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Reise nach Rußland: Stefan Zweig

Buch von Stefan Zweig Reise nach Rußland” ist ein Werk des österreichischen Autors Stefan Zweig. Stefan Zweig (* 28. November 1881 in Wien; † 23. Februar 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien) war ein österreichischer Schriftsteller.

Buch von Stefan Zweig
Reise nach Rußland” ist ein Werk des österreichischen Autors Stefan Zweig. Stefan Zweig (* 28. November 1881 in Wien; † 23. Februar 1942 in Petrópolis, Bundesstaat Rio de Janeiro, Brasilien) war ein österreichischer Schriftsteller.

Von der Unendlichkeit, die Rußland darstellt, hat man in knapp zwei Wochen gerade nur einen Blitz und Schimmer gefühlt. Als entscheidender Eindruck bleibt: Wir haben alle unbewußt oder bewußt an Rußland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, Nichtgenuggerechtsein.

Denn wie es erklären, daß wir alle unserer Generation zehnmal in Paris, zehnmal in Italien, Belgien, Holland, daß wir in Spanien und Nordland überall gewesen sind und aus einem törichten läßlichen Hochmut nie einen Blick ins Russische getan?

War es gestern bei den einen Vorurteil gegen den Zarismus, so heute bei den anderen Widerstand gegen den Bolschewismus:
Aber jedenfalls haben wir allzulange die ungeheure Vielfalt der russischen Leistung nachlässig aus unserem Blickfeld gelassen – eines der genialsten und interessantesten Völker dieser Erde, zwei Eisenbahnnächte und zwei Eisenbahntage von unserem eigenen Lebensraum und doch in all seinen Werken und Wohnstätten den meisten Europäern unbekannt.

Wieviel hat uns dieser westliche Hochmut gekostet, denn wie wenige sind heute unter uns im geistigen Europa, die aus eigener Anschauung und Erfahrung dieses neue Rußland mit dem alten gerecht zu vergleichen wissen, wie wenige darum auch, die ein Anrecht haben, jetzt autoritativ ein Urteil über dieses kühnste soziale Experiment zu wagen, das je ein Volk mit sich selbst versucht.

Die Hälfte aller Urteile über das gegenwärtige Rußland sind leider heute Vorurteile, das heißt, vor das eigene Blickfeld geschobene starre Standpunkte, die andere Hälfte Nachurteile, das will sagen, anderen nachgeredete Meinungen. Und erfahrungsgemäß ändern solche persönlichen Prophezeiungen so wenig wie Zimmerprognosen das wirkliche Wetter, den unerschütterlichen Gang der Geschichte.

Ich habe bewußt in diesen Notizen nichts dergleichen versucht und dies nicht aus Feigheit der Meinung, sondern aus bewußter Überzeugung von unser aller Unzuständigkeit. Wo ein ganzes Volk seit anderthalb Jahrzehnten so großartig duldet und mit heroischer Leidenschaft um einer Idee willen unzählige Opfer auf sich nimmt, scheint es mir wichtiger, zur Bewunderung des Menschlichen als zu politischen Einstellung aufzurufen, und angesichts eines so ungeheuren geistigen Lebensprozesses der bescheidene Platz des Zeugen redlicher als der verwegene des Richters.

1928

Welche Reise innerhalb unserer näheren Welt wäre heute auch nur annähernd so interessant, bezaubernd, belehrend und aufregend wie jene nach Rußland? Während unser Europa, und besonders die Hauptstädte, dem unaufhaltsam zeitgemäßen Prozeß wechselseitiger Anformung und Verähnlichung unterliegen, bleibt Rußland völlig vergleichslos.“

Stefan Zweig, 1928

Nachdem für Stefan Zweig mit dem ersten Weltkrieg seine bürgerliche Welt zusammengebrochen war, begab er sich auf die Suche nach alternativen Gesellschaftsformen, die in einer Reise durch die noch junge Sowjetunion gipfelte. Seine Wahrnehmungen und Eindrücke auf der Reise blieben dabei ambivalent und bewegten sich zwischen der allgemein herrschenden Glorifizierung seitens der westeuropäischen Intelligenz und der harten Lebensrealität der Bevölkerung. Stefan Zweig’s unpolitische Reise in die UdSSR gehört wohl zu den außergewöhnlichsten Reisebeschreibungen der 1920er Jahre und erscheint heute fast 90 Jahre später als ein Kaleidoskop in eine wieder aktuelle Vergangenheit.

1. Redliche Vorbemerkung

Welche Reise innerhalb unserer näheren Welt wäre heute (1928) auch nur annähernd so interessant, bezaubernd, belehrend und aufregend wie jene nach Rußland? Während unser Europa, und besonders die Hauptstädte, dem unaufhaltsam zeitgemäßen Prozeß wechselseitiger Anformung und Verähnlichung unterliegen, bleibt Rußland völlig vergleichslos. Nicht nur das Auge, nicht nur der ästhetische Sinn wird von dieser urtümlichen Architektonik, dieser neuen Volkswesenheit in unablässiger Überraschtheit ergriffen, auch die geistigen Dinge formen sich hier anders, aus anderen Vergangenheiten in eine besondere Zukunft hinein. Die wichtigsten Fragen gesellschaftlich-geistiger Struktur drängen sich an jeder Straßenecke, in jedem Gespräch, in jeder Begegnung unabweisbar auf, ununterbrochen fühlt man sich beschäftigt, interessiert, angeregt und zwischen Begeisterung und Zweifel, zwischen Staunen und Bedenken leidenschaftlich angerufen. So voll ballt sich jede Stunde mit Weltstoff und Denkstoff, daß es leicht wäre, über zehn Tage Rußland ein Buch zu schreiben.

Das haben nun in den letzten Jahren ein paar Dutzend europäische Schriftsteller getan; ich persönlich beneide sie um ihren Mut. Denn klug oder töricht, lügnerisch oder wahr, vorsichtig oder apodiktisch, alle haben sie doch eine fatale Ähnlichkeit mit jenen amerikanischen Reportern, die nach zwei Wochen Cook-Rundfahrten sich ein Buch über Europa erlauben. Wer der russischen Sprache nicht mächtig ist, nur die Hauptstädte Moskau und Leningrad, bloß also die beiden Augen des russischen Riesen gesehen, wer außerdem die neue revolutionäre Ordnung mit den zaristischen Zuständen nicht aus früherer Erfahrung zu vergleichen vermag, sollte, meine ich, redlicherweise lieber verzichten auf Prophezeiung und auf pathetische Entdeckungen. Er darf nur Impressionen geben, farbig und flüchtig wie sie waren, ohne jeden anderen Wert und Anspruch als den gerade in bezug auf Rußland heute wichtigsten: nicht zu übertreiben, nicht zu entstellen und vor allem nicht zu lügen.

2. Grenze

In Niegoroloie erste russische Erde. Spät abends, so dunkel schon, daß man den berühmten roten Bahnhof mit der Überschrift »Proletarier aller Länder vereinigt euch« nicht mehr wahrnehmen kann. Aber auch die von fabulierenden Reisevorgängern so pittoresk und fradiavolesk geschilderten Rotgardisten, grimmig bis an die Zähne bewaffnet, kann ich mit bestem Willen nicht erblicken, einzig ein paar klug aussehende, durchaus freundlich Uniformierte, ohne Gewehr und blinkende Waffe. Die Holzgrenzhalle wie alle anderen, nur daß statt der Potentaten die Bilder Lenins, Engels’, Marx’ und einiger anderer Führer von den Wänden blicken. Die Revision exakt, genau und geschwind, mit aller erdenklichen Höflichkeit; schon beim ersten Schritt auf die russische Erde spürt man, wieviel Lüge und Übertreiblichkeit man noch totzutreten hat. Nichts ereignet sich härter, strenger, militärischer als an einer anderen Grenze; ohne jeden Übergang steht man plötzlich in einer neuen Welt.

Aber doch, ein erster Eindruck gräbt sich sofort ein, einer jener ersten Eindrücke, wie sie so oft eine erst später bewußt erkannte Situation divinatorisch umfassen. Wir sind im ganzen vielleicht dreißig oder vierzig Personen, die heute die Grenze Rußlands überschreiten, die Hälfte davon bloß Durchreisende, Japaner, Chinesen, Amerikaner, die ohne Aufenthalt mit der mandschurischen Bahn nach Hause sausen; das gibt mathematisch einen Rest von etwa fünfzehn bis zwanzig Personen, die mit diesem Zuge wirklich nur nach Rußland reisen. Dieser Zug wieder ist der einzige am Tage, der von London, Paris, Berlin, Wien, von der Schweiz, aus ganz Europa nach dem Herzen Rußlands, nach seiner Hauptstadt Moskau zielt.

Unbewußt erinnert man sich an die letzten Grenzen, die man passierte, erinnert sich, wie viele Tausende und Zehntausende jeden Tag in unsere winzigen Länderchen einreisen, indes hier zwanzig Personen in allem ein Riesenreich, einen Kontinent beschreiten. Zwei oder drei geradelaufende Eisenbahnadern verbinden im ganzen Rußland mit unserer europäischen Welt, und jede von diesen pocht nur matt und zaghaft. Da erinnert man sich an die Grenzübergänge zur Zeit des Krieges, wo auch nur ein siebenmal gesiebtes Häufchen die unsichtbare Linie von Staat zu Staat überschritt, und begreift instinktiv etwas von der augenblicklichen Situation: Rußland ist eine umschlossene Festung, ein wirtschaftliches Kriegsgebiet, durch eine Art Kontinentalsperre, ähnlich jener, die Napoleon über England verhängte, von unserer anders eingestellten Welt abgeschlossen. Man hat eine unsichtbare Mauer überstiegen, sobald man die hundert Schritte vom Eingang zum Ausgang zwischen diesen beiden Türen getan.

3. Umstellung ins Russische

Noch ehe sich der Zug in Bewegung setzt, Moskau entgegen, erinnert mich ein freundlicher Mitreisender, daß man die Uhr jetzt umstellen müsse, um eine Stunde, von westeuropäischer auf osteuropäische Zeit. Aber dieser rasche Handgriff, diese winzige Schraubendrehung, bald wird man es merken, reicht bei weitem nicht aus. Nicht nur die Stunde auf dem Zifferblatt muß man umstellen, sondern sein ganzes Gefühl von Raum und Zeit, sobald man nach Rußland kommt. Denn innerhalb dieser Dimensionen wirkt sich alles in anderen Maßen und Gewichten aus. Die Zeit wird von der Grenze ab einen rapiden Kurssturz des Wertes erfahren, und ebenso das Distanzgefühl.

Hier zählt man die Kilometer nach tausend statt nach hundert, eine Fahrt von zwölf Stunden gilt als Exkursion, eine Reise von drei Tagen und drei Nächten als verhältnismäßig gering. Zeit ist hier Kupfermünze, die keiner spart und sammelt. Eine Stunde Verspätung bei einer Verabredung gilt noch als Höflichkeit, ein Gespräch von vier Stunden als kurze Plauderei, eine öffentliche Rede von anderthalb Stunden als kurze Ansprache. Aber 24 Stunden in Rußland, und die innere Anpassungsfähigkeit wird sich daran gewöhnt haben. Man wird sich schon nicht wundern mehr, daß ein Bekannter von Tiflis drei Tage und drei Nächte herfährt, um einem die Hand zu schütteln, acht Tage später wird man mit gleicher Gelassenheit und Selbstverständlichkeit die Kleinigkeit von 14 Stunden Bahnfahrt auf sich nehmen, um selbst einen solchen »Besuch« zu machen, und sich schon allen Ernstes überlegen, ob man nicht – bloß sechs Tage und sechs Nächte – in den Kaukasus fahren sollte.

