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Wird Bargeld wieder attraktiv?

Florian Rötzer 11.08.2015

20 BerkShare-Geldschein. Bild: berkshares.org

Während die einen Bargeld ganz abschaffen wollen, entdecken andere es als Kunst- und Identitätsobjekt

In Zeiten, in denen darüber ernsthaft nachgedacht, das Bargeld ganz abzuschaffen und auf elektronisches Geld umzusteigen (Bargeldverbot würde zu mehr Kontrolle und Enteignung führen) und in denen alternative digitale Währungen wie BitCoin zur Umgehung des Bankensystems interessant werden, wächst, wie die New York Times behauptet, die Attraktivität des Bargelds. Das könnte allerdings in Nischen eine Blüte sein, die weniger den Aufstieg als das Verschwinden ankündigt.

Im Wesentlichen haben noch die Alten und die Ängstlichen die Nutzung von Kreditkarten und Online-Banking vermieden, ansonsten hat sich das Plastikgeld mitunter auch für Kleinbeträge durchgesetzt und verzichtet kaum mehr jemand auf das bequeme Online-Banking. Unternehmen zielen darauf, bargeldlose Transaktionen noch stärker zu verbreiten, wozu auch das Bezahlen mit dem Smartphone gehört. Die Zeit der die Geldbeutel prall füllenden und unhygienischen Münzen und Scheine ist an ihr Ende gekommen, könnte man meinen.

Der von Jeremy Deller entworfene 5 Brixton-Pfund-Geldschein. Deller hatte 2004 den Turner Prize gewonnen und 2013 Großbritannien auf der Biennale in Venedig vertreten. Der Geldschein ist eine Sonderausgabe – eine Sammlerausgabe – und wurde in Kooperation mit den Fraser Muggeridge Studios hergestellt.

Aber die New York Times macht darauf aufmerksam, daß in einigen Städten wie in Bristol und Brixton, in Amsterdam oder auch in Ithaka Künstler damit begonnen haben, Geldscheine als Kunstobjekte zu gestalten und zu vertreiben. Sie kommen als alternative lokale Währungen in der traditionellen Form und Größe von Geldscheinen, haben auch manche der Sicherheitsmerkmale, aber sie sind bunt und schick, wodurch sie durchaus dafür sorgen könnten, daß die lokalen Alternativwährungen, mit denen schon lange experimentiert wird (Kein Geld für Spekulanten) und die von lokalen Geschäften, Restaurants, Dienstleistern etc. akzeptiert werden, an Bedeutung gewinnen, wenn sie nicht nur die lokale Wirtschaft stützen, sondern auch noch ästhetisch attraktiv sind und den Lokalbezug indizieren. Wenn allerdings etwas einmal in der Kunstwelt ankommt, ist es in der Regel abgewirtschaftet, um dann als Kult- und Einzelobjektobjekt zu zirkulieren und vor allem ins Museum zu drängen, dem Ort des Überlebens für all das, was nicht mehr wirklich gebraucht wird.

Der von Jeremy Deller entworfene 5 Brixton-Pfund-Geldschein. Deller hatte 2004 den Turner Prize gewonnen und 2013 Großbritannien auf der Biennale in Venedig vertreten. Der Geldschein ist eine Sonderausgabe – eine Sammlerausgabe – und wurde in Kooperation mit den Fraser Muggeridge Studios hergestellt.

Bernard Lietaer, ehemals leitender Angestellter bei der Belgischen Zentralbank und verantwortlich für die Einführung des ECU und jetzt am am Center for Sustainable Resources der University of California in Berkeley tätig, propagiert Regional- und Komplementärwährungen, ist der Meinung, daß Geld eine hoch emotionale Angelegenheit ist. Alternativwährungen sind auch Ausdruck für ein Engagement für die Region oder die lokale Gemeinschaft.

