Home / Eurasien / Pepe Escobar: Die Geburt eines Eurasischen Jahrhunderts: Rußland und China gestalten Pipelineistan

Pepe Escobar: Die Geburt eines Eurasischen Jahrhunderts: Rußland und China gestalten Pipelineistan

Noch mehr BRICS Zusammenarbeit, die den Dollar umgehen soll, spiegelt sich im “Gas-o-Yuan” wider, im Sinne von Erdgas, das in der chinesischen Währung gekauft und bezahlt wird. Gazprom erwägt sogar Marketing-Anleihen in Yuan im Rahmen der Finanzplanung für die Expansion. Yuan-gedeckte Anleihen sind bereits in Hongkong, Singapur, London und jüngst in Frankfurt im Handel.

Nichts könnte für den neuen Pipelineistan-Deal sinnvoller sein, als ihn in Yuan abzuwickeln. Peking würde Gazprom in dieser Währung (umwandelbar in Rubel) bezahlen; Gazprom würde den Yuan ansammeln; und Rußland würde dann unzählige Made-in-China-Waren und -Dienstleistungen in Yuan kaufen.

Es ist allgemein bekannt, daß die Banken in Hong Kong, von Standard Chartered bis HSBC – ebenso wie andere über Handelsabkommen eng mit China verknüpfte Institute –, eine Diversifizierung in den Yuan vorgenommen haben, was bedeutet, daß er eine de facto globale Reservewährung noch vor seiner vollen Konvertierbarkeit werden könnte. (Peking arbeitet inoffiziell an der vollen Konvertierbarkeit des Yuan ab 2018.)

Der russisch-chinesische Gas-Deal ist untrennbar mit den Energiebeziehungen zwischen der Europäischen Union (EU) und Rußland verbunden. Denn der Großteil des russischen Bruttoinlandsprodukts kommt aus dem Öl- und Gasvertrieb, ebenso eine Menge seines Einflusses in der Ukrainekrise. Im Gegenzug hängt Deutschland von Rußland bis hinauf auf saftige 30% der Erdgasversorgung ab. Doch Washingtons geopolitische Imperative – mit polnischer Hysterie gewürzt – haben Brüssel dazu gedrängt, Möglichkeiten zu finden, um Moskau in der zukünftigen Energiesphäre zu “bestrafen“ (ohne heutige Energie-Beziehungen zu gefährden).

Es gibt dieser Tage ein konsistentes Gerangel in Brüssel ob der möglichen Absage der geplanten 16 Milliarden Euro teuren South-Stream-Pipeline, deren Bau im Juni starten soll. Bei Fertigstellung würde sie noch mehr russisches Erdgas nach Europa pumpen – in diesem Fall unter dem Schwarzen Meer (unter Umgehung der Ukraine) nach Bulgarien, Ungarn, Slowenien, Serbien, Kroatien, Griechenland, Italien und Österreich.

Bulgarien, Ungarn und die Tschechische Republik haben bereits klar gestellt, daß sie eine Stornierung ablehnen. Und eine Stornierung steht wahrscheinlich nicht in den Karten. Immerhin ist die einzige offensichtliche Alternative Gas vom Kaspischen Meer aus Aserbaidschan, und das wird wahrscheinlich nicht passieren, es sei denn, die EU kann plötzlich den Willen aufbringen und die Mittel für einen Crash-Zeitplan für die sagenumwobene Baku-Tiflis-Ceyhan-Ölpipeline (BTC) geben, die während der Clinton-Jahre konzipiert wurde, um ausdrücklich Rußland und Iran zu umgehen.

In jedem Fall hat Aserbaidschan nicht genügend Kapazität, um das Niveau an Erdgas zu liefern, das benötigt wird, und andere Akteure wie Kasachstan, das von Infrastrukturproblemen geplagt wird, oder das unzuverlässige Turkmenistan, das sein Gas an China zu verkaufen bevorzugt, befinden sich bereits weitgehend weg vom Fenster. Und vergessen Sie nicht, daß South Stream, verbunden mit AnSchluß-Energie-Projekten, eine Menge an Arbeitsplätzen und Investitionen in vielen der wirtschaftlich verwüsteten EU-Staaten schaffen wird.

Dennoch, solche EU-Drohungen, wie unrealistisch sie auch immer sind, dienen nur dazu, Rußlands zunehmende Symbiose mit den asiatischen Märkten zu beschleunigen. Für Peking vor allem ist das eine Win-Win-Situation. Immerhin: zwischen die Wahl gestellt, Energie über Meere zu beziehen, die von der US-Navy überwacht und kontrolliert werden, oder über stetige, stabile Landwege aus Sibirien, besteht kein Wettbewerb.

Wählen Sie Ihre eigene Seidenstraße

Natürlich bleibt der US-Dollar die globale Top-Leitwährung, mit 33% der weltweiten Devisenbestände am Ende des Jahres 2013 laut dem IWF. Es waren jedoch bis zu 55% im Jahre 2000. Niemand weiß den Prozentsatz in Yuan (und Peking spricht nicht), aber der IWF stellt fest, daß Reserven in “andere Währungen” in den Schwellenländern um 400% seit 2003 zugenommen haben.