Die Zeit hat hier ein anderes Maß, der Raum hat hier ein anderes Maß. Wie in Rubeln und Kopeken, lernt man hier rasch mit diesen neuen Werten rechnen, man lernt warten und sich selber verspäten, Zeit versäumen ohne zu murren, und unbewußt kommt man damit dem Geheimnis der russischen Geschichte und des russischen Wesens nahe. Denn die Gefahr und das Genie dieses Volkes liegt vor allem in seinem ungeheuerlichen Wartenkönnen, in der uns unfaßbaren Geduld, die so weit ist wie das russische Land. Diese Geduld hat die Zeiten überdauert, sie hat Napoleon besiegt und die zaristische Autorität, sie wirkt auch jetzt noch als der mächtigste und tragende Pfeiler in der neuen sozialen Architektur dieser Welt.

Denn kein europäisches Volk hätte zu ertragen vermocht, was dieses seit tausend Jahren leidensgewohnte und beinahe leidensfreudige an Schicksal erduldet; fünf Jahre Krieg, dann zwei, drei Revolutionen, dann blutige Bürgerkriege von Norden, von Süden, von Ost und West gleichzeitig sich hin wälzend über jede Stadt und jedes Dorf, schließlich noch die entsetzliche Hungersnot, die Wohnungsnot, die wirtschaftliche Absperrung, die Umschaltung der Vermögen – eine Summe des Leidens und Martyriums, vor der unser Gefühl ehrfürchtig sich beugen muß. All dies hat Rußland nur überstehen können durch diese seine einzige Energie in der Passivität, durch das Mysterium einer unbeschränkten Leidensfähigkeit, durch das gleichzeitig ironische und heroische »Nitschewo« (»Es macht nichts«), durch diese zähe, stumme und im Tiefsten gläubige Geduld, seine eigentliche und unvergleichliche Kraft.

4. Moskau: Straße vom Bahnhof her

Noch nicht aus dem Zuge nach zwei Nächten und einem Tage – ein heißer, erster, neugieriger Blick durch das klirrende Wagenfenster auf die Straße hin. Überall Drängen und Geschwirr, überfülltes, heftiges, vehementes Leben: es sind plötzlich zu viele Menschen in die neue Hauptstadt gegossen worden, und ihre Häuser, ihre Plätze, ihre Straßen quellen und kochen über von dieser stürmischen Bewegtheit. Über die stolperigen Pflaster flirren flink die Iswotschniks mit ihren Wägelchen und struppig-süßen Bauernpferdchen, Trambahnen sausen blitzschnell mit schwarz angehängten Menschentrauben an der Plattform, dem Strom der Fußgänger stellen sich wie auf einem Jahrmarkt überall kleine Holzbuden entgegen, mitten im Trubel bieten hingekauerte Weiber gemächlich ihre Äpfel, Melonen und Kleinzeug zum Verkauf. All das schwirrt, drängt, stößt mit einer in Rußland gar nicht erwarteten Flinkheit und Eile durcheinander.

Dennoch aber, trotz dieser herrlichen Vitalität, wirkt etwas in dieser Straße nicht voll lebhaft mit. Etwas Düsteres, Graues, Schattenhaftes mengt sich ein, und dieser Schatten kommt von den Häusern. Die stehen über diesem verwirrend phantastischen Treiben irgendwie alt und zermürbt, mit Runzeln und zerfalteten Wangen, mit blinden und beschmutzten Augenlichtern; man erinnert sich an Wien 1919. Der Putz ist von den Fassaden gefallen, den Fensterkreuzen fehlt Farbe und Frische, den Portalen Festigkeit und Glanz. Es war noch keine Zeit, kein Geld da, sie alle zu verjüngen und aufzufrischen, man hat sie vergessen, darum blicken sie derart mürrisch und verjährt. Und dann – was so besonders eindrucksvoll wirkt: während die Straße rauscht, redet, sprudelt, spricht, stehen die Häuser stumm. In den anderen Großstädten gestikulieren, schreien, blitzen die Kaufläden in die Straße hinein, sie türmen lockende Farbspiele, werfen Fangschlingen der Reklame aus, um den Vorübergehenden zu fassen, ihn für einen Augenblick vor den phantastisch bunten Spiegelscheiben festzuhalten.

Hier schatten die Läden stumm; ganz still, ohne kunstvolle Türmung, ohne Hilfe eines raffinierten Auslagearrangeurs legen sie ihre paar bescheidenen Dinge (denn keine Luxusware ist hier verstattet) unter die mißmutigen Fensterscheiben. Sie müssen nicht streiten miteinander, nicht ringen und nicht wettkämpfen, die Kaufläden von nebenan und gegenüber, denn sie gehören doch, die einen und die andern, demselben Besitzer, dem Staat, und die notwendigen Dinge brauchen nicht Käufer zu suchen, sie werden selber gesucht; nur das Überflüssige, der Luxus, das eigentlich nicht Gebrauchte, »le superflu«, wie die französische Revolution es nannte, muß sich ausbieten, muß dem Vorübergehenden nachlaufen und ihn am Rockärmel fassen; das wahrhaft Notwendige (und anderes gibt es nicht in Moskau) braucht keinen Appell und keine Fanfaren.

Das gibt der Moskauer Straße (und allen andern in Rußland) einen so eigenartigen und schicksalshaften Ernst, daß ihre Häuser stumm sind und zurückhaltend, eigentlich nur dunkle, hohe, graue Steindämme, zwischen denen die Menschen fluten. Ankündigungen sind selten, selten auch Plakate, und was in roten Schriftzügen breitgerändert über Hallen und Bahnhöfen steht, ruft nicht Raffinements aus, Parfüms und Luxusautomobile, Lebensspielwerk, sondern ist amtliches Aufforderungsplakat der Regierung zur Erhöhung der Produktion, Aufruf, nicht zu Verschwendung, sondern zu Zucht und Zusammenhang. Wieder spürt man hier, wie schon im ersten Augenblick, den entschlossenen Willen, eine Idee zu verteidigen, die ernste, zusammengeballte Energie, streng und stark auch ins Wirtschaftliche gewandt. Sie ist nicht ästhetisch schön, die Straße von Moskau, wie die pointillistisch glitzernden, farbensprühenden, lichtverschwendenden Asphaltbahnen unserer europäischen Städte, aber sie ist lebensvoller, dramatischer und irgendwie schicksalshaft.

5. Moskau: Blick vom Kreml

Tage hat es gebraucht, bis wir die Verstattung bekamen, durch die immer bewachten Tore dieser uralten Burg emporzuschreiten, wo seit einem halben Jahrtausend die Zaren und nun die neuen Machthaber regieren. Man hat zauberische Kirchen gesehen, mit hell und dunklen wunderbaren Fresken von der Schwelle bis zum Dachrand geschmückt, Prunkgemächer und immer wieder Kathedralen, noch eine und noch eine, die hier dicht und gedrängt aneinander stehen. Man ist durch unzählige Säle geschritten, wo sich Kunstschätze ganzer Geschlechter anhäufen, die Waffen und Werke dieser unübersehbaren Nation. Fast ist es zuviel (immer hat man dieses Gefühl in Rußland, es ist zuviel zu sehen, man brauchte ein Leben, um es zu überschauen); so hält man einen Augenblick inne auf dieser erschöpfend-unerschöpflichen Kunstwanderung und blickt von den Mauern des Kreml auf Moskau, die vielleicht wunderlichste und eigenartigste Stadt der Welt.

Möglicherweise ist es die gleiche Stelle, wo Napoleon einst stand, der große Rasende, der mit sechshunderttausend Mann von Spanien und Frankreich durch Deutschland, durch Polen, durch diese endlose, baumlose, wasserlose Steppe dem Irrlicht des Orients hierher nachzog, der sich unnützerweise von Paris die Oper und die Comédie Française fünfzig Tagereisen weit nachkommen ließ, indes er schon ein gewaltigeres Schauspiel erlebte: eine brennende Stadt zu seinen Füßen. Betäubender, verwirrender Anblick muß es damals gewesen sein, und er ist es noch heute.

Ein barbarisches Durcheinander, ein planloses Kunterbunt, von der Neuzeit nur noch pittoresker gemacht: grellrot gestrichene Barockkathedralen neben einem Betonwolkenkratzer, weitläufige schloßhafte Paläste neben schlechtgetünchten Holzhäusern mit grindigem Verputz; zwiebeltürmige, halb byzantinische, halb chinesische Kirchen ducken sich unter die riesenhafte technische Eiffelturmsilhouette der Funkstation, schlecht nachgeahmte Renaissancepalais halten sonderbare Nachbarschaft mit Kaschemmenhütten. Und zwischen all dem, rechts und links und vorn und rückwärts, überall Kirchen, Kirchen, Kirchen, mit ihren heraufgeschraubten Türmen, vierzig mal vierzig, wie die Russen sagen, aber jede anders in Farbe und Formen, ein Jahrmarkt aller Stile, eine zusammengequirlt phantastische Ausstellung aller Bauformen und Kolorite. Nichts paßt zueinander in dieser planlosesten, scheinbar improvisiertesten aller Städte, und gerade diese unablässige Kontrasthaftigkeit macht sie so unerhört überraschend.

Man geht hundert Schritt eine Straße entlang und meint, in Europa zu sein, und, kaum um die Ecke, so glaubt man sich schon nach Isfahan verschlagen, in einen Basar, ins Tatarische und Mongolische. Man tritt in eine Kirche, rastet jahrhunderteweit in Byzanz, aber hinauskommend und eintretend in das neue Telegraphengebäude, hat man einen Sprung nach Berlin gemacht. Die verschwenderischen Goldkuppeln einer Kathedrale reflektieren ihren Glanz in den zersplitterten Scheiben wackeliger Holzhäuser gegenüber, aus der Hintertür eines solchen schäbigen Wohnstalles mit schmutzigem Spülicht, gackernden Hühnern und dumpfen Latrinen tritt man in eine Straße, die von elektrischen Bahnen klirrt, und sieht vor sich ein Museum, wo alle Schätze des Abendlandes in verschwenderischer Fülle geordnet ruhen. Nichts paßt zusammen; sie dröhnt und berauscht, diese Stadt, wie eine ungeheure atonale Symphonie, in der sich die verwegensten Dissonanzen, die grellsten Rhythmen gewaltsam mischen. Man wagt nicht, zu behaupten, daß sie einem gefällt, diese sonderbare Stadt, aber sie ist mehr als schön: sie ist unvergeßlich.

6. Moskau: Der Rote Platz

So hat er immer geheißen, seit tausend Jahren, dieser rechteckige Platz, das Herz der Stadt Moskau, um der roten, kunstvoll geschatteten Kremlmauer willen, an deren Länge er sich lehnt. Zur Linken zackt sich die breite Fassade der Handelshäuser, das alte Emporium der Kaufmannschaft, empor; hier standen einst die zahllosen Buden der Kaufleute, die Moskaus Reichtum und Ruhm gemacht. Zur Rechten schützt ihn ein weites, wölbiges Tor, zur Linken, an seiner Schmalseite, steigt farbig, mit bunten Steinen und glitzernden Tulpendächern, die fünftürmige Wassilij-Blaschenni-Kathedrale auf, ein Wunderbau ohnegleichen, morgenländisch phantastisch, abendländisch architektural, die kühnste Vermählung byzantinischer, italienischer, urrussischer und manchmal auch buddhistisch-pagodischer Formen.

