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Tierische Redensarten: 3. Das Hühnerei ist in aller Munde

Fabian Schenkel

Einige Ausdrücke, die sich auf das Hühnerei beziehen, sind selten und aus der Mode gekommen. Einer davon ist «jemandem ein Ei auf der Schwinge holen». Mit Schwinge ist ein Schwingstock gemeint, mit dem früher Flachs geschlagen wurde. Diese ist aus Holz und daher nicht ganz eben. Darauf ein Ei zu balancieren, war ein beinahe unmögliches Vorhaben. Daher bedeutet der Ausdruck, jemanden zu veräppeln.

Hühner werden seit Jahrtausenden als Nutztiere gehalten. Kein Wunder, spielt das Hühnerei in vielen Sprichwörtern und Redewendungen eine Hauptrolle. Es ist aus der Alltagssprache ebenso wenig wegzudenken wie aus der Küche.

Redewendungen wie «auf Eiern gehen zu müssen» erklären sich selber. Doch bei einigen Ausdrücken des Volksmunds steckt weit mehr dahinter, als man im ersten Moment denkt. Oder der Ausdruck stimmt nur teilweise, wie das «Auf-Eiern-gehen». Denn natürlich zerbricht die Eierschale beim Hinunterfallen, und es braucht meist wenig Kraft, um ein Ei zu zerschlagen. Doch bei gleichmässiger Belastung hält eine Eierschale einiges aus, bevor sie Riße bildet.

«Gehen auf Eiern» meint körperliche Vorsicht. Sprachlich feinfühlig und vorsichtig muß hingegen sein, wer jemanden «wie ein rohes Ei» behandelt. Meist handelt es sich beim Vis-à-vis um einen hochsensiblen Menschen, der kaum Kritik verträgt. Die Redensart erinnert an die Tatsache, daß ein Ei im rohen Zustand noch zerbrechlicher ist, als wenn es gekocht ist. Der erste Ausdruck stammt aus dem 16. Jahrhundert, der zweite kam erst 200 Jahre später auf. Die Vermutung, daß die Menschheit im Laufe der Zeit immer dünnhäutiger und empfindlicher wurde und deshalb ein neuer Ausdruck geschaffen werden mußte, ist aber nicht belegt.

Der Dotter ist der geniale Teil des Eis

Ausdrücke, die sich rund um das Ei drehen, sind meist positiv gemeint. Vermutlich liegt das daran, daß das Ei eines der wertvollsten Nahrungsmittel des Menschen ist. Kommt man «wie aus dem Ei gepellt» daher, ist man nicht nur gut gekleidet, sondern auch sehr sauber und gepflegt. Dieser Ausdruck ist im 18. Jahrhundert entstanden, in einer Zeit, als man weiße Haut im Gegensatz zur gebräunten als schön und erhaben ansah. Schält man ein gekochtes Ei, erscheint es ja auch in seiner weißen, reinen Pracht.

Wer «ein Ei gelegt hat», hat eine tolle Leistung vollbracht. Eine Henne schafft ja auch fast jeden Tag ein kleines Wunder, indem sie immer wieder aufs Neue ein Ei legt. Für die Tiere ist dies ein enormer körperlicher Aufwand, der viel Energie benötigt. «Jemandem ein Ei legen» kann allerdings auch bedeuten, einem anderen – meist ungewollt – Unannehmlichkeiten zu bereiten.

«Das Gelbe vom Ei» ist das Zentrum einer Sache, der springende Punkt. Das Gelbe, der Dotter, bildet den Kern des Eis. Umgeben vom Eiweiß, den Schalenhäuten und der Schale liegt er, aufgehängt an den sogenannten Hagelschnüren, im Zentrum des Eies. Das Gelbe vom Ei ist also sein Mittelpunkt, was die leuchtend gelbe Farbe noch unterstreicht. Im Dotter entwickelt sich nach der Befruchtung der Embryo, der in 21 Tagen zum Küken wird. Der Dotter versorgt das ungeborene Küken mit Nährstoffen. Schliesslich hat der gelbe Teil des Eis, im Gegensatz zum Eiweiß, einen köstlichen Geschmack. Er weist im Ei den höchsten Proteinanteil auf und ist reich an Fetten, Vitaminen und Mineralstoffen. Der Gehalt an Vitamin A ist im Vergleich zu anderen Lebensmitteln sogar sehr hoch. Das Gelbe vom Ei – wie liesse sich etwas Geniales besser ausdrücken?

