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Hafen norwegischer Wikinger-Könige gefunden

Borre ist eine der wichtigsten Wikingergräberanlagen in Skandinavien mit reichen Funden aus der Vorzeit. Im Bild ein historischer Grabhügel aus der Wikingerzeit.

Die Lebensweise, Kultur und Kriegsführung der Wikinger – ca. 790 bis 1066 n.Chr. – waren stark vom Meer und Küste beeinflußt. Wissenschafter  u.a. der Universität Wien entdeckten bei geoarchäologischen Untersuchungen der damaligen Küstenlinie einen wichtigen Hafen der Wikinger.

Ein Team von internationalen Wissenschaftern untersuchte eine der wichtigsten, wikingerzeitlichen Begräbnisstätten Norwegens. Dabei handelt es sich um die am westlichen Oslo Fjord gelegenen königlichen Grabhügel von Borre, die zwischen 600 bis 1000 n. Chr. angelegt wurden.

Neun Grabhügel erreichen noch immer bis zu 50 Meter Durchmesser und acht Meter Höhe. Im Umkreis gibt es noch weitere 35 kleinere Grabhügel. Laut historischen Quellen wurden an dieser Stelle Könige der Ynglinga-Dynastie bestattet. Eine in der Mitte des 19. Jahrhunderts durchgeführte Ausgrabung dokumentierte eine reiche Bestattung mit einem kompletten Wikingerschiff in einem der großen Grabhügel, deren Funde namensgebend für diese Periode wurden. Bis vor kurzem war es Archäologen noch nicht geglückt, den für diesen wichtigen Bestattungsplatz zu erwartenden Hafen zu entdecken.

Die detaillierte Grafik zeigt die archäologische Interpretation der königlichen Begräbnisstätte Borre.

Intensive Zusammenarbeit

Erich Draganits und Michael Doneus vom Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie (UHA) der Universität Wien arbeiteten für diese Studie mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Archäologische Prospektion und Virtuelle Archäologie (LBI ArchPro), Vienna Institute for Archaeological Science (VIAS), Department für Geodynamik und Sedimentologie, der Region Vestfold und dem Norwegian Institute for Cultural Heritage Research (NIKU) zusammen.

Bei der Untersuchung der Borre-Begräbnisstätte wurden geoarchäologische Methoden, detaillierte Geländemodelle aus airborne laser scanning (ALS) Daten und geophysikalische Prospektion kombiniert. Geoarchäologie ist jene Forschungsrichtung, die archäologische Fragestellungen mit geologischen Ansätzen und Methoden zu beantworten sucht. ALS ermöglicht die effiziente, detaillierte und zerstörungsfreie Dokumentation selbst kleinster geologischer und archäologischer Geländeformen, wodurch deren Zusammenhänge visualisiert werden können.

Veränderte Küstenlandschaft

Vor etwa 20.000 Jahren, zum Höhepunkt der letzten Kaltzeit, war Skandinavien komplett von einem bis zu 3.000 Meter dicken Eisschild bedeckt, dessen Ausdehnung bis über Berlin hinaus nach Süden reichte. Durch die anschließende Klimaerwärmung schmolzen diese Eismassen ab und das Zentrum Skandinaviens hat sich seither um insgesamt etwa 270 Meter gehoben.

Auch heute hebt sich Skandinavien noch immer mit bis zu acht Millimeter pro Jahr und wächst in seiner Ausdehnung. Aus diesem Grund hat sich die Küstenlandschaft Skandinaviens seit der Wikingerzeit sehr stark verändert, beispielsweise finden sich viele Häfen der Wikinger heute auf trockenem Land, viele Meeresverbindungen existieren nicht mehr, ehemalige Inseln wurden ein Teil des Festlandes.

Neben der Entdeckung bislang unbekannter kleinerer Grabhügel konnte gezeigt werden, daß der relative Meeresspiegel bei Borre, während der Benützung als Begräbnisstätte, rund drei bis fünf Meter höher war als heute und daß die Küstenlinie direkt bei den Hügelgräbern verlief; im Gegensatz dazu ist das Meer heute mehr als 130 Meter entfernt.

Der Nachweis eines Hafens mit zwei künstlich angelegten Wellenbrechern und einem künstlich abgetieften Hafenbereich setzt diese wichtige Begräbnisstätte in einen komplett neuen überregionalen Zusammenhang, dessen archäologische Tragweite derzeit in Norwegen diskutiert wird. (red)

Die Publikation “The late Nordic Iron Age and Viking Age royal burial site of Borre in Norway: ALS- and GPR-based landscape reconstruction and harbour location at an uplifting coastal area” (Autoren: E. Draganits, M. Doneus, T. Gansum, L. Gustavsen, E. Nau, C. Tonning, I. Trinks, W. Neubauer) erschien kürzlich in der Fachzeitschrift Quaternary International.