Home / Rußland / Rußland finanziert Investitionen mit Rentengeldern

Rußland finanziert Investitionen mit Rentengeldern

28. August 2015 ALEXEJ LOSSAN

Rußland will mit Rentengeldern Investitionen finanzieren. Foto: Ruslan Kriwobok/RIA Novosti

Rußland will mit Rentengeldern Investitionen finanzieren. Foto: Ruslan Kriwobok/RIA Novosti

Die Rentenreform der russischen Regierung zeigt erste Erfolge: Die privaten Rentenfonds nutzen die neue Möglichkeit, in den Realwirtschaftssektor zu investieren. Allein im zweiten Quartal 2015 flossen so etwa 2,4 Milliarden Euro in Infrastrukturprojekte.

Im zweiten Quartal 2015 haben private russische Rentenfonds umgerechnet bis zu 2,4 Milliarden Euro in den Realwirtschaftssektor investiert. Das entspricht elf Prozent ihrer Rücklagen. Das geht aus dem Effizienzbericht zur Anlage privater Sparrenten hervor, den das russische Finanzministerium der Regierung vorgelegt hat, wie die russische Wirtschaftszeitung RBC-Daily berichtet.

Nach Angaben des Ministeriums belief sich das Volumen der russischen Rentenersparnisse zum 1. Juli 2015 auf umgerechnet etwa 45 Milliarden Euro, von denen etwa 21 Milliarden Euro auf private Rentenfonds entfielen. Alle weiteren Renten werden von der staatlichen Wneschekonombank, Bank für Entwicklung- und Außenwirtschaft, verwaltet. Die groß angelegte Reform zur Nutzung von Geldern privater Rentenfonds für die Finanzierung langfristiger Infrastrukturprojekte wurde somit erfolgreich umgesetzt.

Investitionen in Energie und Verkehr

Laut Finanzministerium haben die privaten Rentenfonds mit rund 1,6 Milliarden Euro am meisten in Wertpapiere von Unternehmen des Realwirtschaftssektors investiert. Unter anderem wurden für rund 313 Milliarden Euro Wertpapiere der Erdölgesellschaft Baschneft, für rund 275 Millionen Euro Wertpapiere der russischen Eisenbahngesellschaft RZD, für rund 137 Millionen Euro Wertpapiere des größten russischen Energieanbieters Rosseti und für rund 25 Millionen Euro Wertpapiere der Investmentholding AFK Sistema gekauft. Alle Gesellschaften planen umfangreiche Investitionsprogramme.

Weitere 194 Millionen Euro haben die Rentenfonds in den Bau der Autostrecke Moskau-Sankt Petersburg investiert. Die verbleibenden 750 Millionen Euro gingen in den Wohnungsbau, unter anderem über den Kauf von Wertpapieren der Agentur für Hypothekenkredite, einem Baufinanzierer.

„Größtenteils wurden die Gelder, die private Rentenfonds in die Wirtschaft investierten, in Wertpapieren russischer Emittenten, die sich mit Infrastruktursanierungsprojekten befassen, angelegt“, faßt Semjon Nemzow, Analyst bei IK Russ-Invest, zusammen. Vor dem Hintergrund instabiler Finanzmärkte und eines erschwerten Zugangs russischer Banken zu Krediten aus westlichen Ländern stellten diese Gelder ein gutes Instrument für die Wirtschaftsentwicklung dar, meint Nemzow.

Wird das Geld arbeiten oder verloren gehen?

Im April hatte die russische Regierung beschlossen, Rentengelder für die Finanzierung langfristiger Investitionsprojekte zu verwenden. Gegenwind gab es vom sogenannten sozialen Block der Regierung. Der hatte Bedenken, weil den privaten Rentenfonds die Erfahrung mit Investitionsgeschäften in der Realwirtschaft fehlte. Am Ende einigte sich die Regierung jedoch darauf, die Rentenmittel in die russische Wirtschaft zu investieren.

Ilja Balakirew, Chefökonom von UFS IC, findet, die russische Regierung habe alles richtig gemacht: „Die Investitionen der Fonds in Infrastrukturprojekte der Realwirtschaft sind generell richtig. Sie entsprechen der Logik, nach der ein Sparrentensystem geschaffen wird. Es geht dabei um langfristige Anlagen. Das Geld muß arbeiten.“

Gennadi Waschtschenko, Leiter der Verwaltung für Transaktionen am russischen Wertpapiermarkt der Investitionsgesellschaft Freedom Finance, ist hingegen kritisch:
„Die Realwirtschaft muß unterstützt werden, dennoch ist die Idee, neue ‚Jahrhundertbaustellen‘ auf Kosten der künftigen Generationen zu finanzieren, nicht die gescheiteste. Viele der Investitionsprojekte sind auf den Ausbau der Rohstoffexporte ausgerichtet, was angesichts der sinkenden Rohstoff- und Energieträgerpreise gewagt ist“, findet er.

Nach seinen Schätzungen wird der Staat die steigenden Tarife in der Verkehrsbranche bremsen müssen, um an Rohstoffexporten zu verdienen. Das wiederum wird den Rückfluß von Rentengeldern bei Infrastrukturprojekten erschweren.