Sie ist das kostbarste Kleinod der Stadt, und nichts rühmt sie mehr als die finstere Legende, daß Iwan der Schreckliche dem Baumeister zu Dank für seine Meisterschaft die Augen ausstechen ließ, damit er keine zweite ähnliche Kirche in der Welt bauen könnte. Dieser Platz war von jeher das Herz Rußlands. Hier querten die Handelsstraßen von Normannenland und Ingermanland nach Byzanz, hier brachten vom Osten die Händler Pelzwerk und Getier. Hier zäumten Hunnen und Tataren auf der Heerschau die Rosse, hier stiegen in feierlichem Aufzug die ersten Zaren zur Krönung in den Kreml empor. Noch sieht man den runden Steinring, wo die Häupter der aufständischen Strelitzen abgeschlagen wurden und die Leiche des falschen Demetrius blutig lag; und gerade hier, wo das Zarentum aus dem engen Ring einer Stadt, aus dem jämmerlichen Kreis einer Binnenherrschaft sich auswuchs und entfaltete zum weitesten Reich, das jemals die Welt gekannt, – hier veranstaltet in beabsichtigter und wissender Symbolik die Sowjetregierung ihre Paraden und Aufzüge. Hier stand die Tribüne, wo Trotzki klirrenden Worts die Bauern und Soldaten aufrief zum Verzweiflungskampfe, hier liegen die Führer und Vorkämpfer des Bolschewismus und die Arbeiter, die für ihn gefallen, in den »Brüdergräbern« längs des Kremls, und hier ruht in eigenem Gebäude, dem Herzpunkt dieses Platzes, das Herz der russischen Revolution, die Leiche Lenins.

Bei Tag brandet der Platz von Menschen und Wagen, man steht und kann sich nicht sattsehen an diesem glitzernden, mosaikhaften Bild der Kathedrale, der strengen Mauern des Kremls, sich nicht entziehen der erschütternd eindringlichen Gräberreihe, die hier mitten in der Stadt als Wahrzeichen des Dankes und des Sieges großartig hingestellt ist. Während man in Wien und Berlin zu den Gräbern der Märzgefallenen stundenweit hinauspilgern muß und in Paris vergebens die Grabplätze der Volksführer sucht, sind hier und ebenso in Leningrad statt irgendeines steinernen Baues oder pathetischer Denkmäler die Gräber selbst in die Stadt gestellt: der wuchtigste, großartigste Aufruf und Dank, den man sich erdenken kann. Wie vordem die Basilika und Kathedrale, bilden sie nun das eigentliche religiöse Zentrum der Stadt, aber frei aufgeschlagen unter dem Himmel, ohne jedes Pathos und jeden Prunk.

Dieser geniale Sinn für Regie waltet überall in der neuen russischen Revolution. Zwanghaft muß man im Foyer eines Theaters, in jedem Bahnhofe, in jeder Wartehalle in Plastik oder Photographie das eiserne Antlitz Lenins in sich einfühlen; Lenin, wie er spricht, vorstoßend die Hand wie das Wort, zusammengeballte Energie, oder präsidierend in einer entscheidenden Sitzung, oder im schlichten Rock mit der Bauernkappe, heiter und lachend unter den Helfern. Überall, an jeder Stelle und jedem Ort, durch den roten Stab des Polizisten, durch die rote Mütze der Tramwaykondukteure, durch das überall eingemeißelte Zeichen der Sichel wird man erinnert an die neue Zeit, aber nirgends großartiger und überwältigender als an diesem Platze.

Denn selbst wenn die Schatten alle Konturen verwischen, das Grab Lenins nur wie ein schwarzer Stein in dem ungeheuren leeren Dunkel einer Septembernacht steht, dann sieht man noch hoch oben auf der einstigen Residenz der Zaren hell und glühend die rote Fahne des Sowjet sich bauschen. Mit einem genialen Kunstgriff ist von unten her dieser purpurn wogende Stoff bestrahlt, so daß man inmitten des ungeheuren Nachtdunkels nur die rote Flamme sieht, diese rote Flamme, die leuchtet, hoch über dem leeren Platz, die Gräber, die Burgen und Handelshallen und weithin über Moskau und die ganze russische Welt, – ein Regieeinfall scheinbar nur, aber gleichzeitig mehr: ein Fanal in die neue Zeit, ein grandios ersonnenes Symbol.

7. Das alte und neue Heiligtum

Vierzig Schritte sind sie voneinander entfernt, das alte und das neue Heiligtum Moskaus, das Heiligenbild der iberischen Muttergottes und das Grabmal Lenins. Das alte, rauchgeschwärzte Heiligenbild steht unbekümmert wie seit unzähligen Jahren in einer kleinen Kapelle zwischen den beiden Durchgängen des Tores, das zum Roten Platz führt. Unnennbare Scharen pilgerten früher hierher, um einige Minuten andachtsvoll sich vor dem Bildnis hinzuwerfen, ein paar fromme Kerzen anzustecken, ein Gebet zur Wundertätigen zu sprechen. Nun steht nebenan die warnende Inschrift der neuen Regierung: »Religion ist Opium fürs Volk«. Aber doch ist das alte Volksheiligtum unverletzt geblieben, der Zugang jedermann gestattet, und tatsächlich sieht man auch immer einige alte Weiblein auf den Steinen knien oder im Gebet ausgestreckt, – die letzten, die noch alten Herzens und alter Gesinnung der Wundertätigen anhängen.

Einige, aber nicht viele, denn die wahre Menge, die wirkliche Masse pilgert zum neu aufgerichteten Heiligtum, dem Grabmal Lenins. In sechs- oder siebenfach gewundener Schlange stehen die Menschen, Bauern, Soldaten, Volksfrauen, Dorfweiber, ihre Kinder auf dem Arm, Kaufleute, Matrosen, – ein ganzes Volk, hergekommen aus der unendlichen russischen Welt, das seinen vom Schicksal gefällten Führer im künstlichen Schein des Lebens noch einmal sehen will. Geduldig stehen sie, die Hunderte, die Tausende, angereiht vor dem modernen, ein wenig schachtelhaften, sehr einfachen und symmetrischen Bau aus rotem kaukasischem Holz, der selbst völlig schmucklos, nur mit den fünf Buchstaben LENIN bestirnt ist.

Und man fühlt, hier wirkt sich dieselbe Frömmigkeit desselben glaubensfanatischen Volkes aus, die sich dort drüben niederwirft vor dem Bildnis der Madonna, nur hat eine geschickte Hand mit energischem Ruck sie vom Religiösen ins Soziale gewandt, – Führerverehrung statt des Heiligendienstes. Aber doch im tiefsten ein und dieselbe und bewußt so gewollt, damit die ungebrochene und unzerbrechliche Glaubenskraft des russischen Volkes vollkommen übergeleitet werde von Symbol zu Symbol, von Christus zu Lenin, vom Volksgott zum Mythos des allein gerechten und herrschenden Gottvolkes.

Man zögert einen Augenblick, ob man wirklich die Stufen mit hinabschreiten soll, denn man weiß, dort unten ruht im gläsernen Sarg, durch neuzeitliche technische Kunst balsamiert, koloriert und so in einer furchtbar täuschenden Scheinlebendigkeit erhalten, die Leiche Lenins. Man fürchtet etwas Mittelalterlich-Byzantinisches einerseits und anderseits etwas an Panoptikum Erinnerndes zu sehen: der Gedanke – ich gestehe es – dieser raffinierten chemischen Lebensimitation eines Gestorbenen als Schaubild war mir gespenstisch. Aber doch, man schließt sich an, tritt schweigend mit Schweigenden die Treppe nieder in die hellerleuchtete, von den Sowjetzeichen überstirnte Krypta, um in langsamem Gang (niemand darf stehen bleiben), den gläsernen Sarg von drei Seiten zu umschreiten.

Und so sehr sich noch immer das Gefühl gegen diese Schaustellung wehrt, als gegen etwas gewaltsam Künstliches, das ebenso wie die Ordnung der menschlichen Bedingungen nun auch die der Natur korrigieren will, wird doch der Eindruck, der wirkliche optische. Eindruck grandios. Auf einem roten Kissen, die Decke bis zur Brust hinaufgezogen und darüber die Hände flach hingebreitet, ruht, unverändert wie ein Schlafender, Lenin. Die Augen sind geschlossen, diese kleinen graufeurigen, die man von unzähligen Bildern kennt, der Mund, der einst so redemächtige, liegt in einem ernsten Schweigen, aber noch in seinem Schlafe hat dies Antlitz Gewalt durch die graniten gewölbte Stirn, durch den gesammelten und gefaßten Energieausdruck dieser urrussischen Züge. Gespenstisch drückt geisterhaftes Schweigen im Raum, den die Bauern, die Soldaten, die Mütze in der Hand, mit ihren schweren Stiefeln ganz leise, mit zurückgehaltenem Atem durchschreiten, und noch erschütternder ist der Anblick der Frauen, die mit einem scheuen und ehrfurchtsvollen Blick demütig auf diese phantastische Bahre hinschauen, – großartig und einzig diese tägliche Parade des Schweigens von Tausenden und aber Tausenden, die stundenlang warten, um nur eine Minute lang die Menschengestalt ihres schon mythisch gewordenen Führers und Befreiers zu sehen.

Nicht für uns, in denen sich Ästetisches gegen eine solche immer neu polychromierte Totenmaske wehrt, sondern für ein Volk ist diese Schaustellung ersonnen, für ein Volk, das jahrhundertelang glaubte, daß seine Heiligen nicht dem irdischen Gesetz der Verwesung unterworfen seien und daß von der Berührung ihres Leibes Wunder und Zeichen ausgingen; auch hier hat mit ihrem unfehlbaren Instinkt für Massenwirkungen die neue Regierung gerade an das Urälteste und darum Wirksamste im russischen Volkstum angeknüpft.

Sie hat sehr richtig gefühlt, daß, gerade weil die marxistische Lehre eine in sich sachliche, unmystische, eine logische und durchaus amusische ist, man sie rechtzeitig in Mythos verwandeln und mit aller Inbrunst des Religiösen erfüllen müsse. So haben sie heute, nach zehn Jahren, aus ihren politischen Führern schon Legenden gestaltet, aus ihren Opfern Märtyrer, aus ihrer Ideologie eine Religion, und vielleicht an keiner Stelle fühlt man diese ihre psychologische Taktik sinnfälliger und siegreicher als an diesen beiden fünfzig Schritte voneinander entfernten und doch durch Geistunendlichkeiten getrennten Pilgerstätten: der Kapelle der iberischen Madonna und der Begräbniskrypta Lenins.

