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Wissenschaftliche Studien zu Mikroplastik

Eine Vielzahl von Kosmetikprodukten, wie Körper- und Gesichts-Peelings oder Zahncremes, beinhalten tausende winzig kleiner Kunststoff-Partikel: Mikroplastik oder auch Microbeads genannt.

Diese bestehen vorwiegend aus Polyethylen (PE), aber auch aus Polypropylen (PP), Polyethylenterephthalat (PET), Polymethylmethacrylat (PMMA) und Nylon. Sie werden als mechanische Putzkörper zugesetzt.

Nach Benutzung der Produkte gelangen diese Zusatzstoffe über das Abwasser in Flüsse und Kanäle und enden in Meeren und Ozeanen, denn Kläranlagen sind nicht in der Lage, diese kleinen Kunststoff-Partikel herauszufiltern. Im Meer angelangt tragen sie zur sogenannten Plastiksuppe bei. Mikroplastik wird meist definiert als Partikel oder Fasern mit einem Durchmesser kleiner als 5mm, Microbeads aus Kosmetikprodukten haben fast immer einen Durchmesser kleiner als 1mm ist. Für den Einsatz von Microbeads in Kosmetika gibt es eine Vielzahl von natürlichen Alternativen wie zum Beispiel zermahlene Nußschalen oder Salzkristalle.

Die Ansammlung von Mikroplastik in Meeresgewässern ist ein neues Umweltproblem, dessen Ausmaß und Folgen noch lange nicht absehbar sind.

In 2004 ist in Science ein Bericht unter der Leitung von Prof. Richard Thompson (University of Plymouth) erschienen, der zum ersten Mal zeigte, wie sich Mikroplastik und Kunststoff-Fasern in den gesamten Meeresgewässern verbreitet haben. Da größere Plastikteile in immer kleinere Teile zerfallen und Plastik nicht verrottet, nimmt die Menge an Mikroplastik ständig zu.I Plastik zerfällt unter dem Einflußvon UV Strahlung und mechanische Einwirkungen, z.B. durch Wellenbewegungen, in immer kleinere Teile.II Die Menge an Mikroplastik in den Meeren und Ozeanen nimmt stark zu.III

Größere Plastikteile zerfallen mit der Zeit in kleinere Teile und werden schließlich bis zur Größe von Mikroplastik zerkleinert. Mikroplastik kann jedoch auch direkt ins Meer gelangen. Eine der direkten Quellen entsteht durch die Benutzung von Kosmetikprodukten. Hunderten oder sogar tausenden verschiedenen Kosmetikprodukten sind Microbeads als Peeling – oder Scheuermittel zugefügt. Fendal und Sewell (University of Auckland) haben 2009 festgestellt, daß diese Kügelchen über Abwassersysteme von Haushalten in Kläranlagen gelangen, wo sie aufgrund ihrer geringen Größe nicht herausgefiltert werden. Am Ende können sie nicht nur ins Meer, sondern auch in die Nahrungskette gelangen.IV

Mikroplastik wurde 2010 als eines der schwerwiegendsten ‘global emerging environmental issues’ (global entstehende Umweltprobleme) benannt.V wissenschaftler sind zunehmend besorgt über die Folgen und immer mehr Forschungsprojekte zum Thema Mikroplastik werden initiiert.

Es folgen einige wissenschaftliche Ergebnisse:

Meerestiere können nicht immer zwischen Nahrung und Plastik unterscheiden und nehmen deshalb Mikroplastik auf. Eine für ‘Convention on Biological Diversity’ angefertigte Übersicht zeigt, daß mindestens 663 Arten aufgrund von Plastik Probleme haben. In 11% der aufgezeichneten Fälle handelt es sich spezifisch um Probleme, die durch Mikroplastik hervorgerufen wurden.VI Von einigen Fischarten wird Mikroplastik scheinbar leicht wieder ausgeschieden. Es gibt aber auch solche, die Mikroplastik anreichern. In einer Studie wurde in ungefähr 35% von 670 untersuchten Fischen (6 Arten) Plastik im Magen gefunden. Die Höchstzahl an Teilchen in einem einzelnen Fisch war 83.VII

