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“Europa in Brand”: Rostislav Ischenko sagt Krieg in Europa voraus

Berlin und Paris (selbstverständlich auch Brüssel) sind bestens informiert

Auffallend schnell reagierten Merkel und Holland auf die noch nicht stattgefundene (nur sich abzeichnende) Niederlage in Debalzewo. Sie haben gar keine Zeit gebraucht um die Position der USA zu erfahren. Sie haben gehandelt während das Bild erst angefangen hat sich abzuzeichnen, schon wissend, welche Konsequenzen das haben wird. Das heißt, Berlin und Paris (selbstverständlich auch Brüssel) waren informiert, daß es der letzte Versuch war Kiew zu retten. Wenn die Offensive scheitert, wird die Situation von den USA freigegeben.

Das alles entspricht den Interessen der Amerikaner oder wenigstens widerspricht es ihnen nicht

Natürlich wird Washington die kiewer Nazis nicht als ein verbrecherisches Regime anerkennen und die Unterstützung des gerechten Kampfes des Donbass-Volkes und des Untergrundes auf den von Nazis okkupierten Territorien verkünden. Sie werden aufhören sie von den inneren Streitigkeiten abzuhalten. Sie werden auch aufhören Geld zu geben. Aber das Wichtigste ist – es wird ihnen erlaubt sein frei für die Macht zu kämpfen. Es ist kein Geheimnis für die USA, daß in diesem Fall nach einer Reihe von immer blutigeren Staatstreichen die Macht an die radikalsten, nazistischsten aller Nazis übergeht. Dieser Prozess wird durch einen schnellen Verlust der äusseren Legitimisierung der Kiewer Macht und durch die politische Fragmentierung der vom Kiew kontrollierten Territorien begleitet. Aber das ist für die USA im Prinzip akzeptabel.

Erstens, führt der Bürgerkrieg vom Somalischen Typ (wenn es zehn und mehr Konfliktseiten gab) zu einer schnellen und effektiven Vernichtung nicht nur der Wirtschaft, sondern auch des Lebensraumes. Das bedeutet, daß Millionen Menschen fast gleichzeitig eine Möglichkeit verlieren sich von einem Territorium, das noch vor Kurzem ihr Staat war und ein ausreichendes Lebensstandard sicherte, zu ernähern.

Zweitens, braucht die Unterstützung solch einen Konfliktes keine großen Investitionen, er erhält sich nicht nur selbst, sondern er wächst, weil in einer Situation, in der das einzige Produktionsmittel das Maschinengewehr ist, arbeiten alle als Soldaten (und die glücklichen – als Feldkommandeure). Anders kann man nicht überleben. Das heißt, die USA braucht gar kein Geld mehr für die Ukraine.

Drittens, ist so ein Konflikt schwieriger zu löschen, sogar von einer Aussenkraft. Es ist nötig nicht nur mit einer einflussreichen Gruppe zu verhandeln, mit der man irgendwie einen gemeinsamen Nenner finden kann, sondern mit einem Dutzend kleiner, dabei oft miteinander kämpfenden Gruppen, die ständig verschwinden und neu entstehen. Es ist am schwersten den Partisanenkampf zu unterdrücken, der kein einheitliches Steuerungszentrum besitzt, der unabhängig von einem Versorgungsgebiet ist, der es nicht nötig hat bestimmte Punkte zu verteidigen, sondern wenn nur für das Essen gekämpft wird und für die Waffen, die dieses Essen gewährleisten.

Viertens, während die immer weiter zerfallende Macht an immer radikalere Nazis übergeht, werden in der Ukraine immer effektiver die Menschen abgeschlachtet, die man der Rußland-Sympathien verdächtigt. Natürlich wird es sehr bald egal werden, ob “prorussisch” oder “proamerikanisch”, es wird nicht nur für Wurst getötet, sondern bald auch schon für das Brot, aber die ersten Schläge (solange noch irgendwelche Organisation existiert) werden gegen die Russen der Ukraine ausgeführt.

