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Wieso die Griechen ihr Geld nicht einfach in Bitcoin anlegen können

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„Das Problem ist der instabile Preis der Bitcoins, und es wird so wenig gehandelt, daß es keinen effektiven Weg gibt, um Bitcoins zu verknappen. Daher reagiert der Markt irrational—der Kurs steigt und fällt die ganze Zeit“, sagte Weaver. „Einen Kurs zu stützen ist schon auf normalen Märkten schwierig, aber für eine so selten gehandelte Währung wie Bitcoin ist es absolut unmöglich“.

Während Griechenland in Richtung Staatspleite rast, bleiben die Banken geschlossen und verängstigte Rentner stehen in langen Schlangen vor Geldautomaten, um sich ihre täglichen 60 Euro Bargeld zu sichern.

Noch nicht mal das gut gemeinte Crowdfunding für den Griechenland-Bailout in letzter Minute funktioniert: Gestern Nacht brach die Seite unter Last der Spendenwütigen zusammen.

Während die griechischen Bürger an allen Bankautomaten des Landes nur noch maximal 60 Euro abheben können, bringen manche Utopisten ein neues, altes Allheilmittel ins Spiel, das alle Probleme der gegenwärtigen Zahlungssysteme lösen soll: Bitcoin.

Viele Beobachter sehen eine direkte Korrelation zwischen der drohenden Staatspleite und dem jüngsten Aufstieg der Kryptowährung, die momentan 233 Euro wert ist—das ist der höchste Kurs seit mehr als zwei Monaten. So gut wie alle Geschichten aus dem Reddit-Unterforum /r/bitcoin drehen sich gerade um Griechenland, während manche Artikel die Kryptowährung als eine Lösung für die Bürger feiern. „Bitcoin ist der eigentliche Gewinner der Griechenland-Krise“, behauptet eine Headline. Ein Fernsehsender nannte Bitcoin sogar „das ideale Instrument zur Wertanlage für die Griechen“.

Doch selbst ausgewiesene Bitcoin-Experten sind nicht überzeugt davon, daß die Krise in Griechenland für den Kursanstieg der Währung verantwortlich gemacht werden kann. Und noch weniger glauben, daß die Währung eine Antwort auf die andauernden finanziellen Probleme des Landes darstellen könnte. Nicholas Weaver, ein Forscher am International Computer Science Institute, glaubt, daß die Verbindungen zwischen der griechischen Krise und dem Erfolg von Bitcoin bestenfalls hauchdünn sind.

„Das Problem ist der instabile Preis der Bitcoins, und es wird so wenig gehandelt, daß es keinen effektiven Weg gibt, um Bitcoins zu verknappen. Daher reagiert der Markt irrational—der Kurs steigt und fällt die ganze Zeit“, sagte Weaver. „Einen Kurs zu stützen ist schon auf normalen Märkten schwierig, aber für eine so selten gehandelte Währung wie Bitcoin ist es absolut unmöglich“.

Bitcoins zu kaufen und sie in nutzbare Währung umzutauschen, ist für viele Menschen in Griechenland noch immer ziemlich schwierig.

 
 
http://www.grcoin.gr/en/

 

Selbst Hardcore-Bitcoin-Befürworter fragen sich skeptisch, wie sehr die Währung Griechenland bei seinen aktuellen Problemen helfen könnte. Andreas Antonopoulos, ein Bitcoin-Unternehmer, der in Griechenland aufgewachsen ist, glaubt, die Währung sei viel zu jung, um eine wirksame Lösung in so großen Dimensionen bieten zu können.

„In ihrem Kern ist die griechische Finanzkrise eine Liquiditätskrise“, schrieb er mir in einer E-Mail. „Es gibt nicht genügend Bitcoins, um die Zahlungsunfähigkeit zu bekämpfen. Außerdem steckt Bitcoin noch in den Kinderschuhen: Ein System, das gerade einmal sechs Jahre alt ist und an das Internet prä-1994 erinnert. Das Potential und die Möglichkeiten sind da, aber die Infrastruktur, das wissen über die Funktinsweise der Währung, Benutzeroberflächen und so weiter sind einfach entweder noch nicht vorhanden oder nicht bereit zur massenadaption. (…) Unsere Sorge ist, daß wir nichts mehr abheben können—doch Bitcoin wird uns da nicht unbedingt helfen“, schreib er. „Wenn ich mein Geld aus einem griechischen Konto in Bitcoin-Konto überweisen kann, dann könnte ich es ja auch in mein Deutsches überweisen. Wofür bräuchte ich dann Bitcoin?“

