Mengen von US Kleinfeuerwaffen erbeutet und sie auf dem Schlachtfeld eingesetzt”, schreibt ein CAR-Bericht vom September 2014. “M79 90mm Panzerabwehrraketen, in Syrien erbeutet von IS-Kräften, sind identisch mit M79 Raketen die von Saudi Arabien an Kräfte geliefert die 2013 unter dem Schirm der “Freien Syrischen Armee” operierten.”Der deutsche Journalist Jürgen Todenhöfer, der 10 Tage beim IS verbrachte, berichtete letztes Jahr,  daß ISIS “indirekt” vom Westen bewaffnet wird:

“Sie kaufen die Waffen, die wir der Freien Syrischen Armee gaben, sie erhalten also Waffen aus dem Westen – sie bekommen französische Waffen… ich sah deutsche Waffen, ich sah amerikanische Waffen.”
ISIS wird also staatlich unterstützt – ja, gesponsert von angeblich dem Westen wohl gesonnenen Regimen der moslemischen Welt die Bestandteil der Anti-ISIS-Koalition sind.

Das führt zu der Frage, warum Hollande und andere westliche Führer (die ihre Entschlossenheit ausdrücken, ISIS mit allen Mitteln zu “zerstören”) den wichtigsten aller Faktoren außer acht lassen: die materielle Infrastruktur beim Aufstieg von ISIS in Zusammenhang mit der fortwährenden staatlichen Unterstützung von islamistischen Milizen in der Region durch die Golfstaaten und die Türkei.

Es gibt viele Erklärungen dafür, aber eine ragt wahrscheinlich heraus: Die erbärmliche Abhängigkeit des Westens von Terror unterstützenden moslemischen Regimen, hauptsächlich um einen Zugang zu den Öl- und Gasreserven des Nahen Ostens, des Mittelmeers und Zentralasiens zu erhalten.

Pipelines

Ein Großteil der gegenwärtig angewendeten Strategie wurde 2008 freimütig in einer von der US Armee gesponserten RAND-Studie beschrieben: “Über die Zukunft des Langen Krieges” (pdf). Die Studie weist darauf hin daß “die Volkswirtschaften der Industriestaaten weiterhin sehr stark vom Erdöl abhängig sein werden, daher handelt es sich um strategisch wichtige Ressourcen.” Da das meiste Öl im Nahen Osten gefördert werden wird,  haben die USA ein “Motiv, die Stabilität im Nahen Osten zu erhalten und gute Beziehungen mit diesen Staaten zu unterhalten.” Es ist nur so, daß gerade diese Staaten den islamistischen Terror unterstützen:

“Die geografische Lage der bekannten Erdölvorkommen deckt sich mit den Machtzentren eines großen Teils des salfistisch-dschihadistischen Netzwerks. Dies führt zu einer Verbindung zwischen der Ölversorgung und dem Langen Krieg, die nicht leicht zu unterbrechen und nicht einfach zu beschreiben ist… In absehbarer Zukunft werden Steigerungen der Welt-Ölproduktion und die Gesamtleistung von Vorkommen am Persischen Golf dominiert werden… Diese Region wird daher strategische Priorität behalten und diese Priorität wird starke Wechselwirkungen mit einer Verfolgung des Langen Krieges haben.”
Freigegebene Regierungsdokumente verdeutlichen ohne jeden Zweifel, daß es ein Hauptgrund für den Irakkrieg 2003 war (dessen Vorbereitungen sofort nach 9/11 begannen), eine permanente US Militärpräsenz am Persischen Golf einzurichten um Zugang zum Erdöl und Erdgas der Region zu haben.

Die Sucht nach dem Schwarzen Gold endete jedoch nicht beim Irak – und ist kein Privileg des Westens.

“Die meisten der ausländischen Kriegsparteien im syrischen Krieg sind Erdgas-exportierende Länder. Diese sind an einem der zwei konkurrierenden Pipeline-Projekte interessiert, beide würden syrisches Gebiet Richtung Europa durchqueren, die eine für katarische Erdgas, die andere für iranisches Erdgas”, schreibt Professor Mitchell Orenstein vom Davis Center für russische und europäische Studien der Harvard-Universität im “Foreign Affairs”, dem Blatt des Council on Foreign Relations in Washington D.C.

