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Rußland und China: Die Neue Seidenstraße

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Zu den großen Rätseln bei der Einschätzung der eurasischen Zukunft gehört die Frage nach dem realen Gehalt und den realen Erfolgschancen der russisch-chinesischen Entente.

Nach außen herrscht eitel Sonnenschein. Vier Treffen der Staatschefs Wladimir Putin und Xi Jinping sind für dieses Jahr anberaumt. Ihr gemeinsamer Auftritt ohne westliche Rivalen auf dem Moskauer Roten Platz anläßlich der Siegesfeiern am 9. Mai war nicht nur ein symbolischer Höhepunkt.

Die beiden Männer verstehen sich angeblich sehr gut. 32 Verträge wurden an jenem Tag unterzeichnet. Im Mittelpunkt steht die Zusammenarbeit der beiden so ungleichen Volkswirtschaften, vor allem die Integration der geographischen Räume Ostchina, Zentralasien, Sibirien und Mongolei.

Neue Seidenstraße – wichtige logistische Alternative

Dahinter steht auf russischer Seite das Konzept der Eurasischen Union, zu der außer der Führungsnation Rußland die Staaten Kasachstan, Weißrußland, Armenien und Kirgistan gehören. Auf chinesischer Seite heißt das Leitprojekt Neue Seidenstraße. Der Ausbau und die Integration der zentralasiatischen und ostchinesischen Infrastruktur soll dem Reich der Mitte nicht nur neue Märkte, sondern auch neue Exportrouten sichern.

90 Prozent der für China lebenswichtigen Ausfuhren nach Europa und Afrika gehen per Schiff durch das Südchinesische Meer und die Straße von Malakka. Die chinesischen Politiker, die sich darauf vorbereiten, die maritime Hegemonie der USA zumindest im Westpazifik herauszufordern, wissen genau, was diese Abhängigkeit bedeutet. Mit Nachdruck werden Alternativen geschaffen. Eine davon ist der Bau eines Hafens in Pakistan, eine andere die Entwicklung der Landroute nach Westen nördlich und südlich des Kaspischen Meeres.

Seit babylonischen Zeiten war die Seidenstraße vom Orient nach China eine der Haupthandelsrouten der Welt. Erst mit dem Untergang von Byzanz im 15. Jahrhundert und dem Osmanischen Reich, das sich wie ein Riegel zwischen Europa und Asien schob, verlor sie an Bedeutung. Damals wurde in Europa nach Alternativen gesucht: Um Afrika herum oder Richtung Westen von der anderen Seite der Welt.

Dem Westen Paroli bieten

Die beiden größten eurasischen Länder verbindet nicht nur das Interesse, dem dominanten Westen gemeinsam entgegenzutreten. Rußland braucht Märkte für seine Rohstoffe, und China muß sein unübersehbares Heer an Arbeitskräften beschäftigen.

Die Zeit der großen inländischen Infrastrukturprojekte ist vorbei, gleichzeitig wächst die chinesische Binnennachfrage nicht wie erhofft. Überhaupt ist fraglich, ob oder in welchem Ausmaß China je eine konsumorientierte Mittelstandsgesellschaft nach westlichem Vorbild wird. Trotz aller Macht und Größe nimmt das Land beim Pro-Kopf-Einkommen im internationalen Vergleich auch heute nur Rang 90 ein.

Das Seidenstraßen-Projekt ist so gesehen auch eine gigantische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Im übrigen ist ein chinesischer Erfolg in Zentralasien gegen Moskau kaum vorstellbar. Die russische Diplomatie dominiert dort, seitdem das Zarenreich sich die einstigen Khanate im 19. Jahrhundert einverleibt hat.

„Mit neuer Wirklichkeit auseinandersetzen“

Die englischsprachige Moscow Times zitiert Alexander Gabujew vom Moskauer Carnegie-Zentrum: „Die Logik der russisch-chinesischen Beziehungen hat sich geändert. Die strategische Partnerschaft der beiden Länder ist Wirklichkeit geworden. Mit dieser Wirklichkeit werden andere Staaten sich auseinandersetzen müssen.“

Noch lebt die Hoffnung, auch unter deutschen Diplomaten, daß die Mentalitätsunterschiede der in Europa verwurzelten Ostslawen und der Han-Chinesen einer wirklich produktiven Zusammenarbeit Grenzen setzen. Gabujew meint dazu: „Es gibt viele hohe Ziele, und der Weg dorthin wird sehr schwierig. Aber gegenwärtig gibt es zu China keine Alternative. Die russischen Eliten würden am liebsten in London aufwachen und in Europa arbeiten. Wenn Moskau seine Ziele erreichen will, werden diese Eliten sich an die neue Wirklichkeit gewöhnen müssen.“

Dmitri Trenin, Chef des Moskauer Carnegie-Zentrums, sprach schon im April davon, daß der postsowjetische Versuch der Integration Russlands mit dem Westen dauerhaft gescheitert sei. An die Stelle der Vorstellung eines Europa von Lissabon bis Wladiwostok trete die Vorstellung eines Eurasiens von St. Petersburg bis Shanghai (DRWN: Rußland wendet sich ab).

Der große Gewinner

Der große Gewinner dieses Scheiterns ist China. Seinen übermächtigen Human- und Finanzressourcen hat Rußland nur Land und Rohstoffe entgegenzusetzen. Andererseits wissen die Chinesen, daß sie den Russen niemals das Gefühl geben dürfen, nur zweiter Sieger zu sein. Übereinstimmend kommentieren Beobachter, daß darin der entscheidende Fehler des Westens lag.

Gabujew: „Die chinesischen Politiker sind sehr pragmatisch, und den russischen Politikern reicht es zumeist, wenn sie nur als wichtig gelten. Anders als der Westen werden die Chinesen Rußland keine Vorschriften machen und auch nicht auf ihrer Überlegenheit beharren.“

Auch sein Kollege Trenin ist der Ansicht, die chinesische Führung werde Moskau in jedem Fall die Illusion der Ebenbürtigkeit lassen. Vom Westen, wo – anders als in Asien – Direktheit und Wahrhaftigkeit der Rede als Tugenden gelten, kann Rußland so etwas in der Tat nie erwarten.

Hochgeschwindigkeitsverbindung ohne Europäer

Im übrigen sind die Vorstellungen der beiden Länder, wenn es um die internationale Ordnung geht, so gut wie identisch. Beide betonen die Bedeutung einer starken Zentralregierung, beide interpretieren die Verbreitung der Demokratie- und Menschenrechtsideale als Instrumente zur Durchsetzung westlicher geopolitischer Interessen und beide beharren auf einer multipolaren internationalen Gemeinschaft.

Originalbeitrag erschienen auf: http://drwn.de/de/russland-und-china-die-neue-seidenstrasse/