Die weitere Unterstützung von Poroschenko als einen stabilisierenden Faktor des ukrainischen politischen Lebens beginnt aber mittlerweile den amerikanischen Interessen zu widersprechen

Erstens, wenn schon die ukrainische Armee allmählich aber recht schnell aufhört als eine organisierte Kraft zu existieren und ihre Wiederherstellung mehr Zeit braucht, als man zur Verfügung hat, und mehr Ressourcen als es Sinn hat auszugeben, dann braucht man auch keinen Oberkommandierenden und auch keinen Generalstab. Die Feldkommandeure brauchen keinen Stab.

Zweitens, die Situation in der Ukraine verschlechtert sich in einem solchenTempo, daß das Volk schon ein Opfer braucht. Jemand muß sich für das Scheitern der Reformen, für die fehlende Visumsfreiheit mit der EU und Renten und Gehälter “wie in Deutschland” und sonstiges Gute, was auf Maidan versprochen wurde, verantworten. Wenn Poroschenko den Krieg im Osten gewonnen hätte, dann würde auch Janzenjuk auf diese Rolle passen. Aber Poroschenko hat den Krieg verloren und jetzt leidet der “junge talentierte Reformator”, denn der alte Verräter und Rückständler im Präsidentensessel läßt ihn das Land nicht retten.

Drittens, und das ist der wichtigste Faktor, daß Poroschenko sein Urteil unterschreibt, denn die nazistischen Bataillone und die nicht ideologisierten Freiwilligen, die “das Land verteidigten”, die einfachen Wehrpflichtigen, die von den Kriegskommissariaten eingefangen und ins Niemandsland geschickt wurden, wollen nach den Niederlagen an der Front, dem Tod seiner Kameraden und den schamlosen Lügen von Poroschenko, der die Soldaten für seine Ambitionen opferte, sein Blut.

Wenn man den Willen des einfachen Volkes ignorieren kann, dann sollte man die Wünsche des bewaffneten Volkes befriedigen

Das ist alles leicht zu berechnen und in Brüssel sollte das bekannt sein. Deswegen, sobald es klar wurde, daß die nächste militärische Katastrophe unvermeidbar ist, organisierten Paris und Berlin eine merkwürdige Mission. Sie ist merkwürdig, weil, während sie scheinbar die Ukraine unterstützten, sie maximal die Wünsche von Putin befriedigten, maximal Poroschenko erniedrigten und scheinbar nichts erreichten. Sie erreichten nichts, wenn man davon ausgeht, daß sie das Kiewer Regime retten wollten. Aber in Wirklichkeit versuchten sie einen Tausch – ganz schnell Kiew zu verraten (weil sie schon wussten, daß Kiew von den USA aufgegeben wurde), um sich auf die Stabilisierung der EU zu konzentrieren. Jedoch, wie ich schon oben schrieb, spielt in der Politik Zeit oft eine Schlüsselrolle.

Die EU hat ihre Chance einer GewissenUnabhängigkeit von der USA letztes Jahr vertan

Sie hatte dafür alle Voraussetzungen:

  • eine wohlwollende Position Rußlands (das sogar zu einem Kompromissen gegenüber der EU bereit war, wenn sie sich von der USA distanziert);
  • eine Unterstützung der europäischen Geschäftswelt, die keine Lust auf eine Konfrontation mit Rußland wegen irgendwelchen ukrainischen Nazis, sowie des Wunsches der Amerikaner die Welthegemonie zu erhalten hatte;
  • ein neues Europarlament mit mehr Euroskeptikern als zuvor und eine bedeutende Erstarkung der Euroskeptiker und Antiamerikanisten in den politischen Kreisen Europas.

Ihr Übergang aus dem marginalen Zustand in die echte Politik. Sie wagten es nicht. Genau so – sie wagten es nicht. Sie haben die Möglichkeit gesehen, sind aber daran vorbeigelaufen, weil sie sich der Unverwundbarkeit der amerikanischen Macht sicher waren.

Jetzt hat EU keine Zeit für ein ruhiges Neuausrichtung

Die Situation in der Ukraine wird noch vor der nächsten Offensive der Volkswehr, die spätestens im Mai, eher früher erwartet wird, ausser Kontrolle geraten. Nachdem das Feuer das ganze ukrainische Territorium erfasst hat, wird die EU keine Mittel haben, auf die Situation einwirken zu können.

