Home / Gesellschaft / Transhumanismus – Veränderungen beim Menschen durch die Technik

Transhumanismus – Veränderungen beim Menschen durch die Technik

Karl Kollmann 16.08.2015

“Transhumanismus” (oftmals mit dem Symbol h+ für „Humanismus Plus“ abgekürzt) bezeichnet eine Klasse philosophischer Denkrichtungen, die eine prinzipielle Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten durch den gezielten Einsatz von Rationalität, Wissenschaft und Technik befürworten und fördern.

Das geht schnell – und auch der Transhumanismus ist längst schon unter uns

Wir Menschen lernen und wir verändern uns dabei, ob wir nun wollen oder nicht. Alles, was wir an erlernten Fertigkeiten an Assistenten oder elektronische Hilfssysteme abgeben und delegieren, verlernen wir dann rasch. Das führt in der Folge zu einer Selbstentmündigung gegenüber der hilfsbereiten neuen Technik, die wir meist begeistert kaufen.

Menschen sind natürlich zu einem Teil ganz individuelle Charaktere. Zu einem anderen Stück sind sie jedoch immer “ein Produkt” ihrer eigenen Geschichte und ihrer Lebensumstände. In die Mittelschicht oder ins “gehobene Bürgertum” geborene Kinder haben solche Klassenvorteile ihr ganzes Leben lang. Sie sind mit materiellen Vorzügen, sozialen Kontakten und einem größeren Handlungsrepertoire aufgewachsen und das ist für sie ganz selbstverständlich.

Der früher gern zitierte französische Soziologe Pierre Bourdieu hat diesen sozusagen nebenbei erworbenen und zur “zweiten Natur” gewordenen Erfahrungs- und Handlungsraum “Habitus”[1] genannt. Die Vorteile des durch Geburt begünstigten Kindes werden auch beste Kindergärten oder Schulen kaum kompensieren können, das nur zur Erinnerung.

Der “Habitus” prägt die Art, wie jemand denkt, Umwelt und Menschen wahrnimmt, sein Leben, die Erwerbsarbeit und seine Freizeit gestaltet, bestimmte Milieus verachtet und Freundschaften pflegt. Das läßt sich im Alltag, bei anderen, recht gut beobachten – bei sich selbst ist das schon wesentlich schwieriger. Aber es sind nicht nur soziale Schichten und Milieus, die Menschen unterschiedlich “produzieren”, sondern auch die von den Menschen in die Wirklichkeit eingebrachte Technik gestaltet und verändert sie. Dazu ein kurzer Blick zurück.

Die von der Dampfmaschine ausgelöste Lawine

Wie umfassend die breite Anwendung und Verwertung einer Erfindung (Technik ist die industrielle Anwendung eines entdeckten Verfahrens) den Alltag beeinflusst hat, sieht man an der Dampfmaschine. Sie brachte die Fabriken, den Arbeitstag und eine darauf bezogene Zeitstruktur in die Welt, neue regionale und städtische Viertel (Standorte) tauchten auf und schließlich kam die Eisenbahn dazu, die neue räumliche Strukturen schaffte. Nach ein paar Jahrzehnten Dampfmaschine hat die Welt anders ausgesehen.

Menschen haben sich an völlig andere räumliche und zeitliche Strukturen angepasst oder anpassen müssen. Diese Maschine ist auch der Ausgangspunkt der Entwicklung, die man heute Globalisierung nennt. Politisch wurden Dampfmaschine, Industrie und die davon herrührenden Folgen mit “Fortschritt” etikettiert und oft auf Kosten der Allgemeinheit (die Steuerzahler) massiv gefördert. Daran hat sich nichts geändert.

Beschleunigung der technischen Entwicklung

Während sich die Dampfmaschine, die Eisenbahn, vorher schon Waffen, später dann Auto, Festnetztelefon, Radio und Fernsehen noch relativ langsam ausbreiteten, ging es mit dem Personal Computer und dem Mobiltelefon schon deutlich schneller. Mittlerweile hat die Elektronisierung des Alltags – mit all ihren Begleiterscheinungen (die umfassenden staatlichen Überwachungen etwa) – ein hohes Tempo und eine umfassende Dichte erreicht.

Viele dieser Entwicklungen firmieren unter dem Übertitel: Erweiterung der individuellen Handlungsmöglichkeiten, also Ergänzung des Menschen durch Human Enhancement-Techniken, neben gen- und biotechnologischen Eingriffen, ist das vor allem digitale Technik. Und genau diese Entwicklungen sind das Programm des Transhumanismus: “Eine prinzipielle Erweiterung menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten durch den gezielten Einsatz von Rationalität, Wissenschaft und Technik”, so etwa De:Trans – Deutsche Gesellschaft für Transhumanismus.

Sieht man sich die neuen technischen Entwicklungen an und wie sie menschliche Fertigkeiten verändern, und vor allem, wo die Entscheidungen schon überall gefallen sind[2], dann benötigt der Transhumanismus keinen Anschub mehr – er ist längst schon in der Welt. Und wird mit dem Steuergeld der Bürger, ohne daß die was mitzureden hätten, massiv gefördert.

Abdeckung der Umgebung durch Abstandssensoren in dem autonomen Fahrzeug “MadeInGermany” (FU Berlin). Bild: Raúl Rojas

Beispiel: Assistenzsysteme im Auto

Begonnen hat es mit der Servolenkung und dem Antiblockiersystem (ABS), heute sind Autos mit einer Fülle an Assistenzsystemen ausgestattet, die den Lenker freundschaftlich unterstützen sollen. Abstandwarnsystem, Kollisionsschutz, Spurhalteassistent, Lichtautomatik, Adaptives Lichtsystem, Müdigkeitswarner, Einparkhilfen, Regensensor, Verkehrszeichenerkennung, Klimaautomatik, Navigationshilfen und anderes mehr. Um das Fahrzeuglicht, das Auf- und Abblenden, den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug, Verkehrszeichenwahrnehmung, den Scheibenwischer bei Regen, die Fahrzeuginnentemperatur, die Erholungspausen beim Fahren und das Nichttouchieren beim Einparken, kümmert sich nicht mehr der Fahrzeuglenker, das macht jetzt die Elektronik.

Man gewöhnt sich schnell an diese Helfer. Techniksysteme formen Alltagswahrnehmung und damit kollektive und individuelle Verhaltensweisen und Fertigkeiten, sie “ent-lernen” ihre Nutzer auch. Wer länger mit Assistenzsystemen unterwegs ist, verlernt Grundfertigkeiten des Autofahrens und der Orientierung in der Umwelt – im Zweifelsfall vertraut man auf die Technik und nicht auf die eigene (Raum-) Wahrnehmung oder gar auf eine antiquierte Landkarte. Man kann dann nicht mehr die Größe des Wagens abschätzen oder den sinnvollen geschwindigkeitsbedingten Mindestabstand zum Vorfahrzeug, man verlernt das Abblendlicht einzuschalten, wenn es geboten ist, um Unfälle zu vermeiden. Der durch Helfer verwöhnte Autofahrer ist technikabhängig geworden.

Überhaupt, wir sind längst schon autoabhängig geworden. Eine Welt ohne Autos läßt sich selbst in Gedanken, kaum vorstellen, ähnlich ist es mit Telefon, Fernsehen, Internet. Aber es gibt noch andere Beispiele von Technikabhängigkeit.

Nächste Seite:

Kopfrechnen
Ver-Appung des Alltags
Medizintechnik
Maschinelle Bewertungsassistenten
Gewöhnung und Verlust
Technische Demokratisierung?
Zurück zum Anfang
Technische Fortsetzung