8. Moskau: Museen

Sonderbar, immer wird es die erste Frage an jeden Zurückkehrenden: ob er die neuen Reichen gesehen, die Neppmänner, die Nutznießer der Revolution. Vielleicht habe ich kein Glück gehabt: mir ist keiner begegnet. Die einzigen großen Revolutionsprofiteure, die ich in Rußland sah, waren die Museen: sie hat die konsequente Konfiskation sämtlichen privaten Kunsteigentums wahrhaft zu Fürsten und Magnaten gemacht. Man hat die Palais, die zahllosen Klöster, die Privatwohnungen mit einem Ruck ausgeräumt und die reichsten davon selbst wieder in Museen verwandelt, so daß sich deren Zahl zumindest vervierfacht, wahrscheinlich aber verzehnfacht hat. Die großen Galerien sind durch so unvermuteten Zuwachs über den Rand gequollen, sie fordern ungestüm Platz zu Bauten und Neubauten und wissenheute noch gar nicht wohin mit der plötzlich hereingeströmten Fülle. Überall wird noch gehämmert, gezählt, umgehängt, inventarisiert, überall entschuldigen sich die Direktoren, sie könnten nur einen kleinen Teil erst aufgehängt zeigen, und führen einen in Nebenräume, wo noch unbekannte Schätze der Aufstellung warten; nach zehn Jahren fehlt noch der vollkommene Überblick über die ungeheuren Bestände, die infolge der Kommunisierung so übermächtig in die Säle geströmt sind.

Über diese gewaltsame Requirierung privaten Kunsteigentums zugunsten der ganzen Nation sich zu begeistern oder zu erbittern, bleibt ein Politikum: jedenfalls genießt zurzeit der Fremde und der Kunstfreund das aktuelle Resultat als eine Überwältigung mit beispielloser Vielfalt und Fülle. Aber nicht nur, daß all dieser ungeahnte Reichtum, bisher verschloßen und unsichtbar in fürstlichen Gemächern und Klöstern, sich nun jedem darbietet zu Augenlust und Gewinn, auch die Kunstgeschichte wird dieser gewaltsamen Zusammenfassung noch Anregungen für Jahrzehnte verdanken.

Eine ist schon offenkundig: die vollkommene Umwertung in der Betrachtung der Ikone und damit in der Einstellung zur alten russischen Kunst. Denn verstreut in Tausenden unzugänglichen Kirchen und Klöstern, überleuchtet von Edelsteinen, erstickt von Blumenbehängen, verräuchert, verschmutzt und verklebt durch den Ruß der vorgesteckten Kerzen, waren bisher alle diese Ikone als eine Art Dunkelmalerei erschienen, schwarze Madonnen, finstere Heilige, eine freudefeindliche, beinahe spanisch düstere Kunst. Nun, im historischen Museum vereinigt, werden die Tausende eines um das andere gereinigt, und dabei ergibt sich die Überraschung, daß alle diese Bilder in ihrem Urzustand hellfarbig und heiter waren, bunt wie die Tücher der russischen Dorffrauen und hell wie der Himmel am Bosporus, von wo sie erstmalig ausgegangen.

Mit den schwarzen Krusten, die jetzt abgetragen werden, mit dieser jahrhundertealten Verräucherung und Vernachlässigung wird jetzt zugleich eine ganz falsche Anschauung abgewaschen, und wenn nun bald die alten Basiliken (man beginnt schon damit) systematisch aufgehellt werden und den finsteren Fresken ihre Naivheit und Farbenfreudigkeit zurückgegeben wird, so dürfte Europa erstaunt vor einem vollständig neuen Kunstphänomen stehen, ähnlich erstaunt wie damals, als es entdeckte, daß die Plastiken der Griechen ursprünglich polychrom, ihre Tempel nicht marmorweiß und kalt, sondern von grellem Farbentumult erfüllt waren.

Solcher Entdeckungen stehen noch mehrere durch die plötzliche Konzentration und geeinte Schaustellung bevor, und schon begegnet man in der Tretjakow-Galerie einer völlig unverhofften Heerschau einer bei uns unbekannten und großartigen russischen Malerei. Aber was man nicht vermutete und was die Fremden vielleicht am meisten in Erstaunen setzt, ist, daß man nirgends außer in Paris eine solche Sammlung der französischen Impressionisten sehen kann wie in Moskau, dank der Konfiskation der beiden berühmten Sammlungen Morosow und Schutkin, dreißig Van Goghs enthaltend, die prächtigsten Manets, Courbets, Gauguins und anschließend daran die ganze moderne Malerei bis 1914. Um auch nur im Fluge den Reichtum der vierzig oder fünfzig Museen von Moskau allein zu durchmessen, brauchte man Wochen und Monate, so sind sie jetzt angefüllt und beinahe überfüllt; nirgends so sinnlich, so glücklich wie in der Kunst drückt sich der marxistische Gedanke aus, daß alles allen gehören solle.

Und tatsächlich hat diese Gewißheit, daß all diese Schätze einer seelisch fremdartigen und gleichsam unbekannten Oberwelt an sie gefallen sind und ihnen gehören, den Massenhier einen fast religiösen Respekt vor den Museen gegeben. Ununterbrochen sind sie von Besuchern durchflutet, Soldaten, Bauern, Volksfrauen, die vor einem Jahrzehnt noch nicht wußten, was ein Museum ist, sie alle durchziehen jetzt in breiten, andächtigen Trupps die Schauräume, und es ist rührend anzusehen, wie vorsichtig, respektvoll sie mit ihren schweren, hochschäftigen Stiefeln über die Parkette schreiten, wie achtungsvoll und lernbegierig sie in Gruppen mit freiwilligen Führern vor den Kunstwerken stehen. Und es ist der größte Stolz der Museumsleiter, der Führer und des ganzen Volkes, daß im Gegensatz zur Französischen Revolution, die kirchenstürmerisch und plündernd ungeheure Werte sich selbst entwendete, die russische (härter sonst und radikaler als die andere) sich und der Welt kein einziges wesentliches Kunstwerk zerstört hat.

Diese Rettung der musealen Werte in den furchtbarsten Tagen des Umsturzes danken Rußland und mit ihm alle Kunstfreunde der rechtzeitigen Energie einiger Führer, Lunatscharskis vor allem, aber nicht minder der stillen, unscheinbaren und doch heroischen und aufopferungsvollen Arbeit einzelner unbekannter Museumsleiter. Während die Regierung von einer Hand in die andere überging, während die Maschinengewehre auf den Straßen knatterten, haben diese unbekannten Helden, schlecht bezahlt und vergessen, hungernd und frierend, bei zehn Grad unter Null in ungeheizten Räumen diese unermeßlichen Werte gehütet, geschützt, geordnet und der Weltgemeinschaft bewahrt. Niemand kennt, niemand nennt heute die Namen dieser Rührenden und Redlichen, niemand hat noch die Geschichte ihrer Aufopferungen und Entbehrungen erzählt; erst die Zukunft wird ihrer im Tumult des Umsturzes unscheinbar verborgenen Tat für das große Werk dieser Rettung dankbar sein.

9. Heroismus der Intellektuellen

Dieser Heroismus der russischen Intellektuellen ist es, was mich am meisten in Rußland bewegt und erschüttert hat. Ein Proletariat, eine geknechtete Bauernschaft von hundertvierzig Millionen ist aufgestiegen zur Macht, hat sich erhöht und befreit. Dieses leidenswillige und fast leidensfreudige Volk hat Entbehrungen unvergleichlicher Art auf sich genommen, Notdurft und Mühsal ohne Ende, aber selbst, wo es heute noch eingeschränkt ist und entbehrt, wird es immer doch gestählt durch das Gefühl seines Aufstieges in höhere Lebenskreise, durch das triumphale Bewußtsein seines proletarischen Sieges. Die Intellektuellen aber, sie sind nicht aufgestiegen in ihren Lebensformen und nicht in eine höhere Freiheit hinein, sondern eher zurückgeworfen in dumpfere, drückendere Daseinsbedingungen, in ein engeres Maß an räumlicher und seelischer Freiheit. Sie zahlen noch immer am vollsten und vielleicht am unbedanktesten den bitteren Zoll dieses Übergangs. Darin liegt an sich keine böswillige Absicht der Regierung, nur ganz naturhaft haben die Verhältnisse sich gegen sie am härtesten gewandt.

Sie haben ihnen, die Raum und Ruhe um sich ebenso notwendig wie Nahrung brauchen, eine Geißel erfunden, die wir in den Nachkriegsjahren selber im Fleische gefühlt haben, die Wohnungsnot. Aber hier ist sie nicht Geißel mehr, sondern dreimal geknotete Knute, diese für unsere europäischen Begriffe unerträgliche Wohnungsnot, die den Menscheninhalt eines Waggons in eine mittlere Wohnung hineinpfercht. Fünf Familien an einem Herde und mit einem Klosett sind keine Seltenheit, ein einziges abgesondertes Zimmer und Küche für eine vierköpfige Familie schon ein beneideter Glücksfall. Was Wien in den schweren Jahren bereits als Hölle empfand, wäre hier noch Fegefeuer und für manche fast Paradies. Denn dieses Moskau wächst mit diabolischer Geschwindigkeit; zur Hauptstadt des Hundertvierzigmillionenreiches plötzlich ernannt, vollgedrängt mit Ämtern und dabei gehemmt in seinen Bauarbeiten, preßt die überpferchte Hauptstadt (schon vorher unkomfortabel und unhygienisch in ihren Unterkünften) nun ihre Menschen grausam nahe zusammen, und ganz besonders furchtbar lastet natürlich dieser Druck auf jenen, die für ihre geistige Tätigkeit Raum und Absonderung wie Sauerstoff nötig haben: auf den Intellektuellen.

Aber bewundernswert der Gleichmut und die Gelassenheit, mit der all diese Menschen dieses Eingekeiltsein ertragen, noch immer nicht genug bewundert diese unbeschreibliche russische Geduld, die von der Scholle des Volkes bis in die feinsten Verästelungen ihrer geistigen Blüte, bis zu den Intellektuellen und Künstlern kraftwaltend emporsteigt. Ich besuchte einen großen Gelehrten im einzigen Zimmer, das, neben einem zweiten winzigen Räumchen ohne Küche, er und seine Familie zu viert bewohnen, also Arbeitszimmer, Speisezimmer, Wohnzimmer und Schlafzimmer in einem, und als ich unwillkürlich betroffen mit dem Blick diese Enge nachmaß, lächelte er das alltröstende »Nitschewo«, »Es macht nichts«, dies sieghafte »Man gewöhnt sich daran«. »Wir sind wenigstens durch einen Holzverschlag von unseren Nachbarn abgesondert.« Schon dies zählt als ein Glück, ein paar Kubikmeter abgesonderter Luft mit den Seinen atmen zu dürfen. Oder ein anderes Beispiel: Ich besuchte Eisenstein, den heute weltberühmten Regisseur des Potemkin-Films, der mir seine neuen (herrlichen!) Arbeiten zeigen wollte.

Dieser Meister, der für das russische Können mehr Propaganda geleistet als hundert Bücher, hat ein einziges Zimmer innerhalb einer Gesamtwohnung, Schlafraum, Atelier, Sekretariat, Speisezimmer in einem: ein Tisch, ein Teebrett, zwei Sessel, eine winzige Waschschüssel, ein Bett, eine Bücherkante. Aber auf dem kleinen Tisch liegen ein Dutzend Telegramme, Angebote auf drei Monate nach Hollywood für dreißigtausend Dollars – und doch, sie lassen sich durch Geld nicht weglocken von ihrer Aufgabe, alle halten sie durch, alle kehren sie wieder aufopferungsvoll nach Rußland zurück, in ihre schweren Lebensbedingungen, schlecht bezahlt, gerade nur das Notdürftigste verdienend und schon empfindungslos für alle kleinen Bequemlichkeiten, die uns, ihren europäischen Brüdern, Selbstverständlichkeiten sind.

