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Komplizierter als eine gedämpfte Rübe: Was Russen und Deutsche mit dem Essen assoziieren

Boris Iomdin

Warum ist den Deutschen etwas Wurscht und warum sagen sie zu einem dicken Buch Schinken? Mögen sie Wurst und Schinken etwa nicht?

Wörter, mit denen Essen bezeichnet wird, werden oft im übertragenen Sinne gebraucht. Boris Iomdin und Alexander Piperski haben mit Essen verbundene Assoziationen von Deutschen und Russen verglichen und einen wesentlichen Unterschied festgestellt.

Sowohl Deutsche als auch Russen machen nichts lieber, als über das Essen reden.

Überraschend ist allerdings die Beobachtung, daß den Russisch Sprechenden das Essen in der Regel gefällt und den Deutschen meistens nicht. Wir haben in der russischen Sprache mindestens 22 Wörter aus dem Essensbereich gefunden, die eine übertragene Bedeutung haben und eine positive Bewertung ausdrücken, und 15 mit einer negativen Bedeutung. Im Deutschen ist die Situation genau umgekehrt: 17 und 27 Wörter.

So drücken Russen beispielsweise ihre Freude aus: Da hast Du mir aber ein Bonbon (eine Freude) gemacht. Bei uns ist alles in Schokolade. Das ist mir Butter ums Herz. Auf Deutsch jedoch heißt es: Pustekuchen! Oder man stöhnt: Wozu der ganze Zimt? Oder man zuckt mit den Schultern: Mir ist das Wurscht! Anstelle von Wurst können die Deutschen hier auch Käse erwähnen und die Österreicher Topfen oder Powidl. (Pedanten streiten sich, ob man hier die Essensbezeichnungen groß schreiben muß wie alle Substantive im Deutschen oder klein, da sie ja adjektivisch benutzt werden). Interessant ist, daß Deutsche auf verschiedene Lebensmittel zurückgreifen, wenn sie sagen wollen, daß ihnen etwas ganz egal ist, wohingegen die Russen völlig andere Gegenstände nennen: Mir ist das Lampe. Ihnen ist das Trommel.

Arbeiten für süße Leckereien

Im Russischen haben Bezeichnungen für Süßigkeiten die meisten übertragenen Bedeutungen mit einer positiven Bewertung. Dort, wo alles gut ist, sagt man, es ist (Im Deutschen heißt es: Bei uns ist alles in Butter) Wenn man jemanden für einen Job abwerben will, verspricht man ihm alle möglichen Milchbrötchen, also zusätzliche Boni. Wenn man nicht sein Einverständnis oder seine Zustimmung erklären möchte, sagt man: um keinen Pfefferkuchen der Welt! (Im Internet wird anstatt Pfefferkuchen auch Lebkuchen, Törtchen, Kringel oder Bonbons benutzt, da jedem klar ist, daß all das für etwas Gutes steht). Und wenn etwas besonders herausragend ist, sagt man auf Russisch Rosine oder Kirsche auf der Torte (das deutsche Pendant ist hier das Sahnehäubchen). Mit einem Wort, nicht umsonst wird das Interessanteste zum Nachtisch aufgehoben. Bonbons bedeuten im Deutschen hingegen nicht immer etwas Gutes: Jemanden einen Bonbon ans Hemd kleben bedeutet, jemanden zu veralbern.

