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“Der vorbeugende Schachzug” Rußlands: Rostislav Ischenko über Rußlands politischen Kampf um Europa

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Die USA haben offensichtlich die Situation begriffen, denn in den letzten Monaten hat Washington versucht,  konkrete NATO-Mechanismen zu aktivieren, sowohl in Anpassung der Situation in der Ukraine, als auch im Rahmen der Festigungen der euroatlantischen Einheit. Die Verstärkung der Gruppierungen in Polen und im Baltikum wurde als Maßnahmen gegen die “russische Aggression” dargestellt.

Militärischen Aktivitäten der NATO verstärken sich auch auf der Süd-Flanke – im Schwarzen Meer und Rumänien wird befohlen, den “eingefrorenen” Konflikt in Moldawien und Transnistrien wieder zu beleben. Washington versucht gerade zwei Probleme zu lösen. Erstens, die Europäer sollen vor der “russischer Aggression” vereinigt werden und so soll auch das Problem der Kontrolle der USA über die EU entschieden werden. Zweitens, der politische Druck auf Rußland soll mit militärischem Druck erweitert werden und so die Bereitschaft der NATO zur Konfrontation zu zeigen.

Genau hier gelang Rußland das zweite Mal seit dieser Krise die erfolgreiche Erhöhung des Spieleinsätzes. Moskau demonstrierte nicht nur seine Bereitschaft, diese Herausforderung in der Form militärischer Konfrontation anzunehmen, es wird zudem auch die Bereitschaft zu einem totalen Krieg mit der NATO demonstriert.

Wenn wir die diplomatische Vogel-Sprache weglassen, dann ist die Legende von “unerwarteter Kontrolle”, der an der Nord-Flotte anfängt und allmählich alle russischen Streitkräfte umfaßt, dann ist der Krieg mit den USA und ihren Europäischen Verbündeten unter Anwendungen der gewöhnlichen Ausrüstungen und die Bereitschaft zur Anwendung von Kernwaffen zur jedem Zeitpunkt möglich.

Eigentlich kann man diese Militärübungen als Entfaltung der Streitkräfte auf dem zukünftigen Kriegsschauplatz betrachten, vor dem Anfang der Kriegsoperationen, unter dem Deckmantel von Militärübungen. Etwas Ähnliches geschah im Jahr 2014, aber damals waren die Handlungen der russischen Streitkräften hauptsächlich mit der ukrainischen Krise verbunden. Damals sprach Putin in keinem Interview darüber, daß er seinen “Freunden und Partnern” eindeutig aufzeigte, daß Rußland, falls es sein sollte, kämpfen werde (damals war die Rede über Krim, aber ich denke, es wurde richtig verstanden), wobei kämpfen ohne Einschränkung, mit der Nutzung von allen zugänglichen Waffen und Systemen.

Der Präsident der Russischen Föderation verstieß gegen die Regeln der diplomatischen Praxis, gemäß deren die Politiker nicht der Öffentlichkeit erzählen, womit sie einander hinter geschlossenen Türen abschrecken. Somit hat er demonstrativ sich selbst den Weg, um davon abzuweichen, abgeschnitten. Einmal öffentlich erklärt, daß er bereit ist, falls etwas ist, zu kämpfen und danach, wenn dieses etwas kommt und es wird ausgewichen, kann nicht ohne katastrophale Folgen für ihn enden. Und praktisch gleichzeitig beginnen Militärübungen, die sehr von der Formation an die Entfaltung der Streitkräfte erinnern. Auf den amerikanischen Vorschlag, sich in der Anzahl von Panzern an der russischen Grenze zu messen, hat Rußland mit der Demonstration der Bereitschaft geantwortet, ihre Panzer direkt an die Norwegische Küste zu bringen, die “Iskanders” – an die polnische Grenze und die strategischen Flugzeuge samt U-Booten mit nuklearen Raketen an Bord an die Ufer der USA zu entsenden.

Also, Europa wurde gezeigt, daß die NATO eine noch weniger effektive Organisation ist als die EU, denn solange die USA darüber nachdenken werden, ob sie mit Rußland auf die nukleare Konfrontation eingehen sollen, hören die europäischen Streitkräfte auf zu existieren (dafür sind nur gewöhnliche Waffen mit begrenztem Kontingent nötig).

