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Europas Wurzeln: Die Nibelungen – kein deutscher Heldenstoff?

Theorien zur Entstehung des Stoffes
Oder: Von Helena bis Hildico, von Gudrun bis Brunichild – über die europäische Dimension des Nibelungenstoffes

von Dr. Ellen Bender

Künstler-AK Heinrich Hoffmann: Nibelungen, Siegfried mit Kriemhild & Gunther mit Brunhild

Künstler-AK Heinrich Hoffmann: Nibelungen, Siegfried mit Kriemhild & Gunther mit Brunhild

Hebbels Nibelungendrama brachte ihm kurz vor seinem Tod den Schillerpreis. Zu diesem Erfolg hat sicher der damalige Zeitgeist beigetragen, das heißt die Sehnsucht der Deutschen des 19. Jahrhunderts nach einem Nationalstaat. Dementsprechend stuft Hebbel seinen Werkanspruch 1861 ein: „Es handelt sich ja nicht um mich, sondern um das hohe Lied der Deutschen Nation, es handelt sich um den gewaltigsten aller Gesänge von Deutscher Kraft und Deutscher Treue.“

So äußerte sich Friedrich Hebbel in einer vom Nationalgefühl erhitzten Nibelungen-Begeisterung gegenüber der Wiener Gesellschaft „Hesperus“ am 24.3.1861. (Vgl. HARTMUT REINHARDT, Den Helden die Zunge gelöst, 2000, S. 17).

Ist dem so, sind die Nibelungen wirklich ein deutscher Heldenstoff?

Wenn man auch das Nibelungenlied als eine hochmittelalterliche deutsche Dichtung betrachten muß, so hat es doch seine weit zurückreichenden stofflich-motivischen Grundlagen in der europäischen Literatur. Die Nibelungengeschichte speist sich aus antiken, spätantiken, fränkischen, nordischen, südosteuropäischen Erzählstoffen. Geschichtliche Ereignisse aus Vergangenheit und Gegenwart des Verfassers, Motive aus den Literaturen verschiedener Zeiten und Völker sind an der Ausbildung des Nibelungenstoffes beteiligt und im Epos eine Verbindung eingegangen, die sich nie vollständig entwirren läßt.

Die Frage nach der Stoffgeschichte führt in den Bereich von Konstruktionen und Hypothesen. So ist es nicht verwunderlich, daß wir hier einen umstrittenen, ungesicherten, aber spannenden Teil der Nibelungenforschung vor uns haben.

1. Zur Forschungsgeschichte.

Vgl. hierzu WERNER HOFFMANN, Das Nibelungenlied, 5., überarbeitete und erweiterte Aufl. des Bandes Nibelungenlied von Gottfried Weber und Werner Hoffmann, Stuttgart 1982, hier zu Forschungsgeschichte und Forschungsstand, S. 1-37.
Karl Lachmann (1793-1851) hat die Homerliedertheorie auf das Nibelungenlied übertragen. Das Nibelungenepos sei das Ergebnis einer Sammlung von etwa 20 selbständigen Einzelliedern – er nennt sie ‚Volkslieder‘ -, die auf verschiedene Verfasser zurückgehen (a.a.O., S. 8). Wilhelm Müller (1812-1890) ließ nur noch 8 Lieder gelten (a.a.O., S. 10).

Nach Andreas Heusler (1865-1940) haben fünf Dichter die Nibelungensage geschaffen, die er aus zwei Sagensträngen erschlossen dachte: Er ging von einem fränkischen Brünhildenlied und einem fränkischen Burgundenlied des 5./6. Jahrhunderts aus (a.a.O., S. 13ff.). Die ursprüngliche Zweiteilung des Stoffes sei im Lied selbst erkennbar. Der Einschnitt liege zwischen der 19. und 20. Aventiure. Die beiden Teile sind kausal verknüpft, indem der Burgundenuntergang als Kriemhilds Rache für die Ermordung ihres Mannes Siegfried dargestellt wird.

