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Der 7. Kontinent: Riesige Plastikinsel treibt im Pazifischen Ozean

Anaheim, Hawaii, Paris

An der Wasseroberfläche selbst sieht man allerdings nur einen kleinen Bruchteil des Mülls schwimmen. Die Plastikkonzentration in der Tiefe dürfte aber enorm sein, da Wellen und UV-Strahlen die großen Teile zermalmen und zersetzen.

Ein Forscherteam will mit neuen Bildern von einer unbegreifbar riesigen Insel aus Abfall die Öffentlichkeit für die massive Meeresverschmutzung sensibilisieren.

Am 20. Mai 2013 will Patrick Deixonne vom südkalifornischen Oceanside aus zum rätselhaften „siebten Kontinent“ aufbrechen. Die neue Insel wurde 1997 vom Meeresforscher Charles Moore zum ersten Mal gesehen und ist seither beträchtlich gewachsen. Sie liegt im Pazifischen Ozean, zwischen Kalifornien und Hawaii, ist mit 3,4 Millionen Quadratkilometern größer als Indien, sechsmal so groß wie Frankreich und durchschnittlich zehn Meter tief. Der „siebte Kontinent“ besteht aus Müll.

Der 48-jährige Franzose Deixonne wurde 2009 zum ersten Mal auf die massive Umweltverschmutzung im Pazifik aufmerksam. Bei einer Rudertour bemerkte der ehemalige Feuerwehrmann, wie viel Plastikabfall um ihn herumtrieb. Er begann zu recherchieren und fand heraus, daß in der Gegend zwei gewaltige Meeresströmungen aufeinandertreffen, die das Plastik in einen riesigen Strudel zusammentreiben, der es festhält. An der Wasseroberfläche selbst sieht man allerdings nur einen kleinen Bruchteil des Mülls schwimmen. Die Plastikkonzentration in der Tiefe dürfte aber enorm sein, da Wellen und UV-Strahlen die großen Teile zermalmen und zersetzen. Eine Suppe mit maximal fingernagelgroßen Mikroteilchen entsteht, die bis zu dreißig Meter in die Tiefe reichen kann, sagt Daniel Cron vom TARA-Institut in Paris. Dazu kommt, daß die Mini-Kunststoffstücke nur schwer von Plankton zu unterscheiden sind.

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Am 20. Mai 2013 will Patrick Deixonne vom südkalifornischen Oceanside aus zum rätselhaften „siebten Kontinent“ aufbrechen. Die neue Insel wurde 1997 vom Meeresforscher Charles Moore zum ersten Mal gesehen und ist seither beträchtlich gewachsen.

Deixonne, Mitglied der französischen Erforscher-Vereinigung, sieht sich als das „Auge für die große Öffentlichkeit“. Seine Mannschaft besteht aus wissenschaftern und einem Fotografen bzw. Kameramann.

Ihre Aufgabe wird es sein, die ökologische Katastrophe zu dokumentieren und möglichst viel Aufmerksamkeit zu erzielen. Denn der „siebte Kontinent“ liegt etwa 1000 Seemeilen (1852 Kilometer) vom Ausgangspunkt in Südkalifornien entfernt. In einer Meeresregion also, die für Schiffahrt und Tourismus komplett uninteressant ist. Es gibt nur wenige Studien. Satellitenbilder sind häufig unbrauchbar, weil das größte Ausmaß der Verschmutzung in der Tiefe liegt und schlecht erkennbar ist. Doch Deixonne will, daß das Publikum den Abfall im Detail zu sehen bekommt.

Das Expeditionsteam rechnet damit, daß die Fahrt zum Riesen-Müll-Strudel fünf bis sechs Tage brauchen wird. Mit den Untersuchungen soll schon beim Start begonnen werden. Die Wissenschafter wollen eine genaue Kartographie anlegen, die Dichte und die Zusammensetzung des Abfalls im Wasser analysieren. Dazu ist auch ein neues Gerät mit an Bord, das die französische Weltraumagentur CNES gemeinsam mit Ingenieursschülern entwickelt hat. Es ermöglicht, Kleinstlebewesen genau vom Müll zu unterscheiden. Über Satellit werden die Bilder dann übertragen und kartographiert.

Das deutsche Umweltbundesamt schätzt, daß bis zu 140 Millionen Tonnen Abfall in den Meeren liegen, schwimmen oder an den Strand treiben. Sechs Millionen Tonnen kommen pro Jahr dazu. In den Weltmeeren gibt es fünf große Strudel, die Millionen Tonnen Müll versammeln.

Vor zwei Jahren wurden allein in Japan durch den Tsunami 1,5 Millionen Tonnen Gebäudetrümmer, Autos und andere Dinge in den Pazifik hinausgeschwemmt. Das war 3200-mal die Müllmenge, die Japan sonst jährlich im Meer ablädt. Der Abfall taucht jetzt als Treibgut an den Küsten der USA und Kanadas auf und birgt große Gefahren für das Leben im Meer.

Der Meeresbiologe Jörg Ott meinte Anfang des Jahres bei einer Filmpremiere in Wien, meist werde übersehen, daß die Meere alle miteinander verbunden sind. Was auf der einen Seite der Erde geschieht, hat Auswirkungen auf der anderen. Zwei Drittel der Ozeane sind allerdings juristisches „Niemandsland“, für dessen Schutz sich zwar niemand zuständig fühlt, das aber diverse Protagonisten nutzen bzw. plündern, so Ott. (TT, APA, AFP)