Das ist der großartige Heroismus der russischen Intellektuellen von heute, daß sie, nicht genug gewürdigt, nicht genug gerühmt – weder im eigenen Land noch bei uns – ausharren, weil sie es für ehrlos halten, ihren Posten zu verlassen um besserer Verdienstmöglichkeiten in Europa willen, und dies nur aus dem stolzen Gefühl sittlicher Verpflichtung, aus dem Bewußtsein, daß nichts heute Rußland, dem jetzt Helligkeit und Heiterkeit fehlt, so notwendig ist wie gute Universitäten, gute Schulen und Museen, eine vollendete und volksmäßige Kunst.

Und wenn dieses ungeheuerste soziale Experiment, das Rußland unternommen hat und zum Staunen der übrigen Welt jetzt schon durch zehn Jahre allein gegen diese andere Welt durchhält, nicht gescheitert ist, so dankt es dies (man begreift es hier) nur dreierlei: der unerhörten, harten fanatischen Energie seiner Diktatoren, der unvergleichlichen Willigkeit und Geduldkraft dieses leidensgewohntesten aller Völker und nicht zuletzt dem Idealismus und der Aufopferungsfähigkeit der so oft als bürgerlich geschmähten, als zu lau und zu unpolitisch geringgeschätzten russischen Intellektuellen.

10. Besuch bei Gorki

Auch Gorki, der sinnlichste Repräsentant des aus der eigenen Volkstiefe emporgestiegenen Rußlands, hat es als seine Pflicht empfunden, während einer so welthistorischen Entwicklung nicht dauernd fern vom Vaterland zu sein. Zwar drängten ihn heftig die Ärzte, nicht den heilkräftigen italienischen Süden zu verlassen und seine labile Gesundheit nicht dem nordischen Klima auszusetzten, aber er ist doch in seine Heimat zurückgekehrt, und zwar gleich zu einer Zehntausend-Kilometer-Reise quer durch das ganze Land. Leider hatten die Ärzte recht behalten: ein Rückfall warf ihn auf das Krankenlager zurück, und so fehlte er bei der Feier und war unauffindbar, unerreichbar. Schon machte ich mich mit dem Gedanken vertraut, Rußland verlassen zu müssen, ohne seinen großen Dichter gesehen zu haben, ohne dem Menschen danken zu können, dem ich persönlich für manches private und öffentliche Wort verpflichtet war, als man mir endlich verriet, daß er in Moskau selbst verborgen sei. Und noch am selben Abend durfte ich ihn sehen.
Sein Gesicht überrascht, gerade weil man es von Photographien her zu kennen glaubt.

Fortsetzung von 10. Besuch bei Gorki

Aber alle, die ich gesehen habe, verschatten es merkwürdig ins Düstere, lassen es hart erscheinen, bitter und vergrämt, indes gerade die Helligkeit der erste Eindruck seines Antlitzes ist. Kurzgeschorenes, strohblondes Haar, blasse Brauen über lichtgrauen Augen, ein gelber buschiger Schnurrbart; das Antlitz eines klugen, slawischen Bauern, eines gescheiten Handwerkers, geistig leuchtend und dabei warm und hell wie frischgebackenes Brot. Besonderheit darin nur der stark vorgebaute, hart gemeißelte Stirnbogen; durch diesen vorgetürmten Block bekommt sein Blick Gewalt aus einer Tiefe, eine prachtvolle eindringliche Konzentriertheit. Diese Konzentriertheit, diese sachliche feste Ruhe lebt in jedem seiner mündlichen Worte genau wie in seiner Schreibart – mit ein paar Sätzen rückt er jeden Gegenstand fest und klar ins Licht. Er übertreibt nicht, er passioniert sich nicht; darum haben seine Worte genau wie seine Werke den Wert unbestechlicher und unbezweifelbarer Zeugenschaft. Was ihn nach seiner Rückkehr nach vier oder fünf Jahren am meisten an dem neuen Rußland frappiert, ist das gleiche, was auch uns Fremde so sympathisch bei diesem Volk berührt: die plötzlich aufgebrochene stürmische Gier nach Bildung bis in die untersten Klassen hinein, die Passion für das Schöpferische.

Jahrhunderte war hier eines der begabtesten und aufgewecktesten Völker durch den Zarismus und die ihm gefällige Kirche gewaltsam verdumpft und von allen Bildungsmöglichkeiten abgeschnitten worden (das schwerste Verbrechen, das eine Regierung an ihrem Volk begehen kann). Und mit einem bewundernswerten, rapiden Elan hat die ganze Nation, oder haben vielmehr alle jetzt in der Sowjetrepublik vereinigten Republiken die Gelegenheit benutzt, sich vom Analphabetismus zu befreien. Über Nacht sind in den kaukasischen, georgischen, turkestanischen und sibirischen Gebieten Universitäten entstanden, Zeitschriften, Dichterschulen; bis in die winzigsten Dörfer dringen jetzt, dank einer unablässig hämmernden, zwar politisch gemeinten, aber doch bildungswirkenden Organisation, die neugeschaffenen Bauernzeitungen, die vom Volk selbst geschrieben und redigiert werden. »Sie würden nicht glauben«, erzählt mir Gorki, »was für ausgezeichnete Briefe und Schilderungen in diesen populären Zeitschriften, die das Volk selbst schreibt, zutage treten.

In ihnen ist oft mehr darstellende Kraft als in allen schulgemäßen Literaturen, und ich bin selbst mit einer ganzen Reihe dieser Schreiber in Korrespondenz geraten, soviel Anregungen und Kenntnisse haben mir ihre urtümlichen Mitteilungen gegeben.« Selbst er, genau wie Dostojewski und Tolstoi von Jugend an gläubig an das russische Volksgenie, ist dennoch erstaunt über das Tempo dieses Bildungsaufschwunges, den innerhalb von wenigen Jahren die untersten Schichten des russischen Volks genommen haben. Und sein neues Buch, an dem er noch arbeitet, wird nicht Dichtung sein, sondern Darstellung seiner Erlebnisse mit dem Volk bei dieser Wiederbegegnung nach Jahr und Jahren.

Und ich glaube, gerade dieses Buch wird für Europa von äußerster Wichtigkeit sein, denn das klare Auge Gorkis ist unbestechlich in Urteil und Erkennen, unfähig zu schmeicheln, unwillig zu lügen. Und wenn dieser wahrhaftige Bildner, dieser warmherzige Kenner seines Volkes dann, trotz allen Einschränkungen, im wesentlichen der Leistung der letzten Jahre zustimmt, sollten immerhin manche vorsichtiger sein, von ferne her und, bloß zweideutigen Nachrichten folgend, all das, was in Rußland im letzten Jahrzehnte geschehen ist, einzig als ein hoffnungsloses Chaos und eine wütige Verblendung zu betrachten.

11. Die jungen Dichter

Die Regierung hat ihnen ein Haus überlassen, das ehemalige Wohnhaus Alexander Herzens, und sie haben es umgeformt in eine Art Klub, wo sie einander begegnen, Freunde empfangen und bewirten können, lesen und arbeiten. Sie haben daraus gleichzeitig ein kleines Museum gemacht, das alle Bücher der jungen Generation, ihre Manuskripte und Bilder behütet, und ich hatte die Freude, dort ihr gemeinsamer Gast zu sein.

Seltsames Gefühl zwischen Vergangenheit und Gegenwart: vor einigen Monaten hatte ich noch in Versailles die achtzigjährige Tochter Alexander Herzens, Madame Monod, besucht und saß nun im staatlich gewordenen Hause ihres Vaters, dessen Standbild längst auf allen Plätzen prangt und Monument der Vergangenheit geworden ist, neben der Enkelin Tolstois, der jungen zarten und auf anmutigste Weise klugen Sophia Tolstoi-Jessenin, der Witwe des großen lyrischen Dichters Jessenin, der, dreißigjährig, vor zwei Jahren auf tragische Art aus dem Leben schied.

Ein langer Tisch vereinigt drei Dutzend junger Menschen, keiner über vierzig, die meisten unter dreißig Jahren, und in ihrer Gegenwart fühlt man etwas von der unerhörten Weite und Vielfalt dieses riesigen Reiches. Denn jede Provinz und jedes Volk der Union hat da irgendeinen aus sich herausgeholt. Da ist Boris Pilniak, der berühmte Romanschriftsteller, ein blonder Wolgadeutscher, aber schon so russisch geworden, daß er kein Wort seiner Vorvätersprache mehr versteht, neben ihm Wjesolowod Iwanow, dessen ›Panzerzug‹ als Buch und Drama in Rußland gleich erfolgreich ist, ein heller Sibirier mit rundem Kajakengesicht.

Da sitzt Grigol Robadkidse, Priestersohn aus Tiflis, der erste georgische Dichter, von dem in nächster Zeit ein sehr heißes und farbenprächtiges Buch in deutscher Sprache erscheint, da Abraham Effros, schwarzbärtiger orientalischer Moskauer, der trefflichste Kenner europäischer Kunst, da Liddin und Kiriloff und der prächtige Holzschneider Kraftchenko und neben ihm die noch unbekannten Dichter der neuen Kultursphären, Estländer, Eurasier, Armenier, Kaukasier, Ukrainer, ein buntes Gemenge, verbunden durch die gleiche Herzlichkeit der Gastfreundschaft und das unbezwingliche Element der Jugend.

Alle oder fast alle diese neuen jungen Dichter kommen aus dem Volke und fühlen sich ihm näher verwandt als die unseren; sie lesen in Soldatenschulen ihre Verse vor, sprechen in Volksversammlungen über Literatur, führen die Bauern durch die Museen. Sie gehen in dem einfachen Rock des Arbeiters, in den weißen Blusen der Bauern, keiner besitzt wahrscheinlich einen Smoking oder einen Frack, keiner von ihnen wohnt bequem und hat nur einen Schatten europäischer Honorare: aber sie genießen dafür das Glück eines weiten Publikums, das spontane Verbundensein mit dem letzten Urgrund ihrer Natur, die Kameradschaft mit jedem und allen.

Das ist ein Erlebnis. Jeder von ihnen kennt das Volk, seine Bedürfnisse und seine Gedanken aus eigener Anschauung, die meisten von tätiger Mitarbeit, und mit einem urtümlichen Abenteuertrieb rollen und pilgern sie zigeunerhaft frei von einem zum anderen Ende des russischen Landes. Es ist eine Freude, ihre Gesichter zu sehen, frisch und lebendig, eine Freude, ihre Bücher zu lesen, die überquellen von ganz neuen Kräften: die europäische Literatur wird noch manche Überraschungen von diesem aufsteigenden Rußland erleben.

12. Theater

Soll man Eulen nach Athen tragen und Kaviar nach Rußland? Soll man wirklich noch einmal erzählen, was das russische Theater selbst in der schwersten Zeit des Überganges geleistet und geschaffen hat? Das alles hat Joseph Gregor mit René Fülöp in seinem trefflichen Werk über die russische Bühne so ausführlich getan, daß ich mir’s ersparen kann. Und schließlich, man kennt einigermaßen Stanislawski, Tairoff und Meyerhold von ihren deutschen Gastspielen. Da bringen sie alles mit, ihre großen Schauspieler, wie Katschalow, Tschechow, Alice Coonen, sie haben längst unserer Generation die Meisterschaft ihrer Regie, ihre neuen schöpferischen Ideen gezeigt.