Karl Hauck (1916-2007) glaubt, daß die Erzählungen von Sigurds bzw. Siegfrieds Tod und vom Burgundenuntergang im Nordischen schon im frühen Mittelalter verbunden gewesen seien, und zwar aufgrund von Gotländischen Bildsteinen bzw. Bilddenkmälern der Lärbro-Gruppe, die man um 800 datiert. Aber in den Liedern der Edda sind die beiden Stränge der Nibelungensage getrennt geblieben und nicht zu einer Dichtung verschmolzen worden (a.a.O., S. 16f.).
Friedrich Panzer (1870-1956) konnte nachweisen, daß das Nibelungenlied viel stärker mit der französischen Dichtung verbunden ist, als man bisher angenommen hatte. Mehrere Aventiuren haben nach Panzer ihre Vorlagen in den französischen Dichtungen, z.B. in den chansons „Daurel et Beton“ und „Renaud de Montauban“ (a.a.O.., S. 18ff.). Dass motivische Übereinstimmungen zwischen den französischen chansons de geste und der deutschen heroischen Epik bestehen, ist unbestreitbar. Aber es gibt keine direkte literarische Abhängigkeit.

Auch Helmut de Boor (1891-1976) rechnet mit zwei Stoffgruppen der Nibelungensage, einem Lied vom Burgundenuntergang und einem Lied von Siegfrieds Tod als den Ausgangspunkten der Stoffgeschichte, betont aber die Unsicherheit ihrer Rekonstruktion. (Vgl. HELMUT DE BOOR, Hrsg., Das Nibelungenlied, 1979, S. XXVII ff.) Die Vernichtung der burgundischen Königssippe wird nicht nur einen einzigen Sänger gefunden haben, sondern mehrere. „Wir müssen also von vornherein mit Parallelliedern rechnen, die das gleiche Ereignis auf verschiedene Weise … formen.“ (HELLMUT ROSENFELD, Nibelungische Lieder zwischen Geschichte und Politik. Parallellied, Annexionslied, Sagenmischung, Sagenschichtung, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur, Band 99, Tübingen 1977, S. 66-77, hier S. 68. Vgl. HELMUT DE BOOR, Hrsg., Das Nibelungenlied, 1988, S. XXIX).

2. Historische Namen und Geografie

Eindeutig fassbar sind im Nibelungenlied die großen Königsnamen der Völkerwanderungszeit: Attila, der in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts lebte, der Ostgotenkönig Theoderich (gest. 526), in der Sage ist er Dietrich von Bern sowie die burgundischen Könige mit den stabenden Namen Gundahar, Gundomar, Gislahar, die in der Sagenwelt des Nibelungenliedes Gunther, Gernot und Giselher heißen; ze Wormez bî dem Rîne si wonten mit ir kraft (NL, Hs B, 6,1).

Die Rheinregion: Römer – Burgunder – Franken

Gab es eine Burgundische Landnahme am nördlichen Oberrhein? Eindeutige Siedlungsstätten der Burgunder kennt die Region nicht, wohl aber fränkische Siedlungen und Reihengräberfelder aus der Zeit der Merowinger. Im Zuge der Fränkischen Landnahme wurden römische Siedlungen mehrfach unterworfen. Die Topografie der Rheinlandschaft unserer Region zeigt eine mäandernde Zwischenlandschaft, in der die Franken unter den merowingischen Heerkönigen des 5. bis 7. Jahrhunderts eine maßgebliche Rolle gespielt haben – nach dem „Verschwinden der Burgunder“, wenn sie denn hier gewesen sind. Unbestritten ist die ökonomisch-kulturelle Bedeutung dieser rheinfränkischen Kern- und Geschichtslandschaft, weiter über die Karolinger, Staufer bis zur heutigen Metropolregion.

3. Rezeption literarischer Stoffe, insbesondere der Antikenstoffe.

Es war das Verdienst der Franken, daß sie die spätantike Kultur der Römer bewahrten. Sie rezipierten antike Sagenstoffe in lateinischer Sprache. Troja- und Alexanderstoffe, griechische Lieder und Tragödien mit den Protagonisten Helena, Dido, Paris, Menelaos, Aeneas begeisterten die Dichter und Geschichtsschreiber der Spätantike, die Interesse an literarischen Leitbildern hatten. Doch bis zur Verschriftlichung im Frankenreich in der Volkssprache, sowohl im Französischen als auch im Deutschen, dauerte es einige Jahrhunderte.

