Home / Eurasien / Pepe Escobar: Die Geburt eines Eurasischen Jahrhunderts: Rußland und China gestalten Pipelineistan

Pepe Escobar: Die Geburt eines Eurasischen Jahrhunderts: Rußland und China gestalten Pipelineistan

pipeline

Der russisch-chinesische Gas-Deal ist untrennbar mit den Energiebeziehungen zwischen der Europäischen Union (EU) und Rußland verbunden. Denn der Großteil des russischen Bruttoinlandsprodukts kommt aus dem Öl- und Gasvertrieb, ebenso eine Menge seines Einflusses in der Ukrainekrise.

Ein Gespenst geht um in Washington, eine beunruhigende Vision einer chinesisch-russischen Allianz, die zu einer expansiven Symbiose aus Handel und Gewerbe in weiten Teilen der eurasischen Landmasse miteinander verheiratet ist – auf Kosten der Vereinigten Staaten. Wir erleben ein neues Eurasisches Jahrhundert in der Herstellung, so Pepe Escobar auf seinem Beobachter- und Kommentierungsposten in Hongkong.

Von Pepe Escobar, Übersetzung Lars Schall

Der nachfolgende Artikel, der im englischen Original am 18. Mai 2015 auf TomDispatch in den USA erschien, erscheint in der exklusiven Übersetzung auf LarsSchall.com mit ausdrücklicher und persönlicher Genehmigung von Pepe Escobar.

Der 1954 geborene Pepe Escobar aus Sao Paulo, Brasilien ist einer der herausragendsten Journalisten unserer Zeit. Escobar, der vom früheren CIA-Analysten Ray McGovern schlichtweg “der Beste“ genannt wird, arbeitet für Asia Times Online. Darüber hinaus ist er der Autor dreier Bücher: Globalistan: How the Globalized World is Dissolving into Liquid War, Red Zone Blues: a snapshot of Baghdad during the surge und Obama does Globalistan.

Escobar war als Auslandskorrespondent seit 1985 u.a. in London, Mailand, Los Angeles, Paris, Singapur und Bangkok tätig. Seit den späten 1990er Jahren hat er sich auf die Berichterstattung von geopolitischen Geschichten aus dem Nahen Osten und Zentralasien spezialisiert. In diesem Rahmen hat er im letzten Jahrzehnt aus Afghanistan, Pakistan, Irak, Iran, den zentralasiatischen Republiken, China und den USA berichtet. Im Frühjahr/Sommer 2001 war er in Afghanistan / Pakistan, hat den militärischen Führer der Anti-Taliban-Nordallianz, Ahmad Shah Massud, nur wenige Wochen vor dessen Ermordung interviewt, und erreichte als einer der ersten Journalisten die afghanische Hauptstadt Kabul nach dem Rückzug der Taliban. Er ist ein ausgewiesener Experte für das Netzwerk von Pipelines, das die Länder des Nahen und Mittleren Ostens, Zentralasiens, Rußlands und Europas umgibt – dem von ihm so getauften “Pipelineistan”.

Für Asia Times Online ist er als ‘The Roving Eye’, das heißt: “Das Wandernde Auge“ unterwegs, um vor allem geopolitische Weltereignisse, aber auch die Art, wie sie in den Medien präsentiert werden, zu diskutieren. Diese Kolumne übersetzen wir mit freundlicher und ausdrücklicher Autorisierung von Pepe Escobar exklusiv für LarsSchall.com ins Deutsche.

Darüber hinaus möchten wir als Ergänzung auf dieses Interview mit Pepe Escobar auf LarsSchall.com hinweisen, “Shifting Ground for Vital Resources“. Eine Gesamtübersicht der Artikel von Pepe Escobar auf LarsSchall.com findet sich hier.

Die Geburt eines Eurasischen Jahrhunderts: Rußland und China gestalten Pipelineistan
von Pepe Escobar

HONGKONG – Ein Gespenst geht um in Washington, eine beunruhigende Vision einer chinesisch- russischen Allianz, die zu einer expansiven Symbiose aus Handel und Gewerbe in weiten Teilen der eurasischen Landmasse miteinander verheiratet ist – auf Kosten der Vereinigten Staaten.

