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Kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen NATO und Rußland?

Von Patrick J. Buchanan

„USA erwägen schwere Waffen in Osteuropa einzusetzen: diese Nachricht ist an Rußland gerichtet“, titelte die New York Times vor einigen Tagen.

„Um Rußland von einer möglichen Aggression in Europa abzuschrecken, plant das Pentagon Kampfpanzer, Schützenpanzer und andere schwere Waffen zusammen mit bis zu 5.000 US-Soldaten in mehreren baltischen und osteuropäischen Staaten zu stationieren“, hieß es weiter in dem Artikel der New York Times, der sich auf „offizielle amerikanische und alliierte Quellen“ berief.

Die Nachricht des Pentagon wurde von russischer Seite prompt am 16. Juni beantwortet. General Juri Jakubow bezeichnete die US-Aktion als den „aggressivsten Schritt, den das Pentagon und die NATO seit dem Ende des Kalten Krieges ergriffen haben.“ Wenn Moskau feststelle, daß die USA schwere Waffen in den Ostseeraum einbringen, so Jakubow, werde Rußland „seine Kräfte und Kampfmittel im westlichen strategischen Operationsraum entsprechend asufstocken.“

Konkret werde Moskau eine Verstärkung seiner Raketen-Brigade in Kaliningrad (Königsberg), an der Grenze zu Litauen und Polen, mit „neuen taktischen Raketensystemen vom Typ Iskander“ vornehmen. Iskander-Raketensysteme sind in der Lage, atomare Sprengköpfe abzufeuern.

Das Pentagon und der US-Kongress sind offenbar der Ansicht, daß Wladimir Putin blufft und bei entsprechender Zähigkeit der US-Seite klein beigeben wirde.

Bekanntlich hat der Kongress einem von Senator John McCain eingebrachten Gesetzesantrag zugestimmt, daß die Ukraine mit Panzerabwehrwaffen, Geschützen, Granatwerfern und entsprechender Munition beliefert werden soll. Bezeichnenderweise kann die US-Regierung nur dann mehr als die Hälfte des mit 300 Millionen Dollar bezifferten Budgets ausgeben, wenn 20 Prozent davon für Angriffswaffen vorgesehen sind.

Der Kongress hat damit Kiew grünes Licht und zudem die Waffen in die Hand gegeben, um einen Versuch der Rückeroberung von Donezk und Lugansk von den pro-russischen Rebellen, die sich von der Ukraine abgespalten haben, und von der Krim, die von Moskau annektiert wurde, zu unternehmen.

Wenn also das Pentagon US-Truppen und schwere Waffen in Polen und den baltischen Staaten stationiert und Kiew mit Waffen ausstattet, um die Rebellen in der Ost-Ukraine anzugreifen, so bedeutet dies, das es zu einer amerikanisch-russischen Konfrontation kommt, wie es sie seit dem Kalten Krieg nicht mehr gegeben hat.

Sehen wir uns doch die Ergebnisse früherer Konfrontationen an.

Es war Chruschtschow, der in der Kubakrise einen Rückzieher gemacht hat. Präsident Eisenhower auf der anderen Seite tat nichts, um die Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands zu verhindern, Kennedy akzeptierte die Berliner Mauer und Lyndon Johnson rührte keinen Finger, um den Tschechen zu helfen, als der „Prager Frühling“ von den Panzerarmeen des Warschauer Pakts niedergewalzt wurde.

Auch Reagans Reaktion auf die Niederschlagung der polnischen Solidarność erfolgte bloß mit Worten, aber nicht in Form einer militärischen Aktion.

Keiner der genannten US-Präsidenten war ein Beschwichtigungspolitiker, aber alle respektierten die geostrategische Realität, daß jede militärische Herausforderung Moskaus jenseits der Roten Linie der NATO, d.h. der Zonengrenze in Deutschland, das Risiko eines katastrophalen Krieges nach sich ziehen würde, dessen Folgen ein solches Risiko nicht rechtfertigten.

Heute hingegen gehen wir das Risiko eines Zusammenstoßes mit Rußland in den baltischen Staaten und in der Ukraine ein, obwohl dort keine lebenswichtigen US-Interesse am Spiel stehen und obwohl dort unser Gegner starke militärische Überlegenheit genießt.

