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Erich von Däniken und die Aliens: Der Jäger der verschwundenen Götter

Marc Tribelhorn, Unterseen 29.4.2015, 05:30 Uhr

Sein auf 232 Seiten zurechtgestutzter Erstling «Erinnerungen an die Zukunft» stürmte 1968 die Bestsellerlisten im In- und Ausland. Die Gretchenfrage steht seither unbeantwortet im Raum: «Hatten unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltall?»

Sein auf 232 Seiten zurechtgestutzter Erstling «Erinnerungen an die Zukunft» stürmte 1968 die Bestsellerlisten im In- und Ausland. Die Gretchenfrage steht seither unbeantwortet im Raum: «Hatten unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltall?»

Kein Schweizer hat mehr Bücher verkauft als er: Über die erstaunliche Karriere des Erich von Däniken, der seit einem halben Jahrhundert zu belegen versucht, daß unsere Vorfahren von Aliens besucht worden sind.

Selbst wenn Erich von Däniken nur ein Spinner, Scharlatan und Phantast wäre, wie hierzulande gerne behauptet wird, müsste man ihm zugestehen, daß er höchst unterhaltsam ist. Der untersetzte Mann mit dem Reptilienblick, der stets ein blaues Sakko trägt, hat fast 70 Millionen Bücher verkauft, seine 37 Werke sind in Dutzenden von Sprachen erschienen, zuletzt auch auf Chinesisch. Laut eigener Aussage macht ihn das zum «meistgelesenen und meistkopierten Sachbuchautor der Welt». Das Motto seiner Schriften: «Tauchen Sie ein in die Welt der unmöglichen Möglichkeiten.»

Kürzlich ist EvD, wie sich der Freund archäologischer Rätsel gerne nennt, 80 Jahre alt geworden. Gefeiert wurde er von seinem Verlag mit einem «wissenschaftlichen» Kongreß in Sindelfingen, an dem 3000 Personen teilnahmen, unter ihnen auch Prominenz aus der Prä-Astronautik – jener Szene, die wie von Däniken davon ausgeht, daß in grauer Vorzeit intelligente Außerirdische auf der Erde vorbeischauten. Wer den berühmtesten Apologeten dieser These von fremden Raumfahrern zu Bürozeiten besuchen will, muß warten. «Bitte beachten Sie: Ich existiere nicht am Morgen», heißt es auf von Dänikens Briefpapier. Auf anständiges Bitten hin macht er jedoch eine Ausnahme und empfängt uns bereits vor dem Mittagessen. Seinem Redeschwall tut es keinen Abbruch, obwohl der passionierte Raucher morgens auf sein Nikotin verzichtet.

Das Spiel mit den Rätseln

Die Räumlichkeiten seiner «Forschungsgesellschaft für Archäologie, Astronautik und SETI (Suche nach extraterrestrischer Intelligenz)» liegen in Unterseen bei Interlaken. Oberhalb der Arbeitslosenkasse und neben einem Pilates-Studio hat von Däniken seine Arbeitsstätte eingerichtet: Bücherregale mit akribisch geordneten Publikationen von «Ägypten» und «Atlantis» bis «UFO» und «Wissenschaft», Zettelkataloge, Archivschachteln, 200 000 Dias – alles in den tristen Grau- und Brauntönen der 1980er Jahre.

Ein Journalist bezeichnete den Hausherrn, der privat im schmucken Beatenberg logiert, einmal treffend als «schreibenden Schaubudenbesitzer». Tatsächlich liebt EvD das Spiel mit den Rätseln aus der menschlichen Frühgeschichte. Virtuos beherrscht er die Nische zwischen Archäologie, Pseudowissenschaft und Verschwörungstheorie. Zwar fehlt ein eindeutiger Beleg für den Besuch von Ausserirdischen auf der Erde, ein Beweis gegen diese Annahme aber ebenso. Seit fast einem halben Jahrhundert doziert von Däniken nun bereits seine Grundthese, für die er neben antiken Schriften allerlei Indizien wie die Pyramiden von Gizeh und Teotihuacán, die riesigen Wüstenzeichnungen von Nazca oder die präkolumbische Maya-Kunst bemüht. Mit schäumendem Eifer nennt er archäologische Artefakte und Passagen der heiligen Schriften, wechselt wild vom Sie aufs Du – «lueg!», «weisch!» –, seine Pointen formuliert er in ernstem Hochdeutsch. Doch trotz rhetorischem Feuerwerk bleibt am Ende wenig übrig: «Leider konnte ich bis heute keinen ausserirdischen Gegenstand triumphierend in die Höhe stemmen», gibt er zerknirscht zu. «Die Zeit ist noch nicht reif dafür, aber vergessen Sie nicht: Auch die Juristen arbeiten nur mit Indizien!»