Erst im 12. Jahrhundert wird der antike Stoff der Trojasage, des Aeneas oder des Alexanders, in Frankreich und danach in Deutschland aufbereitet. So verfaßt Ulrich von Etzenbach ein mittelhochdeutsches Alexander-Epos. Und Heinrich von Veldeke thematisiert um 1170 den antiken Stoff der Trojasage. Den Stoff Vergils um den trojanischen Heros Aeneas, um Dido, Lavinia und die Gründung Roms überträgt er in mittelhochdeutsche Sprache und versieht ihn mit eigenen Akzenten (so z.B. das Minnegespräch zwischen Mutter und Tochter Lavinia, das vielleicht Vorbild ist für das Minnegespräch zwischen Uote und Kriemhild im Nibelungenlied).

Auch grausame Motive wie das des Kindsmordes könnten aus dem Mittelmeerkreis eingeströmt sein, z.B. aus der Sage von Tereus und Prokne aus der griechischen Mythologie (Vgl. FELIX GENZMER, Heldenlieder der Edda, 1970, S. 7). Überhaupt fasziniert die Gestalt der Helena. Sie galt als die schönste Frau ihrer Zeit. Viele Griechenfürsten begehrten sie. Sie könnte dem Nibelungendichter durchaus als Vorbild für die schöne Burgundenprinzessin Kriemhild, um die viele Freier warben, gedient haben.

4. Affinität des Nibelungenstoffes zur mittelalterlichen skandinavischen Dichtung.

Nordische Nibelungendichtungen.

Die ältesten Nibelungendichtungen, die für die stoffgeschichtliche Forschung von Bedeutung sind, sind im Norden Europas entstanden, wohin die Stoffe aus dem südgermanischen Raum gewandert sind (HOFFMANN, a.a.O., S. 47ff.). Es handelt sich um Eddalieder der sog. Älteren Edda oder Lieder-Edda, die um 1250 entstanden sind und die der Codex regius, der heute in Reykjavik aufbewahrt wird, überliefert. Der Codex ist eine der Hauptquellen für nordische Mythologie und Heldensage. Die ältesten Lieder gehen vielleicht bis ins 9. Jahrhundert zurück. Die Normannen und ihre Skalden könnten im 9. Jahrhundert die Stoffe nach dem Norden gebracht haben, wo sie heimisch wurden. (Vgl. EMIL RÜCKERT, Oberon von Mons und die Pipine von Nivella. Untersuchungen über den Ursprung der Nibelungensage, Leipzig 1836, S. 58 ff.; jetzt als Taschenbuch bei amazon 2010)

Es gibt im Codex regius fünfzehn Nibelungenlieder, z.B. die Lieder von Sigurd dem Fafnirstöter, Bruchstücke eines Brynhildenliedes, Gudrunlieder, „Atlakvida“ (das „Alte Atlilied“), die „Atlamal“ (das „Jüngere Atlilied“). Der Codex ist etwa 70 Jahre jünger als die älteste Handschrift des Nibelungenliedes. Neben den Götterliedern mit mythologischer Thematik zeichnen die Heldenlieder der Edda vorwiegend germanische Helden aus der Zeit der Völkerwanderung. Die Namen der Gestalten in der Edda sind: Atli (für den Hunnenkönig), Gunnarr (für Gunther), sein Bruder Högni (für Hagen), Gudrun (für Kriemhild), Sigurdr (für Siegfried), Brynhildr (für Brünhild). Bezeichnend sind ihre Handlungsmotive: Tapferkeit, Macht, Liebe, Mord und Rache. Die Protagonisten werden von Träumen und Visionen heimgesucht. Die Verbindung zwischen den Liedern der nordischen Mythologie wird dadurch erzielt, daß man verschiedene Helden in verwandtschaftliche Beziehungen zueinander setzt, indem man z.B. Helgi Hundingstöter zum Halbbruder Sigurds macht. Ansippung nennt man das.

