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Pflanzen, diese Plaudertaschen!

Besonders sprachgewaltig ist der Wilde Tabak.


In Utah untersuchte Baldwin, wie der dort wachsende Wüstenbeifuß den benachbarten Tabak vorwarnte. Begaste er Tabakpflanzen mit dem Duft verletzter Beifußpflanzen, brachten diese sofort ihr Verteidigungssystem in Alarmbereitschaft – für den Fall, daß die Schädlinge auch sie anfallen sollten.

Auch sonst ist der Tabak ungemein trickreich. Keimt er in Massen nach Buschbränden in Utah, wird er sofort von feindlichen Räuberheeren heimgesucht. Also reichert der wilde Tabak, sobald sie ihn überfallen, Nikotin in seinen Blättern an. Das Nervengift tut dann das Seinige.

Mit einer Ausnahme: Die Raupen, aus denen später einmal graubraune Tabakschwärmerfalter schlüpfen, lassen sich vom Nikotin nicht betäuben. Das hat die Pflanze offenbar gelernt und drosselt deshalb ihre Giftproduktion. Statt dessen ruft sie per Duftstoff die Feinde der Tabakschwärmerraupe herbei und produziert gleichzeitig in ihren Blättern Stoffe, die den Schädlingen die Verdauung ruinieren. Die Raupen bleiben dadurch recht kümmerlich und können von den heraneilenden Feinden leichter getötet werden.

Die Natur weiß also sehr genau, was sie tut – wenn man sie nur machen läßt. Genau dies wollen die Forscher des MPI aber eigentlich nicht. Funktioniert das Verteidigungssystem bei Wildpflanzen nämlich noch wunderbar, sind Kulturpflanzen „wohlstandsträge“ geworden.

Sie haben, so der Spiegel, „oft weitgehend verlernt, Hilferufe abzusetzen, Nützlinge herbeizurufen und Schädlinge mit biochemischen Tricks abzuwehren. Wilde Baumwollpflanzen beispielsweise geben bis zu zehnmal mehr Duftstoffe ab als ihre kultivierten Vettern.“ Und Feldfrüchte seien geradezu „ziemlich dumm“, weil „die Kompetenz zur Selbstverteidigung nie Zuchtziel war“, sagt Baldwin. Und: „Wir fragen uns jetzt, ob man den Kulturpflanzen diese Eigenschaften zurückgeben kann.“

Wir sehen also: Gentechnik ist einmal mehr der Hintergrund für die nähere Beschäftigung mit dem Pflanzenwesen.

Bereits basteln die Forscher am Sinnessystem der Pflanzen herum. „’Stumm’ oder ‚taub’ sind die Pflanzen, die Baldwin im Labor erschafft. Während die stummen Gewächse gewisseDuftstoffe nicht mehr produzieren können, ist den tauben Exemplaren die Fähigkeit genommen worden, bestimmt Duftmoleküle wahrzunehmen. ‚Wenn wir die entsprechenden Rezeptoren hemmen, fangen die Pflanzen sogar an zu schreien, weil sie sich selbst nicht mehr hören können’, sagt der Forscher. ‚Wir reden ja auch lauter, wenn wir uns die Ohren zuhalten’.“

Per Gentransfer wollen die Forscher künftig Weizen oder Tomaten das ‚Sprechen’ wieder beibringen, „um sie fitter zu machen für den Überlebenskampf auf dem Acker“, formuliert es Bethge.

Mit „Intelligenz“ habe das ganze nichts zu tun, sondern, so Boland, „mit den großen Regelkreisen der Natur“. Allerdings überrasche „die Vielfalt der Abwehrstrategien“ die Forscher immer wieder.

Glücklicherweise gibt es noch reichlich „schlaue“ Wildpflanzen, bei denen die Forscher punkto Abwehr in die Lehre gehen wollen. Es müsse, so Baldwin, „sich nur jemand entschließen, ihnen zuzuhören.“

Der Geist hinter dem Duft

All dies lese ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ist es doch ein weiteres kleines Indiz in der Beweiskette dafür, daß eine Art von „Geist“ die Pflanzen beseelt, die offensichtlich ja über kein Hirn verfügen, aber dennoch „schlau“ sind. Bestimmt wird es noch viele Jahre brauchen – oder viele Whisky-Promille, bis ein schottischer oder andersstämmiger Forscher kühn genug ist, Max Planck’s These, daß letztlich hinter allem ein lenkender Geist steckt, wissenschaftlich zu beweisen

 

Originalbeitrag erschienen auf: http://www.zeitenschrift.com/artikel/pflanzen-diese-plaudertaschen