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Digging: Urban Explorer in Moskaus Unterwelt – Auf eine Zigarette unter dem Roten Platz

AUTOR MAX HOPPENSTEDT 6 August 2015 // 06:00 AM CET

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Das Zentraltheater der russischen Armee thront majestätisch über dem Suvorov Platz im Norden Moskaus. Direkt hinter diesem sowjetischen Protzbau, über dessen riesige Bühne zur allgemeinen Belustigung gelegentlich auch echte Panzer rollten, beginnt mit dem Ekaterininsky Park eine der idyllischsten Grünanlagen im Zentrum der russischen Hauptstadt.

Für Mischa ist die Gegend aber vor allem der Beginn einer ganz besonderen Form von Flucht aus der Großstadtwüste: Hier befindet sich einer seiner meistgenutzten Einstiegspunkte, um für ausschweifende Ausflugs- und Dokumentationstouren in die Unterwelt Moskaus hinabzusteigen.

Als Digger, wie sich die Urban Explorer in Rußland nennen, erkundet er Abwassersysteme, U-Bahn-Tunnel, unterirdische Flußläufe und verschollene Militäranlagen. Die unterirdischen Anlagen, die insbesondere in Zeiten der Sowjetunion ausgebaut wurden, schichten sich an vielen Stellen der russischen Hauptstadt auf mehr als sechs Ebenen. Noch lange nicht alle sind erkundet.

Wir schmieren die Wände hier unten nicht voll. Nur Fucker machen das.

In der Unterwelt Moskaus verstecken sich nicht nur diverse geheime Militärbunker, sondern auch provisorische Mini-Behausungen illegaler Einwanderer oder untergetauchter Bürger. Außerdem befindet sich hier das sagenumwobene Metro 2-System: Ein seperates Transportsystem für Bomben und flüchtende Politiker, das wohl in der Stalin-Ära tief unter der normalen Metro gebaut wurde.

Hastig schlüpft Mischa in die kniehohen Gummistiefel, die in Kombination mit seiner Helmlampe die Standardausrüstung jedes Diggers bilden. Er zieht die Eisenstange aus dem Rucksack, hebelt den Gullideckel auf, und schon steigt eine kleine Gruppe hinab in das wohl ruhigste Naherholungsgebiet Moskaus.

Digging ist in Moskau längst ein solch weit verbreitetes Phänomen, daß es nicht nur eigene Foren gibt, auf denen die besten Fotos ausgetauscht werden, sondern daß sogar Geheimdienste auf das Wissender Digger zurückgreifen.

Die Geiselnahme im Moskauer Dubrokwka-Theater konnte tatsächlich erst beendet werden, als die russischen Spezialkräfte durch die Kanalisation einen Weg zu den pro-tschetschenischen Terroristen fanden, die zwei Tage lang mehrere hundert Geiseln in ihrer Gewalt hielten. Eine der Oldschool-Legenden der Digger-Szene hatte den FSB-Spezialeinheiten eine seiner selbst angefertigten Karten der Moskauer Tunnel und Abwassersysteme überlassen.

Zusammen mit Mischa ist Motherboard in einem stundenlangen Marsch durch einige der ältesten historischen Abwassertunnel gewandert—vom nördlichen Rand des Metrorings unter dem Kreml hindurch bis in das Zentrum Moskaus. Erst als der Wasserpegel beginnt anzusteigen — was Mischa am lauter werdenden Rauschen des Abwassers bemerkte — waren wir gezwungen, die Tunnel am nächsten Ausstieg schleunigst zu verlassen.

So sieht der Rote Platz von unten aus—aus einem 15 Meter tiefen historischen Abwasserlauf. Alle Bilder (soweit nicht anders angegeben): Motherboard / Vice.

Auf der Tour zeigt Mischa uns auch den Kanalisationszufluß des Kremls und einen Ausstieg zum Roten Platz, unter dem wir vollkommen unbeobachtet hindurch spazierten, während sich 15 Meter über uns die TouristenMassendrängten — in dem Kanalisationstunnel gab es auch hier, direkt unter dem Machtzentrum Rußlands, weit und breit vor allem historischen Backstein und Kloake, aber keine Kameras oder sonstigen Sicherheitssysteme, die die Anlagen überwachten.

Mischa seilt sich an einer abschüssigen Stelle des Tunnels ab.

Zwischendurch nutzen wir die Zeit, um mit Mischa bei mehreren Zigarettenpausen über die Heldentaten russischer Digger, die geheimen Keller-Partys seiner Freunde und seine Motivation für unterirdische Gewaltmärsche durch Gestank und Modder zu sprechen.

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  • Interview mit Mischa
  • Mein ultimativer Traum wäre es, einmal in die Metro 2 einzusteigen.
  • Digger-Foren wie Caves.ru