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Pepe Escobar: Die Geburt eines Eurasischen Jahrhunderts: Rußland und China gestalten Pipelineistan

Das Pentagon hat seine eigene Version davon, die nicht so sehr gegen Rußland, sondern China gerichtet ist, von dem seine Denkfabrik zur künftigen Kriegsführung behauptet, es sei bereits im Krieg mit Washington in einer Reihe von Arten. Also, wenn es nicht Apokalypse Now ist, ist’s eben morgen Armageddon. Und selbstverständlich ist alles, was schief läuft, indem die Obama-Regierung sehr öffentlich gen Asien “schwenkt“ und die amerikanischen Medien sich mit der Rede von einer Wiederbelebung der “Eindämmungspolitik” des Kalten Kriegs im Pazifik füllen, Chinas Schuld.

Eingebettet in dem irren Schuß Richtung Kalter Krieg 2.0 befinden sich einige lächerliche Fakten am Boden: die US-Regierung, mit 17.5 Billionen USD Staatsverschuldung, Tendenz steigend, erwägt eine finanzielle Kraftprobe mit Rußland, dem weltweit größten Energieproduzenten und eine wichtiger Atommacht, so wie es auch eine wirtschaftlich untragbare militärische Einkreisung des größte Gläubigers, China, fördert.

Rußland unterhält einen beträchtlichen Handelsüberschuss. Riesige chinesische Banken werden keine Probleme haben, russischen Banken zu helfen, wenn westliche Gelder versiegen sollten. Im Sinne der Zusammenarbeit zwischen den BRICS-Nationen schlagen nur wenige Projekte eine 30 Milliarden Öl-Pipeline in der Planungsphase, die sich von Rußland nach Indien über Chinas Nordwesten erstrecken wird. Chinesische Unternehmen diskutieren bereits eifrig die Möglichkeit der Teilnahme an der Schaffung eines Transportkorridors von Rußland in die Krim sowie an einem Flughafen, einer Werft und einem Flüssigas-Terminal. Und noch ein thermonuklearer” Schachzug in der Mache: die Geburt einer Erdgas-Entsprechung der Organisation Erdöl exportierender Länder, die Rußland, den Iran und den angeblich unzufriedenen US-Verbündeten Katar umfassen würde.

Der (unausgesprochene) BRICS-Langzeitplan beinhaltet die Schaffung eines alternativen Wirtschaftssystems mit einem Korb goldgedeckter Währungen, der das gegenwärtige Amerika-zentrierte Weltfinanzsystem umgehen würde. (Kein Wunder, daß Rußland und China so viel Gold anhäufen, wie sie nur können.) Der Euro – eine solide Währung, die von großen liquiden Rentenmärkten und großen Goldreserven gedeckt wird – wäre auch willkommen, dabei zu sein.

Es ist kein Geheimnis in Hongkong, daß die Zentralbank Chinas ein paralleles SWIFT-Netzwerk benutzte, um jede Art von Handel mit Teheran durchzuführen, das sich unter einem schwerlastigen US-Sanktions-Regime befindet. Indem Washington mit Visa und Mastercard als Waffen in einer wachsenden wirtschaftliche Kampagne im Kalten Kriegsstil gegen Rußland schwingt, ist Moskau dabei, ein alternatives Zahlungs- und Kreditkartensystem einzuführen, welches nicht von der westlichen Finanz gesteuert wird. Ein noch einfacherer Weg wäre, das chinesische Union Pay-System zu übernehmen, dessen Operationen bezüglich des globalen Volumens bereits American Express überholt haben.

Ich schwenke bloß mit mir selbst

Keine “Schwergewichtsverlagerung“ der Obama-Administration gen Asien, um China einzudämmen (und es mit der Kontrolle der US-Navy über die Energie-Seewege zu diesem Land hin zu drohen), dürfte Peking von seiner Deng Xiaoping inspirierten, als “friedliche Entwicklung” beschriebene Strategie abrücken lassen, die es in ein weltweit führendes Handelskraftpaket verwandeln soll. Auch werden die Stationierungen von US- oder NATO-Truppen in Ost-Europa oder andere solche Kalte Kriegs-mäßige Handlungen Moskau wahrscheinlich nicht vor einem sorgfältigen Balanceakt abschrecken: sicherstellen, daß der Einflußbereich Rußlands in der Ukraine stark bleibt, ohne Handel und Gewerbe, wie auch die politischen Beziehungen mit der Europäischen Union zu kompromittieren – vor allem mit dem strategischen Partner Deutschland. Dies ist Moskau Heiliger Gral; eine Freihandelszone von Lissabon bis Wladiwostok, die sich (nicht zufällig) in Chinas Traum von einer neuen Seidenstraße nach Deutschland spiegelt.

Washington immer überdrüssiger werdend, verabscheut Berlin für seinen Teil die Vorstellung eines Europas, das in den Krallen eines Kalten Krieg 2.0 gefangen ist. Deutsche Führungskräfte haben Wichtigeres zu tun, inklusive des Versuchs, eine wackelige EU zu stabilisieren, während ein wirtschaftlicher Zusammenbruch in Süd- und Mitteleuropa und der Vormarsch von immer mehr rechtsextremen Parteien abgewehrt werden muß.