Nur eines können sie nicht mitbringen, was hier so ungemein den Eindruck verstärkt: das Publikum, das neue russische Publikum der sowjetistischen Zeit. Dichtgedrängte Reihen, kein leerer Platz allabendlich, eine einzige festgefügte, einheitliche Masse. Der Unterschied zwischen Parterre, Logen und höchster Galerie restlos aufgelöst, da und dort Arbeiter, Frauen, Fremde, Soldaten und die spärlichen Reste der Exbürgerschaft, alles farblos und vollkommen durcheinander gemischt. Keine steife Hemdbrust, kein harter Kragen, kein Décolleté, kein Smoking, keine schroff brennenden Farben – alles wie mit Sepia überstrichen oder leicht verschleiert. Aber was dieses Bild des Zuschauerraumes an Buntheit verliert, gewinnt es an Einheitlichkeit. Nirgends habe ich das Publikum eines Theaters dermaßen als grauen, metallischen Block, als Meer, als Masse zusammengeschmiedet empfunden, wie dort in den Theatern der verlorengegangenen Eleganz.

Gewiß: der Zuschauerraum liegt im Schatten der Gleichgültigkeit und Alltäglichkeit, er wirkt unfestlich, bloß als dicht angefüllter Menschenraum, aber man stelle sich’s vor, wie scharf, wie verwirrend, wie zauberhaft eben darum dann der Kontrast wird, wenn hinter der Rampe die doppelt wirksame Magie, die blendende Vielfalt der Dekorationen auftaucht. Der Luxus, bei uns seßhaft im Parkett und in den Logen, hier ist er hinübergeflüchtet auf die Bühne: da hat er seine letzte Freistatt auf russischer Erde, hier darf er sich – fremd und sagenhaft geworden im wirklichen Leben – als ein Historisches und Kostümhaftes verschwenderisch innerhalb der imaginären Zone entfalten. Hier und hier allein verstattet sich Rußland noch Verschwendung; nicht Amerika, nicht die Pariser Singspielhallen zaubern solche koloristische Pracht her wie ein Ballett in der Leningrader Oper, und nirgends wirkt ihre schwelgerische Traumhaftigkeit feenhafter und unwahrscheinlicher als hier, wo diese Phantasmagorie dem Grau des Täglichen traumhaft gegenübersteht.

Wirklich wie Niederstieg von oben in verschattete Zonen erlebt man dann die irdisch geschmückte Gestalt, etwa die neue zauberische Tänzerin, die Rußland geschenkt ist, die Semjonowa (der Name wird noch einmal Europa überstrahlen), zwanzig Jahre alt, gerade aus der Ballettschule in Tiflis gekommen und innerhalb eines Jahres schon Zauberin und Herrin der ganzen Stadt; wenn sie mit ihrem festen, elastischen Schritt, der nicht gelernt ist, sondern natürlich wie Saft aus der Rinde quillt, über die Bühne schreitet und im Wildsein eines Überschwanges sich flügelhaft aufwirbelt, dann bricht plötzlich über diesen armen gleichfarbigen, verdüsterten Alltag eine Art Licht herein, das diese Menschen taumeln macht.

Und an dem Glück, das sie Millionen spenden, spürt und begreift man, warum alle Künstler hier so leidenschaftlich und hingebungsvoll, so aufopfernd und selbstvergessend dem gemeinsamen Werke dienen, – sie verwalten nach Jahren des Leidens, der Entbehrung und der Ermüdung hier einzig noch die heilige Flamme der Freude. Vielleicht hätte Rußland trotz all seiner Geduld, trotz seiner bewundernswerten Beharrlichkeit diese Epoche der Prüfung auf seiner blutigen und zerschundenen Erde nicht so sieghaft überdauert, hätten nicht seine herrlichen Künstler ihm über seiner allzu normalisierten und mechanisierten Welt die traumhafte und magische der schöpferischen Phantasie für gelöste Stunden aufgebaut.

13. Tolstoifeier

Das große Theater in Moskau, gewiß das weiteste und außerdem auch eines der schönsten der Welt, riesigen Raum ohne kolossalische Geste bemeisternd, diskret in Tönung, blaßrot mit gespartem Gold – das Ideal einer Festbühne. Im Parkett und auf den Galerien viertausend Personen (Rußland denkt und feiert in anderen Dimensionen als wir) eine geduldig wartende Menge.

Um 6 Uhr soll die Feier beginnen, weshalb sie selbstverständlich um 7 Uhr beginnt, ohne daß ein einziges Scharren, eine einzige Unruhe sich regte. Auf der Bühne im runden Oval ein Tisch für das Komitee, in der Mitte Lunatscharski, der Minister und Gebieter der Kunstwelt, straffes energisch geballtes Gesicht über gesunden, grobgehauenen Schultern, neben ihm die Kamenewa, die Schwester Trotzkis, Leiterin der Kulturabteilung, damenhaft und diskret mit einer sehr sanften und ruhigen Stimme, deren Musikalität erst bei der Rede fühlbar wird. Dann der Sohn Tolstois, Sergei, ein stiller grauer Herr, eher Masaryk ähnlich als seinem Vater, dann Delegierte aus allen Reichen und Korporationen des Landes und die ausländischen Gäste.

Als erster tritt Lunatscharski an die Tribüne und spricht (frei wie jeder in Rußland) anderthalb Stunden lang mit der dramatischen Geschultheit eines Agitators. Er trennt wie mit der Messerschneide die Lehre Tolstois vom Dogma des Bolschewismus. Ich kann seiner russischen Rede natürlich nicht folgen, aber ich sehe an seinen hart taktierenden, energisch zustoßenden Fäusten, wie er das Rechts vom Links entschlossenteilt und damit gleich vom Anfang an wie ein Standbild die Stellung der Regierung vor das riesig aufragende Bildnis Tolstois setzt.

Nach ihm spricht Professor Sakulin für die Akademie, ein schöner, würdeeinflößender Graubart, gekleidet in die alte russische Bluse, dann kommen wir an die Reihe – eine schwere Aufgabe für uns, die wir vom Politischen her nicht geschult sind, mit sechs Scheinwerfern in den Pupillen, einem Mikrophon von der Lippe und einem kurbelnden Kinematographen knapp an der Schulter, vor viertausend Personen zu sprechen. Aber wie hilft einem dieses Publikum mit seiner wunderbar lauschenden unvergleichlichen Disziplin, mit dieser immer großartig wartenden, ewig neuen russischen Geduld; schon ist es zwölf Uhr, und seit sechs Uhr sitzen diese Menschen da, nur ab und zu zwischen den Reden durch Musik erfrischt, und keiner der Unersättlichen denkt an Fortgehen und rührt sich von der Stelle – Intellektuelle, Arbeiter, Soldaten, eine einzige dankbar horchende, aufnehmende, das Wort ehrfürchtig in sich eintrinkende Masse.

Am nächsten Tag dann Eröffnung des Tolstoi-Museums und des Tolstoi-Hauses, beide das Angedenken dieses Menschen mit fünfzigtausend Bildern und Erinnerungen noch dokumentarischer vergegenwärtigend als Weimar jenes Goethes. Mit tausend kleinen Nägeln wird seine Physiognomie dem Gedächtnis unverrückbar eingehämmert, man sieht Tolstoi zu Pferde, im Bett, bei der Arbeit, mit der Sichel, beim Spiel und am Pfluge, auf Reisen und daheim mit Kindern und Enkeln. Man sieht ihn als Knaben, als jungen Mann, als Soldaten, als Greis und Prophet, und nach zwei Stunden dieses Schauens kennt man keinen seiner persönlichen Bekannten in seiner physischen Form so unvergeßlich wie ihn.

Mir persönlich machten zwei Kleinigkeiten den stärksten Eindruck: in einer Glasvitrine ein schlichter grober Strick mit einem Brief dazu, von einer fremden Frau ihm zugeschickt, die das Weltverdüsternde und ewig Klagende seiner Bücher nicht ertragen konnte und ihm russisch konsequent diesen Strick ins Haus sandte, er sollte nicht länger sich selbst und damit die Menschheit mit seiner ewigen Unzufriedenheit und Empörung quälen und lieber rasch mit sich ein Ende machen; und ein zweites solches erschütterndes Lebensdokument, ein gestempeltes amtliches Papier, ein Frachtbrief, peinlich, sorglich ausgefüllt.

  • Adressat: Familie Tolstoi
  • Beschreibung der Verpackung: Kiste.
  • Inhalt: Eine Leiche.

So hat das offizielle Rußland die welthistorische Überführung der Leiche Leo Tolstois von seinem Sterbeort Astapowo zur letzten Heimkehr nach Jasnaja Poljana verewigt. Grausame Ironie – die Nichtigkeit alles Geistes vor dem amtlichen Blick, erschütternd durch seine Stupidität; das phantastischste Denkmal unseres irrsinnig wütenden Bürokratismus, das ich jemals gesehen.

Aber all dies ist nur Vorspiel und Vorklang, denn nicht in Rede und Schrift läßt sich die Erinnerung dieses Lebensbildes vollkommen erfassen, nicht in Photographien und Phonographen, nicht in künstlich geräumten und geordneten Museen, sondern erst am wahren Orte, wo er wurzelte, wo er geboren ward, wo er am längsten lebte und am meisten litt: in seinem Hause in Jasnaja Poljana.

14. Jasnaja Poljana

Nachtfahrt ins flache Land. Am frühen Morgen Tula und dann mit linden Wiesen, kleinen fülligen Wäldchen dieses eine winzige Dorf, berühmt unter Hunderttausenden Rußlands: Jasnaja Poljana.

Alexandra Lwowna, die jüngste Tochter Tolstois, empfängt uns und führt erklärend zuerst in die Dorfschule, wo heute ein Denkmal Leo Tolstois enthüllt werden soll. Vom Vater hat sie die massive Gesundheit, die breite, wuchtige Vitalität, die beinahe bäuerliche Festigkeit und die ungebändigte Arbeitsenergie; sie hat nicht früher gerastet, als bis diese Schule, die ihr Vater vor sechzig Jahren in einer Dorfscheune begonnen, nun blank und neu aufgebaut ward in steinernen Mauern, das schönste Monument seines pädagogischen Willens, Sammelpunkt seiner Lehre. Das ganze Dorf ist versammelt, uralte Bauern mit langem, glattgestrichenem Haar und vereisten Bärten: wie herausgeschnitten aus Ikonen sehen sie aus, die meisten haben Leo Tolstoi noch selbst gekannt, einige sind darunter, die, weil sie seinen Lehren gehorcht, in den Gefängnissen gesessen haben und nach Sibirien gewandert sind.

Neben ihnen junge Schüler in weißen Blusen, mit hellen, neugierigen Augen und grüßend, junge Mädchen, die ihre Kostüme schon bereithalten, um abends beim Bauerntanz die ländlichen Lieder den Gästen vorzuführen. Bei der Eröffnung gibt es einen schönen, starken Augenblick, wie Alexandra Lwowna sich erhebt und erklärt, in dieser Schule, die ihr Vater gegründet, dürfe niemals Militarismus und Atheismus gelehrt werden; dem widerspricht auch Lunatscharski nicht im Namen der Regierung, obwohl er nochmals mit seiner hämmernden, harten Energie den aktivistischen Standpunkt seiner Anschauung gegenüber dem passiv christlichen Tolstois energisch betont.

