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Europas Wurzeln: Wie Odins Raben schwarz wurden

Es war einmal vor langer Zeit, als Odin unter den Zweigen von Yggdrasil ging, wie zwei Raben niederflogen und sich auf seine Schultern setzten. Der Rabe auf seiner linken war weiß wie die Nebel von Niflheim (denn damals waren alle Raben weiß), und in seinen Augen spiegelten sich die Wolken. Der Rabe auf seiner rechten glänzte in der Sonne wie die Schneefelder Jotunheims, und sah ihn mit hellen klaren Augen an. Und Odin nannte den Raben zu seiner rechten HUGIN, das ist Gedanke, und den anderen nannte er MUNIN, das heißt Erinnerung.

Wie die Tage vergingen, glich der Raben Neugier auf alle Dinge in den Neun Welten der Wißbegier Allvaters. Sie flogen herum, horchten und beobachteten, was immer sie konnten, und jeden Abend kehrten sie zu Odin zurück und erzählten ihm alles, was sie in den langen Stunden des Tages gesehen und gehört hatten. Sie erzählten von den langsamen Gedanken der Berge, den bunten und sich ständig verändernden Erinnerungen der Menschen, und dem Lied in dem Herzen von allem, was lebt.

Und obgleich Odin sich an dem Wissen, das sie brachten, erfreute, hatte er doch stets das Gefühl, daß noch etwas fehlte, und sagte dann: „Das war viel, aber nicht genug. Morgen müßt ihr wieder fliegen. Versucht jetzt zu ruhen.“ Und die Raben schliefen unruhig, nicht wissend, was noch fehlte, und jeden Morgen flogen sie wieder hinaus in die Welt.

Es kam einer von vielen Abenden nach einem weiteren langen Tag, an dem sie wieder einmal alles gesehen hatten, was Sunnas Schein zeigen kann, alle hellen Gedanken der Menschen in Midgard belauscht hatten und ihre wachen Erinnerungen gelesen hatten, als Hugin zu Munin sagte: „Wir können noch nicht zurück. Es ist nicht genug. Wir müssen weiter.“ Und sie flogen voran, in die Nacht hinein.

Und Hugin flog durch die dunklen Träume der Menschheit und hörte die Gedanken, die sie am Tage nicht zu denken wagten, nicht einmal vor sich selbst. Er schwang sich durch die schwarze Leere zwischen den Sternen, wo nichts ist, und weiter bis zur zwielichten Welt der Zukunft, wo sowohl nichts existierte als auch alles zugleich. Und als er zurückkam, waren seine Federn, von Flügel zu Flügel, so schwarz wie die Nacht.

Und Munin flog durch die Gedanken der Menschen in die düsteren Ecken und Keller, wo sie all die Dinge versteckten, die sie nicht mögen, sie wegschlossen und sagten: „Ich erinnere mich nicht.“ Er segelte durch die gähnende Leere Ginnungagaps, und weiter und weiter bis zur Asche Ragnaröks, die dieses Zeitalter vor dem nächsten verbirgt. Und als er zurückkam, waren seine Federn, vom Schnabel zum Schwanz, so schwarz wie Ruß.

Die Raben kehrten zu Odin zurück gerade vor Anbruch des Morgens, wenn die Nacht am Dunkelsten ist, und wie sie sich auf seine Schultern setzten, wußte er alles, was sie gesehen hatten, und sie brauchten es nicht zu erzählen. Und Odin verstand, was all die Zeit gefehlt hatte, nickte, und sprach: „Es ist viel, und es ist genug. Für heute. Ihr könnt jetzt ruhen.“ Und die Raben blinzelten schläfrig in die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne, die auf ihren – nunmehr schwarzen – Federn glänzte, steckten den Schnabel unter die Flügel, und schliefen sehr gut.

Seit dieser Zeit sieht man, daß alle Raben so schwarz sind wie ein Schatten in einer sternlosen Nacht. Sehr selten geschieht es, daß jemand einen Blick auf einen weißen Raben erhascht; und wenn Ihr jemals das Glück haben solltet, einen zu sehen, dann wißt ihr, daß ihr weitab vom Weg gewandert seid und zurück in das Land der Erinnerung, bevor die Raben schwarz wurden.

Gehen wir tief in uns und durchleuchten wir unsere Ecken und Felder, dann kommt Frieden in uns. Ich möchte eines Tages die weißen Raben wiedersehen und nicht als Glück erachten, so sich mir einer zeigt.

Hugin und Munin
– Gedicht –

Dem Gott des Nordens, Odin, stand
Ein Rabenpaar zur Seite,
Der Eine Hugin zubenannt
Und Munin hieß der Zweite;
Es trug sie ihrer Flügel Schwung
Durch alle Zeit und Schranke.-
Munin war die Erinnerung,
Und Hugin der Gedanke.

