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“Niemand hat gesagt, daß das hier russisches Territorium werden soll”

Ulrich Heyden 08.07.2015

Vom LNR Bataillon Prisrak erbeutete Panzer. Bild: U. Heyden

Vom LNR Bataillon Prisrak erbeutete Panzer. Bild: U. Heyden

Sergej ist Ukrainer russischer Abstammung und Kommandeur bei den Aufständischen in der Volksrepublik Lugansk

Am vergangenen Sonnabend traf sich der ukrainische Präsident Petro Poroschenko mit ukrainischen Soldaten, welche am 4. Juli 2014 die Städte Slawjansk und Kramatorsk von “russisch-terroristischen Einheiten befreiten”. Das Ziel sei es, die territoriale Integrität und die Souveränität “über jeden Flecken der Ukraine wiederherzustellen”, erklärte der ukrainische Präsident. Doch die ukrainische Armee ist für eine Rückeroberung der aufständischen Gebiete in der Ost-Ukraine noch zu schwach. Wie der ukrainische Präsident immer wieder erklärt, hofft er auf die Lieferung von Kriegswaffen (und nicht nur von gepanzerten Fahrzeugen) aus befreundeten Staaten.

Seit April nehmen die militärischen Auseinandersetzungen an der Demarkationslinie zwischen den selbsternannten “Volksrepubliken” und der Zentral-Ukraine zu. Beide Seiten beschuldigen sich gegenseitig bewohnte Orte zu beschießen. Fast täglich werden in den “Volksrepubliken” durch Geschosse Wohnhäuser zerstört, Menschen verletzt und sogar getötet.

Die Zivilbevölkerung in den Randzonen der “Volksrepubliken” lebt in ständiger Anspannung. Oft gibt es tagelang kein Wasser. Wegen der Wirtschaftsblockade durch die ukrainische Regierung sind in den abtrünnigen Gebieten die Preise für Medikamente und Lebensmittel stark gestiegen.

Eine Autonomie will der ukrainische Präsident den “Volksrepubliken” Donezk (DNR) und Lugansk (LNR) nicht zugestehen (Donbass: Separatisten wollen selbst Wahlen abhalten). Scharf verurteilt Kiew die Absicht der “Volksrepubliken”, im Herbst Kommunalwahlen abzuhalten (DNR am 18. Oktober, LNR am 1. November). Die in den abtrünnigen Gebieten geplanten Wahlen hätten “zerstörerische Folgen für den Prozess des Deeskalierens”, erklärte der ukrainische Präsident. Die “Volksrepubliken” dagegen beanstanden, daß das ukrainische Gesetz über Kommunalwahlen nicht – wie im Abkommen von Minsk vorgesehen – mit Donezk und Lugansk abgestimmt wurde.

Kritik an den Wahlen in den selbsternannten “Volksrepubliken” gibt es auch aus Deutschland. Außenminister Frank-Walter Steinmeier erklärte , “was immer da jetzt an Kommunalwahlen vorbereitet wird, sind nicht die Wahlen, die nach dem Minsker Abkommen vorgesehen sind.”

Nichtsdestotrotz hofft DNR-Sprecher Denis Puschilin, daß Beobachter aus Europa zu den Kommunalwahlen im Herbst anreisen. Michael Link, Direktor des OSZE-Büros für demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) in Warschau, erklärte, Beobachter zu Wahlen in den selbsternannten Volksrepubliken würden nur auf Einladung aus Kiew entsandt. Und wie sieht es auf der Seite der Aufständischen aus? Welche Ziele haben sie? Darüber berichtet Feldkommandeur Sergej (seinen wahren Namen wollte er nicht nennen) im folgenden Interview. Seit März leitet er eine Garnison der Prisrak (Geister)-Brigade in der Nähe von Altschewsk. Die Stadt liegt in der “Volkrepublik Lugansk”. Ich traf Sergej im April in seinem Stab. Damals ahnte ich noch nichts von dem Mordanschlag auf den Leiter der Prisrak-Brigade, Aleksj Mosgowoi, der Ende Mai bei einem Anschlag von Unbekannten starb (Mordanschlag gegen den “Che Guevara von Lugansk”)

“Im Krieg konzentriert sich alles, das Schlechteste und das Beste.”