Dabei verschärft der Zerfall des ukrainischen Staates die Widersprüche innerhalb der EU. Der proamerikanische Flügel (Polen und Baltik) wird das “alte Europa” beschuldigen, nicht radikal genug Rußland zu widerstanden zu haben. Dabei werden die USA gezwungen sein, um die europäische Einheit zu erhalten, genauer gesagt, die Einheit der EU unter der Kontrolle Washingtons, die Aufstände in Griechenland, Ungarn und wo sie noch aufflammen können, zu unterdrücken. Die traditionelle Art sie zu unterdrücken – die orange Revolution gegen die zentrale Macht, wobei jede nächste in immer nazistischeren Formen durchgeführt wird.

Wenn man die Persönlichkeiten der Führer von Griechenland und Ungarn (sowie die ukrainischen Erfahrungen) berücksichtigt, gibt es keine Zweifel daran, daß die auf die Straßen in Athen und Budapest gehenden “friedlichen Nazisten” mit Gewalt von der Polizei unterdrücken werden. Die USA verstehen das auch. Das heißt, die Ereignisse müssen vom Anfang an nach einem Gewaltszenario des militärischen Kampfes laufen, und das bedeutet – Bürgerkrieg.

Europa hat leider keinen eigenen Putin, und sie weigert sich die Dienste Rußlands anzunehmen

Jetzt kann Europa nur eine schnelle Wendung zum Rußland retten. Aber das ist eine ausschliesslich theoretische Möglichkeit. Die europäischen Politiker haben längst die Fähigkeit verloren, das Ruder schnell umzureißen. Die europäischen Strukturen hängen in endlosen Abstimmungen und Konsultationen. Es gibt keinen Führer, der die Verantwortung für eine Entscheidung hätte übernehmen können, und wenn es so einen gäbe – es gibt in der EU keine Verfassungsmechanismen, die so einem Führer erlauben könnten solche Entscheidungen zu realisieren. Europa versucht krampfhaft den status quo in der Ukraine so lange wie möglich zu erhalten, um noch einen Umbau zu schaffen. Aber das System ist längst ausser Kontrolle und es ist nicht mehr möglich es zu halten. Zumal die Systemstabilität nicht im Interessen der USA und der Kiewer Nazis liegt. Ich bin nicht mal sicher, daß die USA in ein paar Monaten selbst noch die Kontrollmechanismen in der Hand haben werden.

Auf diese Weise, während sie die Situation in der Ukraine verschlafen haben, während sie sich sicher waren, daß sich alles zu ihren Gunsten entscheidet, ohne daß sie sich dafür anstrengen müssen, hat Europa die Möglichkeiten der Einflussnahme auf diese Situation genau dann verloren, als die Entwicklung ihr unmittelbares Wohlbefinden bedrohte. Jetzt hat die EU keine Zeit mehr für eine langsame politische Neuausrichtung und für schnelle radikale Entscheidungen hat sie keine Mechanismen.

Die USA sind nicht daran interessiert, die Kontrolle über Europa zu verlieren und die Situation in der Ukraine erhöht die Bedeutung solcher Politiker wie Orban und Tsipras. Die USA haben keine anderen Einflussmechanismen auf solche Politiker als Bestechung, Erpressung und Regimewechsel. Der letzte Mechanismus ist der häufigste. Unter Berücksichtigung der Bereitschaft der Regierungen sich zu verteidigen, müssen die Regimewechsel von Anfang an einen harten gewalttätigen und blutigen Charakter annehmen, und das ist die Übertragung des Bürgerkrieges auf das Territorium der EU – und das ist so auch schon instabil.

Das alles läßt mich glauben, daß die Möglichkeiten mit den bestehenden politische Mechanismen die europäische Katastrophe schon vertan sind, und es gibt einfach keine Zeit, um neue aufzubauen. Europa kann nur durch ein Wunder gerettet werden. In den letzten Jahren spezialisierte sich Putin auf Wunder in der Politik. Aber Europa hat keinen eigenen Putin, und sie weigert sich die Dienste Rußlands anzunehmen.

Rostislav Ischenko arbeitete in Aussenministerium der Ukraine und in der Präsidentenadministration. Jetzt ist Rostislav Ischenko ein Analyst und Präsident des ukrainischen Zentrums für die Systemanalyse und Prognose in Rußland.