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Interview mit Biker-Chef Alexander Saldostanow, “Chirurg” der Nachtwölfe

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Ist Ihre Fahrt nach Berlin eine Werbetour für Wladimir Putins Rußland?

Saldostanow:Wegen einer banalen Reise wird so ein Wirbel um uns gemacht. Ob ich fahre, hängt davon ab, ob ich ein Visum erhalte. Es soll eine Gedenkfahrt werden, keine Propagandaveranstaltung, wie im Westen behauptet wird. Wir sind gerade mal 20, 30 Biker. Reicht das für eine Machtdemonstration? Die Idee entstand schon 2007. Damals erzählte uns eine Kriegsveteranin, wie sie dem Kriegsverlauf auf dem Motorrad von Rußland bis Prag gefolgt sei. Leider ist sie inzwischen verstorben. Zu ihren Ehren veranstalten wir das.

Die Behörden in Berlin wollen eine Fahrt in der Kolonne nicht zulassen. Auch viele Polen haben schon gegen Ihr Vorhaben protestiert.

Saldostanow<: Wenn der politische Wille fehlt, uns die Erlaubnis zu erteilen, in Kolonne fahren zu dürfen, soll jeder für sich in Berlin zum Mahnmal nach Treptow fahren. Die Hysterie zeigt uns, daß wir wieder als Feinde wahrgenommen werden. Aber auch wir haben Überzeugungen und Menschen vertrauen uns. In Polen warten alte Freunde auf uns, die uns durch das Land begleiten wollen. Auch in Deutschland gibt es viele Bekannte.
Porträt in Bildern: Das ist Alexander Saldostanow – Chef der Nachtwölfe FOTO: dpa, yk mo

Sie setzen sich für die Wahrung konservativer russischer Werte ein. Welche sind das?

Saldostanow: Grundlage der “Rus” ist der orthodoxe Glaube. Eine zweite Säule ist die Geschichte mit unseren militärischen Siegen, die uns streitig gemacht werden sollen. Die Angriffe kamen zuletzt besonders aus der Ukraine. Der 9. Mai ist neben dem Osterfest unser wichtigster Feiertag. Beide untermauern die Russische Staatlichkeit.

Aber Rußland ist trotz allem ein säkularer Staat…

Saldostanow: In der Sowjetunion wurde uns der Atheismus aufgezwungen. Auch das war letztlich ein Grund für den Zerfall der UdSSR. Zugegeben, ich habe den Atheismus etwas anders erlebt. Meine Mutter war eine “verdiente Lehrerin” der Ukraine und eine überzeugte Kommunistin. Der Tag begann für sie dennoch mit einem Gebet vor der Hausikone. Das läßt sich nur schwer vermitteln. Wir hatten auch enge Verwandte, die Opfer Stalinscher Repressionen geworden waren. Trotzdem stand bei meiner Großmutter Stalins Foto im Zimmer. Das gehört in den Bereich der Mystik, es existieren Dinge außerhalb unseres Verstandes, die sich einer Erörterung entziehen. Für Europa mag das unbegreiflich sein. Bei uns stellt es etwas ganz Gewöhnliches dar, von dem wir alle quasi genetisch durchdrungen sind.

Von der Sichtweise eines Chirurgen hat er einiges übernommen. Für ihn gibt es nicht immer eine passende Medizin, manchmal müsse man eben die eiternde Wunde aus dem Fleisch schneiden, sagt er

Von der Sichtweise eines Chirurgen hat er einiges übernommen. Für ihn gibt es nicht immer eine passende Medizin, manchmal müsse man eben die eiternde Wunde aus dem Fleisch schneiden, sagt er

Der Glaube an Gott und die Verehrung eines Massenmörders unter einem Dach sollen miteinander vereinbar sein? Ohne daß Vernunft und Moral rebellieren?

Saldostanow: In unserem Verhältnis zu Stalin ist ein übermenschlicher Mystizismus am Werk. Einerseits steht er für die Repressionen, andererseits ist er der Vollstrecker des triumphalen Sieges im Großen Vaterländischen Krieg. Um Moskau zu retten, flog er mit einer Ikone über die Stadt. Unsere Väter verfluchten und verehrten ihn gleichzeitig, sie gingen für ihn in den Tod wie für Jesus Christus. Er bleibt ein Idol in der russischen Geschichte und ein unübertroffener Führer, obwohl wir seit seinem Tod einer Gehirnwäsche unterliegen. Stalin schuf einen grandiosen Staat und bewahrte die Russische Zivilisation vor dem Abgrund nach dem Niedergang des Zarenreiches. Alles, was wir besitzen, verdanken wir ihm. Daher steht uns das Recht nicht zu, ihn zu kritisieren. Auch unsere Anhänger der amerikanischen Demokratie sollten sich zurückhalten, denn die Demokratie richtete viel größeres Übel an und kommt heute mit den ähnlichen Parolen daher wie der Kommunismus.

Die Gebiete des so genannten “NeuRußlands” (Noworossija) gehören für Sie zu Rußland. Sie wollen aber noch weiter marschieren – wenn möglich bis Kiew…

Saldostanow: Natürlich, die Auflösung der Sowjetunion war 1992 ein Rechtsbruch und künstlich. Heute bezahlen wir dafür mit Blutvergießen, was sich zu einem ewigen Krieg auswachsen könnte. Ich bin in der Ukraine geboren und in Sewastopol aufgewachsen. Mein Vater war Ukrainer, meine Mutter Russin. Meine Diagnose als Arzt: Das Minsker Abkommen doktert nur an Symptomen herum, die Ukraine gehört zu Rußland.

Rußland heizt den Krieg an. Sie machen auch kein Hehl daraus, daß Sie bei der Besetzung der Krim dabei waren und Ihre Biker im Donbass kämpfen…

Saldostanow: Ich bin verwundert, daß Deutschland der US-Politik ohne Murren folgt. Wo die USA auftauchen, herrscht Chaos und fließt Blut. Die Amerikaner verfügen über eine neue Waffe: ich nenne sie die Theorie des lenkbaren Chaos, die nicht weniger wirksam ist als ein Atomsprengkopf. Ich Haße Amerika nicht, seine Politiker verachte ich aber. Amerikas Weltanschauung ist sehr begrenzt, sie besteht aus einem überschaubaren Satz von Phrasen und Losungen. Unsere Erziehung und Bildung geht stattdessen in die Breite, wir sind keine engstirnigen oder hochgezüchteten Fachidioten.

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