Dann zu Fuß, bis an die Knöchel einsinkend, nein, bis an die Knie, durch den fetten Lehm einer unergründlichen russischen Dorfstraße hin zum Schloß. Aber ist es wirklich ein Schloß? Beinahe lächelt man, wenn man sich der selbstanklägerischen Übertreibung Tolstois erinnert, der in seiner Bußhypertrophie immer ausschrie, er lebe »im Luxus«, er bewohne ein fürstliches Haus. Denn wie unschloßhaft ist dieser niedere, weißgetünchte Ziegelbau mit seinem kleinen Gärtchen, mitten im Walde, wie einfach und primitiv die Einrichtung.

Der Frankfurter Kaufmannssohn Goethe, der schuldengehetzte Schreiber Balzac, sie haben in Weimar und Passy wie die Fürsten gewohnt im Vergleich zu diesen niederen, kahlen, mit billigem und oft zufälligem Kram gefüllten Gelassen. Knarrende Holzstiegen führen hinauf zu den Zimmern mit ihren schlecht gebohnten Weißholzdielen, der Schlafraum zeigt schmale, fast militärische Eisenbetten mit einfachsten Leinendecken, das Speisezimmer billige Thonet-Möbel oder dorfgezimmerte Ware, abends nur von Petroleumlampen mühselig erhellt.

Kein einziger Gegenstand von Wert und wirklicher Kostbarkeit; an den Wänden verblaßte, schlecht gerahmte Photographien, auf den Gestellen Broschüren und kaum geordnete Bücher, kunterbunt auf dem Schreibtisch eine Grammophonwalze, die ihm Edison schickte, und ein gehämmerter Stein, den die Fabrikarbeiter ihm schenkten am Tage, als er aus der russischen Kirche austrat – eine wahrhaft spartanische Einfachheit, ohne das geringste Bemühen nach Bequemlichkeit und Fülle des Daseins. Eine Wachstuchottomane in seinem Arbeitszimmer als einzige Stelle der Rast, sie ist gleichzeitig das Bett, auf dem Tolstoi selbst und alle seine Kinder geboren wurden, dann ein Schachbrett und ein Klavier als einzige Zeichen der Ablenkung und geistiger Entlastung. Drückend und grau, wie sein eigenes Werk, und doch erschütternd durch seinen heroischen Ernst mutet es an, dieses triste, einstöckige Haus, nur die Fülle der Erinnerungen belebt es, einzig nur das Erinnern an seine fortgegangene Gestalt.

Denn jedes winzige Ding hat noch seelisches Gewicht von seiner Legende. Hier vor dem Hause steht noch riesenhaft gewölbt, mit der kleinen Klingel daran, der »Baum der Armen«, wo alltäglich die Pilger und Bauern nachmittags den großen Dichter erwarteten. Hier im Arbeitsgemach unten im Kellerraum (in dem kein europäischer Schriftsteller heute seine Dienstboten wohnen ließe) steckt noch der Nagel in der Wand, an dem Tolstoi sich im Jahre der Krise erhängen wollte.

Und mit unendlicher Ehrfurcht betrachtet man die nun welthistorisch gewordene Treppe vor dem engen Schlafraum, die der Dreiundachtzigjährige um vier Uhr morgens, plötzlich aufgeRißen von seinem übermächtigen Gewissen, hinablief in den Stall, um seiner Heimat, seiner Familie zu entflüchten in seinen einzig heroischen Tod: hier atmet man Geschichte eines Gewaltigen in der Luft seines Lebens, und das Unvergängliche seines Werkes macht all die kleinen Vergänglichkeiten seines Heimes und seiner Hausung der aufgerüttelten Seele erschütternd und groß.

15. Ausflug nach Leningrad

Diese zweite Hauptstadt Rußlands bedeutet nicht Ergänzung Moskaus, sondern ihr Widerspiel. So willkürlich entstanden aus Zufall und Volksansammlung Moskau, so zielhaft und willensmächtig, so planhaft und kategorisch gestaltet wirkt die alte Zarenstadt; jene aus eigenem Antrieb gewachsen, diese von einem plötzlichen despotischen Willen diktiert, jene nach Asien blickend bis in die fernen Horizonte der Tatarei und Chinas, diese nach Europa. Nichts hier von dem architektonischen Durcheinander, das in Moskau alle Stile und Kostüme der Baukunst in einen steinernen Maskenball zusammengedrängt, nein, man spürt es sofort, hier hat ein einziger autokratischer Wille eine Stadt plötzlich gewollt und genau in die Vision seines Willens gestaltet, ihr Herr und Ahnherr, Peter der Große.

Sein Vorbild war Amsterdam. Aber mit dem Vorgefühl der russischen Weltweite hat er vor dreihundert Jahren schon die Dimensionen ins Amerikanische gesteigert; wo dort schmale Grachten, strömen hier breite Kanäle, wo dort europäische Straßen, spannen sich hier prunkvolle Boulevards und riesenhafte radiale Plätze. Die russische Raumverschwendung, hier hat sie sich im harten Stein einmal sinnlich ausleben können, und nach drei Jahrhunderten erscheinen unserem durch New York und das napoleonische Paris doch schon ans Kolossalische gewohnten Blick diese Marmorbauten und Fronten, diese platzbreiten Avenuen noch immer monumental.

Kein europäischer Herrscher hat sich ein solches Haus gebaut wie das Winterpalais, rechts flankiert von der stumm strömenden Newa, links großartig isoliert durch den runden Kolonnadenplatz, dessen Maße dem mächtigsten Gebäude dieser Erde, der Peterskirche, entnommen scheinen; und wie bedauert man, es nicht zur Zarenzeit noch gesehen zu haben, wenn tausend Karossen mit bepelzten Dienern sich hier aneinanderreihten, klirrende Regimenter mit dem Farbenspiel der Uniformen ihre Paraden entfalteten!

Aber gleich phantastisch auch der Tag, wo die bewaffnete Arbeiterschaft, aus den Elendsquartieren zusammengerottet, trotz Maschinengewehrfeuer in diese Kolonnaden einbrach, während gleichzeitig das aufrührerische Kriegsschiff ›Aurora‹ mit gebleckten Kanonen die Fenster des Winterpalais visierte, wo, von beiden Seiten mit eherner Zange gepackt, das tausendjährige Zarentum wie eine Nuß zerknackte. Gerade hier, an jener bildhaften Stelle, wo der Zar Peter das eherne Petschaft seines Herrscherwillens in den weichen, sumpfigen Lehm des Landes drückte, ist das alte Rußland zerbrochen worden, und dieses Petersburg, dann Petrograd und nun triumphierend Leningrad benannt, ist heute bloß ein historisches Denkmal seiner verschollenen Schicksalsmacht.

Keine Stadt ist von dem Zarentum so kraftvoll emporgetragen worden, keine hat unter dem neuen Rußland stärker gelitten. Denn diese Stadt war für Prunk und Luxus bestimmt, für Fürsten und Großfürsten, für die Eleganz der Garderegimenter und die Verschwendung des russischen Reichtums; darum wirkt Leningrad jetzt doppelt verarmt, widersinnig und tragisch. Nicht nur sein Reichtum ist ihm genommen, seine Gesellschaft, seine Schiffahrt, sondern auch die Ministerien, Bureaux und vor allem sein Blut, seine Menschen. Denn so überlebendig, so zukunftsfreudig Moskau jetzt anmutet, so ausgelaugt, so abgeklungen, so petrifiziert das alte Petersburg. Theatralisch, ja majestätisch, hebt sich noch immer die großartige Kulisse aus Stein, aber das Licht ist verloschen, die Schauspieler abgetreten.

Unverändert breit und mächtig strömen die asphaltierten Boulevards durch die Stadt, der Newskiprospekt vor allem, sieben Kilometer lang und so breit wie die Champs-Élysées, aber man könnte abends beruhigt dort Tennis spielen auf dem verlassenen Asphalt, denn ganz selten nur kreuzt ein Wagen oder ein holperndes Automobil seine leere Bahn. Mit der Verlegung der Hauptstadt, mit der Wegnahme der Ministerien und Bureaux ist die Bevölkerung von drei Millionen auf siebenhunderttausend gesunken und füllt sich jetzt langsam wieder auf eine und eine halbe Million empor. Aber wieviel Jahre werden vergehen, ehe wieder diese Esplanaden hell leuchtend aufwachen, ehe diese breiten herrlichen Paläste wieder in sich Glanz aufsaugen; für Jahrzehnte ist dieser Stadt ihr Schicksal gesprochen.

Ein Wille hat sie geschaffen, und sie ist groß geworden, solange dieser Wille, dieser Absolutismus noch mächtig und schöpferisch war: die beiden einzigen genialen Zaren, Peter und Katharina, haben sie in die Welt diktiert und einheitlich durch die Hand zweier italienischer Meister, Rossi und Rastrelli, zu einem der mächtigsten Monumente der Erde gemacht. Dann kamen die müden Zaren, die schwachen, die kunstfremden, die lebensfremden. Sie konnten nur erhalten, ängstlich bewahren und kleinmütig fortsetzen, und mit ihrem Sturz hat diese Stadt ihren lebendigen Sinn verloren.

Aber gerade im sinnlichen Anschauen erkennen wir am besten das Historische; und nirgends begreift man besser, als in dieser tragischen Stadt, grandeur et décadence des russischen Zarentums, seine Größe und seinen Untergang. Und man geht beinahe wie durch die hallenden Tempeltrümmer von Luxor durch diese vor einem Jahrzehnt noch prunkenden Kolonnaden, die nun sinnlos ragen inmitten nivellierter Welt, gerade noch bewohnt, aber nicht wahrhaft belebt, ein stummes Gehäuse, brausend bloß von Vergangenheiten, großartig als Geschichte, tragisch als Gegenwart.

16. Schatzkammer der Eremitage

Daß ich die Eremitage wirklich gesehen habe, werde ich nie den Mut haben, zu behaupten: ich bin nur in allen ihren Sälen gewesen. Denn sie wirklich sehen, forschend sehen, eindringlich betrachten, wer vermag das in einem Tage, wer vermag das in einer Woche? Vergessen wir’s nicht über dem gleichgebliebenen Namen: die Eremitage, schon vor dem Kriege ein Museum, so groß wie das Louvre oder die von London und Berlin, hat seit der Revolution sich zum Kubus ihrer selbst entfaltet durch die Expropriation des ganzen russischen Kunsteigentums.

Man denke sich einmal vergleichsweise aus, die Wiener Galerie hätte mit einem Happ die Liechtensteinische, die Harrachsche, die Czernin-Galerie, alle privaten Wiener Sammlungen und dazu noch alles, was an Kostbarkeiten und Kunstgegenständen sich in den tausend Kirchen und Klöstern Altösterreichs einzeln aufbewahrte, in sich hineingeschluckt – dann ungefähr hätte man eine vage Vorstellung von der phantastischen Erweiterung, die die Eremitage während dieser Zeit dank der kommunistischen Privatenteignung erfahren.

Selbstverständlich hat sie ihre Räume gesprengt, sie ist durchgebrochen ins nachbarliche, tausendfenstrige Winterpalais und füllt nun alle Wohnräume, Prunkräume und Empfangssäle der Zarendynastien: man kann, ohne zu übertreiben, ihre Ausdehnung nach Kilometern berechnen, und schon das bloße Durchwandern (geschweige das wirkliche Schauen) bedeutet eine physische Arbeitsleistung.

