Home / China / Ein Tag in Chinas härtester Entzugsklinik für Internetsüchtige

Ein Tag in Chinas härtester Entzugsklinik für Internetsüchtige

Autor Jamie Fullerton 19 August 2015 // 08:00 AM CET

Die Anlage wurde im Jahr 2003 gegründet und erfuhr einen Aufschwung, als China im Jahr 2008 als erstes Land überhaupt Internetsucht offiziell als psychische Erkrankung klassifizierte.

Der Name von Chinas härtestem Bootcamp für internetsüchtige Jugendliche ist unmißverständlich: „Stützpunkt für die psychische Entwicklung Jugendlicher in China”, prangt am Eingang des Gebäudekomplexes im Süden Pekings.

Spätestens eine Stunde nach meinem Check-In wird mir klar, wie zielgerichtet hier an der Besserung der untergebrachten jungen Menschen gearbeitet wird: Eine ebenso unterkühlte wie professionelle Krankenschwester setzt mir eine Gummihaube mit kalten Elektroden auf und mein Gehirn wird einem gründlichen EEG unterzogen, das dem Personal genauere Auskunft über meine psychologische Gesundheit gibt.

Abgefragt werden sexuelle Leistungsfähigkeit und Libido aber auch Selbstmordgedanken.

Der Leiter des Bootcamps ist Professor Tao Ran, seines Zeichens ehemaliger Oberst in der Volksbefreiungsarmee. Er verspricht mir, daß mein Aufenthalt eine möglichst realistische Erfahrung sein wird. „Der Test wird uns offenbaren, wie lebendig oder deprimiert dein Gehirn ist”, informiert mich die Krankenschwester. „Wir überprüfen, ob dein Gehirn gut mit Blut und Sauerstoff versorgt wird oder ob es erschöpft ist. Die meisten hier leiden unter einer leichten Depression. Nur bei ein paar Patienten ist es schwerwiegend. Mach jetzt die Augen zu und hör auf zu sprechen.”

Chinas Internetzensoren erklären ihre Arbeit in einem eigenen Choral

Nachdem mich ein Drillmaster im Army-Shirt meiner persönlichen Gegenstände entledigt hat, darf ich einen computergestützten psychologischen Test absolvieren, der entlarven soll, ob ich vielleicht wirklich depressiv bin. Abgefragt werden sexuelle Leistungsfähigkeit und Libido aber auch Selbstmordgedanken. Mich erinnert der surreale Test vor allem an ein willenlos geführtes Gespräch im Suff, dessen Essenz jetzt aber in einem Quiz um 10 Uhr morgens abgefragt wird—und das ganze in einem nüchternen, chinesischen Bürokomplex.

Der Autor beim Morgenappell um 6:30 Uhr. Alle Bilder: Giulia Marchi

Das Klicken meiner Maus wird beim Antworten der Fragen von den Schritten junger Patienten in den angrenzenden Schlafräume übertönt. Die meisten von ihnen wurden ein Jahr von der Schule freigestellt, um ihre Zeit in diesem gefängnisähnlichen Zentrum zu verbringen. Hier sollen sie von ihrer Internetsucht geheilt werden, die in China offiziell als psychische Erkrankung gilt. Die Regierung schätzt, daß bis zu 24 Millionen Jugendliche in China an Internetsucht leiden.

Durchschnittlich sind die Patienten 17 Jahre alt und der Lärmpegel im Camp ist entsprechend hoch. Während meines Besuchs erinnert die Atmosphäre eher an einen Schulhof als ein Gefängnis. Das Fluchttreppenhaus ist jedoch mit einer enormen Metalltür mit Vorhängeschloss versehen. Spätestens hier zeigt sich der Widerspruch dieses Bootcamps, und hunderter vergleichbarer Einrichtungen, die es überall in China gibt. Befremdlich ist auch die Idee der Bootcamp-Betreiber, daß hier nicht nur Internetsucht, sondern auch homosexuelle „Patienten geheilt” werden könnten.

„Warum ich depressiv bin, weiß ich nicht. Insgesamt bin ich schon ein ganzes Jahr hier.”

Die Krankenschwester ist äußerst zuvorkommend, als sie mir eine Kopie der EEG-Testergebnisse überreicht und erklärt, daß bestimmte psychologische Merkmale des Gehirns einer Depression zugeordnet werden könnten. Man möchte diese Daten zusammen mit dem psychologischen Test nutzen, um sich ein Bild über meine mentale Gesundheit zu machen. Ich werde in einen kantinenartigen Pausenraum geführt, wo ich mein Metall-Tablett mit einem riesigen Berg Reis und fettigem Gemüse fülle. Ich setze mich neben drei schüchterne, kichernde Teenager.

„Er ist zum dritten mal hier”, erzählt mir ein Patient und zeigt dabei auf seinen Kumpel. Tao spricht von einer 85 bis 90-prozentigen Erfolgsrate, wobei die Statistik noch nicht überprüft wurde. Als ich den Freund des Patienten frage, warum er denn so häufig hierhin zurückkommt, antwortet er: „Ich leide unter einer ernsten Depression. Warum, weiß ich nicht. Insgesamt bin ich schon ein ganzes Jahr hier.”

***

Während meines Besuchs wohnen gerade 55 Patienten im Camp. Die Anlage wurde im Jahr 2003 gegründet und erfuhr einen Aufschwung, als China im Jahr 2008 als erstes Land überhaupt Internetsucht offiziell als psychische Erkrankung klassifizierte. Zu den anerkannten Symptomen zählt es, mehr als 6 Stunden am Tag im Internet zu surfen oder Angstzustände zu bekommen, sobald du offline gehen mußt.

Die größtenteils männlichen Patienten tragen hier Army-Kleidung und auch sonst herrscht eine militärische Stimmung: Vom Weckruf per Trillerpfeife um 6:30 Uhr bis zum Ausschalten der Lichter um 21:30 Uhr.

 

Nächste Seite:

Ein paar der Kids sind so süchtig, daß sie Windeln tragen, damit sie beim Spielen nicht zur Toilette gehen müssen
Leibesertüchtigungen auf dem Stützpunkt für die psychische Entwicklung Jugendlicher in China.