Wie Les Gelb in einer Analyse in der Zeitschrift The National Interest schrieb, sei „die schlaffe Hand des Westens im Baltischen Raum und Rußlands militärische Überlegenheit gegenüber der NATO an seinen westlichen Grenzen für alle in schmerzhafter Weise offensichtlich.“

„Wenn die NATO den militärischen Einsatz erhöht, kann Moskau ohne weiteres noch einen Trumpf ausspielen. Moskau hat entscheidende Vorteile bei den konventionellen Streitkräften, die durch starke taktische Atomwaffen abgesichert sind; dazu kommt seine erklärte Bereitschaft, diese Waffen zu nutzen, wenn es um die Erzielung von Vorteilen oder um die Vermeidung eine Niederlage geht. Die NATO hingegen will auf keinen Fall schwach erscheinen oder eine Konfrontation verlieren.“

Daß die NATO eine Konfrontation verlieren wird, ist allerdings das wahrscheinliche Ergebnis eines Zusammenstoßes, wie er eben vom Pentagon und von John McCain provoziert wird.

Wenn Kiew US-Waffen gegen die Rebellen im Osten einsetzt und Moskau Flugzeuge, Panzer und Artillerie zu deren Vernichtung entsendet, wird Kiew verlieren. Und was tun wir dann?

Werden wir Flugzeugträger ins Schwarze Meer entsenden, die russische Flotte in Sewastopol angreifen und uns gegen russische Raketen und Luftangriffe zur Wehr setzen?

Bevor wir eine NATO-Konfrontation mit Rußland überhaupt andenken, sollten wir besser hinter uns schauen, um zu sehen, wer noch hinter Amerika steht.

Laut einer neuen Pew-Umfrage sind weniger als die Hälfte der Befragten in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien und Spanien der Ansicht, daß die NATO einschreiten solle, wenn ihre baltischen Verbündeten von Rußland angegriffen werden. Speziell die Deutschen sind in einem Verhältnis von 58 zu 38 dagegen, daß militärische Gewalt seitens der NATO eingesetzt wird, um Litauen, Lettland und Estland zu verteidigen, obwohl der Verteidigungsfall durch Artikel 5 der NATO-Charta auch für Deutschland vorgeschrieben ist.

Die Amerikaner hingegen sind in einm Verhältnis von 56 zu 37 dafür, die baltischen Staaten mit militärischen Mitteln zu verteidigen. Was Militärhilfe für die Ukraine betrifft, ist Amerika geteilter Ansicht: 46 Prozent sind dafür, 43 Prozent dagegen. Andererseits ist nur einer von fünf Deutschen und Italienern dafür, die Ukraine mit Waffen auszustatten; in keinem einzigen großen NATO-Staat gibt es eine klare Mehrheit für die Bewaffnung der Ukraine.

In Washington versuchen die Falken im Kongress, Putin ihre Härte zu zeigen. Wenn sie Waffen in die Ukraine und US-Truppen und Panzer in die baltischen Staaten senden, sollten sie aber bedenken, daß hinter ihnen eine geteilte Nation sowie eine NATO-Allianz steht, die an dieser Auseinandersetzung nicht teilhaben will.

Im Gegensatz zur Kuba-Krise ist es heute Rußland, das regionale militärische Überlegenheit für sich buchen kann und auch sein Führer ist sichtlich bereit, die Konfrontation mit uns aufzunehmen.

Sind wir denn so sicher, daß die Russen auch diesmal wieder einen Rückzieher machen werden?

Zum Autor:
Patrick Joseph „Pat“ Buchanan ist Sohn irischer Einwanderer und hat sowohl deutsche als auch iroschottische Vorfahren. Er ist ein konservativer amerikanischer Politiker, Journalist und TV-Kommentator.

Buchanan schrieb folgende Bücher, jedes davon ein Bestseller:

  • The Death of the West: How Dying Populations and Immigrant Invasions Imperil Our Country and Civilization (dt.: Der Tod des Westens. Geburtenschwund und Masseneinwanderung bedrohen unsere Zivilisation) (2002)buchanan-suicide-superpower-196×300
  • Churchill, Hitler, and „The Unnecessary War“: How Britain Lost Its Empire and the West Lost the World (dt.: Churchill, Hitler und der unnötige Krieg: Wie Großbritannien sein Empire und der Westen die Welt verspielte) (2009)
  • Suicide of a Superpower: Will America Survive to 2025? (2011)
  • The Greatest Comeback: How Richard Nixon Rose from Defeat to Create the New Majority (2015)