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Digging: Urban Explorer in Moskaus Unterwelt – Auf eine Zigarette unter dem Roten Platz

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In der Unterwelt Moskaus verstecken sich nicht nur diverse geheime Militärbunker, sondern auch provisorische Mini-Behausungen illegaler Einwanderer oder untergetauchter Bürger. Außerdem befindet sich hier das sagenumwobene Metro 2-System: Ein seperates Transportsystem für Bomben und flüchtende Politiker, das wohl in der Stalin-Ära tief unter der normalen Metro gebaut wurde.

Wie ist die allgemeine politische Einstellung in der Digger-Szene und wie ist das Verhältnis zu den Sicherheitsbehörden?

Vadim Michailov zum Beispiel arbeitet tatsächlich auch eng mit den Sicherheitsbehörden zusammen. Am bekanntesten ist der Fall der verheerenden Geiselnahme im Dubrowka-Theater in Moskau. Damals haben die Spezialeinheiten des Militärs verzweifelt nach einem Weg gesucht, um in das Theater zu den Geiseln zu kommen. Mit Hilfe der Informationen der Digger konnten sie schließlich einen Weg durch den Untergrund finden und das Theater unterirdisch stürmen. Die Terroristen waren geschockt—der Weg durch die Kanalisation war einer der Schlüssel zum Sieg.

Ich bin auf jeden Fall ziemlich stolz auf diese Typen. Zwei Oldschool-Jungs, die dem Geheimdienst bei ihrer Arbeit helfen und dafür schon Medaillen und Abzeichen verliehen bekamen.

Ihr feiert hier im Untergrund auch Parties. Wie läuft das ab?

Bei unseren Digger Parties treffen wir uns irgendwo im Untergrund. Wir quatschen, trinken, manchmal haben wir eine Gitarre dabei und singen gemeinsam Lieder. Eigentlich ist es wie eine normale Party, nur halt unterirdisch.

Tragen die Gäste bei den Parties auch diese Schutzanzüge und die typische Diggerkluft?

Klar. Zumindest wenn sie nicht naß werden wollen.

Ist Diggen eine Jungssache oder sind bei euren Parties und Ausflügen auch Mädchen dabei?

Natürlich sind auch Mädchen dabei. Es gibt allgemein ziemlich viele Frauen, die in Moskau als Digger unterwegs sind.

Wir haben für unsere Pause heute Plastikflaschen und eingeschweißte Sandwiches mit gebracht. läßt du den Müll hier unten oder nimmst du ihn mit hoch?

Eigentlich nehmen wir unseren Müll immer mit zurück nach oben. Es ist nicht ok, deinen Müll im Untergrund zu lassen. Was wäre, wenn jeder das machen würde? Natürlich gibt es immer ein paar Idioten, die hier unten ihren Müll zurücklassen.

Wissendeine Kommilitonen an der Uni vom Diggen? Wenn ja, was halten sie von deinem Hobby?

Ich mache kein Geheimnis daraus. Ich lade meine Bilder auch in sozialen Netzwerken und in den bekannten Digger-Foren wie Caves.ru hoch.

Manche halten mich für verrückt und sagen, daß es gefährlich sei. Besonders das Einsteigen in U-Bahnschächte ist in den Augen vieler sehr bedenklich. Andere sind aber auch einfach begeistert von den Fotos, die wir wieder zurück mitbringen.

Kennst du Fälle, in denen sich Digger verletzt haben, als sie unterirdisch unterwegs waren?

Ja, es kommt schon immer wieder zu Verletzungen und auch Todesfällen im Untergrund. Meistens trifft es dabei aber die Sprüher und nicht die Digger.

Eine Freundin von mir wurde aber auch schon einmal schwer verletzt in der Metro. Ihr Bein wurde von einem Zug erfasst, ein Knochen ist brach und das Fleisch quillte schon raus. Aber sie war sehr stark und schaffte es alleine wieder nach oben. Sie mußte dann einen Monat im Krankenhaus bleiben—aber inzwischen ist sie auch wieder als Digger unterwegs.

Wie schützt du dich, wenn du in einem U-Bahntunnel unterwegs bist und plötzlich unerwartet ein Zug kommt?

Wenn du hörst, daß sich in der Ferne ein Zug nähert, dann ist das die beste Strategie: Lauf so schnell du kannst und finde eine Tür, die zu technischen Räumen oder Toiletten führt. Wenn es so eine Tür da, wo du gerade bist, nicht gibt, dann kannst du dich hinter Kisten neben dem Gleis, in denen Equipment und Technik verstaut wird, verstecken, damit du zumindest nicht gesehen wirst.

Und wenn du nirgendwo hinkannst, weil der Tunnel so schmal ist, dann bleibt dir nichts anderes übrig, als dich am Rande des Tunnels hinzulegen und dich tot zu stellen. So kannst du zumindest verhindern, daß du gesehen wirst. Schon das kann hier unten zu einem echten Problem werden.

Redaktionelle Mitarbeit: Manuel Freundt.
Das Gespräch und die Fotos wurden von Motherboard schon vor mehreren Monaten aufgezeichnet, jedoch erst im August 2015 veröffentlicht.

Alle Bilder (soweit nicht anders angegeben): Motherboard / Vice.
Original auf: http://motherboard.vice.com/de/read/auf-eine-zigarette-unter-dem-roten-platz-392