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Mammographie Screening gegen Brustkrebs: Ja oder nein?

Von 1000 Frauen, die an einem Screening-Programm teilnehmen, sind nach zehn Jahren vier an Brustkrebs gestorben. Von 1000, die nicht teilnehmen, sind es deren fünf. Nach gesicherten Statistiken hilft das Screening somit allenfalls ­einer von 1000 Frauen

Die regelmäßige Mammographie zur Frühdiagnose von Brustkrebs ist umstritten. Die Front der Befürworter bröckelt, der Bund überprüft seine Strategie, Frauen sind verunsichert.

Die regelmä0ige Mammografie zur Frühdiagnose von Brustkrebs ist umstritten. Die Front der Befürworter bröckelt, der Bund überprüft seine Strategie, Frauen sind verunsichert.

Brustkrebs ist bei Frauen zwischen 50 und 70 die häufigste Todesursache. Es kann jede treffen. Und jede Frau sehnt sich – bei dieser großen Ungewißheit – nach Sicherheit. Nach klaren, eindeutigen Sätzen. Solche liefert der Verband Swiss Cancer Screening.

Der Verband ­wurde aus zwei Überzeugungen heraus ­gegründet.

  • Die erste: Am erfolgreichsten läßt sich Brustkrebs behandeln, wenn er frühzeitig entdeckt wird.
  • Die zweite: Die beste Methode, Brustkrebs frühzeitig zu ent­decken, ist die Mammographie

Deshalb kämpft der Verband seit Jahren für die Förderung flächendeckender Screenings. In seiner Infobroschüre wimmelt es von klaren, eindeutigen Sätzen, etwa: «Experten im In- und Ausland empfehlen Frauen im Alter ab 50, die Mammographie alle zwei Jahre machen zu lassen.» Oder: «Der Nutzen der Früherkennungsunter­suchung überwiegt die Risiken.»

Das Problem ist nur, daß diese eindeutigen Sätze eine Sicherheit vorgaukeln, die es nicht mehr gibt. Sie hat sich aufgelöst, weil immer mehr Experten bezweifeln, daß die Mammographie mehr Vor- als Nachteile hat. Warum traut sich niemand, den Frauen die Wahrheit zu sagen? Daß nämlich nichts eindeutig ist?

Die Daten sagen nicht viel aus

Marcel Zwahlen, Professor am Institut für Sozial- und Präventivmedizin in Bern, sagt: «Wir Experten streiten uns nun schon seit über zehn Jahren, ob regelmäßige Brust-Screenings insgesamt mehr nutzen oder mehr schaden. Das Problem ist, daß wir uns nicht auf eine Sicht einigen können. Die eine Seite kann die andere nicht überzeugen, die Evidenz der Daten ist nicht stark genug.»

Es gibt kein Richtig und kein Falsch, zumindest nicht mit dem Wissensstand von heute. «So wird der Entscheid, am Screening teilzunehmen, auf die Einzelperson abgewälzt. Das ist, etwas salopp gesagt, doof», sagt Zwahlen. Doof und für jeden Mediziner oder Gesundheitspolitiker unbefriedigend. Aber es ist die Realität.

Kritik an sinnlosen Operationen

Im Expertenstreit bewegt sich wenig, weil sich alle wissenschaftlichen Analysen auf dieselben, mittlerweile über 20 Jahre alten Studien stützen. Lediglich in der Interpretation der Daten scheiden sich die Geister. Die Befürworter von Früherkennungs­programmen, etwa das Bundesamt für ­Gesundheit (BAG), die Krebsliga Schweiz oder der Verband Swiss Cancer Screening, betonen die Pluspunkte: Durch regelmäßiges Röntgen der Brust könne ein Tumor möglicherweise früher erkannt und deshalb besser behandelt werden. Zudem müßten die Programme gewisseStandards einhalten, während bei Mammo­grafien außerhalb eines systematischen Screenings die Qualität nicht garantiert sei. Und vor allem: Es habe sich gezeigt, daß Frauen, die an einem Screening teilnehmen, weniger oft an Brustkrebs sterben.

Das ist nicht falsch, doch dieser Effekt ist minimal. Von 1000 Frauen, die an einem Screening-Programm teilnehmen, sind nach zehn Jahren vier an Brustkrebs gestorben. Von 1000, die nicht teilnehmen, sind es deren fünf. Nach gesicherten Statistiken hilft das Screening somit allenfalls ­einer von 1000 Frauen (siehe Grafik).