Mikroplastik zieht persistente (langlebige) organische Giftstoffe (POPs: Persistent Organic Pollutants), wie z.B. PCB und DDT an, die aus anderen Verunreinigungsquellen in die Ozeanen gelangt sind. Es lassen sich relativ hohe Konzentrationen nachweisen.VIII Die Organisation International Pellet Watch forscht unter der Leitung von Professor Takada von der Universität Tokyo an diesem Thema. Die Forschungen weisen bestimmte POPs auch im Gewebe von Meeresvögeln nach, da die Tiere Plastik zu sich genommen hatten, an welchem POPs angelagert waren.IX Umgekehrt ist es theoretisch möglich, daß sich in Tieren angereicherte POPs an verschluckte Plastikteile binden können und so deren Körper über natürlichem Wege verlassen können.X wissenschaftler befürchten, daß POPs sich nach und nach in der Nahrungskette anreichern und so auch Konsequenzen für den Menschen haben werden.XI Auch vom Menschen konsumierte Fische nehmen, wie schon erwähnt, Plastik auf.

Zudem können dem Plastik zugefügte Chemikalien (wie Weichmacher oder Feuerschutzmittel) sich unter Umständen auch wieder abtrennen.XII Diese chemischen Verbindungen sind in Fischen, Meeressäugetieren und Mollusken nachgewiesen worden.XIII Die allerkleinsten Plastikteilchen werden von ‚Filtrierern’ wie Muscheln aufgenommen. Der Genter Toxikologie Colin Janssen (Universität Gent) hat festgestellt, daß im Durchschnitt jedes Gramm Muschelfleish ein solches Plastik-Teilchen enthält.XIV Auch bei Plankton ist die Aufnahme von Mikroplastik nachgewiesen.XV

Es ist unmöglich festzustellen, von welchen Kosmetikprodukten das im Meer nachgewiesene Mikroplastik stammt. Die deutschen wissenschaftler Liebezeit und Dubaish (Universität Oldenburg) nehmen an, daß Kosmetika, vor allem sogenannte Peelings, die wichtigste Quelle des von ihnen aufgefundenen Mikroplastiks im Wattenmeer sind.XVI Die amerikanische NGO 5Gyres hat bei Forschungen in den Great Lakes große Mengen Microbeads festgestellt. Sie schätzen auch, daß ein einziges Produkt (Neutrogena’s Deep Clean) 360.000 microbeads enthält.XVII Leslie (Vrije Universiteit von Amsterdam) hat festgestellt, daß ein Gesichts–Peeling (L’Oreal Exofonic scrub) zu 10.6% aus Mikroplastik besteht.XVIII Kläranlagen sind nicht entsprechend ausgelegt, dieses Mikroplastik herauszufiltern. Eine Anzahl von Studien zeigt, daß Kläranlagen nicht alles Mikroplastik aus Abwässern filtern.XIX Im Übrigen wird Abwasser nicht überall geklärt. Nach schweren Regenfällen gelangt Abwasser, inklusive Microbeads, durch Überlaufe direkt ins Oberflächenwasser. In manchen Ländern fehlt die gesamte Infrastruktur zur Abwasserklärung.

Wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen von Mikroplastik für die Umwelt sind sehr wichtig. Das wissenerweitert sich ständig. Immer mehr Aspekte von Mikroplastik werden erforscht. So erforschen im Rahmen des Europäischen Forschungsprojekt Cleansea siebzehn Europäische Forschungsinstitute interdisziplinär unter anderem die Folgen von Mikroplastik auf die Meere.

So wichtig die Forschung zu Vorkommen und Folgen von Microplastik auch ist, so unnötig und in höchstem Maße unerwünscht ist Mikroplastik in der Umwelt. Deswegen wird von Produzenten verlangt,Verantwortung zu übernehmen und das Zufügen von Mikroplastik in Kosmetikprodukten zu beenden.

2013, viertes Quartal

Dr. M. Eriksen et al. veröffentlicht eine wissenschaftliche Arbeit namens “‘Microplastic pollution in the surface waters of the laurentian Great Lakes’, in: Marine Pollution Bulletin 77 (December 2013).

2014, drittes Quartal

Dr. Heather Leslie vom Institut für Umweltstudien (Freie Universität Amsterdam) veröffentlicht ein: Review of Microplastics in Cosmetics. Scientific background on a potential source of plastic particulate marine litter to support decision-making. (Überblick zu Mikroplastik in Kosmetika.
wissenschaftlicher Hintergrund zu einer potenziellen Quelle für Meeresmüll durch Kunststoff-
Partikel, zur Unterstützung von Entscheidungsfindung.)