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Digging: Urban Explorer in Moskaus Unterwelt – Auf eine Zigarette unter dem Roten Platz

MOTHERBOARD: Hier unten ist es zwar ruhig, aber auch ziemlich ungemütlich. Warum tust du dir das an?

Diggen ist meine liebste Freizeitbeschäftigung geworden. In all den Jahren, die ich neben dem Studium unterwegs bin, wurde der Untergrund auch zu einem wichtigen Teil meines Lebens. Viele Explorer sind zu Freunden geworden. Man erlebt ja auch so einiges zusammen und steht gemeinsam gefährliche Momente durch.

Mein ultimativer Traum wäre es, einmal in die Metro 2 einzusteigen.

Das ist der wohl sagenumwobenste, aber auch schwierigste Spot für Urban Explorer in Moskau. Wie sieht das Metro 2-System überhaupt aus, kommt man da heute noch rein?

In den 1990er Jahren gab es einige Explorer, die in der Metro 2 unterwegs waren und sogar einige Zeichnungen und Pläne angefertigt haben. Das System besteht aus drei Linien. Eine verläuft Richtung Osten, eine nach Westen und eine Richtung Süden, bis knapp außerhalb der Moskauer Stadtgrenze. Das sind Fluchtrouten für die Minister und die Regierung. Es gibt auch einige Stationen in der Metro 2. Ich schätze, es sind rund ein Dutzend.

So weit ich weiß, ist die Metro 2 heute nicht mehr zugänglich. Es wäre ein Traum, diesen Ort zu sehen—aber es wird wohl immer ein Traum bleiben. Ich will mich da auch nicht erwischen lassen. Wenn ich da gepackt werde, lande ich im Gefängnis. Die Metro 2 ist auch heute noch ein Objekt von hoher strategischer Bedeutung und der Geheimdienst FSB [Nachfolgeorganisation des KGB] beschützt die Anlage noch immer.

Eine vom US-Geheimdienst 1991 angefertigte Karte der Metro 2. Bild: Wikimedia; Lizenz: Gemeinfrei.

Bist du auf deinen Touren denn auch schon auf bisher gänzlich unbekannte Orte gestoßen?

Ja, erst vor kurzem habe ich zum Beispiel wieder einige zuvor unbekannte Bunker und Militäranlagen entdeckt.

Was machst du nach einer solchen Entdeckung? Veröffentlichst du die Informationen im Netz?

Nein, so macht das niemand. Wenn ich etwas Neues entdecke, dann erzähle ich das nur meinen engen Freunden. Es gibt zu viele Leute, die Explorer werden wollen. Wenn detaillierte Informationen öffentlich bekannt werden, dann versuchen viele Leute, auch an den Spot zu kommen und zerstören den Ort für alle Explorer. Er wird dann entweder zugemüllt oder verschloßen.

Hier unten findet man immer wieder Tags und Schriftzüge. Hinterlaßt ihr auch eure Namen in den Katakomben?

Nein, nur Fucker machen das. Wir versuchen, auf die Spots aufzupassen.

Wie hat das Diggen in Rußland begonnen?

Es begann alles in den späten 1980er Jahren. Einige Pioniere sind in die U-Bahn-Anlagen und in die Kanalisation eingestiegen. Als das Regime schließlich zu taumeln begann, hat das die Situation für die Leute ziemlich vereinfacht. Nach dem Fall des eisernen Vorhangs nahm das Diggen immer mehr zu.

In den frühen 90ern tauchte Vadim Michailov mit seinem Team auf. Sein Interesse für das Exploren wurde durch seinen Vater, der jahrelang als Maschinist und U-Bahnführer für die Moskauer Metro gearbeitet hatte, geweckt. Vadim prägte wie kein anderer die Oldschool-Generation. Inzwischen ist er um die 40 und ist schon seit 20 Jahren als Explorer unterwegs.

Wenn du Vadim nach Spots fragst, tut er aber noch immer so, als sei er ein Noob. Obwohl er fast alles gesehen hat, erzählt er dir nahezu nichts über die Orte, die er erkundet hat. Öffentlich berichtet er meist nur von irgendwelchen normalen Flüssen. Das macht er, damit das Diggen nicht zu bekannt wird, und nicht zu viele Explorer zu den besten Spots kommen. Mehr Leute, mehr Idioten.

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  • Wie ist die allgemeine politische Einstellung in der Digger-Szene und wie ist das Verhältnis zu den Sicherheitsbehörden?
  • Ihr feiert hier im Untergrund auch Parties. Wie läuft das ab?
  • Kennst du Fälle, in denen sich Digger verletzt haben, als sie unterirdisch unterwegs waren?
  • Wie schützt du dich, wenn du in einem U-Bahntunnel unterwegs bist und plötzlich unerwartet ein Zug kommt