Home / News / Wladimir Putin und sein tiefer Respekt gegenüber den nationalen Interessen Rußlands: Kein stürmischer Revo-, sondern ein visionärer Evolutionär

Wladimir Putin und sein tiefer Respekt gegenüber den nationalen Interessen Rußlands: Kein stürmischer Revo-, sondern ein visionärer Evolutionär

Von Pjotr Akopow, Quelle: www.vz.ru, Übersetzung: fit4Russland

Der Internationale Diskussionsklub Valdai ist ein jährlich stattfindendes Treffen namhafter Rußland-Experten und Politiker. Das Dachthema der diesjährigen Sitzung lautet „Die Zukunft beginnt heute: Konturen der Welt von morgen.“

Beim diesjährigen internationalen Diskussionsforum “Waldai” sagte Wladimir Putin, daß er für am Wichtigsten die Lösung der inneren Probleme des Landes hält und er will, daß in Rußland notwendige Reformen evo- und nicht revolutionär sein sollen. Nichts Überraschendes. Er sagt das ja nicht zum ersten Mal. Aber für diejenigen, die sich Wladimir Putin als “Aggressor und Tyrann” vorgestellt haben, erscheint das immer wieder seltsam…

Das Thema eines möglichen Abgangs des Präsidenten in den (baldigen) Ruhestand kam vor Beginn der Rede Wladimir Putins auf. Dann wurde es ganz bewußt von ihm selbst wieder aufgegriffen und von den Experten vollends ausgereizt. Sie begannen viele ihre Fragen an den Präsidenten mit dem Vorspann “Für Sie ist es natürlich noch zu früh in die Ruhestand zu gehen, aber…”.

Dabei ist es klar, daß Wladimir Putin noch mindestens siebeneinhalb Jahre Präsidentschaft vor sich hat – bis zum Frühjahr 2024. Ja, auch in Zukunft wird sein Einfluß auf die russische Politik maßgeblich sein.

Allerdings ist es nicht allen klar. Sonst hätten sie ihn nicht darum gebeten, die verschiedenen Perioden seiner Präsidentschaft zu charakterisieren und die wichtigsten Themen im Bereich “Putin-Ära” für die zukünftigen Lehrbücher der russischen Geschichte zu definieren. Und sie hätten auch nicht gefragt, wem das nächste Kapitel gewidmet sein wird.

Trotzdem denkt Wladimir Putin sicherlich darüber nach, wer die Führung Rußlands nach ihm übernehmen könnte, aber diese Gedanken wird er nie verlautbaren, bevor er die Entscheidung trifft, sich von der alltäglichen Führung des Landes zu entfernen.

Und das wird sicher noch nicht so bald sein …

Und bis dahin hat er viel, viel vor sich und hoffentlich, noch viel erfolgreich zu bewirken.

Sein persönlicher Einfluß, von dem er beim “Waldai” oft hören mußte und daß er als der mächtigste Mann der Welt beschrieben wurde, interessiert Wladimir Putin nur deswegen, weil das bessere Chancen für die Verteidigung der nationalen Interessen Rußlands ermöglicht. Er definiert das so:

“Nationale Interessen sind all das, was den russischen Menschen gut tut”.

Man könnte beliebig lang zum Thema “Wer aber bestimmt denn, was für den russischen Menschen gut ist?” herumspötteln. Sicher auch Putin selbst, dem sich das, was notwendig ist mit seinem inneren Gefühl, seinem Denken und russischen Blut wohl bestens erschließen kann. Gerade weil seine Ideale und Werte die gleichen wie bei den meisten Menschen in Rußland sind. Gerade auch deswegen genießt er die Unterstützung des russischen Volkes. Nicht, weil die Krim zurückgekommen ist oder Rußland ausgerechnet der “von Gott auserwählten Nation” in Nordamerika dagegenhält… das alles ist nur die Folge.

Eine Folge dessen, daß er Rußland als Staat an sich und das russische Volk stärken will (eigentlich sind diese Begriffe in russischer Geschichte und Tradition untrennbar miteinander verbunden, aber für diejenigen, die alles in ihren eigenen Ländern auch ganz anders erleben, muß man wohl fein präzisieren).