Das russische Rentensystem wird weiterhin auf zwei Säulen basieren, erklärte Premierminister Dmitri Medwedjew

. Mit den Erträgen aus den Rentenfonds sollen zukünftig vermehrt Infrastrukturprojekte finanziert werden. Experten mahnen dabei zur sorgfältigen Prüfung, damit das Geld nicht verloren geht. In Rußland wurde über eine Rentenreform beraten.

Das Ergebnis: Rußland hält an seinem Rentensystem fest und setzt bei der Finanzierung von Investitionsprojekten verstärkt auf Gelder aus den russischen Rentenfonds. Das erklärte Russlands Premierminister Dmitrij Medwedjew laut einem Bericht der russischen Wirtschaftszeitung Wedomosti.

Die Rentenfonds seien „eine Quelle langfristiger Mittel nicht nur zur Förderung von Investitionen angesichts des fehlenden Zugangs zu Finanzmärkten, die für Rußland verschlossen sind”, soll Medwedjew gesagt haben. Im derzeitigen System werden die Rentenbeiträge, die von den Arbeitgebern abgeführt werden, in zwei Teile geteilt. Ein Teil von 16 Prozent des Gehalts wird für die Zahlung der laufenden Renten ausgegeben, weitere sechs Prozent fließen in Fonds. „Weltweit sind Rentenfonds eine der wichtigsten Quellen langfristiger Investitionen in die Wirtschaft und unter bestimmten Voraussetzungen wird dies auch in Rußland so sein”, sagte die stellvertretende Direktorin des nichtstaatlichen Rentenfonds der Sberbank, Elena Titjunina. Ihrer Ansicht nach sei eines der Ziele der Rentenreform gewesen, eine solche Quelle „langfristiger Gelder” für die Wirtschaft zu erschließen.

Wie der russische Finanzminister Anton Siluanow auf einer Kabinettssitzung erklärte, könnten seit Beginn 2015 auch private Projekte mit Mitteln aus den Rentenfonds finanziert werden. Auf diese Weise werde zum Beispiel das Flüssigerdgas-Projekt Jamal LNG gefördert, das nach der Fertigstellung der Anlage eine jährliche Kapazität von 16,5 Millionen Tonnen haben soll.

Investitionskapital aus dem eigenen Land

„Anders als bei gewöhnlichen Einlagen sind die Rentengelder an eine durchschnittliche Laufzeit von 25 Jahren gebunden. Daher können mit Renteneinlagen Infrastrukturprojekte finanziert werden”, erklärt Alexander Safonow, Prorektor der Russischen Akademie für Wirtschaft und Verwaltung. Unter anderem solle so die Rekonstruktion der Eisenbahnlinie BAM-2 aus dem Fernen Osten in den europäischen Teil Rußlands finanziert werden, berichtet er.

Dies würde es ermöglichen, das Güteraufkommen im Eisenbahnverkehr in Richtung China, Südkorea und Japan zu steigern. Auch das staatliche Unternehmen Rosneft überlege laut Safonow, die Rentenfonds als eine Finanzierungsquelle für die Erschließung arktischer Erdölvorkommen zu nutzen.

„Die Schließung westlicher Kapitalmärkte für Finanzierung und Refinanzierung wirkt geradezu wie ein Katalysator für die Aufbringung von Investmentkapital aus dem eigenen Land”, sagt Walerij Winogradow, Berater des Präsidenten der Nationalen Vereinigung nichtstaatlicher Rentenfonds und Leiter des Zentrums für Information und Kommunikation des Rentenmarkts. Nach seinen Angaben beträgt das Gesamtvolumen der Einlagen und Reserven aller Rentenfonds vier Trillionen Rubel, also etwa 70 Milliarden Euro, was mit dem Gesamtvolumen der russischen Staatsfonds vergleichbar ist

Safonow weist jedoch auf bestehende Probleme hin. Aus einer Untersuchung der Zentralbank gehe hervor, daß das Niveau der Finanzverwaltung in den nichtstaatlichen Rentenfonds oft Professionalität vermissen lasse. So seien zum Beispiel bei einem Fonds die Zahlungen von fünf Millionen Kunden nicht ordnungsgemäß verbucht worden. Darüber hinaus sei es den nichtstaatlichen Pensionsfonds grundsätzlich verboten, in Innovationsprojekte zu investieren.

„In den USA und anderen hochentwickelten Industrienationen dienen die Renteneinlagen jedoch als eine der Hauptfinanzierungsquellen solcher Projekte”, sagt er. Die russische Regierung will nun Änderungen an der Geschäftsordnung nichtstaatlicher Rentenfonds erlauben, um langfristige Projektfinanzierungen zu ermöglichen. Dazu sollten die Gelder in den Fonds in Aktien, Anleihen und andere Finanzinstrumente zur Wirtschaftsförderung investiert werden dürfen. Nach Angaben des Finanzministeriums würden den Finanzmärkten infolge dieser Maßnahmen jährlich zwischen 350 und 400 Milliarden Rubel, also umgerechnet etwa sechs bis sieben Milliarden Euro, zur Verfügung stehen.

Eine mögliche Richtung bei der Investition der Mittel aus den nichtstaatlichen Rentenfonds ist der Kauf von Infrastrukturanleihen. Dabei handelt es sich um Wertpapiere mit dem Ziel, Infrastrukturobjekte zu finanzieren.

Investitionen in Infrastrukturprojekte setzten aber eine gründliche Prüfung voraus, betont Winogradow. „Es darf nicht passieren, daß diese Gelder verloren gehen. Denn es geht dabei um die Renten