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Krankenhaus Kundus: Das Ziel war töten und zerstören

Sascha Pommrenke 05.11.2015

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“Ärzte ohne Grenzen” präsentiert Ergebnisse der internen Untersuchung zum Luftangriff auf Krankenhaus in Kundus

Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) haben in Kabul erste Ergebnisse ihrer internen Untersuchung des Luftangriffs vom 3. Oktober durch US-Spezialeinheiten in Kundus (Afghanistan: Kriegsziel Krankenhaus) vorgestellt. Demnach war das Ziel des Luftangriffs, bei dem 30 Menschen getötet und 37 verletzt wurden, eindeutig das Töten und Zerstören.

Das Krankenhaus wurde durch die Luftangriffe dem Erdboden gleich gemacht. “30 unserer Patienten und Angestellten wurden getötet. Einige von ihnen verloren ihre Glieder und wurden in den Explosionen enthauptet”, berichtet MSF. Personen, die versuchten, aus dem brennenden Gebäude zu entkommen, wurden von dem fliegenden “Kanonenboot” AC-130U beschossen. Einige Augenzeugen berichten, daß die Schüsse den Bewegungen der fliehenden Menschen folgten.

Die Situation nach der Taliban-Offensive

Für den vorläufigen und sich im Prozess befindlichen internen Untersuchungsbericht wertete MSF etwa 60 Zeugenaussagen der afghanischen und internationalen Angestellten aus, interne und öffentliche Berichte, Email- und Telefonkommunikationen sowie Fotos und Satellitenbilder. Daraus ergibt sich die Binnenperspektive, wie sich die Ereignisse im Krankenhaus abgespielt haben.

Aufgrund der zunehmenden Intensität der Gefechte nach der Taliban-Offensive übermittelte MSF am 29. September die exakten Geodaten an das Pentagon, an das afghanische Innen- und Verteidigungsministerium und die US-Armee in Kabul.

Sowohl das US-Verteidigungsministerium als auch die US-Armee bestätigten den Erhalt der Daten und sicherten zu, daß diese an die entsprechenden Stellen weitergegeben würden. Eine mündliche Zusage gab es auch vom afghanischen Innenminister. Die GPS-Daten wurden ebenfalls einem UN-Vermittler mitgeteilt, welcher bestätigte, diese an die zuständigen Stellen der Operation Resolute Support weiterzuleiten.

Am Mittwoch den 30. September versorgte MSF bereits 130 Verwundete, darunter 65 Taliban. Zwei der verwundeten Aufständischen hatten einen höheren Rang. Einen Tag darauf erhielt MSF eine Anfrage der US-Regierung, ob sich in dem Krankenhaus eine große Anzahl Taliban verstecken würde und wie es um die Sicherheit der Angestellten bestellt sei.

Als die Kämpfe, am Freitag den 2. Oktober, in Kundus erstmalig seit der Offensive der Taliban nachließen, kletterten Angehörige von MSF auf das Dach des Krankenhauses, um dort zwei Flaggen anzubringen. Die Bombardierungen der letzten Tage in Kundus durch US-Streitkräfte ließ diese Vorsichtsmaßnahme sinnvoll erscheinen. Christopher Stokes, Geschäftsführer von MSF, bestätigte auf der Pressekonferenz in Kabul, daß die Flaggen flach auf dem Dach angebracht wurden. Auch sei das Gebäude komplett in weiß gestrichen und eines der wenigen Gebäude gewesen, das überhaupt über Licht verfügte. Dementsprechend wäre das Gebäude deutlich sichtbar als Krankenhaus erkennbar gewesen.

Stokes wies aber darauf hin, alle Konfliktparteien hätten mehrmals versichert, daß die zentralen Angaben die GPS-Daten seien. Diese Daten seien für NATO und USA die entscheidenden Informationen, damit nichts passieren könne.

Einige Stunden vor dem Luftangriff informierten französische und australische Diplomaten MSF darüber, daß internationale Angestellte in Gefahr seien, entführt zu werden. Im Team von MSF befanden sich zwei Franzosen und ein Australier. Daraufhin beschloss MSF, daß das internationale Personal, so es keinen Dienst hatte, sich in den Sicherheitsräumen im Keller bzw. im Verwaltungsgebäude aufhalten sollte.

Um 22.00 Uhr schliefen etwa 100 Angestellte in den Sicherheitsräumen der Anlage. Diejenigen, die noch wach waren, berichteten, wie ruhig diese Nacht im Vergleich zu den intensiven Feuergefechten der vorhergehenden Nächte war. In der direkten Umgebung des Krankenhauses gab es keine Kämpfe. Es wurden weder Flugzeuge noch Schüsse oder Explosionen vernommen. Einige Angestellte trauten sich sogar zum ersten Mal seit der Taliban-Offensive wieder ins Freie.

Alle Angestellten versicherten, daß das Tor der Anlage verschlossen war und daß der unbewaffnete Sicherheitsdienst von MSF patrouillierte.

Der US-Luftangriff

Als der Angriff gegen 2.08 Uhr in der Nacht begann, waren 105 Patienten im Krankenhaus. 3 oder 4 Patienten waren Regierungssoldaten, während etwa 20 Verwundete den Taliban zuzuordnen waren. Alle Parteien hatten das Waffenverbot innerhalb der Anlage akzeptiert. Des Weiteren waren neun internationale und 140 afghanische MSF-Mitarbeiter sowie ein Delegierter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) anwesend.

MSF informierte um 2.19 Uhr, also bereits 10 Minuten nach dem ersten Beschuß des Krankenhauses, Offizielle der Operation Resolute Support. Eine Minute später wurde das IKRK informiert. Nachdem die Angriffe in 15minütigem Abstand weitergingen, wurden das UN Office for Coordination of Humanitarian Affairs Civil Military (OCHA CivMil), das US-Verteidigungsministerium sowie das afghanische Innenministerium informiert.

Um 2.52 Uhr antwortete Resolute Support: “Tut mir leid, das zu hören. Ich weiß immer noch nicht, was da passiert.” MSF insistierte weiter, daß die Angriffe sofort beendet werden müßten und daß man bereits mit schweren Verlusten rechnen müsse. Resolute Support antwortete per SMS: “Ich versuche mein Bestes und bete für Sie alle.”

Um 3.09 Uhr fragte das OCHA CivMil nach, ob die Luftangriffe gestoppt seien. 3.13 Uhr bestätigt MSF dies per SMS.

Demnach war Resolute Support, die verantwortliche NATO-Mission, 50 Minuten lang nicht im Bilde darüber, was US-amerikanische Spezialeinheiten, zu denen das AC-130 Special Operations Command Gunship gehört, in Kundus taten. Und sie waren nicht in der Lage, den Angriff zu beenden. Es stellt sich die Frage, welche Rolle die NATO und damit auch zumindest zu einem gewissen Teil auch die Bundeswehr in Afghanistan eigentlich wahrnehmen.

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