Von Sigurds Aufwachsen, seinen Jugendtaten und dem Erwerb eines fluchbeladenen Hortes berichten „Reginlied“ und „Fafnirlied“ (HOFFMANN, a.a.O., S. 48). Vögel (Meisen) weisen Sigurd den Weg zu Gjuki, dessen Tochter er sich mit Hilfe eines Schatzes kaufen könne, und zum Hindarfjall, wo eine von Odin mit dem Schlafdorn gestochene Walküre ruhe. Sie wohne in einer Flammenburg („Waberlohe“). Das Motiv findet Eingang in Hebbels „Nibelungen“. Einzelheiten dieser Lieder sind in die Erzählungen der Thidrekssaga und des Hürnen Seyfried (Druck um 1530) eingeflossen. Für das Nibelungenlied haben sie nur geringe Bedeutung und bleiben für die älteste Form der Nibelungensage sehr unsicher. Die Völsungasaga, um die Mitte des 13. Jahrhunderts verfasst, spielt in der Forschung des 19. Jahrhunderts eine besondere Rolle, weil sie die Hauptquelle für Richard Wagners Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ ist (Vgl. KLAUS VON SEE, Germanische Heldensage, 1971, S. 19).

Der Norden hat eine eigene Vorgeschichte von Sigurd und Brynhild ausgesponnen. Auf die Sage von der Erweckung der Walküre folgt in der Edda die Brynhildsage mit der ihr verbundenen Erzählung von Sigurds Tod. Auf das Alte Sigurdlied folgt „Gudruns Gattenklage“. Das Lied zeigt Gudrun in stummem Leid neben der Leiche Sigurds. Interessant ist das junge Lied von „Brynhilds Helfahrt“, weil es das Geschehen aus der Sicht Brynhilds erzählt: Sie berichtet einer Riesin, die am Weg zum Totenreich wohnt, von ihrem Leben nach ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen und spricht am Schluß den Wunsch aus, künftig mit Sigurd vereint zu sein (HOFFMANN, a.a.O., S. 50).

Das altnordische Alte Atlilied („Atlakvida“) der oben genannten Lieder-Edda könnte allerdings die älteste dichterische Gestaltung des Infernos der Nibelungen sein. Vielleicht ist es Ende des 9. Jahrhunderts gedichtet worden. Der Hunnenkönig Atli lädt seine Schwäger, die Brüder Högni und Gunnar, die einen Schatz besitzen, aus Hortgier hinterlistig ins Hunnenland ein und läßt sie töten. Gudrun rächt den Tod ihrer Brüder am Gatten, indem sie Atli die Herzen seiner eigenen Kinder zum Mahl vorsetzt, den betrunkenen Herrscher tötet und die Halle in Brand steckt, in der alle sterben. Es ist sicher psychologisch aufschlußreich, daß Gunnars Schwester Gudrun, die ganz Sippengebundene, den Tod ihrer Brüder am hortgierigen Gatten Atli rächt (HOFFMANN, ebenda). Die Germanin Hildico (mit ihrer „Blutrache“ in der Brautnacht) könnte Patin gestanden haben.

„Sorglos war Atli, er hatte sinnlos getrunken;
nicht hatte er Waffen, nicht wehrte er Gudrun.
Besser war das Spiel, wenn beide sich oft
innig umarmten vor den Edlingen!

Blut gab mit dem Schwerte sie dem Bett zu trinken
mit helgieriger Hand; die Hunde löste sie,
trieb sie vors Tor; die Trunkenen weckte sie
mit heißem Brande: so rächte sie die Brüder.“

… (Und dann setzt sie die Halle in Brand.)

(„Altes Atlilied“, Strophen 41 und 42; Übersetzung von FELIX GENZMER, Heldenlieder der Edda, übertragen, eingeleitet und erläutert von FELIX GENZMER, Stuttgart 1970, S. 7ff., hier S. 14).

Die skandinavische Dichtung greift den Nibelungenstoff auf. Die Könige Gunnar und Högni, die Söhne König Gjukis – das ist die altnordische Bezeichnung für König Gibiche -, heißen im Alten Atlilied: „Vin Borgunda“ (18,3), „der Goten König“(23,1) und „Niflungum“(17,2). Das Nebeneinander von Nibelungen und Burgunden in diesem Lied erkläre sich, so Helmut de Boor (1979, S. XXX), „wenn wir in Burgunden den Volksnamen, in Nibelungen den Namen der burgundischen Königssippe sehen“.

