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Deutsch-Russisches Tauwetter: Kleine Geschenke unter Partnern auf Kosten Griechenlands

Hat Rußland die linke griechische Regierung zugunsten von Berlin hängen lassen?

“Hat Putin Griechenland verkauft?” – unter dieser Schlagzeile faßte Bloomberg Ende Juli griechische Medienberichte, unter anderem in der Zeitung To Vima, zusammen, die auf ein doppeltes Spiel Moskaus während der Griechenland-Krise hindeuteten, mit dem die Athener Linksregierung ins Abseits manövriert wurde.

Es kursierten “Verschwörungstheorien”, wonach Putin “Griechenland helfen konnte, den Euro zu verlassen, aber er hat den Kurs im letzten Moment geändert, und so den griechischen Premierminister Alexis Tsipras in die kalte Umarmung der europäischen Führer getrieben”. Demnach habe der Kreml, angestoßen durch die beiden Rußland-Visiten des griechischen Premiers Tsipras, Geheimverhandlungen mit Athen über Notkredite geführt.

Konkret ging es bei den Verhandlungen um Kredite von bis zu 10 Milliarden Euro, die dazu dienen sollten, im Notfall eine Rückkehr Griechenlands zur eigenen Währung zu ermöglichen. Mit diesen Mitteln hätte Athen einen Ausstieg aus dem Euro wagen können, der nicht notwendigerweise in eine sozioökonomische Katastrophe geführt hätte. Wen man so will, wäre dies der griechische “Plan B” gewesen, über dessen angebliches Fehlen sich viele Beobachter der deutsch-griechischen Auseinandersetzungen den Kopf zerbrochen haben.

Auch die Financial Times berichtete hierüber unter Berufung auf den ehemaligen griechischen Energieminister Panagiotis Lafazanis, der bei beiden Rußland-Visiten des griechischen Premiers zugegen war. Die Kredite sollten demnach als Vorauszahlungen für die Transitgebühren aus russischen Pipelineprojekten in Hellas fließen.

Alexis Tsipras beim Treffen mit Wladimir Putin im April 2015, bei dem es um einen Milliardenkredit ging. Bild: Kreml

Alexis Tsipras beim Treffen mit Wladimir Putin im April 2015, bei dem es um einen Milliardenkredit ging. Bild: Kreml

Moskau schien – den besagten Berichten zu folge – auf den Deal eingegangen zu sein. Die Kehrtwende Moskaus erfolgte demnach erst am Abend des 5. Juli, gerade als die griechische Bevölkerung sich mit überwältigender Mehrheit in dem berühmten OXI-Referendum gegen das deutsche Ultimatum entschieden hatte.

Durch diese Kehrtwende Putins habe Tispras keine andere Option gehabt, als zu kapitulieren und die deutschen Forderungen bedingungslos anzunehmen, da ihm jegliche ökonomische Optionen auf einen “Grexit” genommen wurden. Dieses Vorgehen Rußlands, das Athen mit der gefährlichen Illusion einer Alternative versorgte, spielte letztendlich auch dem Bestreben Schäubles in die Hände, Griechenland in einen katastrophalen Ausstieg aus der Eurozone zu treiben, um so ein Exempel zu statuieren.

Diese von Bloomberg und der Financial Times zirkulierte Story wurde auch von den Anarcho-Kapitalisten des beliebten Newsportals Zerohedge aufgegriffen, die über die Motivation Putins spekulierten. Sollten sich diese Berichte bestätigen, sei Putin letztendlich als der Retter der deutsch dominierten Eurozone anzusehen:

Das bedeutet, daß Merkel nun in einer großen Schuld bei Vladimir steht, dessen Verrat an den “Marxisten” es der Eurozone ermöglichte, in ihrer gegenwärtigen Form weiter zu bestehen. Es stellt sich nun die Frage, was das pro quo ist für das Fallenlassen der griechischen Regierung…

Es ist nun möglich, den Inhalt dieses “pro quo” abzuschätzen: Die Annäherung zwischen Rußland und Deutschland, die von Berlin nun forciert wird, könnte gerade Ausdruck der Dankbarkeit Berlins sein für den machtpolitischen Gefallen, über den Putin dem deutschen Hegemon bei seinem Machtkampf mit den aufmüpfigen Griechen leistete.

In einer existenziellen Krise der deutschen Eurozone – als Berlins Dominanz von Athen offen herausgefordert wurde – verzichtete der Kreml dieser Hypothese zufolge darauf, die deutsche Einflußsphäre zu destabilisieren. Putin respektierte den deutschen “Hinterhof” und half Merkel, diesen unter Kontrolle zu halten. Die griechische Kapitulation wäre demnach das “Geschenk”, daß Putin dem ersehnten deutschen “Partner” überreichte, um Berlin zu einem Politikwechsel zu animieren.

Die Message ist klar: Wie akzeptieren eure Einflußsphäre, wenn ihr das Gleiche tut. Die aktuelle Annäherung zwischen Deutschland und Rußland findet über der soziökonomischen Leiche Griechenlands statt.

Diese Hypothese würde vieles an den dramatischen Vorgängen im Gefolge des OXI-Referendums in Hellas erklären, was derzeit rätselhaft erscheint. Etwa das angebliche Fehlen eines “Plan B” der griechischen Linksregierung oder die Niedergeschlagenheit in im Umfeld von Tsipras nach dem Sieg beim Referendum am 5. Juli, über die der ehemalige Finanzminister Varoufakis berichtete. Sie wurde bisher wenig einleuchtend damit begründet, daß Tsipras eigentlich im Referendum unterliegen wollte.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf: http://www.heise.de/tp/artikel/45/45970/2.html