Treu wurde durch sein Rabenpaar
Dem Gott alltäglich Kunde
Was in der Welt geschehen war –
Daß er auf festem Grunde
Sein Reich gebaut, und Alt und Jung
In Treue niemals wanke,
Deß freut ihn die Erinnerung,
Ergötzt ihn der Gedanke.

Und Odin herrschte lange Zeit
In ungetrübtem Glücke,
Das weckt des bösen Loke Neid,
Durch arge List und Tücke
Lähmt er der Raben Flügelschwung,
Bannt sie in enge Schranke;
Da trübt sich die Erinnerung,
Empört sich der Gedanke!

Und sieh, es fühlt im eig’nen Blut
Odin das Gift des Bösen,
Er will in seinem grimmen Muth
Die Raben nicht erlösen,
Daß sie, wie einst, ihr Flügelschwung
Trage durch Zeit und Schranke –
Da quält ihn die Erinnerung,
Zernagt ihn der Gedanke!

In seinem Zorne will der Gott
Die Raben ganz zerstören,
Daß sie nicht länger, wie zum Spott,
Sich gegen ihn empören.
Doch, trotz gewalt’gem Keulenschwung,
Lebendig in der Schranke
Bleibt Munin, die Erinnerung,
Und Hugin, der Gedanke.

Ob auch auf kurze Zeit gezähmt,
Sie waren nicht zu zwingen;
Ob auch ihr Flügelpaar gelähmt,
Es wuchsen neue Schwingen,
Und mit gewalt’gem Flügelschwung
Aus Odin’s Dienst und Schranke
Floh Munin, die Erinnerung,
Und Hugin, der Gedanke.

Als sich das Rabenpaar entschwang
War Schrecken in Walhalle,
Die Flucht ward Odin’s Untergang,
Todt sind die Götter alle.
Unsterblich aber, stark und jung
Durch alle Zeit und Schranke
Fliegt Munin, die Erinnerung,
Und Hugin, der Gedanke.

 

How Ravens Came To Be Black

by Michaela Macha

Once upon a time and long ago, Odin was walking under the branches of Yggdrasil when two ravens swooped down and settled upon his shoulders. The raven on his left was white as the mists of Niflheim (for back then, all ravens were white), and his eyes mirrored the clouds. The raven on his right glistened in the sun like the snows of Jotunheim, and looked at him with bright clear eyes. And Odin called the raven to his right Hugin, which is Thought, and the other one he named Munin, which means Memory.

As the days passed, Hugin and Munin matched the Allfather’s curiosity for everything in the Nine Worlds, flying around and watching and listening to whatever they could, and in the evenings, they returned to him to tell him all they had seen and heard in the long hours of the day. They told him about the slow thoughts of the mountains, the colorful and ever-changing memories of men, and the sound of the song in the heart of everything that lives.

And though Odin delighted in the knowledge they brought, he always felt they had missed something, and he said, “That was much, but not yet enough. Tomorrow you must fly again. Try to rest now.” And the ravens slept uneasily, not knowing what they had missed, and every morning, they flew out again.

There came one of many evenings after another long day when they had once again seen all that Sunna’s shine could show, had listened to all men’s bright thoughts in Midgard, and read their waking memories, when Hugin said to Munin, “We cannot return yet. It is not enough. We must go farther.” And they flew on into the night.

And Hugin flew through the dark dreams of mankind and heard their thoughts which they dared not think during the daytime, not even before themselves. He winged through the black void between the stars where there was nothing at all, and on to the twilight world of the future, where there is equally nothing and everything at once. And when he returned, his feathers, from tip to tip, were black as the night.

And Munin flew through the minds of men into the shady corners and cellars where they had hidden all the things they did not like, and locked them away, saying “I do not remember.” He soared through the sightless void of Ginnungagap, and on and on until he arrived at the ashes of Ragnarok which obscured this age from the next. And when he returned, his feathers, from beak to tail, were as black as soot.

The ravens returned to Odin just before the break of morning, when the night is at its darkest, and when they settled back on his shoulders, he knew all that they had seen, and they did not need to tell. And he understood what had been missing, and nodded, and said, “It is much, and it is enough. For tonight. You may rest.” And the ravens blinked drowsily into the first rays of the rising sun which glinted on their now black feathers, tucked their beaks under their wings, and slept very well.

Since that time, all ravens have been seen to be as black as a shadow on a starless night. Very rarely it happens that somebody catches a glimpse of a white raven, and should you ever be lucky enough to see one, you’ll know that you have wandered far off and back into the land of memory, before ravens came to be black.

© Michaela Macha

http://www.northernpaganism.org/shrines/odin/writing/how-ravens-came-to-be-black.html