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Rußland lockt mit Industrieparks

06.08.2015 20.36 von Autor: Gordian Krahl

Das Konzept der Industrieparks wurde in Rußland schon vor Jahren entwickelt und in die Praxis umgesetzt. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung – Sanktionen und Importsubstitution – ist das Thema sowohl für einheimische als auch internationale Unternehmen wichtiger und aktueller denn je.

Unter einem Industriepark versteht man ein abgegrenztes Industriegelände, auf dem mehrere voneinander unabhängige Unternehmen angesiedelt sind. Diese Unternehmen können alle zur gleichen oder zu mehreren verschiedenen Branchen gehören. Der Industriepark bietet den zugehörigen Unternehmen meist die für die Branche oder Produktion notwendige Infrastruktur und den Zugang zu weiteren wichtigen Energieträgern, Produktionsfaktoren, Gütern oder Dienstleistungen.

Rundum-Versorgung für Investoren

Beispiele sind die Versorgung mit Strom, Gas, Wasser bis hin zu branchen- und produktionsspezifischen Energieträgern und Produktionsfaktoren, die Standortlogistik wie Anbindung an Straße, Schiene, Hafen, die Entsorgung von Produktionsabfällen, Sicherheitsdienstleistungen und Facility Management bis hin zur eigenen Werksfeuerwehr.

Ein Industriepark wird meist von einer Betreibergesellschaft verwaltet. Die Unterstützung angesiedelter Unternehmen unterscheidet sich von Standort zu Standort. Sie kann von der Bereitstellung von Wohnraum, Kantineneinrichtungen und der medizinischen Versorgung der Mitarbeiter bis zur Organisation von Schul- und Kindergartenplätzen und darüber hinaus reichen.

Durch die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur und Leistungen können Synergie- und Skaleneffekte genutzt werden. Im Vergleich zur Ansiedlung auf der „grünen Wiese“ können Unternehmen, die sich in einem Industriepark ansiedeln, Synergieeffekte nutzen, ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und das Investitionsrisiko senken. Wenn sich Unternehmen der gleichen Branche an einem Ort ansiedeln, spricht man auch von Clustern. In der Regel vergrößern sich mit solch einer Clusterbildung die Synergieeffekte.

Erster Industriepark 1896 in Manchester

Das Konzept des modernen Industrieparks wurde in England erfunden. 1896 kaufte der Investor und Immobilienentwickler Ernest Terah Hooley den Trafford Park. Das in einem Vorort von Manchester gelegene 12-Hektar-Areal wollte Hooley eigentlich zu einer Wohnanlage der Luxusklasse entwickeln – geplant waren 500 Prachtvillen, eine eigene Pferderennbahn und eine Uferpromenade am Schifffahrtskanal. Doch dann schuf er einen Industriepark, in dem sich schon bald zahlreiche englische und internationale Unternehmen, unter anderem die erste Ford-Automobilfabrik außerhalb der USA, ansiedelten.

Eine zeitlich näher liegende Inspiration für die Entwicklung der russischen Industrieparks war sicherlich China, wo man in den 1980er Jahren mit der Entwicklung der ersten Industrieparks begann und wo es mittlerweile mehr als 6.600 solcher Parks gibt.

Wann und wo genau der erste Industriepark Russlands errichtet wurde, ist schwer zu sagen. Mit dem Ziel der Erarbeitung und Festlegung einheitlicher Standards für die Industrieparks wurde im Jahre 2010 der Russische Verband der Industrieparks gegründet. Weitere Ziele und Aufgaben dieses als Non-Profit-Organisation organisierten Verbandes sind unter anderem Lobbyarbeit, Verbesserung der Servicequalität in den Industrieparks, weltweites Marketing, Unterstützung von Investoren bei der Durchführung von Industrieprojekten, sowie der Informationsaustausch zwischen den einzelnen Parks.

