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Tierische Redensarten: 13. Wer Krokodilstränen weint

Matthias Gräub

«Fürwahr, den Worten eines wetterwendischen Freundes zu misstrauen, ist für mich ebenso selbstverständliche wie das Misstrauen gegen deine Tränen, Krokodil.»

Wenn Firmen Angestellte entlassen und dabei glaubhaft ihr Beileid bekunden, spricht man gerne von «Krokodilstränen», die da von den Oberen vergossen werden.

«Wenn es einen Menschen ergreift, fRißt es ihn von den Füssen an bis zur Wirbelsäule», heißt es im 15. Jahrhundert über das Krokodil in der christlichen Naturlehre «Physiologus». Die darauf folgende Textstelle ist die vermutlich erste schriftliche Überlieferung der Redewendung «Krokodilstränen weinen». Und es ist eine sehr wörtliche: «Wenn es aber nahe an den Kopf kommt, setzt es sich hin und betrauert ihn.»

Die Menschen im Mittelalter glaubten also tatsächlich daran, daß Krokodile weinen können und dies auch tun, wenn sie ihre Beute verschlingen. Sie sahen aber in diesen Tränen auch schon früh eine gewisseZwiespältigkeit. Krokodilstränen waren damals schon falsche Tränen, geweint, um das eigene Gewissen zu beruhigen. So wird denn auch schon im «Physiologus» die Analogie gezogen: «Von solcher Art sind, so sagt der heilige Basilius, viele der Mächtigen, Habgierige, Ungerechte, die die Armen fressen.»

Zum Inbegriff der Heuchelei wurden die Krokodilstränen dann vermutlich im 16. Jahrhundert. Einerseits ist das Emblem «Devorat et plorat» von Joachim Camerarius überliefert, also «Es verschlingt ihn und klagt»:

«Fürwahr, den Worten eines wetterwendischen Freundes zu misstrauen, ist für mich ebenso selbstverständliche wie das Misstrauen gegen deine Tränen, Krokodil.»

Andererseits wird dem Reformator Martin Luther eine Tischrede zugeschrieben, in der er erwähnt, daß ausser dem Menschen nur der Hund und das Krokodil weinen können. Wobei die Tränen des Krokodils keine aufrichtigen seien.

Die Wahrheit hinter den falschen Tränen

Die Gelehrten des Mittelalters lagen gar nicht so falsch: Nachdem man irgendwann eingesehen hat, daß Krokodile wohl kaum Mitleid empfinden können, hat man die Heucheltränen-Theorien ad Acta gelegt und behauptet, Krokodile können nicht weinen. Mittlerweile weiß man aber mehr.

Fakt ist: Krokodile können tatsächlich weinen. Nicht in dem Sinne wie Menschen weinen, aber sie können es. Fakt ist auch: Sie tun es mitten in ihrer Mahlzeit, also wenn sie gerade eine fette Beute verschlingen.

Wenn Krokodile ihr Maul weit öffnen – und das tun sie, um große Beutetiere herunterwürgen – wird Druck auf eine Drüse hinter dem Krokodilsauge ausgeübt. Die Drüse setzt wiederum Tränenflüssigkeit frei und läßt das Krokodil weinen. Das Ganze hat also überhaupt nichts mit geheucheltem Mitleid zu tun, sondern ist rein körperlich bedingt. Oder haben wir Menschen etwa auch Mitleid mit der Zwiebel, wenn wir sie brutal in Würfelchen hacken..?