Wie heißen Sie und woher kommen Sie?

Sergej: Ich stamme aus der Ukraine. Ich kann den Namen nicht sagen. Ich habe Angst um meine Angehörigen, die dort leben.

Warum Angst?

Sergej: Für falsche Worte kann man dort seinen Arbeitsplatz verlieren, wenn man zum Beispiel sagt, daß die Macht die Medien zensiert oder wenn man die Erhöhung der Preise für Elektrizität und Gas kritisiert, oder wenn man sagt, daß die ukrainischen Freiwilligen-Bataillone faschistisch sind. Warum fragen Sie? Lesen Sie doch einfach, was die kritischen ukrainischen Websites schreiben. Ich lese regelmäßig Vesti Ukraina. Die Journalisten dieser Websites werden ständig angegriffen (Die Journalisten und Auslieferer der Zeitung sind immer wieder Angriffen des Rechten Sektor ausgesetzt, Anm. UH).

Sie haben in der ukrainischen Armee gedient?

Sergej: Ich war Vertragssoldat bei der UNO im ehemaligen Jugoslawien. Man muß verstehen, damals, vor zwanzig Jahren, gab es in der Ukraine kein Geld. Zuerst (1992, Anm. U.H.) gab es noch nicht mal eine Währung, sondern nur “Kuponi” (eine Ersatzwährung, U.H.). Bei der UNO haben wir wenigstens Geld verdient, wenn auch weniger wie die Soldaten aus anderen Ländern.

Sie gingen dann zurück in die Ukraine?

Sergej: Ich kündigte, weil mir das Gehalt nicht gefiel und ging als Arbeiter nach Moskau. Ich verdiente Geld und wollte in der Ukraine ein Geschäft zu eröffnen. Aber die Mafia in der Ukraine hinderte mich daran. Dann arbeitete ich in der Ukraine als Bäcker. Dann kam meine Scheidung und ich ging wieder nach Moskau. Dort habe ich dann Wochenendhäuser gebaut.

Wie denken die Menschen in der Ukraine über den Osten des Landes?

Sergej: In den Medien gibt es die totale Propaganda. Die Menschen wissennichts über die wirklichen Verluste der ukrainischen Armee. Über die Ost-Ukraine wird gesagt, sie sei kriminell und von den Subventionen aus Kiew abhängig. Ich verstehe nicht. Wenn die Ost-Ukraine so schlecht ist, warum läßt man sie dann nicht einfach in Ruhe?

Wann kamen Sie in den Donbass?

Sergej: Ich kam im November 2014 hierher. Der Anlass war der Brand im Gewerkschaftshaus von Odessa. Dort verbrannten auch Kinder. Unsere Uniformen kauften wir von unserem eigenen Geld. Lebensmittel bekamen wir von Bürgern aus Rußland.

Haben Sie hier nochmal eine Ausbildung erhalten?

Sergej: Wir trainieren in jeder freien Minute.

Warum wurden gerade Sie zum Kommandeur der Garnison ernannt?

Statt Sergej antworten Soldaten, die uns zuhören: Unter ihm gibt es keine Plünderungen. Es herrscht Ordnung. Er ist wie Tschapajew (Wasili Tschapajew, sowjetischer Held im Bürgerkrieg 1918/19, Anm. U.H.).

Sergej: Das Wichtigste ist, ehrlich gegen sich selbst zu sein. Ich kann von meinen Untergebenen nichts fordern, was ich nicht selbst durchführe.

Was halten Sie davon, daß die Freiwilligen-Bataillone jetzt der zentralen Führung der “Volksrepubliken” unterstellt werden?

Sergej: Es ist richtig, alles unter einem Kommando zusammenzufassen. Einzelne Kommandeure waren in schlechte Sachen verwickelt. Ich habe da aber nur Gerüchte drüber gehört.

Wie wurden die Brigade Prisrak von der Bevölkerung hier aufgenommen?

Sergej: Die örtliche Bevölkerung traute uns erst nicht. Jetzt haben wir einen guten Kontakt. Es ist abgemacht, daß wir an Feiertagen die Kirchen bewachen. Außerdem helfen wir bei der Beseitigung von Minen.

