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Tierische Redensarten: 6. Der fabelhafte Bärendienst

Matthias Gräub

«Im Hause haben sie sehr freundlich sich vertragen / mag auch Alleinsein mehr behagen / als eines Narren Gegenwart / so hindert, da der Bär in Schweigen meist verharrt / doch nichts den Mann, daß er sein Tagewerk verrichtete.»

Gut gemeint, und doch schädlich: Wer jemandem einen «Bärendienst» erweist, kann meist nicht mit Dankbarkeit rechnen. So auch nicht der Bär, dem diese Redensart zu verdanken ist.

«Reden ist Silber, sagt man, Gold ist Schweigen / doch beides ist nicht gut, wenn man es übertreibt.»

So klingt ein einsamer Bär, der sich Gedanken über sich und seine Zukunft macht. Zumindest sind dies die Worte, die Jean de La Fontaine ihm in die Schnauze legt. La Fontaine, der große Fabelschreiber, der mit seinen Fabeln weit über die Grenzen Frankreichs hinaus Berühmtheit erlangte.

Es ist die Zeit Ludwigs XIV, besser bekannt als der «Sonnenkönig». Eine Zeit, in der sich Dichter und Denker gut überlegen mußten, was sie zu Papier bringen wollten, denn ein falscher Satz, eine etwas zu gewagte Kritik konnte jemandem schnell mal Kopf und Kragen kosten – buchstäblich.

La Fontaine wusste sich zu helfen. Anstatt von «König» und «Bauer» zu schreiben, griff er kurzerhand auf eine uralte literarische Form zurück: die Fabel, die der griechische Dichter Äsop schon mehr als zwei Jahrtausende früher geprägt hatte. Aus dem König wurde also bald der Löwe und sein Untertan war das hilflose Lamm. Mithilfe dieser «Kaschierung» der Realität fiel es den staatlichen Zensoren viel schwerer, allfällige Angriffe auf das System zu erkennen, La Fontaine konnte seine Werke relativ (wenn auch nicht völlig) unbehelligt veröffentlichen.

Ein Bär als Freund – wie mag das enden?

Zurück zum einsamen Bären in der Fabel «Der Bär und der Gartenfreund». Der trifft nämlich bald auf einen – Überraschung! – Gartenfreund. Dieser ist in seiner gartenpflegerischen Beschäftigung genauso einsam wie der Bär. Zwar ist er skeptisch, weil so ein Bär schon furchteinflössend ist, doch lädt er ihn nach Hause ein.

«Im Hause haben sie sehr freundlich sich vertragen / mag auch Alleinsein mehr behagen / als eines Narren Gegenwart / so hindert, da der Bär in Schweigen meist verharrt / doch nichts den Mann, daß er sein Tagewerk verrichtete.»

Hier wird schon mal verraten, wo es dem Bären fehlt, nämlich an der Intelligenz. Dies dürfte dem Gartenfreund noch teuer zu stehen kommen, doch dazu gleich. Zunächst mal verstehen sich die beiden gut. Der Gärtner pflegt seine Pflänzchen, der Bär geht auf die Jagd. Doch als der Gärtner sich auf ein Nickerchen hinlegt und von einer gar kecken Fliege umschwirrt wird, fühlt sich Freund Bär verpflichtet, ihm zu helfen.

Karikatur: Grandville (1803-1847)

Karikatur: Grandville (1803-1847)

Irgendwann tut Dummheit weh.

Die lästige Fliege tanzt dem Freund da auf der Nase rum und kehrt – wenn sie verscheucht wird – immer wieder zurück. Also will der Bär dem Insekt ein für allemal den Garaus machen. Und genau da wird Dummheit gefährlich:

«‹Wart nur!› so ruft er aus. ‹Dich werde ich schon kriegen!› / Gesagt, getan: Seht da, der Fliegenmeister schafft / ’nen Pflasterstein herbei und schleudert voller Kraft / ihn nach des Greises Haupt, die Fliege zu verjagen.»

Selbstverständlich ist der Bär ein guter Schütze und trifft die Fliege mit dem Stein. Doch ebenso selbstverständlich wird damit auch das Gesicht des Gärtners zu Mus zerschlagen.

Der Bärendienst ist geboren – eine in Gedanken gute Tat, die letztlich nur zu Schaden führt. Die Redewendung wird bis heute so verwendet, auch wenn sich dadurch kaum jemand mehr an La Fontaine erinnert fühlt.

Und jede Fabel hat eine Moral:

«Nichts bringt so viel Gefahr uns wie ein dummer Freund / weit besser ist ein kluger Feind.»