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Sambo ist Putins Lieblingssportart

Von Michaela Widder, Baku

Klingt wie ein lateinamerikanischer Tanz, ist aber ein im Kaukasus verehrter Kampfsport.

Morgens halb zehn in Baku. In der Heydar-Alijew-Arena, benannt nach dem götzengleich verehrten Ex-Staatschef, ist die Hölle los. Die meisten Zuschauer grölen laut, sind von ihren Sitzen aufgestanden und schwenken energisch aserbaidschanische Fahnen. Sambo steht auf dem Programm. Wie bitte, werden sich jetzt einige fragen? Wird nun auch noch ein flottes Tänzchen bei diesen Europaspielen hingelegt? Was es damit auf sich hat, fragen aber nur diejenigen, die nicht aus der Kaukasus-Region kommen. Denn dort ist Sambo, das wie Samba klingt, fast Nationalsport.

Weil nun Aserbaidschan, ein ehemaliger Teilstaat der Sowjetunion die ersten Europaspiele austrägt, darf der Kampfsport auf keinen Fall beim Premieren-Multisportfest fehlen. Wie schon das Ringen, füllt auch Sambo die Arena, die Fans huldigen lautstark ihren Athleten, es grenzt an Fanatismus. Der Gastgeber bringt in allen Gewichtsklassen Teilnehmer an den Start, und Medaillen sind fest eingeplant wie bei keinem anderen Sport bei diesen Spielen.

In Aserbaidschan besitzt Sambo eine große gesellschaftliche Verankerung. „Alle Sicherheitskräfte der Regierung nutzen Sambo“, erklärt Nationalcoach Yagub Abdullayev. Sambo setzt sich aus den russischen Worten Samozaschtschita bez oruschija zusammen – übersetzt: Selbstverteidigung ohne Waffen. Sambo ist eine Mischung aus Judo und Ringen und hat seine Ursprünge als Armeesport in der früheren Sowjetunion. Ab 1923 wollte man Soldaten und Polizisten vor allem im Kampf Mann gegen Mann ausbilden.

Es überrascht deshalb auch nicht, daß von den insgesamt 38 Startern nur drei aus Westeuropa kommen, einer aus Frankreich, einer aus Spanien – und Kevin Rasit Cekic aus Österreich. Der massige Mann trägt eine rote Jacke, die Kurtka, die seinen Oberkörper kaum bedeckt, darunter eine kurze Hose. Mit seinen 170 Kilo wiegt er gut 50 Kilo mehr als sein Gegenüber Tonoyan Razmik aus der Ukraine. Der Kampf, einer der schnellsten am gestrigen Tag, ist nach 50 Sekunden vorbei. Wegen Überlegenheit des Gegners wird frühzeitig abgebrochen. Cekic liegt schon nach einer halben Minute rücklings auf dem Boden, kann sich nicht mehr befreien; er wirkt ein bisschen hilflos trotz seiner Masse.

Zu schwer fürs Boxen

Ein großer Sambo-Fan ist auch Rußlands Kremlchef Wladimir Putin. Der Ehrenpräsident des Weltverbandes soll sogar mehrmals Meister von Leningrad, dem ehemaligen St. Petersburg, gewesen sein

„Es ist schon enttäuschend, aber ich hatte auch einen sehr starken Gegner und ich bin noch jung in diesem Sport“, sagt der 23-Jährige. Er war einst Boxer. Doch irgendwann wurde Cekic zu schwer und der Ringarzt verbot sogar, daß er weiter boxt. „Die wollten mich nicht mehr“, sagt er mit leiser, trauriger Stimme, die so gar nicht zu seiner Statur zu passen scheint.

Weil Cekic aber weiter kämpfen will, wechselt er zum Sambo. Das ist der einzige Kampfsport, der kein Gewichtslimit hat. Doch die gut 50 bis 60 Kilo, die er mehr als seine Schwergewichtskollegen in der Klasse über 100 kg auf die Waage bringt, bremsen ihn augenscheinlich doch sehr. „Ich habe vielleicht mehr Kraft, bin aber auch unbeweglicher“, gib Cekic zu. Der Hunger sei seine Schwäche, meint der Trainer.

Ein großer Sambo-Fan ist auch Rußlands Kremlchef Wladimir Putin. Der Ehrenpräsident des Weltverbandes soll sogar mehrmals Meister von Leningrad, dem ehemaligen St. Petersburg, gewesen sein. Der mächtige Fürsprecher wird dennoch nicht reichen, um Sambo demnächst ins Olympia-Programm zu bekommen. Für Tokio 2020 fällt die Wahl für die Aufnahme jedenfalls schon mal zwischen acht anderen Sportarten, wie Karate, Softball oder Wushu, einer chinesischen Kampfkunst.

In Deutschland zählt Sambo zu den Exoten, in Sachsen versucht Sergej Sememov, ein gebürtiger Russe, seinen Sport salonfähig zu machen. Er ist Verbandschef und leitet die Abteilung Sambo beim SSV Heidenau. „Wir haben hier schon zum siebten Mal ein internationales Turnier ausgetragen“, sagt Sememov. Die Mehrzahl der rund 100 Samba-Kämpfer in Sachsen seien auch Judoka. „Anders als beim Judo ist Würgen bei uns nicht erlaubt. Die Wurftechniken sind ähnlich. Man hat nur mehr Zeit für den Bodenkampf“, erklärt der Trainer. Die 50 Sekunden von Cekic in Baku sind doch eher die Ausnahme.