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Die Runen – 1. Was Runen sind

Der nordisch-germanische Urglaube ist eine der wenigen sittlich und philosophisch wirklich hochstehenden Religionen der Menschheitsgeschichte. Typisch für ihn ist eine Lehre ohne zwingend vorgegebene “allgemeingültige” Dogmen, in der auch die Runenbotschaft für jeden individuell ist.

Die Schullehre sagt, daß Runen die Schriftzeichen der alten germanischen und nordischen Völker sind, welche ein Alphabet bilden, das durchaus mit den römischen, griechischen, kyrillischen oder hebräischen Alphabeten vergleichbar ist. Diese Feststellung ist zwar richtig, aber dennoch nur ein kleiner, eher nebensächlicher Teil dessen, was Runen tatsächlich sind.

Die Runen wurden ursprünglich nicht als Schrift entwickelt, sondern die Runenschrift der germanischen und nordischen Völker entwickelte sich umgekehrt erst aus den Runen. Ursprünglich waren die Runen religiöse, mystische und magische Bildsymbole, die für Zauber und Orakel gebraucht wurden und als Lehrmittel den Menschen die religiösen, philosophischen und moralischen Werte ihres Volkes vermittelten. Die Runen sind eine Entwicklung äußerst bodenständiger, schamanisch denkender und fühlender Völkerstämme, die sogar noch in ihren heiligsten Weihehandlungen nie den Kontakt zur Alltagswirklichkeit verloren haben.

Hinter jedem einzelnen Bildsymbol verbirgt sich ein Teil der germanischen und nordischen Schöpfungsgeschichte und des Göttermythos, ein Aspekt des Lebens, eine mystische und moralphilosophische Botschaft, eine magische Wirkung, eine Orakelbedeutung, ein Ratschlag für das Leben und vieles mehr. Runen stehen für Archetypen, die vereinfachte Charakter- und Verhaltensmuster vertreten, und die man in den nordischen Göttern und damit auch im Menschen selbst wiederfindet.

Erst später, vor etwa 2.200 Jahren, wurden die Bildsymbole zu den Runenlinien vereinfacht, um sie besser benutzen zu können, doch Inhalt, Bedeutung und Wirkung blieben gleich. Und ganz nebenbei konnte man sie durch die Reduzierung ihrer Form auf einfache und klare Linien auch als Schrift benutzen. Aber sie haben dadurch bis heute nichts von ihrem Zweck, ihrer Botschaft und ihrer Kraft verloren.

Tatsächlich stellt der Gebrauch der Runen als Schrift zu anderen als kultischen und magischen Zwecken wohl eine späte Erscheinung dar, denn zunächst dienten sie ausschließlich dem Zauber und dem Zugang zur göttlichen Macht. Jede Rune stellte eine eigene Kraft dar, die der Runenkundige erfahren, zähmen und beispielsweise in einem Zauber benutzen oder auf einen Gegenstand übertragen konnte, etwa um daraus ein Amulett oder einen Talisman zu machen.

Die Runen nur als Schreibschrift zu deuten, wäre für einen germanischen Heiden ebenso wie es für einen Christen wäre, wenn man zum Beispiel jedes Buch der Bibel zu einem Symbolzeichen zusammenfassen würde, dann aber den Inhalt der Bücher und die Botschaft des Symbols vergäße, diese Zeichen zu einem Alphabet verbände und damit dann seine tägliche Einkaufsliste schriebe. Eine absurde Vorstellung – und doch wurde mit den Runen bisher meistens genau so verfahren.

Das Wort “Rune” bedeutet “geheim” oder “verborgen” und ist eng verwandt mit dem deutschen Wort “raunen” (ein Geheimnis flüstern), so wie auch die ältere, vorindogermanische Form “Reu” flüstern bedeutet. Möglicherweise entstand dieses Wort aus der Orakelfunktion der Runen, die dem Kundigen auf geheimnisvolle Weise Botschaften zukommen ließen, sie ihm, auf für Außenstehende unverständliche Art, “zuraunten”. Das Wort “Geraune” hieß im Althochdeutschen “Giruni” und hatte die Bedeutung Geheimnis und geheime Ratsversammlung. Auffällig sind Eigennamen wie “Heidrun”, “Gudrun” oder “Sigrun”.

Das hochdeutsche Wort “Rune” selbst entstand zwar erst im 17. Jahrhundert, baut aber auf Vorformen auf, die in allen germanischen Dialekten zu finden sind. Im Gotischen, Altsächsischen und Althochdeutschen gibt es die Form “Runa”, im Altnordischen “Runar” (Mysterien), im Altenglischen “Run” (“runian” bedeutet flüstern und “leodrunan” sind Liedrunen), im skaldischen Altisländisch “runi” (Freund, Gefährte, Berater, “runnr” bedeutet Waldland), im Mittelwalisischen “Rhin” (magischer Zauber), im Finnischen “Runo” (Lied, Gesang, Beschwörung) und im Altnordischen und Altirischen “Rún” (wie noch heute im Irischen), wo es “Geheimnis” bedeutet. Die Form “Rûne” stammt aus dem Mittelhochdeutschen und wird der direkte Vorfahr des althochdeutschen “Rune” (Geheimnis, Mysterium) und des heutigen Begriffs gewesen sein. Die Herkunft all dieser Formen ist umstritten. Viele Forscher gehen von einer Entlehnung aus dem Keltischen aus, aber endgültig fest steht diese Aussage nicht.

Das heutige Wort “Buchstabe” stammt aus der Tradition des Runenritzens. Der Römer Tacitus überliefert, daß einzelne Runen auf Buchenholzstäbchen geritzt wurden. Aus diesen Buchenholzstäbchen bildete sich das Wort Buchstabe, das zunächst nichts mit Büchern, sondern mit Buchen zu tun hat. Das Wort Buch bildete sich nämlich erst sehr viel später daraus.

Das Ritzen von Runen in Holzstäbchen war bei den Germanen Bestandteil der runenmagischen Praxis. Für eine Divination wurden diese Runenstäbe in einer bestimmten Weise geworfen und dann ihrer Lage und Bedeutung nach interpretiert. Auch das deutsche Wort “Zaubern” wurde eventuell von der magischen Runenpraxis abgeleitet. Nach verschiedenen Quellen läßt sich sagen, daß die Färbung der Runen oft mit Zinnober durchgeführt wurde, weshalb “Zinnobern” der Ursprung von “Zaubern” sein könnte. Die Redewendung “Zinnober machen” für zuviel Aufwand betreiben, könnte also auf rituelle Praktiken hindeuten. Da oftmals für jede Weissagung ein neuer Satz Runenstäbe angefertigt wurde und dies mit dem Einfärben (und dem Herstellen der Zinnober-Farbe) ziemlich aufwendig war, kann hieraus ein Erklärungsansatz für diese Redewendung abgeleitet werden.

Runen strahlen eine merkwürdige Mischung aus Faszination und Ehrfurcht aus. Man spürt ihre Kraft und jene Weisheit, die sie über die Jahrhunderte hinweg überliefern. Runen helfen dem Menschen, der sich auf sie einläßt, bei einer Reise in sein inneres Selbst. Sie stellen eines von vielen Toren ins unerforschte Innerste der Seele dar. Runenwissen ist stets auch Seelenwissen. Das Unbewußte hat erfahrungsgemäß einen viel unmittelbareren Zugang zu ihm als der rationale Verstand, und es kommuniziert über Symbole – und das können sehr gut auch Runen sein.

Auszug aus dem Originalbeitrag http://www.die-dunkle-dimension.de/p-maru.htm