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Die Skythen – Geschichte, Kultur und Geheimnisse des Reitervolks Teil 3

Teil 3 Den Kampf vom Pferderücken aus entwickelten die Skythen zur Perfektion

Teil 3

Wie konnte es angehen, daß ein nomadisierendes Volk von Steppenreitern wie die Skythen der Großmacht Persien derart zusetzen konnte? Auf diese Frage suchte bereits in der Antike Herodot in seinem ethnographischen Exkurs über die Skythen eine Antwort. Er schrieb: „muß nicht ein Volk unüberwindlich und unnahbar sein, das weder Städte noch Burgen baut, seine Häuser mit sich führt, Pfeile vom Pferd herab schießt, nicht vom Ackerbau, sondern von der Viehzucht lebt und auf Wagen wohnt?“

In der Neuzeit war es vor allem der britische Militärhistoriker John Keegan in seinem Buch „Die Kultur des Krieges“, der sich mit Fragen der Kampfesweise von Steppenreitern und Nomaden wie den Skythen auseinandersetzte. Seine These lautet: „Sie haben gelernt sich zu entziehen“. Dies sei eines der Geheimnisse ihrer Überlegenheit. Der nomadische Krieg sei die Fortsetzung der Jagd mit anderen Opfern.

Nomadische Jagd und Krieg basieren demnach auf derselben Grundlage: dem berittenen Bogenschützen. Das Pferd werde durch den Bogenschützen, der freihändig schießt, zur Grundlage nomadischer Macht. Sein Pfeil mit dreiflügeliger Metallspitze, vergiftet mit Leichengift und mit Widerhaken versehen, könne selbst noch in der bereits beginnenden Fluchtbewegung mit einer Frequenz von zwanzig Pfeilen pro Minute auf den Feind abgeschossen werden.

Der skythische Bogen wurde dieser Kampfweise angepaßt und war deshalb von relativ kleiner Größe. Einem normalwüchsigen Reiter der Skythen reichte der Bogen nur vom Kopf bis etwa zur Hüfte. Damit war das Kriegsgerät der Skythen gut auf dem Pferd zu transportieren und auch bei den wildesten Ritten nicht zu sperrig.

Vor der großen Zeit der Skythen waren die Streitwagen die überlegene Militärtechnik gewesen. Bei den Persern waren sie im Gebrauch. Persische Pferde waren noch zu schwach, um einen Reiter zu tragen. Reiten war erst im Laufe des ersten Jahrtausends n. Chr. durch gezielte Züchtung möglich geworden. Sobald die Pferde dies aber zuließen, war den europäischen Kulturvölkern für Jahrtausende eine neue Gefahr aus dem Osten erwachsen: die der Reitervölker. Ihre Krieger stachen die vergleichsweise schwerfälligen Wagenlenker mit leichter Hand aus.

Der Prophet Jeremia hatte ihr Kommen vorhergesagt als er dem alten Testament zufolge schrieb: „Siehe ein großes Volk wird sich erheben vom Ende der Erde Sie führen Bogen und Speer, sind grausam und ohne Erbarmen. Sie reiten auf Rossen, gegen dich, du Tochter Zion.“

Die Skythen – ein Gegner, der nicht zu stellen ist

Ein unglaublich modernes Prinzip: Fernwaffen, die den Gegner auf Distanz halten. Bogenschußentfernung gegen Speerwurfweite– das läßt sich in etwa vergleichen mit der Situation der irakischen Armee im Krieg mit den USA. Die veralteten Panzer des Iraks erreichten gegen die weitreichenden US-Panzerkanonen und Cruise Missiles tatsächlich lediglich Speerwurfweite.

Die Fernwaffe Bogen ist nach Einschätzung von Keegan auch darum so durchschlagend gewesen, weil die Ferne selbst, die permanente Abwesenheit, zur unüberwindlichen nomadischen Waffe der Skythen wurde. Auf seinem Feldzug gegen die Skythen geriet der Perserkönig Dareios in die Falle der skythischen Fernwaffen und der damit verbundenen Kampfesweise. Die Skythen zogen immer einen Tag vor den Persern her. Das Heer des Dareios folgte und erlebte stets neue Überraschungen. Mal hatten die Skythen ihnen fette Herden überlassen, ein anderes Mal nur verbrannte Erde. Von der Donau durch die Ukraine, durch ganz SüdRußland bis in die endlose Steppe jenseits der Wolga folgten die entnervten Perser ihrem Gegner. Sie bekamen nur höchst selten einen ihrer Krieger überhaupt zu Gesicht.

2.500 Jahre später wurde der Funkspruch eines deutschen Panzergenerals des Zweiten Weltkriegs aus den Weiten der Kubansteppe aufgefangen. Er lautete: „Vor mir kein Feind, hinter mir kein Nachschub.“ Die Kampfesweise der Steppenkrieger der Skythen hatte anscheinend noch immer Gültigkeit.

Dareios hatte seinerzeit in seiner Not befohlen, Festungen zu bauen, als er glaubte den Gegner an der Wolga doch einmal gestellt zu haben. Die Skythen aber wandten sich heimlich zurück nach Westen. Dareios verließ die halbfertigen Bauten, um dem Feind wiederum mitten durch alle Stämme Südrußlands hindurch zu folgen. Er tobte und schickte dem Skythenkönig Idanthyrso seinen Boten. „Wunderlicher!“, sprach er ihn an, „warum fliehst Du immer? Wenn Du mir gewachsen zu sein glaubst, so laß das Wandern, steh und kämpfe!“

Der Skythenkönig anwortete: „Ich bin nie aus Furcht vor einem Menschen geflohen, auch jetzt nicht vor Dir. Ich tue nichts anderes als das, was ich auch im Frieden zu tun pflege.

Wir Skythen haben nicht Städte, nicht Ackerland; so drängt uns keine Furcht, daß jene erobert, dieses verwüstet werden könnte, zur Schlacht.“

Die Erkenntnis des Perserkönigs Dareios über die Skythen: „O dies Volk verachtet uns tief!“

Wie der ungleiche Kampf ausgegangen ist zwischen den Skythen und dem Perserkönig Dareios, schildert Herodot: Am Schluß seien sich die skythischen Reiter und die erschöpften Perser dann doch einmal gegenübergestanden. Die aufgestellten Heere warteten auf das Zeichen zur Schlacht. Plötzlich sei ein Hase durch die Reihen der Skythen gelaufen. Und ohne weiter auf die Perser zu achten, hätten die Steppenreiter begonnen, unter großem Gejohle und Gelächter dem Hasen nachzujagen. Den Persern sei es ob dieses Verhaltens eiskalt über den Rücken gelaufen und ihr König habe ausgesprochen, was alle dachten: „O dies Volk verachtet uns tief – jetzt wird es mir klar.“ Nach diesem Auftritt der Skythen und nach den monatelangen Strapazen zuvor, sind die Perser unverrichteter Dinge in ihre Heimat abgezogen.

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Sibirisches “Tal der Könige”
Waren die Skythen also doch mehr als nur wilde Horden