Die Fed monetarisiert wohl 70% der US-Staatsanleihen in einem Versuch, die Zinsen davon abzuhalten, himmelwärts zu gehen. Pentagon-Berater Jim Rickards sowie jeder in Hongkong ansässige Banker neigt zu der Annahme, daß die Fed pleite ist (obwohl sie es nicht offiziell sagen). Niemand kann sich auch nur das Ausmaß der möglichen zukünftigen Flut vorstellen, die der US-Dollar inmitten eines 1.4 Billionen großen Finanzderivate-Araratbergs erleben könnte. Denken Sie allerdings nicht, daß dies die Totenglocke für den westlichen Kapitalismus sei; es ist nur das Taumeln dieses amtierenden Wirtschaftsglaubens, Neoliberalismus, immer noch die offizielle Ideologie der Vereinigten Staaten, des überwiegenden Teils der Europäischen Union, und Teilen von Asien und Süd-Amerika.

Soweit es das betrifft, was der “autoritäre Neoliberalismus” des Reichs der Mitte genannt werden könnte, was ist daran im Moment nicht zu mögen? China hat bewiesen, daß es eine ergebnisorientierte Alternative zum westlichen “demokratischen” kapitalistischen Modell für Nationen gibt, die versuchen, erfolgreich zu sein. Es baut nicht eine, sondern unzählige neue Seidenstraßen, massive Netze von Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnen, Autobahnen, Pipelines, Häfen, und Glasfaser- Netzwerke über große Teile Eurasiens hinweg. Dazu gehören eine südostasiatische Straße, eine zentralasiatische Straße, eine “maritime Autobahn” am Indischen Ozean, und sogar eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnlinie, die durch den Iran und die Türkei den ganzen Weg bis hin nach Deutschland reicht

Im April, als Präsident Xi Jinping die Stadt Duisburg am Rhein besuchte, mit dem größten Binnenhafen der Welt und mitten im Kernland von Deutschlands Stahlindustrie an der Ruhr, machte er einen kühnen Vorschlag: eine neue ” Wirtschafts-Seidenstraße” sollte zwischen China und Europa auf der Grundlage der Chongqing-Xinjiang-Europa-Eisenbahn gebaut werden, die bereits von China nach Kasachstan, dann durch Rußland, WeißRußland, Polen und schließlich Deutschland in Betrieb ist. Das sind 15 Tage mit dem Zug, 20 weniger als für Frachtschiffe von der Ostküste Chinas. Das wäre das ultimative geopolitische Erdbeben im Sinne der Integration des Wirtschaftswachstums in ganz Eurasien.

Beachten Sie, daß, wenn keine Blasen platzen, China drauf und dran ist, die globale Wirtschaftsmacht Nummer eins zu werden – und zu bleiben –, eine Position, die es 18 der letzten 20 Jahrhunderte genoss. Aber sagen Sie das nicht den Ikonenmalern in London; sie glauben immer noch, daß die US-Hegemonie fortdauern wird, nun ja, für immer.

Bring mich zum Kalten Krieg 2.0

Trotz der jüngsten schweren finanziellen Kämpfe haben die BRICS-Staaten bewußt daran gearbeitet, eine Gegenkraft zu der ursprünglichen und – nach dem Rauswurf Rußlands im März – erneute Gruppe der 7 oder G7. Sie sind begierig, eine neue globale Architektur zu erzeugen, um die zu ersetzen, die zuerst infolge des Zweiten Weltkriegs verhängt wurde, und sie sehen sich als potenzielle Herausforderung für die exzeptionalistische und unipolare Welt, die Washington als unsere Zukunft vorschwebt (mit sich selbst als Welt-Robocop und der NATO als Robo-Polizei). Der Historiker und imperialistische Cheerleader Ian Morris definiert in seinem Buch “War! What is it Good For?” die USA als den ultimativen “Globocop” und “die letzte Hoffnung der Erde.” Wenn dieser Globocop “seiner Rolle müd wird”, schreibt er, “gibt es keinen Plan B.”

Nun, es gibt einen Plan BRICS – so würden die BRICS-Nationen zumindest gerne glauben. Und wenn die BRICS in diesem Sinne auf der globalen Bühne handeln, zaubern sie schnell eine kuriose Mischung aus Angst, Hysterie und Kampfeslust im Washingtoner Establishment hervor. Nehmen Sie Christopher Hill als Beispiel. Der ehemalige Vizeaußenminister für Ostasien und US- Botschafter im Irak ist jetzt ein Berater bei der Albright Stonebridge Group, einem Beratungsunternehmen, das tief mit dem Weißen Haus und dem State Department verbunden ist. Als Rußland unten und weg war, pflegte Hill von einer hegemonialen amerikanischen “neuen Weltordnung“ zu träumen. Nun, da die undankbaren Russen das verschmäht haben, was “der Westen angeboten hat” – das heißt: “einen besonderen Status bei der NATO, eine privilegierte Beziehung zur Europäischen Union, und die Partnerschaft in internationalen diplomatischen Bemühungen” –, sind sie seiner Ansicht nach damit beschäftigt, die Sowjetunion wiederzubeleben. Übersetzung: Wenn Ihr nicht unsere Vasallen seid, seid Ihr gegen uns. Willkommen im Cold War 2.0.

Nächste Seite:

Fortsetzung Bring mich zum Kalten Krieg 2.0
Ich schwenke bloß mit mir selbst
Rußland und China im Schwenk-Modus