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Tierische Redensarten: 4. Zeitungsenten und Grubenhunde

Matthias Gräub

Eine Ente und eine Zeitung ergeben noch keine Zeitungsente. Ein wenig komplizierter ist das schon.

Jedes Medienunternehmen muß sich davor in Acht nehmen, Zeitungsenten abzudrucken. Woher allerdings der tierische Begriff für diese Falschmeldungen kommt, ist unklar. Die Storys dazu sind aber schön.

Da derlei Enten unter unseren Augen noch immer und mehr denn je herumschwimmen, so verlohnt sich’s wohl der Mühe, eine naturgeschichtliche Studie über dieses Thier der ‹Pfütze› anzustellen.»

Die Rede ist von Zeitungsenten. Und obenstehendes Zitat stammt aus dem Jahre 1866 und ist geschrieben von einem gewissen Constantin von Wurzbach, in seinem Werk «Historische Wörter, Sprichwörter und Redensarten». Erschreckend also, wie lange es dieses Wort schon gibt und noch erschreckender, wie lange die Presse schon Falschmeldungen verbreitet. Noch heute streiten sich Experten darüber, wie diese Redensart entstanden ist und wie sie es in unseren Wortschatz geschafft hat.

Aktuelle Berichte führen meist drei Theorien auf, die der Fachwelt plausibel erscheinen. Eine kurze Übersicht:

1. «non testatum»

Zeitungsmeldungen, deren Quelle nicht bestätigt war, erhielten im 18. Jahrhundert den Vermerk «n.t.». Die Abkürzung für das lateinische «non testatum» klingt – ausgesprochen – wie das Wort «Ente». Voilà, so einfach. Und so einleuchtend, daß es sogar im Grimm’schen «Wörterbuch der Deutschen Sprache» als Tatsache aufgeführt ist.

2. Luther

Jawohl, Martin Luther, der Reformator, soll die Ente erstmals verwendet haben. Und zwar in Bezug auf eine Legende über Franz von Assisi, die er nicht glauben wollte. So verdrehte er das Wort «Legende» zu «Lugenda». Ein Wort, das sich später zur «Lügente» und schließlich schlicht zur Ente weiterentwickelte.

3. Franzosen

Die Zeitungsente sei in Frankreich entstanden und allmählich wörtlich ins Deutsche übersetzt worden. Schon Anfang 17. Jahrhundert sei eine Verbindung zwischen der Ente und der Unwahrheit im französischen Kulturgebrauch zu finden. Der Ausdruck «Vendre des canards à moitié», also «Enten zur Hälfte verkaufen», soll Ausgangspunkt sein. Und das Wesen der Ente als unzuverlässige Brüterin soll sie als Lügnerin verkaufen.

Ein unaufhaltsamer Schwank

Nun, all diese Theorien klingen plausibel. Niemand weiß genau, woher die Zeitungsente kommt, aber Constantin von Wurzbach zitiert in seinem Werk einen Schwank, den er zwar selbst als falsch bezeichnet, der aber zu schön ist, um ihn Ihnen vorzuenthalten:

Ein geistreicher Mann habe sich den Scherz erlaubt, in das Feuilleton einer Zeitung folgende Geschichte setzen zu lassen:

«Wie groß die Gefräßigkeit der Enten sei, lehrt ein Experiment, das man mit ihnen anstellte. Man nahm aus zwanzig derselben eine, zerhackte sie sammt Feder und Knochen und gab die Stücke den 19 übrigen zu fressen. So fuhr man fort, eine nach der anderen zu schlachten und den Schwestern vorzusetzen, bis nur mehr eine einzige vorhanden war, gemästet mit dem Fleische und Blute ihrer Genossinnen.»

Diese Geschichte sei nun von allen anderen Zeitungen aufgenommen und immer wieder aufgewärmt worden.«Nachdem sie in Europa schon vergessen war, tauchte sie zwanzig Jahre später in Amerika wieder auf», schreibt Wurzbach. Doch auch er glaubte wie bereits erwähnt nicht gänzlich an diesen Schwank. Vielmehr nahm auch er die Franzosen ins Visier, als er schrieb: «Freilich hat man noch einen Anhaltspunkt in der Thatsache, daß die in Frankreich auf offener Straße verkauften Flugblätter Canards, Enten, genannt werden.»

Noch tiefer vergraben als eine Ente

Um kurz Abstand von der Ente zu gewinnen sei ein kleiner Einschub zum Grubenhund gewährt. Sie mögen vielleicht noch nie von ihm gehört haben, doch der Grubenhund ist der große Bruder der Zeitungsente. Quasi eine besonders Heimtückische Zeitungsente. Wenn für eine Ente noch der Journalist verantwortlich gemacht werden kann, ist dieser bei einem Grubenhund in den meisten Fällen machtlos.

Der Grubenhund ist ein Leserbrief, der so überzeugend formuliert ist, daß er unverändert abgedruckt wird, obwohl sein Inhalt völliger Käse ist. Und nun versetzen Sie sich in die Lage des armen Journalisten, dessen Job es wäre, diese Passagen auf inhaltliche Korrektheit zu überprüfen:

«Ich saß allein im Kompressorenraum, als – es war genau 10 Uhr 27 Minuten – der große 400pferdekräftige Kompressor, der den Elektromotor für die Dampfüberhitzer speist, eine auffällige Varietät der Spannung aufzuweisen begann. (…) So kuppelte ich sofort den Zentrifugalregulator aus und konnte neben zwei deutlich wahrnehmbaren Longitudinalstössen einen heftigen Ausschlag (0.4 Prozent) an der rechten Keilnut konstatieren.»

Vielleicht haben Sie’s gemerkt: Es ging um ein Erdbeben. Der Inhalt aber absolut sinnloses Geschreibsel (und der Ausschnitt oben ist nur ein Bruchteil davon). Dieser Text aus der österreichischen Tageszeitung «Neue Freie Presse» vom 18. November 1911 war der originale Grubenhund. Wieso? Deshalb:

«Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffällige Zeichen grösster Unruhe gab», steht weiter im Leserbrief. Der Grubenhund, dessen eigentliche Bedeutung aus dem Bergbau stammt (siehe auch «Auf den Hund gekommen»), war geboren.

Immer wieder aufgetaucht

Weniger eindeutig ist wie gesagt die Wortherkunft der «Zeitungsente». Aber vielleicht können wir uns darauf einigen, daß der Begriff ganz einfach wunderbar auf eine Falschmeldung in Zeitungen passt. Schliesslich bestand bereits Constantin von Wurzbach 1866 auf eine «naturgeschichtliche Studie».

So sei, doch zumindest das ständige Wiederauftauchen dieser Enten eine sichere Sache: «Bei dieser Betrachtung können wir uns wenigstens an die Zoologie anlehnen», schreibt er. «Ein Artikel, der gewisserMassendurch alle Zeitungen hindurchschwimmt, sich stets auf der Oberfläche erhält und selbst nach kurzem verschwindet, hie und da und dort immer wieder auftaucht, hat sehr viel von der Natur der Ente an sich.»