Ihren stehenden Redensarten nach zu urteilen, mögen sowohl Deutsche als auch Russen keine Gerichte, in denen verschiedene Komponenten miteinander vermengt sind. Zumindest verweisen darauf deren übertragene Bedeutungen. Ich mache aus Dir Hackfleisch (Gehacktes, falschen Hasen, Kompott) droht man auf Russisch. Ganz ähnlich hört sich die deutsche Redewendung an Ich mache Dich zu Hackfleisch bzw. Ich mach gleich Gulasch aus Dir! Wenn ein Weg nicht befahrbar ist, sagt man auf Russisch: Kissel unter den Füßen haben. (Kissel ist ein Gericht, das aus Beeren- und Obstsaft, Milch, Hafermehl und Stärke gekocht wird). Und im Deutschen sagt man bei sehr nebligem Wetter: Draußen ist eine dicke Soße. Erstaunlicherweise hat auch das „russischste“ aller Gerichte – der Kascha (Brei) eine negative übertragene Bedeutung: Wir müssen diesen Brei auslöffeln. Er hat Brei im Mund. Wohingegen jemand, der klug ist, im Deutsche Grütze im Kopf hat. (In vielen Gegenden Deutschlands kann es aber auch genau das Gegenteil bedeuten, nämlich daß jemand nur Dummheiten im Kopf hat!) Im Übrigen sagt man auf Russisch auch: Bei ihm kocht die Schüssel gut!) Und im Deutschen muß man nicht den Brei, sondern die Suppe auslöffeln. Im Russischen hat das Wort Suppe offenbar keine übertragenen Bedeutungen (Übrigens kommt das Wort „nasupitsja“ (finster dreinschauen, die Stirn runzeln) nicht von der Suppe, Französisch soupe, sondern von der alten slawischen Bezeichnung für einen Raubvogel, einen Greif oder Geier).

Der Appetit wächst…

Viele Wörter für Essen haben eine übertragene Bedeutung danach bekommen, wie verbreitet sie in früheren Zeiten waren. So ist die Rübe – im Russischen mit der Vorstellung von Einfachheit verbunden – eine der am weitesten verbreiteten Gemüsesorten: einfacher als eine gedämpfte Rübe. Obwohl man heutzutage Rüben gar nicht mehr so leicht bekommt, ganz zu schweigen davon, daß sie kaum noch jemand dämpfen kann. Um Geringfügigkeit auszudrücken, verwendete man im Deutschen bereits im Mittelalter die Worte ber (heute Beere), brôt « (heute Brot), ei (Ei). So steht im Poem von Konrad von Würzburg „Trojanerkrieg“ (13. Jh.): daz schadet iu niht umb ein ei (das schadet euch nicht um ein Ei – also überhaupt nicht), obwohl in dem Kontext vom Essen gar nicht die Rede ist.

Die verschiedenen Obst- und Gemüsesorten werden mitunter mit völlig unterschiedlichen Assoziationen im Russischen und Deutschen verbunden. Im Russischen gibt es eine Kartoffelnase, im Deutschen hingegen meint man mit Jemanden wie eine heiße Kartoffel fallen lassen, daß man sich von ihm abwendet, ihn im Stich läßt. Kohl bedeutet im russischen Slang Geld und im Deutschen Unsinn. Die Gurke ist im Russischen ein Symbol für Frische und Mut: Du wirst wie ein Gürkchen sein. Bravo Gurke. Die Deutschen wiederum nennen ihr klappriges Auto eine alte Gurke. Besonders viele übertragene Bedeutungen hat das russische Wort Banane: Früher wurden Röcke mit einem bestimmten Schnitt so bezeichnet, später enge Hosen und jetzt Haarspangen, Kopfhörer, Wassergleiter, die Scheiben von der Scheibenhantel und schlechte Schulnoten – früher die Eins, die ja im Russischen die schlechteste Note ist und von ihrer Form her einer Banane ähnelt, und heute meistens die Zwei, weil eine Eins kaum noch gegeben wird. Die Deutschen dagegen sagen, wenn alles in Ordnung ist: Alles Banane! Nur das russische Rätsel Eine Birne, die man nicht essen kann bereitet Deutschen überhaupt kein Kopfzerbrechen, weil die Deutschen ganz offiziell ihre Glühbirne haben.

Überhaupt hat sich herausgestellt, daß die Bedeutungsübertragung nach nur ganz wenigen Prinzipien erfolgt: Süßes steht für gut, Vermischtes für schlecht, Einheimisches für einfach, Exotisches für seltsam. Die Ergebnisse sind in den verschiedenen Sprachen ganz überraschend und sehr unterschiedlich, was am Ende eine bunte Mischung ergibt. Guten linguistischen Appetit!

Boris Iomdin,
W.W.-Winogradow-Institut für die Russische Sprache der Russischen Akademie der Wissenschaften
Alexander Piperski,
Russische Staatliche Humanitäre Universität
Übersetzung: Christine Rädisch

Original erschienen auf: http://www.goethe.de/ins/ru/lp/kul/dur/spa/de14025934.htm