Die Gegenüberstellung des Außenpolitikers Wladimir Putin und des innenpolitischen Wladimir Putin ist bewußt weit hergeholt. Und schon trügerisch ist gar die These, daß Wladimir Putin mit “fiktiven externen Bedrohungen seine innenpolitische Position stärkt” oder jene, daß “Putin zwar wegen seiner Außen- aber nicht für seine Innenpolitik” beliebt sei.

Es gibt für Wladimir Putin keine Bedeutungsunterschiede zwischen der äußeren und inneren Lage in Rußland und das kann es für jeden ernsthaften Staatsführer auch nicht sein. Das Eine kann weder mit dem Anderen kompensiert noch ersetzt werden, weil es eben Eins und untrennbar ist. Ein innen starkes Rußland ist stark in der Welt. Schwach in der Welt wäre es schwach im Inneren. Hier gibt es einfach keinen diametralen Widerspruch.

Als Wladimir Putin über seine Macht im Weltmaßstab gefragt worden war, hatte er deswegen geantwortet, daß es ihm viel wichtiger wäre, die internen Probleme zu lösen, vor denen das Land steht, als über irgendwelche mystische “mythische Macht” nachzudenken. Das ist also kein Ausweichen gegenüber dieser Frage, sondern einfach normales, ein uneitles Verständnis eines Präsidenten Prioritäten gegenüber.

Wenn Wladimir Putin sagt, daß er als viel wichtiger ein nachhaltiges Wachstum der Wirtschaft und die Lösung der sozialen Aufgaben, die Lösung des Haushaltsdefizits und der Kapitalflucht sieht, verstellt er sich nicht. Weil wir unbestritten, “eine Menge ungelöster Probleme haben … und von deren guter Lösung die innenpolitische Stabilität und das Gewicht Rußlands in der Welt abhängt”.

So ist es. Und die persönliche Autorität Wladimir Putins, sowohl die im eigenen Land, als auch die in der Welt hilft ihm lediglich, diese vielfältigen Probleme in Angriff zu nehmen, aber in keinem Fall ist pur ausgeübte Macht seine Art und Weise der Problemlösung. Und eines ist bei dem Charakter dieses Staatenlenkers ganz wie selbstverständlich ausgeschlossen: Machtmißbrauch!

Wladimir Putin hat keinerlei Größenwahn. Und daß seine außenpolitische Tätigkeit offensichtlicher als die Arbeit für die Innenpolitik und die Wirtschaft erscheint, ist damit verbunden, daß im geopolitischen Bereich von seinen persönlichen Fähigkeiten und Erfahrungen mehr als im innerrussischen abhängt. Für die Innenpolitik verwendet er in Wirklichkeit nicht weniger Kraft und Zeit (selbst in Anbetracht und Wichtung der Tatsache, daß sich die mindestens letzten drei Jahre Rußland in einem unerklärten Krieg, in einem kalten, vom Westen begonnenen Krieg verwickelt findet).

Putin ist kein Revolutionär, sondern mit Vorsatz ein behutsamer Reformer. Eben ein ausgemachter Evolutionär. Und dies gilt sowohl für äußere (bei denen er überraschend knallharte Entscheidungen nur in ansonsten ausweglosen Situationen, wie die mit der durch den Kiew-Putsch überraschten und verratenen Krim und dem Donbass trifft), als auch für innere Angelegenheiten.

Eines wird er mit Sicherheit nicht: Die wirtschaftliche und politische Situation in Rußland mit der Methode riskanter Experimente oder radikaler Änderungen angehen.

Und das nicht, weil er mit der derzeitigen Situation zufrieden oder ein Gegner von Wandel als solchem ist (“ohne Veränderung tritt Stagnation ein”, sagte der Präsident auf dem “Waldai”).

Weil er sich zwangsläufig daran erinnert, daß das Land nur eben gerade so fast unbeschadet aus dem Beinahe-Zusammenbruch herauskommen konnte, der die Folge unüberlegter Experimente der 80er und “revolutionärer” Reformen der 90er Jahre war.

