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Prä-Political-Correctness: Hongkong nach Nordirland umsiedeln?

Peter Mühlbauer 07.07.2015

Ein vom britischen Nationalarchiv veröffentlichter 32 Jahre alter Schriftwechsel zeigt, daß man früher deutlich freier scherzen konnte

Letzten Monat wurde der Nobelpreisträger Timothy Hunt seiner Ehrenämter entkleidet, weil er Scherze machte, die eine “Aktivistin” nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Später bekannt gewordene Notizen zeigten, daß Hunt nicht einmal sehr mißlungen gescherzt hatte, sondern in einer Weise, die früher kaum dazu getaugt hätte, einen Wettbewerb der Empörung auszulösen.

daß die Macht von Tabus in den letzten Jahren stark zunahm und die Möglichkeiten des Humors entsprechend litten, illustriert auch ein 32 Jahre alter Schriftverkehr zwischen Beamten und einem auf Moral, Zensur und Humor spezialisierten Soziologieprofessor an der University of Reading, den das britische Nationalarchiv am Freitag freigab. Obwohl dieser Schriftverkehr in seinen besten Momenten fast die Qualität von Jonathan Swifts Modest Proposal, der Serie Yes Minister oder Evelyn Waughs wunderbarer Groteske Scoop erreicht, nahm ihn beispielsweise das US-Wirtschaftsmagazin Forbes anfangs für bare Münze.

Dem Schriftwechsel begann mit einem Artikel im Belfast News Letter, in dem der Humorsoziologe Christie Davies vorschlug, daß man das damals in 13 Jahren bevorstehende Problem der Rückgabe Hongkongs an China dadurch löst, daß man die fünfeinhalb Millionen Hongkong-Chinesen auf einer Halbinsel in Nordirland ansiedelt – einem von 1,8 Millionen Menschen bewohnten Landesteil des Vereinigten Königreichs, der damals seit 13 Jahren vom Terror religiöser Fanatiker erschüttert wurde.

Die kleine Halbinsel, die am Lough Foyle eine Meerenge zur Republik Irland bildet, diente Davies als Szenario für seinen satirischen Vorschlag. Karte: CIA
Der offenbar von den Fanatikern entnervte Nordirlandbeamte George FerGußon stieg auf den Scherz ein und schrieb seinem im britischen Außenministerium tätigen Kollegen David Snoxell, es könne durchaus Vorteile haben, den Vorschlag “ernst zu nehmen” – führte dann aber Punkte auf, die klarstellten, daß er genau das nicht meinte und machte:

Die Maßnahme, so FerGußon, könne die nordirischen Protestanten davon überzeugen, daß London keineswegs mit dem Gedanken spiele, das Gebiet an Irland abzugeben. Die Ansiedlung von 50 Chinesen aus Vietnam, die von dort als so genannte Boat People geflüchtet waren, zeige, daß die Han das nordirische Klima vertragen.

Weil die Hongkong-Chinesen aber traditionell Fischer seien, müsse, so Snoxell, vorher aber unbedingt noch ein Fischereirechtsstreit mit Irland zugunsten des UK geklärt werden. Außerdem warf der Außenministeriumsbeamte ein, die Maßnahme könne sich “als so nützlich erweisen”, daß die nordirischen “Indigenen” nach der Ansiedlung der Chinesen massenhaftmit Booten flüchten – zum Beispiel nach Südostasien. Die dortigen Länder hätten aber vielleicht gar nichts gegen eine Zuwanderung von “gottesfürchtigen” und “gesetzestreuen” Leuten” mit einem “natürlichen Fleiß”.

Der mittlerweile pensionierte Soxell meinte am Wochenende auf seine damaligen Dienstkunstwerke angesprochen, so etwas sei heute nicht mehr möglich, weil der Diplomatische Dienst seinen Humor verloren habe. Das sei bedauerlich, weil der Humor seinen Worten nach Kontakte ermöglichte, die es sonst nicht gegeben hätte.