Und kein Wunder, daß Washington besorgt ist. Diese Allianz ist bereits beschlossene Sache bei einer Vielzahl von Möglichkeiten: durch die BRICS-Gruppe der Schwellenländer (Brasilien, Rußland, Indien, China und Südafrika); in der Shanghaier Organisation für Kooperation (Shanghai Cooperation Organization, SCO), dem asiatischen Gegengewicht zur NATO; innerhalb der G20; und über die 120 Mitgliedernationen der Bewegung der blockfreien Staaten (Non-Aligned Movement, NAM). Handel und Gewerbe sind nur ein Teil des künftigen Schnäppchens. Auch locken Synergien in der Entwicklung neuer Militärtechnologien. Nach Rußlands Star Wars-Stil kommen 2018 ultra-ausgefeilte S-500 Luftabwehrraketensysteme an den Start; Peking will sicher eine Version davon für sich bekommen. In der Zwischenzeit ist Rußland dabei, Dutzende Sukhoi Su-35-Kampfjets neuester Machart an die Chinesen zu verkaufen, indem sich Peking und Moskau dahinbewegen, eine Luftverkehrsindustrie-Partnerschaft zu besiegeln.

Diese Woche sollte das erste wirkliche Feuerwerk bei den Feierlichkeiten eines neuen Eurasischen Jahrhunderts in der Herstellung bieten, wenn der Russische Präsident Wladimir Putin in Peking auf den chinesischen Präsidenten Xi Jinping trifft. Sie erinnern sich an “Pipelineistan”, all diese entscheidenden Öl- und Gas-Pipelines kreuz und quer durch Eurasien, die das wahre Kreislaufsystem für das Leben in der Region ausmachen. Nun, es sieht so aus, als ob der ultimative Pipelineistan-Deal im Wert von 10 Milliarden USD und 10 Jahren Vorbereitungszeit ebenfalls unterschrieben wird. Dabei vereinbart der gigantische, staatlich kontrollierte Russische Energieriese Gazprom, die gigantische, staatlich kontrollierte China National Petroleum Corporation (CNPC) 30 Jahre lang täglich mit 3,75 Milliarden Kubikmeter verflüssigten Erdgas zu versorgen, beginnend im Jahre 2018. Das ist das Äquivalent eines Viertels der massiven russischen Gasexporte nach ganz Europa. Chinas derzeitige tägliche Gasnachfrage beläuft sich auf rund 16 Milliarden Kubikmeter pro Tag, und Importe machen 31,6% des Gesamtverbrauchs aus.

Gazprom mag immer noch den Großteil seiner Gewinne in Europa einsammeln; aber Asien könnte sich als sein Everest herausstellen. Das Unternehmen wird diesen Mega-Deal nutzen, um Investitionen in Ost-Sibirien zu steigern, und die ganze Region wird als privilegierte Gasdrehscheibe für Japan und Südkorea neu konfiguriert werden. Wenn Sie wissen wollen, warum kein Schlüsselland in Asien bereit war, Rußland in der Ukrainekrise “zu isolieren” – unter Missachtung der Obama-Regierung –, brauchen Sie nicht weiter als bis nach Pipelineistan zu blicken.

Ausstieg aus dem Petrodollar, Einstieg in den Gas-o-Yuan

Und dann, über Ängste in Washington sprechend, gilt es das Schicksal des Petrodollar zu bedenken, oder vielmehr die “thermonukleare” Möglichkeit, daß Moskau und Peking sich bei der Zahlung für den Gazprom-CNPC-Deal nicht auf Petrodollars, sondern auf chinesische Yuan einigen. Man kann sich kaum eine schwerere tektonische Verschiebung vorstellen, bei der sich Pipelineistan mit einer wachsenden politisch-ökonomisch-energiebezogenen Partnerschaft zwischen Rußland und China kreuzt. Zusammen damit besteht die künftige Möglichkeit zu einem Vorstoß, abermals von China und Rußland angeführt, hin zu einer neuen internationalen Reservewährung – eigentlich ein Währungskorb –, die den Dollar (zumindest in den optimistischen Träumen der BRICS- Mitglieder) ersetzen würde.

Gleich nach dem möglicherweise spielverändernden chinesisch-russischen Gipfel kommt im Juli ein BRICS-Gipfel in Brasilien. Das ist der Zeitpunkt, da eine mit 100 Milliarden USD ausgestattete BRICS-Entwicklungsbank, die 2012 angekündigt worden war, offiziell als eine mögliche Alternative zum Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank als Quelle für Projektfinanzierungen für Entwicklungsländer geboren werden wird.

Nächste Seite:

Nächste Seite:

Fortsetzung Ausstieg aus dem Petrodollar
Wählen Sie Ihre eigene Seidenstraße
Bring mich zum Kalten Krieg 2.0