Nicht durch glücklichen Zufall herauskommen konnte, sondern unter dem weit vorausschauenden Hirten Putin und vor allem dank seiner umsichtigen Politik, die nicht auf taktischer Gewalt, Macht und Reflexen, sondern strategischer Weitsicht und Kooperation baute.

Eine zwar umsichtige, vorsichtige, aber umso konsequentere Politik, die gezwungen ist, ständig erbitterten offenen und noch mehr verborgenen Widerstand (es gibt ein noch treffenderes Wort – “Sabotage”) eines großen Teils korrupter und kolonialer “Eliten” zu überwinden.

Ja, wir haben die wohl schwierigsten Verhältnisse mit der Abteilung “Management” der russischen “Elite”, den russischen Zauberlehrlingen. Dabei stehen wir vor mächtigen Herausforderungen (wirtschaftlichen, sozialen, demographischen, nationalen). Aber Wladimir Putin sicherte das wirklich nachhaltig ab, was er als seine bedeutendste Errungenschaft bezeichnete:

“Das Wichtigste ist, daß es uns gelungen ist, den Zusammenhalt der russischen Gesellschaft, des russischen Volkes zu erhalten; Alle für die Lösung der gesamt nationalen Aufgaben zu vereinigen”.
Das nennt man “Nationale Einheit im Interesse des Wachstums und der Entwicklung des Landes” und die war mehr als wichtig nach dem Zusammenbruch der UdSSR, des Wechsels der Sozial- und Wirtschaftsordnung, dem Zusammenbruch des öffentlichen Zusammenhalts und der völligen Entfremdung zwischen der Regierung und dem Volk in den 90er Jahren.

In diesem zehnten Jahre ist diese schon lange gefühlte Einheit nun sichtbar geworden. Trotz der Tatsache, daß es in der Gesellschaft keine Einigung über viele wichtige Dinge gibt, in der Hauptsache jedoch sind sich die Russen einig. Der unbestrittene Fakt, daß diese Einheit sich um die Führer-Figur Putins gebildet hat, äußert sich in einer jungen Volksweisheit, dem bekannten Spruch “Gibt es Putin, gibt es auch Rußland”. Aber das ist beileibe kein Personenkult, das ist die Widerspiegelung der Wirklichkeit. Ja, immer sind noch viele tragende Strukturen und Institutionen schwach, viele soziale Probleme nicht gelöst und ist die wunderbare Formel für die Zukunft der sozial-wirtschaftlichen Struktur noch nicht aufgefunden worden.

Aber in Rußland existiert ein gemeinsames Verständnis von Volk und Präsidenten darüber, auf welchen Prinzipien sie ihr Land aufbauen wollen. Es gibt keine detaillierte Zeichnung, aber es gibt ein Verständnis des gemeinsamen Schicksals, gemeinsamer Werte, eine gemeinsame Geschichte, gemeinsame Grundsätze und Werte. Das ist schon viel, wenn man bedenkt, was die Russen durchgemacht haben.

Dabei wurde auch Wladimir Putin selbst in all diesen Jahren ein Anderer, er wurde nicht nur mehr qualifizierter, sondern auch nationaler, zunehmend mehr geprägt vom Geist und der Bedeutung russischer Geschichte und Kultur. Und er wird sich noch weiter entwickeln, klüger werden, zusammen mit dem Volk, das aus den wirren Zeiten herausfand.

Ein bescheidenes aber stolzes Volk, das auf Wladimir Putin einen viel größeren Einfluß ausübt als Wladimir Putin, der Evolutionär, auf die Lage im Land nimmt.

Deshalb sollte man besser nicht Wladimir Putin über seinen Platz in der Geschichtsschreibung befragen: Es würde diesen voreiligen Vorwitzigen doch nur ein Bruchteil des Ganzen gezeigt werden können.

01.11.2016

Original erschienen auf: http://www.fit4russland.com/analyse/1766-wladimir-putin-und-sein-tiefer-respekt-gegenueber-den-nationalen-interessen-russlands-kein-stuermischer-revo-sondern-ein-visionaerer-evolutionaer