2009 machte Katar den Vorschlag für eine Pipeline nach Nordwesten über Saudi Arabien, Jordanien und Syrien in die Türkei. Aber Assad “weigerte sich den Plan zu unterzeichnen”, schrieb Orenstein. “Rußland, das seine Position im europäischen Erdgasmarkt nicht gefährdet sehen will, hat ihn unter enormen Druck gesetzt nicht zu unterzeichnen.”

Russlands Gazprom verkauft 80% seines Erdgases nach Europa. 2010 hat Rußland daher sein Gewicht hinter eine “alternative Pipeline Iran-Irak-Syrien gelegt, welche iranisches Erdgas aus dem gleichen Feld (Anm.d.Ü.: er meint wohl das South Pars Feld, zusammen mit North Pars das größte Erdgasfeld der Erde) nach Syrien, zu Häfen wie Latakia und unter das Mittelmeer.“ Dieses Projekt würde es Moskau ermöglichen, „die Erdgasimporte aus dem Iran, der Kaspischen Region und Zentralasien nach Europa zu kontrollieren.”

Dann wurde im Juli 2011 ein Iran-Irak-Syrien Pipelineabkommen in Höhe von 10 Milliarden US Dollar angekündigt und ein Vorvertrag wurde ordnungsgemäß von Assad unterzeichnet.

Noch im selben Jahr erhöhten die USA, Großbritannien, Frankreich und Israel ihre verdeckte Unterstützung für Rebellengruppen in Syrien um einen “Kollaps” des Assad-Regimes “von innen” zu bewirken.

“Die Vereinigten Staaten… unterstützen die Katar-Pipeline um den Iran in Schach zu halten und den europäischen Gasnachschub aus Rußland zu diversifizieren”, erklärte Orenstein im Foreign Afffairs.

In einem Artikel des “Armed Forces Journal” veröffentlicht von Major Rob Taylor (Dozent am US Army’s Command and General Staff College, Fort Leavenworth) wird beißende Kritik an den konventionellen Medien wegen deren Berichterstattung zum Syrienkonflikt geäußert, weil sie die Frage um die Pipelines ignorieren:

“Jede Beurteilung des Syrienkonflikts die die geopolitische Ökonomie der Region vernachlässigt ist unvollständig… Aus geopolitischer und wirtschaftlicher Sicht betrachtet ist der Konflikt in Syrien kein Bürgerkrieg, sondern das Resultat größerer internationaler Spieler, die sich auf dem geopolitischen Schachbrett für die Eröffnung einer Pipeline aufstellen… Assads Pipeline-Entscheidung, die für die drei schiitischen Staaten den Vorteil bei Erdgas festigen könnte, zeigt auch Russlands Verbindungen zum syrischen Erdöl und der Region durch Assad. Saudi Arabien und Katar, genauso wie alQaeda und andere Gruppen arbeiten an der Absetzung Assads und setzten auf die Hoffnung einer sunnitische Eroberung von Damaskus. Damit erhoffen sie sich eine Teilkontrolle über die “neue” syrische Regierung und einen Anteil an den Pipeline-Reichtümern.”

Mit den Pipelines gäbe es nicht nur Zugang zum iranisch-katarischen Gasfeld sondern möglicherweise auch zu kürzlich neu entdeckten Gasvorkommen im östlichen Mittelmeer – es betrifft Offshore-Gebiete von Israel, Palästina, Zypern, der Türkei, Ägypten, Syrien und Libanon. Es wird geschätzt daß das Gebiet bis zu 1,7 Mrd Fass Erdöl und bis zu 122 Billionen m³ Erdgas enthält. Geologen glauben daß es sich hier nur um ein Drittel der in der Levante vermuteten unentdeckten fossilen Brennstoffe handelt.

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ericht des “US Army War College’s Strategic Studies Institute”