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Tierische Redensarten: 5. Ist das der wahre Osterhase ?

Matthias Gräub

Der Hase hat dem Klippschliefer seinen Job als Osterboten weggeschnappt. So viele Kinder er jedes Jahr zu beliefern hat, dürfte er sich aber mittlerweile ganz schön ärgern, während sich der Klippschliefer in den Felsen Afrikas ein gemütliches Leben jenseits allen Promi-Rummels macht.

Sollte das Sprichtwort in Wirklichkeit lauten: «Mein Name ist Klippschliefer, ich weiß von nichts»? Oder vermischen wir da etwas? Eine Geschichte über Mord, Diebstahl und einen überarbeiteten Profiteur.

Die «Tierwelt» hat den Osterhasen gefragt, wie er zu seinem Job gekommen ist. Besonders ergiebig war seine Antwort nicht:

Alles, was er dazu zu sagen hatte, war «Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.» Ein geflügeltes Wort, das wir Menschen ihm seit Jahrzehnten nachplappern und vergnügt kichern, wenn sich unser Gegenüber in einer Mischung von Belustigung und Verärgerung augenrollend abwendet.

Die Redensart haben wir dem Osterhasen einfach geklaut. Das dürfte ihn wohl ärgern, aber eigentlich hat er gar nicht das Recht dazu. Denn er hat den Spruch ebenfalls gestohlen. Ja, ganz genau, von einem Menschen. Und mit Ostern hat die Unwissens-Beteuerung mal gar nichts zu tun. Vielmehr mit einer Gerichtsverhandlung.

Fluchthilfe für einen Mörder

Sie geht zurück auf den Juristen mit dem wohlklingenden Namen Victor von Hase. Während seiner Studienzeit in Heidelberg in den 1850er-Jahren war er nämlich angeklagt, einem Kommilitonen zur Flucht verholfen zu haben, indem er ihm seinen Studentenausweis zugesteckt hatte. Der Mitstudent hatte – andere Zeiten, andere Sitten – einen Gegner im Duell getötet und war mit Hilfe von Hases Papieren nach Frankreich geflüchtet.

Vor Gericht sagte von Hase zu Beginn der Verhandlung: «Mein Name ist Hase; ich verneine die Generalfragen; ich weiß von nichts.» Man kann sich vorstellen, daß auf diesen Ausspruch lautes Gelächter seitens der Mitstudenten durch den Gerichtssaal brandete. Jedenfalls verbreitete er sich in Windeseile unter der Studentenschaft. Und erfreut sich bis heute großer Beliebtheit.

Ein Fehler in der Übersetzung

Wenn der freche Osterhase also auf sein Recht pocht, als Urheber der Redensart «Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts» aufgeführt zu werden, haben wir ihn jetzt als Scharlatan und Dieb geistigen Eigentums überführt. Aber wir können noch weiter gehen. Wir behaupten nämlich: Der Osterhase hat sogar seinen Job als Eierverstecker geklaut!

Zugegeben, er kann wohl nicht viel dafür, daß sich in der Bibel Übersetzungsfehler eingeschlichen haben. Aber ohne den Kirchenvater Hieronymus, der im 4. Jahrhundert das Alte Testament vom Hebräischen ins Lateinische übersetzt hatte, wäre dem Hasen in der Religionsgeschichte wohl kaum mehr als eine Statistenrolle zugesprochen worden.

In den «Zahlensprüchen», Vers 26, übersetzt er den hebräischen Klippschliefer (Schafan) in das lateinische Häschen (Lepulus). Auf deutsch lautete die Passage dann: «Hasen sind ein Volk ohne Macht und doch bauen sie ihre Wohnung im Fels.» Und obwohl spätere Übersetzungen zum «Klippdachs» zurückkehrten, hatte sich das Bild vom Hasenvolk in der Bevölkerung eingeprägt.

Dreihasenbild vor einer Kirche in Deutschland. Bild: Stefan Flöper/wikimedia.org/CC-BY-SA

Dreihasenbild vor einer Kirche in Deutschland.
Bild: Stefan Flöper/wikimedia.org/CC-BY-SA

Nun hat er seinen Ruf

Der Hase wurde fortan zum Menschen uminterpretiert. Er ist schwach, hat keine Macht, sucht aber seine Zuflucht im Felsen. Und der Felsen, der ist eine Umschreibung für Christus. Der Hase als Sinnbild für den Menschen war geboren, Malereien und Skulpturen in Kirchen – und auf Ostereiern, die damals schon existierten – zeigten das sogenannte «Dreihasenbild», eine Darstellung von drei Hasen, die sich die Ohren teilen. Jeder Hase hat zwei Ohren, insgesamt haben sie aber nur drei – ein Symbol für die Dreieinigkeit.

Der Hase hat also dem Klippschliefer seinen Job als Osterboten weggeschnappt. So viele Kinder er jedes Jahr zu beliefern hat, dürfte er sich aber mittlerweile ganz schön ärgern, während sich der Klippschliefer in den Felsen Afrikas ein gemütliches Leben jenseits allen Promi-Rummels macht.