Ein «ungelegtes Ei»

Etwas, das erst als Idee oder Projekt existiert, aber noch nicht spruchreif ist, wird als «ungelegtes Ei» bezeichnet. Der Ausdruck stammt wohl daher, daß das Huhn eine unbegrenzte Anzahl Follikel im Leib trägt, wovon nur einige zu einem Ei heranreifen. Beim «ungelegten Ei» ist daher unklar, ob die angefangene Arbeit jemals beendet wird oder in den Kinderschuhen stecken bleibt. Wer sich nicht um «ungelegte Eier kümmern soll», soll sich keinen Fantasien hingeben, sondern der Realität ins Auge schauen. Eine Redensart, die sich bereits im 16. Jahrhundert durchgesetzt hat.

Wird man als «Eierkopf» bezeichnet, bleibt man zwar körperlich unversehrt, ansonsten ist es heute aber ganz und gar kein schmeichelhafter Ausdruck. Ursprünglich meinte man damit einen Intellektuellen, der auf seinem Gebiet ein Genie ist, in allen anderen Lebens- und Arbeitsbereichen jedoch nicht zurechtkommt. Mittlerweile hat sich der Ausdruck aber dahin verändert, daß man von einem «Eierkopf» keinerlei geistige Leistung erwartet – eigentlich das genaue Gegenteil des ursprünglichen Gedankens.

Wenn zwei Dinge oder Menschen «sich gleichen wie ein Ei dem anderen», dann sehen sie genau gleich aus. Allerdings gleichen sich Eier in Wahrheit doch nicht «wie ein Ei dem anderen». Am ehesten ist dies noch in der wirtschaftlichen Geflügelzucht der Fall, wo jedes Ei exakt das gleiche Gewicht und die gleiche Grösse aufweisen muß. Darauf und für eine hohe Eierzahl sind die Hybridhühner gezüchtet, damit deren Eier auch in die normierten Eierschachteln passen. Normalerweise aber variieren das Eiergewicht und die Schalenfarbe je nach Hühnerrasse. Ein erfahrener Züchter kann die gelegten Eier unter Umständen sogar seinen Legehennen zuordnen. Selbst ein Huhn legt nie zwei identische Eier. Denn je nachdem, ob das Ei in einer Legeperiode als erstes oder als letztes gelegt wird, haben sich mehr oder weniger Nährstoffe im Dotter an- gesammelt, was die Grösse des Eis beeinflusst.

Das «Ei des Kolumbus» gefunden?

Einige Ausdrücke, die sich auf das Hühnerei beziehen, sind selten und aus der Mode gekommen. Einer davon ist «jemandem ein Ei auf der Schwinge holen». Mit Schwinge ist ein Schwingstock gemeint, mit dem früher Flachs geschlagen wurde. Diese ist aus Holz und daher nicht ganz eben. Darauf ein Ei zu balancieren, war ein beinahe unmögliches Vorhaben. Daher bedeutet der Ausdruck, jemanden zu veräppeln.

Eine einfache Lösung für etwas scheinbar Unmögliches hat erreicht, wer «das Ei des Kolumbus» gefunden hat. Die Redensart geht auf eine Anekdote aus dem Jahr 1565 zurück. Kolumbus soll bei einem Gastmahl vorgehalten worden sein, die Entdeckung Amerikas sei gar nicht so schwierig gewesen, das hätte auch jeder andere zustande bringen können. Kolumbus liess sich daraufhin aus der Küche ein Ei bringen und forderte die Gäste auf, dieses auf die Spitze zu stellen. Niemand brachte dieses Kunststück fertig. Kolumbus hingegen verliess die gewohnten Pfade und drückte die Spitze ein – siehe da, das Ei stand. Die anderen protestierten wegen des «faulen Tricks» und sagten, so hätte das jeder andere auch machen können. Darauf soll Kolumbus gesagt haben, daß es zwar jeder gekonnt hätte, er aber habe es getan.