Autocluster in Kaluga

Derzeit gehören dem Verband rund hundert Unternehmen an, die 70 verschiedene Industrieparks in 45 Regionen der Russischen Föderation vertreten. Außer in den Regionen um Moskau und St. Petersburg gibt es Industrieparks in den Regionen Kaluga, Perm, Wolgograd, Tatarstan, Iwanowo, Swerdlowsk und Belgograd, um einige der wichtigsten zu nennen.

2007 verlagerte die 1867 von zwei Deutschen – einem Zuckerbäcker aus Belzig und einem Kaufmann aus dem Schwarzwald – erbaute und von 1922 bis heute unter dem Revolutionsnamen bekannte Moskauer Süßwarenfabrik „Roter Oktober“ ihren Produktionsstandort vom Stadtzentrum an den nördlichen Stadtrand. Auch wenn es für diese Umzugsentscheidung sicherlich mehrere Gründe gab, war einer davon auch die Bemühung der Politik, Industrieanlagen aus dem Zentrum Moskaus an andere Standorte, zum Beispiel in Industrieparks, zu verlagern.

Um Kaluga, einer 340.000 Einwohnerstadt 190 km südwestlich von Moskau entstanden bisher sechs verschiedene Industrieparks. Als erster von diesen erhielt der Park Vorsino im Jahre 2008 den offiziellen Industrieparkstatus. Seitdem haben sich in diesem und den anderen Kalugaer Industrieparks viele deutsche und internationale Unternehmen mit eigenen Produktionskapazitäten angesiedelt. Die bekanntesten darunter sind General Electric, Mitsubishi und Volkswagen. Der deutsche Autokonzern aus Wolfsburg hatte 2006 den Investitionsvertrag mit der russischen Regierung unterschrieben und im Jahr 2007 mit der Produktion begonnen.

Anfang 2015 waren 366 Industrieparks in Rußland registriert, von welchen die Mehrzahl bereits in Betrieb oder fertig für den Betrieb ist. Viele der in dieser Zahl enthaltenen registrierten Parks befinden sich aktuell jedoch noch im Bau und einige noch in der Planung.

366 Industrieparks in Rußland

Das erste Unternehmen, das sich in einem neuen Projekt ansiedelt, der sogenannte „Anchor tenant“, ist für den letztendlichen Erfolg entscheidend. Anreize für ansiedlungswillige Unternehmen im Rahmen staatlicher Programme sind etwa Steuervergünstigungen und geringere Kreditzinsen. Hier sei auf das im Jahre 2014 beschlossene staatliche Programm „Industrieentwicklung und Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie“ verwiesen, welches Industrie- und Handelsministerium und Verband der Industrieparks gemeinsam entwickelt haben.

Nicht nur der russische Staat, auch die einzelnen Regionen versuchen durch gezielte Maßnahmen die Attraktivität ihrer Industrieparks zu erhöhen. So hat 2013 die Verwaltung des Gebietes Swerdlowsk 22 Betrieben Finanzierungshilfen zur Zinstilgung in einer Gesamthöhe von 186 Mio Rubel gewährt. Einen großen Anteil dieser Unterstützung erhielt mit 74 Mio Rubel das Metallurgische Werk in Kamensk-Uralski als Zuschuss zum Bau einer Walzlinie.

In der Region Kaluga zahlen Unternehmen in den ersten Jahren nach ihrer Ansiedlung geringere Steuern. So beträgt zum Beispiel die Gewinnsteuer (Körperschaftssteuer) in den ersten vier Jahren nur 13,5 Prozent statt regulär 20 Prozent. Auch die Vermögenssteuer wird in den ersten drei Jahren von 2,2 Prozent auf Null reduziert.

Die russischen Industrieparks bieten durch ihre vorhandene Infrastruktur eine gute Möglichkeit, eine Produktion im Lande aufzubauen. Das aktuelle Programm der Importsubstitutionen begünstigt Unternehmen beim Aufbau lokaler Produktion und dem Verkauf von in Rußland produzierten Waren zusätzlich. Eine Chance für das langfristige Russlandgeschäft.