Wenn die Streitigkeiten zwischen China und seinen Nachbarn im Südchinesischen Meer und zwischen diesem Land und Japan auf den Senkaku-/Diaoyou-Inseln auf die Krise in der Ukraine trifft, wird die unvermeidliche Schlußfolgerung sein, daß Rußland und China ihre Grenzgebiete und Seewege in Privatbesitz befindlich betrachten, und sie werden die Herausforderungen nicht ruhig hinnehmen – sei es via der NATO-Erweiterung, US-Militär-Einkreisung oder über Raketenschilde. Weder Moskau noch Peking sind auf die übliche Form der imperialistischen Expansion aus, trotz der Version der Ereignisse, die jetzt der West-Öffentlichkeit zugeführt wird. Ihre “roten Linien” bleiben der Natur nach im Wesentlichen defensiv, einerlei des Getöses, das bisweilen bei der Sicherung von ihnen mit dabei ist.

Auf der anderen Seite des Atlantiks zeigen Präsident Obama und seine Spitzenbeamten alle Anzeichen, sich zunehmend im eigenen Herumschwenken zu verstricken – gen Iran, gen China, gen Rußlands östliche Grenzgebiete, und (unter dem Radar) gen Afrika. Die Ironie dieser ganzen Militär-Zuerst-Manöver ist, daß sie tatsächlich Moskau, Teheran und Peking helfen, ihre eigene strategische Tiefe in Eurasien und anderswo auszubauen, wie in Syrien reflektiert wird oder noch wichtiger bei immer mehr Energie-Vereinbarungen. Sie werden auch dabei helfen, die wachsende strategische Partnerschaft zwischen China und dem Iran zu zementieren. Die unerbittliche Erzählung des Wahrheitsministeriums Washingtons über all diese Entwicklungen ignoriert nunmehr die Tatsache, daß der “Westen” sich ohne Moskau nie hingesetzt hätte, um ein endgültiges Atomabkommen mit dem Iran zu besprechen oder ein Chemiewaffen-Abrüstungsabkommen aus Damaskus zu bekommen.

Was immer Washington wollen, befürchten oder verhindern versuchen könnte, die Tatsachen auf den Boden legen nahe, daß Peking, Moskau und Teheran in den kommenden Jahren langsam, aber sicher nur näher aneinander heran wachsen werden, eine neue geopolitische Achse in Eurasien erschaffend. Unterdessen scheint ein verwirrtes Amerika dem Rückbau der eigenen unipolaren Weltordnung zu helfen, während es den BRICS ein echtes Zeitfenster für die Gelegenheit bietet, um zu versuchen, die Regeln des Spiels zu ändern.

Rußland und China im Schwenk-Modus

In Washingtons Think-Tank-Land hat die Überzeugung gegriffen, daß sich die Obama-Regierung bei der Wiederaufführung des Kalten Krieges auf eine neue Version der Eindämmungspolitik zur “Begrenzung der Entwicklung Rußlands als Hegemonialmacht” fokussieren sollte. Das Rezept: bewaffne die Nachbarn von den baltischen Staaten bis hin zu Aserbaidschan, um Rußland “einzudämmen”. Der Kalte Krieg 2.0 ist im Gange, da aus der Sicht der Eliten Washingtons der erste nie aus der Stadt verschwand.

Doch so sehr die USA auch die Entstehung einer multipolaren Multi-Mächte-Welt bekämpfen mögen, deuten wirtschaftliche Fakten vor Ort regelmäßig auf solche Entwicklungen hin. Die Frage bleibt: Wird der Niedergang des Hegemon langsam und angemessen würdevoll sein, oder wird die ganze Welt in dem, was die “Samson-Option“ genannt werden könnte, mit in den Abgrund gezogen werden?

Während wir beobachten, wie sich das Schauspiel entfaltet, ohne daß ein Ende in Sicht wäre, behalten Sie im Hinterkopf, daß eine neue Kraft in Eurasien erwächst, bei der die chinesisch- Russische strategische Allianz droht, sein Kernland zusammen mit den großen Strecken des Innenrands zu dominieren. Nun, das ist ein Alptraum von Mackinder-haften Proportionen aus Washingtons Sicht. Denken Sie zum Beispiel daran, wie Zbigniew Brzezinski, der ehemalige Sicherheitsberater, der ein Mentor der globalen Politik von Präsident Obama wurde, es sehen würde.

In seinem 1997er Buch “The Grand Chessboard” argumentierte Brzezinski, daß “der Kampf um die globale Vorherrschaft weiter gespielt werden” würde auf dem eurasischen “Schachbrett”, auf dem die “Ukraine ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt” war. “Wenn Moskau wieder die Kontrolle über die Ukraine erlangte”, schrieb er zu jener Zeit, würde Rußland “automatisch wieder das nötige Kleingeld erlangen, um ein leistungsfähiger imperialer Staat zu werden, der sich über Europa und Asien spannt.”

Das bleibt der größte Teil der Begründung für die amerikanische imperiale Eindämmungspolitik – von Rußlands europäischen “nahem Ausland” bis hin zum Südchinesischen Meer. Dennoch, ohne Endspiel in Sicht, halten Sie Ihre Augen auf Rußlands Schwenk gen Asien, Chinas Schwenk gen der ganzen Welt und auf die BRICS gerichtet, die hart an dem Versuch arbeiten, das neue eurasische Jahrhundert herbeizubringen.