Die Deutschen und die Franzosen wollen mit Rußland Handel betreiben. Sie brauchen keinen Krieg und wollen weder für die ukrainischen noch für die baltischen Faschisten und auch nicht für die polnischen Ambitionen kämpfen. Übrigens, sind in letzter Zeit sind die Polen nachdenklich geworden und ab und zu schauen sie irgendwie böse in Richtung Kiew. Der Rest von Europa hat nichts, womit er kämpfen kann (nicht nur kein Wofür), er verließ sich bisher immer auf die USA.

Die USA sind vor die Entscheidung gestellt

Einerseits die Herausforderung annehmen. Und was dann? Was für einen Anlaß gibt es? Wegen der russischen Militärübungen. Ach ja, in Los Angeles werden sie sich darüber freuen, weil die pskower Fallschirmjäger im Schnee der Arktis ein wenig aus den Kalaschnikows geschossen haben, hat die amerikanische Regierung sie mit einem Kernwaffenschlag gefährdet. So wird es doch aussehen.

Andererseits die Herausforderung nicht annehmen. Und wie werden die USA aussehen? Sie haben alle bedroht, sie prahlten, daß sie jetzt den ukrainischen Nazis so eine Wunderaffe geben werden, mit der sie dann immer nur gewinnen, und sie würden sogar bis Japan kommen. Zehn Panzer werden in das Baltikum verlegt. Im Schwarzen Meer werden Militärübungen durchgeführt. Sobald aber die pskower (abgeleitet von Pskow, Stadt in Rußland) Fallschirmjäger im Schnee der Arktis ein wenig aus den Kalaschnikows geschossen haben, haben sie sich beruhigt. Wie sollen die Verbündeten auf sie zählen?

Im Allgemeinen sind die USA in eine weitere logische Falle getappt, vergleichbar mit denen, die sie mehrmals Rußland zu stellen versuchten. Jetzt aber wird jedes Spielzug schlecht für sie selbst. Finden sie einen Ausweg? Vermutlich. Gibt es die Gefahr, daß sie den Weg der Konfrontation und der Provokation des militärischen Konfliktes gehen werden? Ja.

Eigentlich deuten die äußerst risikoreichen Handlungen der russischen Föderation im Laufe des letzten Jahres darauf hin, daß die Welt an der Grenze zwischen einem totalem Krieg und Frieden ist und die Gefahr des Übergangs dieser Grenze enorm hoch ist.

Rußland kann aber aus dem Spiel nicht austreten. Es ist gezwungen, bis zum Sieg zu spielen, sonst wird es einfach zerstört. Diese Situation, die Bereitschaft Russlands zu einer jeglichen Entwicklung, zwingt Europa darüber nachzudenken, daß das Bündnis, in das Washington Europa führte, weiter ging als sie selber planten, und Europa ist auf diese Weise schon fast zu einem Kriegsschauplatz geworden. Die Europäer hatten keine Sorgen, als die Ukraine ein Kriegsschauplatz war. Sie wollten sogar hier etwas gewinnen. Die Europäer waren aber sehr enttäuscht, als trotz ihrer Erwartungen sich herausgestellte, daß die Instabilität in der Ukraine nicht nach Rußland, sondern in die EU überfloß. Sie haben keine Zweifel daran, wessen Panzer über die Hautstädte in der Paradeordnung rollen werden. Sie wollen nicht experimentieren.

Jetzt ist der Ball auf dem Feld der USA. Sie sollen entscheiden, ob sie auf weitere Konfrontation gehen würden und dabei ihre europäischen Partner  bis zum Tod erschrecken, die schon jetzt bereit sind, aus dem NATO-Schiff zu desertieren. Oder ob sie zurücktreten werden und dann geht der Prozess des EU-Überganges vom amerikanischen Regenschirm unter den russischen mit rasantem Tempo.

Eigentlich hat Rußland von dem USA die Kapitulation gefordert (wenn auch nicht offenbar, weil der Krieg informell war). Werden die USA ihre Niederlage in der zweiten Etappe des Kalten Krieges anerkennen oder werden sie doch in das heiße Stadium übergeben, wir werden es bald sehen.

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Quelle: News-front, Übersetzung und Ersterscheinung: fit4russland