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Kunststoffisolierte 525-Kilovolt-Kabel: Gigantischer Feldversuch, von dem keiner weiß, wie er am Ende ausgeht?

Peter Mühlbauer 17.07.2015

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Montage des kunststoffisolierten 525-Kilovolt-Kabelsystems in der Testhalle. Foto: ABB.

Kunststoffisolierte 525-Kilovolt-Kabel für unterirdische Landstromtrassen werden erst seit August 2014 angeboten

Am 1. Juli einigten sich die Bundesregierung und die bayerische Staatsregierung darauf, den weitaus größten Teil der nach der Abschaltung der Atomkraftwerke für die Stromversorgung Bayerns nötigen Windstromtrassen SuedLink und Gleichstrompassage Süd-Ost nicht ober-, sondern unterirdisch zu verlegen. Diese Landschaftsschutzmaßnahme wird nach Ansicht der bayerischen Energieministerin 11 Milliarden Euro kosten, die die Verbraucher über einen höheren Strompreis aufbringen müssen – ohne Unterschied, ob sie Strommastengegner sind oder solche Bauwerke als erhabene Monumente menschlichen Erfindergeists schätzen.

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung könnte dieser Landschaftsschutz aber auch noch deutlich teurer werden. Das liegt nicht nur daran, daß niemand weiß, ob die Erdkabel nun drei oder acht mal so teuer werden wie oberirdische Leitungen, sondern auch daran, daß es kunststoffisolierte 525-Kilovolt-Erdkabel für den Leitungsbau an Land erst seit August 2014 gibt und daß diese entsprechend wenig praxiserprobt sind.

Ein nicht namentlich genannter Experte sprach gegenüber der SZ deshalb von einem “gigantischen Feldversuch, von dem keiner weiß, wie er am Ende ausgeht”, ein anderer von einer “richtig waghalsigen Entscheidung”. daß statt dieser neuen kunststoffisolierten die für Unterseeverbindungen verwendeten Masse-imprägnierten Kabel für die Schlagadern des neuen Stromnetzes vergraben werden, ist trotzdem unwahrscheinlich, weil diese Kabel deutlich größer, schwerer und unhandlicher sind.

Aktuell werden die kunststoffisolierten 525-Kilovolt-Erdkabel nur von einer einzigen Firma angeboten: Der schweizerischen ABB. Dort heißt es zu den in der SZ geäußerten Bedenken auf Anfrage von Telepolis, man habe die Kabel “inklusive der Kabelgarnituren in einem Prüffeld nach den derzeit geltenden Empfehlungen der Cigré in einem Langzeittest geprüft”, der “erfolgreich abgeschlossen und von einem unabhängigen Gutachter überwacht” worden sei. Das Kabel sei deshalb aus Sicht des Unternehmens “am Markt einsetzbar” und man biete es bereits weltweit an. Sollten die deutschen Übertragungsnetzbetreiber weitere Tests als notwendig erachten, sei man “natürlich bereit, die Anforderungen hierfür gemeinsam zu spezifizieren und diese Tests durchzuführen”.

Auch der Baubeginn könnte deutlich länger auf sich warten lassen als geplant: Das liegt daran, daß Naturschutzbehörden (und vielleicht auch Gerichte) nun neue und ganz andere Auswirkungen prüfen müssen, als sie Naturschützer gegen den Bau der oberirdischen Stromleitungen vorbrachten. Weil die EU-Richtlinie zu Fauna, Flora und Habitat (FFH) extrem unflexibel ist, wenn es um Feldhamster, Ringelnattern, Kammmolche, Rotbauchunken, Fetthennen-Bläulinge, Hauben-Azurjungfern, Hornissen, Königsfarne, Sand-Strohblumen und andere begünstigte Tiere und Pflanzen geht, könnten sogar größere Umwege und Zickzackführungen nötig werden.

Beim Netzbetreiber Tennet ist man sich deshalb sicher, daß die Leitungen 2022 noch nicht in Betrieb sein werden. Sollte diese Prognose eintreffen, dann könnte in Bayern die Forderung laut werden, das eine oder andere Atomkraftwerk länger laufen lassen.

Die im besten Falle 11 Milliarden teure und 25 bis 40 Meter breite Schneise, die bei der Verlegung der Erdkabel entsteht, darf weder mit Bäumen noch mit Gebüsch bepflanzt werden. Ob Landschaftsschützer damit zufriedener sind als mit Strommasten, wird sich zeigen. Als Bepflanzung erlaubt sind Grasweiden, Getreide und Feldfrüchte, bei denen Bauern allerdings damit rechnen müssen, daß sie bei der Störungssuche und Störungsbeseitigung aufgeRißen werden. Solche Störungen können unter anderem auftreten, wenn Muffen undicht werden. Bei unterirdischen Leitungen dauert es deutlich länger, bis solche Fehler gefunden und beseitigt sind, als bei oberirdischen.