Atli begehrt den großen Goldschatz, den „Hort der Niblunge“ (GENZMER: Atlilied 27,2; 28,2) und mordet grausam die Könige (Herzausschneiden Högnis; Gunnars Tod im Schlangenhof). Man könnte so im Alten Atlilied die Wiedergabe eines Liedes vom Untergang der burgundischen Königssippe sehen. Der „Hort der Nibelunge“ ist zunächst der alte, umstrittene Königshort. Denn im germanischen Denken ist der reiche Schatz die Grundlage der Königsgewalt. Ich erinnere hier an den Goldschatz, auf sechs Wagen verteilt, den Karl der Große 795 von den Awaren erbeutete und mit dem er seine Heerzüge finanzierte.

Aber: Wo ist der mythische Goldschatz? Im Atlilied und bei Richard Wagner ganz bestimmt im Rhein: „Nun hüte der Rhein…den göttlichen Schatz der Niblunge“ (GENZMER: Atlilied 28,1-2), ruft Gunnar, als er das Herz des toten Högni sieht. In der Wagneroper bewachen die Rheintöchter das Rheingold, das der Zwerg Alberich gold- und besitzgierig an sich bringen will.

Zahlreiche Motive hat Richard Wagner aus der Edda übernommen: U.a. das Motiv der „Erweckung der Seherin“, das bei Wagner zum Motiv der Erweckung der in Erdtiefen schlafenden Erdgöttin Erda wird, die er zur Mutter der drei Nornen und der Brünnhilde macht. Friedrich Hebbel und Richard Wagner haben im 19. Jahrhundert den Nibelungenstoff mythisiert, vor allem Wagners Gestaltung des Stoffes wirkt mythenbildend.

An der sagenhaften Vorgeschichte war der Nibelungendichter allerdings nicht besonders interessiert. Der Dichter des großen heroischen Epos der Stauferzeit sah sich mehr dem Neu-Erzählen vergangener Ereignisse, der alten maeren von Siegfried und den Burgunden, verpflichtet als dem Aufspüren einer mythischen Anderwelt.

5. Dichtungen im Umkreis der Nibelungensage

Argumente für eine frühe Entstehungszeit der Nibelungensage liefert der lateinische Waltharius.

Wir beginnen mit einer zeitlichen Eingrenzung und sehen den lateinischen Waltharius, in Versform verfaßt, als Rest eines heroischen Liedes, das um 930 aufgezeichnet wurde. Das lateinische Walthariuslied schöpft aus dem Stoffreservoir der Völkerwanderungszeit, in jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung in ganz Europa tradiert, von der Lombardei bis nach Norwegen, von England bis nach Polen. Ein Beispiel ist der altenglische „Waldere“ um 770. Das angelsächsische Gedichtfragment erwähnt Gudhhere als wine Burgenda, als König der Burgunden sowie AEtlan für Attila, und der deutsche Ekkehard I. von St. Gallen nennt im „Waltharius manu fortis“ Gibicho als Vater Gunthers, des Königs der Rheinfranken sowie Hagen und Attila. Die Personen tragen Namen, die uns teilweise aus der Nibelungensage vertraut sind.
(Vgl. ELLEN BENDER http://www.nibelungenliedgesellschaft.de/03_beitrag/bender/wasigen.html)

Die Walther-Dichtung erzählt von einem Goldschatz, den der rheinfränkische König Gunther und sein Gefolgsmann Hagen dem Westgoten Walther von Aquitanien, der mit dem Schatz vom Hunnenhof geflohen ist, abjagen will. Der Schatz, den Attila an sich gebracht hatte, gehörte ursprünglich Guntharius‘ Vater, dem Frankenkönig Gibico (Waltharius, V. 116 ff.). Vor dem Waskensteine (NL, Hs B, 2344,2) kommt es zur kämpferischen Auseinandersetzung.
Die Walther-Dichtung knüpft an die großen Gestalten des Nibelungenstoffes an; der Nibelungenstoff muß demnach vor dem lateinischen Waltharius entstanden sein.