Parallelwährungen gelten auch als Möglichkeit, wie sich verschuldete Länder wie Griechenland wieder hochrappeln könnten (Euro-Krise: Redundanz für das System). So sollten die Griechen eine elektronische Parallelwährung schaffen, die zum Zahlen von Steuern und dem Einkauf von lokalen Gütern akzeptiert und mit dem Handy erworben und bezahlt wird.

Verwiesen wird in der NYT etwa auf die Lokalwährung BerkShares der Region Berkshires in Massachusetts, die 2006 von BerkShares Inc. Mit der Unterstützung des Schumacher Center for a New Economics eingeführt wurde. Ein paar hunderte Geschäfte beteiligen sich an dem Währungsverbund mittlerweile, bei drei lokalen Banken kann man die Geldscheine erhalten, die von einem Künstler gestaltet und mit dem Konterfei von lokalen Größen ausgestattet wurden. Bei den Banken kann man einen BerkShare wieder in 95 Cents umtauschen.

Bristol-Pounds. Bild: bristolpound.org

Man könnte meinen, das Lokale wird gegenüber der Globalisierung wieder wichtig zur Verankerung und Identitätsbildung, zumal eine lokale Währung auch mehr Transparenz schafft, zumindest so lange große Banken und Konzerne nicht in den Markt einsteigen. Aber ein wichtiger Gesichtspunkt ist natürlich zunehmend auch die Überwachung, also die Möglichkeit einer totalen Kontrolle der Geldflüsse mit bargeldlosem elektronischem Geld.

Auch in den USA ist seit Snowden eine höhere Aufmerksamkeit für die Bedeutung von Anonymität entstanden. Bargeld ermöglicht diese, allerdings eigentlich nur aufgrund einer fehlenden, aber prinzipiell möglichen Kontrolle, wenn bei Bargeldtransaktionen etwa die Seriennummer des Geldscheins gescannt würde. Aber bislang schützt die Cash-Zahlung in der Regel vor der Verknüpfung des Gekauften mit dem Käufer, ist also eine Dunkelstelle im System, die es zudem ermöglicht, Geld im Geheimen zu horten. Auch Steuerbetrug, Kriminalität und der gesamte Schwarzmarkt werden durch Bargeld begünstigt.

Gut möglich wäre, daß der Trend zu Parallel- und Regionalwährungen durch die Finanzkrise, das Verlangen nach Transparenz der Wirtschaft, was vor allem landwirtschaftliche Produkte betrifft, und den Überwachungsfuror der Geheimdienste und Unternehmen gestärkt wird. Eine Massenbewegung dürfte wohl nicht zu erwarten sein, auch wenn es zunehmend chic unter den Millennials werden könnte, die mit dem Internet aufgewachsen sind, wieder Bargeld dem Plastikgeld vorzuziehen und so inkognito zu sein.

Schon in Folge der 68er-Bewegung kam es zu Versuchen, eine alternative Ökonomie aufzubauen und sich aus dem kapitalistischem System auszuklinken. Regionale Währungen könnten dies begünstigen, wenn die Freegans als Nachfolger der Aussteiger an Bedeutung gewinnen sollten. Freegans sind Menschen, die möglichst wenig mit der traditionellen Ökonomie zu tun haben und nicht nur einzelne Firmen oder Produkte boykottieren wollen:

Freegans embrace community, generosity, social concern, freedom, cooperation, and sharing in opposition to a society based on materialism, moral apathy, competition, conformity, and greed.
Aber als postmarxistische Bewegung sind die aussteigenden Millennials vorwiegend Einzelne und kleine Gruppen, die ihr Leben ändern wollen, ohne einen Entwurf für eine andere Gesellschafts-und Wirtschaftsform zu haben und ohne auf eine gesellschaftliche Klasse zu bauen, die einen Umschwung tragen und global wie die Linke (internationale Solidarität) auftreten könnte. Eine alternative Währung, die ein anderes Wirtschaften ermöglicht, wäre möglicherweise aber auch ein Anfang.