Warum hat ihnen die Bevölkerung zunächst nicht getraut?

Sergej: Einige Feldkommandeure haben nicht für Ordnung gesorgt. Im Krieg konzentriert sich alles, das Schlechteste und das Beste.

Was ist das Schlechteste?

Sergej: Das Schlechteste sind für mich betrunkene Soldaten mit Waffen. Wodka ist bei uns verboten. Wer betrunken ist, wird verwarnt und bekommt eine Strafe. Er muß arbeiten, Saubermachen, sich um das Gewächshaus hier kümmern. Bei wiederholtem Mal wird der Soldaten lebenslang aus den Streitkräften von Noworossija ausgeSchloßen.

In Jenakijewo, eine Stadt in der DNR, stehen Rentner für Lebensmittelhilfe von Oligarch Rinat Achmetow an. Bild: Heyden
Der Krieg läuft zwischen oligarchischen Strukturen. Wir sind nur das Instrument

Wollen Sie immer Soldat bleiben?

Sergej: Man kann nicht ständig im Krieg leben. Der Stress ist groß. Jeder normale Mensch strebt nach Frieden. Einmal im Monat haben die Soldaten zwei, drei Tage Freigang. Was sie dann machen, können wir nicht kontrollieren. Theoretisch kann man sich dann von einer Babuschka Selbstgebrannten kaufen.

Wie viele Männer aus Rußland kämpfen bei Prisrak?

Sergej: Etwas 30 Prozent kommen aus Rußland. Der Rest kommt aus dem Donbass und verschiedenen anderen Gebieten der Ukraine.

Wie soll der Frieden aussehen?

Sergej: Wir wollen unseren Frieden, unseren Sieg. Ich bin nicht gegen die Ukraine. Ich liebe das Land, das Volk, aber nicht das System. Die beste Regelung wäre, wie bei der Tschechoslowakei, daß man sich friedlich trennt.

Als die Menschen hier im Mai 2014 für die Unabhängigkeit gestimmt haben, ahnten sie nicht, daß es zu einem Krieg kommen würde.

Zerstörte Schule in Debalzewo, Schulleiter Sergej Kiritschenko. Bild: Heyden
Sergej: Ja, sie stimmten einfach für die Autonomie. Niemand hat damals gesagt, daß das hier russisches Territorium werden soll. Warum wurde das verfälscht, warum wurden ukrainische Truppen geschickt? Niemand wollte hier kämpfen. Aber die Polittechnologie, die massenmedien in der Ukraine sind nicht demokratisch. Sie gehören alle bestimmten Leuten.

Es gibt Hintermänner?

Sergej: Der Krieg läuft zwischen oligarchischen Strukturen. Wir sind nur das Instrument. Ich will daß die Ukraine zusammen bleibt, ein Land bleibt. In diesem Krieg gibt es viel Polit-Technologie. Wir hier denken eins und die da oben machen ihre Unter-dem-Teppich-Spiele. Eigentlich wollen wir bis Lwow (Lemberg) ziehen (Sergej lacht).

Stimmt es, daß die Ukraine in den “Volksrepubliken” Kohle kauft?

Sergej: Ja, das stimmt. Das ist allgemein bekannt. Manchmal hoffe ich, daß an der Front die Soldaten der anderen Seite kommen und sagen, laßt uns das hier beenden.

Es gibt Kontakte zur anderen Seite?

Sergej: Ja, manchmal an den Straßenkontrollpunkten kommt es zu Gesprächen mit Soldaten der anderen Seite. Wir sind ja alle in der Sowjetunion geboren und wir sind alle russisch-orthodox.

Gibt es hier Agenten?

Sergej: Natürlich wissenwir, daß der ukrainische Geheimdienst und die Geheimdienste der Staaten, welche die Ukraine unterstützen, hier ihre Leute haben. Und sie arbeiten nicht schlecht. Aber wir haben keine Paranoia. Wer Angst vor dem Wolf hat, darf nicht in den Wald gehen.

Gibt es hier politische Gefangene?

Sergej: (guckt ungläubig): Nein. Jeder weiß hier von jedem alles.