Der Nerv der Zeit

1935 in Zofingen geboren und in Schaffhausen und Freiburg aufgewachsen, war Erich von Däniken früh fasziniert von den Geheimnissen der Archäologie. Im jesuitischen Collège Saint-Michel übersetzte der strenggläubige Jugendliche Bibelstellen. Dabei sei ihm der Gedanke gekommen, daß es sich bei «Gott» auch um einen Außerirdischen handeln könnte. Der Blick in die antiken Schriften anderer Kulturkreise bestätigte seinen Eindruck: Alle Autoren schrieben von «Göttern», die vom Himmel kamen und die Menschen unterrichteten. Das Thema ließ ihn fortan nicht mehr los, auch als es ihn beruflich in die Gastronomie verschlug. Er reiste durch die Welt und verschlang viel Literatur.

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Kein Schweizer hat mehr Bücher verkauft als er: Für seine Publikationen und seinen Geltungsdrang wurde er zwar harsch kritisiert, trotzdem wurden seine Bücher Bestseller und in 32 Sprachen übersetzt. (Aufnahme: 2005). (Bild: Edi Engeler / Keystone)

Sein erstes Buch schrieb er schließlich als junger Hoteldirektor in Davos. Zwei Dutzend Verlage wollten von seinem Manuskript zunächst nichts wissen: zu polemisch, zu unprofessionell, hieß es. Erst durch die Vermittlung eines deutschen Wissenschaftsjournalisten, der zu seinen Hotelgästen zählte, klappte es dann doch. Sein auf 232 Seiten zurechtgestutzter Erstling «Erinnerungen an die Zukunft» stürmte 1968 die Bestsellerlisten im In- und Ausland. Die Gretchenfrage steht seither unbeantwortet im Raum: «Hatten unsere Vorfahren Besuch aus dem Weltall?»

Von Dänikens Hypothese war nicht wirklich neu. Daß Außerirdische einst auf der Erde gelandet seien, Völker studiert hätten wie die Ethnologen von heute, ihnen etwas beigebracht hätten und wieder verschwunden seien, hatten bereits französische Autoren wie Robert Charroux oder Jacques Bergier geschrieben. Doch in den fortschrittsgläubigen 1960er Jahren mit ihrer Weltraum-Hysterie und Science-Fiction-Manie traf der wissenschaftliche Laie mit dem populären Schreibstil den Nerv der Zeit.

Auf den unerwarteten Höhenflug folgte bald die dunkelste Phase seines Lebens: Von Däniken wurde verhaftet und wanderte für zwei Jahre ins Gefängnis. Er hatte, um sich die teuren Flugreisen rund um den Globus leisten zu können, Kredite erschwindelt. Seiner Popularität schadete der unrühmliche Gerichtsprozeß in Chur jedoch nicht nachhaltig. Im Jahrestakt veröffentlichte er seither Bücher, die reißenden Absatz fanden. «Richtig reich geworden bin ich dabei nicht», sagt EvD. Er habe sehr gut verdient, aber immer auch große Summen für seine Expeditionen ausgegeben – oftmals ohne meßbaren Erfolg.

Für seine Publikationen und seinen Geltungsdrang wurde er harsch kritisiert: Was er schreibe, sei Humbug, lautet eine der noch freundlicheren Formulierungen seitens der Wissenschaft. Solche «Diffamierungsversuche» hätten ihn früher fuchsteufelswild gemacht, sagt von Däniken. Heute geht er mit Kritik gelassen um: «Die einen kennen mich, die anderen können mich.» Ihn dränge weiterhin ein missionarischer Eifer, aber ohne Rechthaberei. Seine Vorträge schließt er jeweils kokett: «Bitte glauben Sie nichts. Ich drehe mich im Grab um, wenn irgendwelche Spinner aus meinen Gedanken so etwas wie eine Sekte machen wollen.» In Rage gerät der 80-Jährige nur noch bei Themen wie den Ursachen des Klimawandels oder dem «Gender-Wahnsinn».

Fliegende Elefanten

Im Ausland wird EvD trotz aller Skepsis als «lebende Legende» verehrt und gilt als berühmtester Schweizer hinter Roger Federer. In den kommenden Monaten ist er wieder auf Vortragsreise in Brasilien, den USA und Australien. Für sein Schweizer Publikum schreibt er weiterhin eine Kolumne im «Blick am Abend» und twittert Sentenzen zwischen plattem Witz und Aphorismus. Zudem will er dieses Jahr noch sein 38. Buch vollenden, auch wenn es einmal mehr nichts Neues von der Alien-Front zu vermelden gibt. Die drängendsten Fragen beantwortet EvD am Schluß unseres Besuches dennoch spielend. Bezüglich Aussehen seien bei den Auerirdischen alle Formen möglich, «selbst fliegende Elefanten mit Tentakeln», erzählt er im Brustton der Überzeugung. Aber ist denn überhaupt mit einer Wiederkehr der Aliens zu rechnen? «Ganz bestimmt; wahrscheinlich sind sie bereits hier und beobachten uns.»