So habe ich den gütigen Direktor, der mich begleitete, ersucht, mir nur das Allerwichtigste zu zeigen, ich bin bewußt durch vierzig und fünfzig Säle mit geschlossenen Augen gegangen, nur um bei den Rembrandts zu verweilen, denen vielleicht einzig jene vom Haag und von Kassel ebenbürtig sind, und bei den Watteaus und Fragonards, diesen außerhalb von Paris sonst fast Unauffindbaren. Nur Wesentlichstes, bat ich, von dieser Fülle betäubt, wollte ich sehen, nur etwas, das nur hier und nirgends anders zu finden wäre. Und so zeigte man mir das Unvergleichlichste dieser Sammlung, gerade das, was sonst nicht gezeigt wird: die Schatzkammer.

In einem ebenerdigen Saal, unscheinbar seitlich versteckt, eine schwer gepanzerte Tür. Sie ist versiegelt, wir müssen warten, bis einige andere Beamte zur Stelle sind als protokollierende Zeugen, dann erst löst man den magischen Verschluß. Geräuschlos dreht sich eine schwere Tresortür und verschließt sofort wieder den engen Raum. Ein Druck jetzt auf verborgenen Schalter, grell schießt Licht in die Glühbirnen, und Gold funkelt einem in die Augen. Gold, pures, reines Gold, kunstvoll geschmiedete Wucht, jahrhundertealt, jahrtausendealt, aus mythischen Gräbern geholt, aus den Siedlungen der Griechen in der Krim, von den Lagerstätten der Skythen gewonnen, eine Urkunst, deren Zeit und Ursprung man kaum ahnt, nirgends zu sehen als hier in gleicher Fülle und Vollendung.

Skythen, Barbaren haben vor mehr als zweitausend Jahren diese Herrlichkeiten gefertigt, und mit leisem Mißtrauen, plump Verzerrtes, ungelenk Barbarisches zu sehen, tritt man an die Schränke und erstaunt: denn hier sind Werke feinsten Filigrans, vielleicht mit glühenden Nadeln in jahrelanger Arbeit gebosselt, Jagddarstellungen von zauberischer dekorativer Kraft, magische Amulette und goldene Totenmasken, geformt über den Antlitzen verstorbener Könige, feinste Proportionen irdischer Gesichter, eine Barbarenkunst, aber nicht minder kunstreich, raffiniert und werktüchtig als die des frühen Mittelalters und nur vielleicht noch den deutschen Goldschmieden, den italienischen Kleinskulptoren der Renaissance vergleichbar.

Dazwischen massige Gefäße aus wuchtigem Gold, kaum aufzuheben, so schwer. Sie wurden in der Krim, dem alten Pontus, entdeckt, ohne daß man heute noch den Ursprung der Gruben ahnt, aus denen jene Völker die kostbaren Metalle geholt. Daneben edelsteinbesetzte Kronen, Wehrgehenke, Kämme und Ringe, der phantastischste Reichtum von Völkern, die hordenhaft auf Pferden lebten, in rauchigen Hütten kauerten, aber doch durch alle Dumpfheit der Existenz schon magische Formen der Schönheit erahnten und gestalteten.

Und im Nebenraum, kaum daß das Licht aufbrennt, blitzen Hunderttausende Steine mit: die Juwelenkammer. Türkische Säbel, von der Schneidespitze bis zum Griff überpflastert mit Diamanten, Smaragden, Rubinen, Chrysopasen, die Diademe Katharinas mit gelben Diamanten und riesengroßen weißen, aber die meisten leise farbig unterlegt, so daß, wenn man sie seitlich betrachtet, ein rosa oder ein blauer oder grüner Glanz wie Schmetterlingsschatten über ihnen schwebt; Pferdeschabracken aus kostbaren Stoffen, ganz durchsternt von Juwelen; Dosen, Uhren, Zepter, alle Arten von Spielzeug und Kleinodien und alle, alle märchenhaft übersät von diesen Tausenden unschätzbaren Steinen, für deren jeden einzelnen man ein ganzes russisches Dorf kaufen konnte mit all seinen Bauern als Leibeigenen, all seinen »Seelen«, und genug, in ihrer Gesamtheit noch heute notfalls dieses Riesenreich für Jahre zu ernähren.

Und hier, in dieser Schatzkammer, in diesem fürstlichen, überkaiserlichen, also zarischen Palast, in dieser ganzen, aus rasendem Reichtum und wahnsinniger Verschwendung gebauten Stadt begreift man erst die für europäische Begriffe niemals faßbare Gespanntheit zwischen dem einstigen übergangslosen Oben und Unten in Rußland, zwischen der irrwitzigen und gotteslästerlichen Verschwendung der Zaren und jener abgründigen, fast teuflischen Armut der moskowitischen Hungerdörfer.

Mit einem Herzriß fühlt man die weltweite Spannung zwischen Reich und Arm, die hier innerhalb von zwei Jahrhunderten sich ins Titanische gereckt. Und man begreift, warum sie so gewaltsam und mit einem so ungeheuren Ruck endlich einmal zerreißen mußte. Immer versteht man die Geschichte eines Volkes wahrhaft nur an Gestalten seines Blutes und in seiner unmittelbaren Gegenwart: und nirgends darum das Organische der russischen Revolution besser als in den Schatzkammern und Prunkpalästen der Zaren, in Zarskoje Selo und im Winterpalast.

17. Das schönste Grab der Welt

Nichts Großartigeres, nichts Ergreifenderes habe ich in Rußland gesehen als Tolstois Grab. Abseitig und allein liegt dieser erlauchte Pilgerort kommender ehrfürchtiger Geschlechter, eingeschattet im Wald. Ein schmaler Fußpfad, scheinbar planlos hinstreifend durch Lichtung und Gebüsch, führt hin zu diesem Hügel, der nichts ist als ein kleines gehäuftes Rechteck aus Erde, von niemandem bewacht, von niemandem gehütet, nur von ein paar großen Bäumen beschattet. Und diese hochragenden, sanft vom Frühherbstwind gewiegten Bäume hat Leo Tolstoi, so erzählt mir seine Enkelin, selber gepflanzt.

Sein Bruder Nikolai und er hatten als Knaben von irgendeiner Amme oder Dorffrau die alte Sage gehört, wo man Bäume pflanze, da werde ein Ort des Glückes sein. So hatten sie spielhaft ein paar Schößlinge irgendwo auf ihrem Gute in die Erde eingesenkt und dieses Kinderspiels bald vergessen. Erst später entsann sich Tolstoi dieses Kindheitsbegebnisses und der sonderbaren Verheißung von Glück, die dem Lebensmüden plötzlich eine neue und schönere Bedeutung bekam. Und er äußerte sofort den Wunsch, unter jenen selbstgepflanzten Bäumen begraben zu sein.

Das ist geschehen, ganz nach dem Willen Tolstois, und es ward das schönste, eindrucksvollste, bezwingendste Grab der Welt. Ein kleiner rechteckiger Hügel im Wald, von Blumen übergrünt – nulla crux, nulla corona – kein Kreuz, kein Grabstein, keine Inschrift, nicht einmal der Name Tolstoi. Namenlos ist der große Mann begraben, der wie keiner unter seinem Namen und Ruhm litt, genau wie irgendein zufällig aufgefundener Landstreicher, ein unbekannter Soldat.

Niemandem bleibt es verwehrt, an seine letzte Ruhestätte zu treten, der dünne Bretterzaun ringsum ist nicht verschloßen – nichts behütet Leo Tolstois Ruhe als die Ehrfurcht der Menschen, die sonst so gern mit ihrer Neugier die Gräber der Großen verstört. Hier aber bannt gerade die zwingende Einfachheit jede lose Schaulust und verbietet lautes Wort. Wind rauscht in den Bäumen über dem Grab des Namenlosen, Sonne spielt warm drüber hin, Schnee legt sich winters zärtlich weiß über die dunkle Erde, man könnte Sommer und Winter hier vorübergehen, ahnungslos, daß dieses kleine emporgeschichtete Rechteck das Irdische eines der gewaltigsten Menschen unserer Welt in sich genommen hat.

Aber gerade diese Anonymität wirkt erschütternder als aller erdenkliche Marmor und Prunk: von den Hunderten von Menschen, die heute [1928] dieser Ausnahmstag hieher an seine Ruhestätte führte, hatte nicht ein einziger den Mut, auch nur eine Blume zum Andenken von dem dunklen Hügel zu nehmen. Nichts wirkt in dieser Welt, man fühlt es wiederum, so monumental wie die letzte Einfachheit. Nicht Napoleons Krypta unter dem Marmorbogen des Invalidendoms, nicht Goethes Sarg in der Fürstengruft zu Weimar, nicht Shakespeares Sarkophag in der Westminsterabtei erschüttern durch ihren Anblick so um und um das Menschlichste in jedem Menschen wie dieses herrlich schweigende, rührend namenlose Grab irgendwo im Walde, nur vom Wind überflüstert und selbst ohne Botschaft und Wort.

18. Epilog

Von der Unendlichkeit, die Rußland darstellt, hat man in knapp zwei Wochen gerade nur einen Blitz und Schimmer gefühlt. Als entscheidender Eindruck bleibt: wir haben alle unbewußt oder bewußt an Rußland ein Unrecht getan und tun es noch heute. Ein Unrecht durch Nichtgenugwissen, Nichtgenuggerechtsein. Denn wie es erklären, daß wir alle unserer Generation zehnmal in Paris, zehnmal in Italien, Belgien, Holland, daß wir in Spanien und Nordland überall gewesen sind und aus einem törichten läßlichen Hochmut nie einen Blick ins Russische getan?

War es gestern bei den einen Vorurteil gegen den Zarismus, so heute bei den anderen Widerstand gegen den Bolschewismus: aber jedenfalls haben wir allzulange die ungeheure Vielfalt der russischen Leistung nachlässig aus unserem Blickfeld gelassen –, eines der genialsten und interessantesten Völker dieser Erde, zwei Eisenbahnnächte und zwei Eisenbahntage von unserem eigenen Lebensraum und doch in all seinen Werken und Wohnstätten den meisten Europäern unbekannt. Wieviel hat uns dieser westliche Hochmut gekostet, denn wie wenige sind heute unter uns im geistigen Europa, die aus eigener Anschauung und Erfahrung dieses neue Rußland mit dem alten gerecht zu vergleichen wissen, wie wenige darum auch, die ein Anrecht haben, jetzt autoritativ ein Urteil über dieses kühnste soziale Experiment zu wagen, das je ein Volk mit sich selbst versucht.

Die Hälfte aller Urteile über das gegenwärtige Rußland sind leider heute Vorurteile, das heißt, vor das eigene Blickfeld geschobene starre Standpunkte, die andere Hälfte Nachurteile, das will sagen, anderen nachgeredete Meinungen. Und erfahrungsgemäß ändern solche persönlichen Prophezeiungen so wenig wie Zimmerprognosen das wirkliche Wetter, den unerschütterlichen Gang der Geschichte. Ich habe bewußt in diesen Notizen nichts dergleichen versucht und dies nicht aus Feigheit der Meinung, sondern aus bewußter Überzeugung von unser aller Unzuständigkeit. Wo ein ganzes Volk seit anderthalb Jahrzehnten so großartig duldet und mit heroischer Leidenschaft um einer Idee willen unzählige Opfer auf sich nimmt, scheint es mir wichtiger, zur Bewunderung des Menschlichen als zu politischen Einstellung aufzurufen, und angesichts eines so ungeheuren geistigen Lebensprozesses der bescheidene Platz des Zeugen redlicher als der verwegene des Richters.