Nun wenden Befürworter ein, ein Hauptvorteil der Bitcoins in der Finanzkrise sei, daß es von keiner einzelnen Institution unterstützt wird, auf Computern läuft und jeder die Währung generieren kann. Dagegen hält allerdings Nicholas Christin, ein Assistenz-Professor an der Carnegie Mellon University. Er erforscht Bitcoin und sagt, das müsse nicht zwingend stimmen.

„In der Praxis haben sich die Bitcoins viel mehr zentralisiert, als dafür ausgelegt ist: Ein paar wenige Stellen betreiben den Großteil der Währungstauschs, ein paar große Mining-Pools dominieren die Währungsproduktion“, sagte er via E-Mail. „Also, was mir daran nicht klar ist: Eigentlich wäre es ganz einfach, die Kapitalkontrollen mit Bitcoin zu umgehen (und das läßt das kleine Detail außen vor, daß es eigentlich komplett illegal sein könnte, das zu tun).“

Spekulationen über die Folgen eines ökonomischen Chaos durch eine gesteigerte Beliebtheit von Bitcoin gibt es schon länger. Ein Journalist der New York Times berichtete neulich, die Währung stelle gerade die flatterhafte Wirtschaft Argentiniens auf den Kopf, welche einem ähnlichen Kollaps ins Auge blickt wie Griechenland 2001.

Christin ist außerdem überzeugt, es sei immer noch schwierig für viele Griechen, Bitcoins zu kaufen und umzuwechseln. „Ich bezweifle stark, daß viele Leute tatsächlich Bitcoins als Wertanlage in Erwägung ziehen—der Zugang dazu ist immer noch recht schwierig, vor allem in größeren Mengen“, sagte er. „Außerdem: Nehmen wir einmal an du kannst welche kaufen, was dann? läßt du es auf deinem Wallet, wo sich doch der Tausch durch Hacks total unsicher gestaltet? Oder läßt du sie auf deinen Computer umziehen, der manipuliert oder mit Schadsoftware infiziert werden kann, oder auf einen USB-Stick? Das klingt alles ziemlich kompliziert für die meisten Leute, und ich kann mir wirklich nicht vorstellen, daß das eine Option für den Großteil der Bevölkerung wäre.“

Das soll nun nicht heißen, Bitcoins könnten niemals zu einer echten Alternative bei Finanzkatastrophen werden. Antonopolous glaubt, die zwangsweise Einführung von Bitcoin per Regierungsdekret wäre das genaue Gegenteil davon, wofür die Währung eigentlich geschaffen wurde. Er glaubt aber auch, daß sich in Zukunft immer mehr Menschen freiwillig dafür entscheiden würden.

„Eines Tages, vielleicht schon in zehn Jahren, vielleicht auch ein wenig später, werden Währungen wie Bitcoin die monopolistische Kontrolle über Geld in Frage stellen, die von den Banken diktiert wird und den Bürgern eine Art sichere Anlaufstelle für ein Opt-Out anbieten können.“, sagte er. „Die momentane Situation in Griechenland zeigt uns, warum unabhängige Bezahlnetzwerke und unabhängige Währungen eine besondere Rolle in der Zukunft spielen müssen, aber den Griechen wird das leider momentan nicht viel nützen.“

Obwohl Bitcoin in naher Zukunft also vielleicht mal ein gutes, stabiles Investment für dein Geld sein kann, empfehlen alle diese Experten die Währung vorerst nicht. Wie Weaver es ausdrückte: „Wenn du dich um einen Finanzmarktkollaps sorgst, inverstiere in Gold und Knarren statt in Bitcoin.“

 

Original auf: http://motherboard.vice.com/de/read/wieso-die-griechen-ihr-geld-nicht-einfach-in-bitcoin-anlegen-123?trk_source=recommended