Auch harmlose Tumore werden behandelt

Die Zweifler an den flächendeckenden Screenings stellen die Pluspunkte nicht in Abrede. Aber sie finden, die Nachteile ­wögen schwerer. Ihre Hauptkritik: Beim Screening werden auch Tumore diagnostiziert, die nur langsam wachsen und keine Metastasen bilden. Diese Form von Brustkrebs ist harmlos, man kann folgenfrei damit leben. Da die Ärzte nicht vorhersehen können, ob ein Brustkrebs gefährlich wird oder nicht, behandeln sie aber alle entdeckten Tumore – auch die harm­losen. So werden von 1000 Frauen, die regelmäsßig ihre Brust röntgen lassen, im Lauf von zehn Jahren eine bis zehn (je nach Quelle) unnötigerweise gegen Krebs behandelt – operiert, bestrahlt, oft auch ­einer Chemotherapie unter­zogen. Ohne Screening-Programm hätten sie in Ruhe weiterleben können.

Die Kritiker rechnen: Das Screening rettet eine Frau vor dem Brustkrebs-Tod, dafür werden gleichzeitig eine bis zehn eigentlich gesunde Frauen sinnlos und teilweise mit massiven medizinischen Eingriffen behandelt. Hinzu kommen die vielen, die durch einen falschen Verdacht alarmiert werden. Die Kritiker fragen: Ist es das wert?

Angeführt wird die Opposition vom Swiss Medical Board, einem Expertengremium, das von den kantonalen Gesundheitsdirektoren und der Fachärzteorganisation FMH finanziert wird. In einem Bericht vom Februar 2014 verlangte das Board, die bestehenden Screening-Programme in der Schweiz auslaufen zu lassen und keine neuen einzuführen.

Den Frauen «reinen Wein einschenken»

Die Befürworter reagierten empört. Im Fernsehen und in Zeitungen verteidigten sie die Programme. Alle bedauerten, daß die Frauen einmal mehr verunsichert würden. Das BAG nahm eilig Stellung und versicherte, man halte an der «Screening-Empfehlung» des Bundes fest.

Diese zur Schau getragene Gewißheit der Befürworter beginnt jedoch zu bröckeln. So antwortete das Bundesamt für Gesundheit auf die Frage, ob die Programme noch zu verantworten seien: «Aufgrund der verstärkt aufgetretenen öffentlichen Diskussionen um das Mammographie-Screening wurde eine neuerliche Evaluation des Themas aufgenommen.» Die Neubeurteilung wird noch Zeit in Anspruch nehmen, sagte Sprecher Daniel Dauwalder. So lange will es an seiner Empfehlung festhalten. Und die Medienstelle der Krebsliga teilte mit, vorsichtiger als auch schon: «Aus unserer Sicht überwiegen die Vorteile.» Es sei aber auch verständlich, daß es andere Sichtweisen gebe. «Die derzeitige Datenlage zeigt sowohl positive als auch unerwünschte Auswirkungen des Screenings, die jeder für sich gegeneinander abwägen muß.»

«Was können wir aus dem Bericht des Swiss Medical Board lernen?» So lautet der Titel eines Artikels, der im renommierten Fachmagazin «Jama» erschien. «Jama» wird von der größten Ärzteverbindung der USA herausgegeben. Sinngemäß schrieben die Autoren, zwei Mediziner: Da es kein Richtig oder Falsch gebe, sei es ­umso wichtiger, den Frauen reinen Wein einzuschenken über «den Nutzen, den Schaden und die Ungewißheiten» der Früh­erkennungsprogramme. Und auch: «Organisationen, die Mammographie-Screenings anbieten, sollten bevormundende Empfehlungen vermeiden.»

In der Schweiz ist unter anderem Swiss Cancer Screening für die Information der Öffentlichkeit zuständig. Der Verband verantwortet die Broschüre, die den Frauen mit der Einladung zur Mammographie mitgeschickt wird. Auf der Seite über «Vorteile und Nutzen, Nachteile und Risiken» steht: «Die meisten Expertinnen und Experten sind sich einig, daß die Vorteile die Nachteile überwiegen.» Mit keinem Wort wird erwähnt, daß sich Experten weltweit seit Jahren wegen dieser Frage in den Haaren liegen. Zwar wird auf einer von insgesamt 19 Seiten explizit auf die Risiken eingegangen, trotzdem erweckt die Broschüre den Eindruck, es gäbe gute Gründe, sich als ältere und gesunde Frau regelmäßig einer Mammografie zu unterziehen.

Die ganze Wahrheit wäre, daß es ebenso gute Gründe gibt, sich als ältere und gesunde Frau niemals einer Mammographie zu unterziehen.

Original auf: http://www.beobachter.ch/justiz-behoerde/buerger-verwaltung/artikel/mammografie_screening-gegen-brustkrebs-ja-oder-nein/