6. Historische Wurzeln des Nibelungenstoffes. Geschichtliche Grundlagen

Für den Burgundenuntergang sind historische Grundlagen erkennbar. Von Burgunden in der Nähe des Rheins „Burgundiones partem Galliae propinquam Rheno obtinuerunt“ (PROSPER TIRO, epitome chronicon 467; zum J. 413) und ihrer Niederlage gegen Hunnenhorden 436 oder 437 berichtet Prosper Tiro von Aquitanien, allerdings erst 455, also 20 Jahre später. Der Führer der Hunnen war aber nicht Attila. Dieser erstickte 453 in der Hochzeitsnacht mit der Germanin Hildico, sinnlos betrunken, an einem Blutsturz – so der Bericht des Jordanes Mitte des 6. Jahrhunderts. Jordanes beruft sich auf den byzantinischen Geschichtsschreiber Priskos. Im späten 9. Jahrhundert spricht der „Poeta Saxo“ davon, die Germanin habe Attila getötet, um ihren Vater zu rächen (Vgl. MGH SS, Bd. 1, 1826, S. 247).
Die „Chronica Hungarorum“ des ungarischen Geschichtsschreibers Simon von Kéza aus dem 13. Jahrhundert berichtet von den Nachfolgekämpfen am Hunnenhof nach Attilas Tod zwischen dem Sohn einer griechischen Frau Attilas und dem einer germanischen Fürstin Crimildis. Unter den am Hunnenhof lebenden germanischen Fürsten nennt Kéza auch Dietrich von Bern. (vgl. HOFFMANN, a.a.O., S. 41f.)

Nach der Niederlage gegen die Hunnen siedelte der römische Feldherr Aetius die übrig gebliebenen Burgunden an den Genfer See um. Sie dehnten ihr Machtgebiet rasch aus. Lyon wurde Zentrum. Unter König Gundobad (480-516) entstand eine Gesetzessammlung, die Lex Burgundionum (tit. III). 507 heiratete seine Nichte Chrotechild den merowingischen Frankenkönig Chlodwig. 561 entstanden drei fränkische Reichsteile: Sigebert I., Chlodwigs Enkel, erhielt bei der Reichsteilung Austrasien (Ostreich), sein Bruder Gunthram Burgund und sein Halbbruder Chilperich Neustrien (Westreich).

Familienstreit der Merowinger

Im Jahr 566/567 vermählte sich in Reims der austrasische Merowingerkönig Sigebert I. mit Brunichild aus Toledo, einer Tochter des Westgotenkönigs Athanagild. Daraufhin heiratete Sigeberts Halbbruder Chilperich I. von Neustrien Brunichilds Schwester Galswinth, nachdem er sich von seinen Konkubinen getrennt hatte. Der Merowinger liebte die Frauen. Er war mehrfach verheiratet. Eine seiner Nebenfrauen, Fredegund, gewann die Gunst des Königs zurück und bewog ihn, seine Ehefrau ermorden zu lassen. Dann heirateten sie.

Brunichild trieb darauf ihren Mann Sigebert zu einem Krieg gegen seinen Halbbruder an, um ihre Schwester zu rächen. Er war zunächst erfolgreich, fiel aber 575 einem intriganten Mord zum Opfer (Vgl. HOFFMANN, a.a.O., S. 42f.) – vielleicht im Auftrag seiner Schwägerin Fredegund, die erst leibeigene Beischläferin gewesen war, bevor ihr Gatte sie zur legitimen Königin erhob?

Die Bluttat ist angestiftet worden. Vielleicht eine Verwandten-Intrige? Wenn diese historische Anknüpfung richtig ist, könnte der merowingische König Sigebert I. Vorbild für die Rolle des Siegfried unserer Nibelungensage geworden sein (und auch Vorbild für Sigurd im Gudrunlied der Edda). Und der Streit der Brunichild mit Fredegund wäre Vorlage für den Königinnenstreit im Nibelungenlied. Hat Brunichild Fredegund als Kebse (NL Hs B, 839,4) beschimpft? (HELLMUT ROSENFELD, a.a.O., S. 71). Die Chronik der Merowinger könnte dem Autor das Argument für Meuchelmord und Rache geliefert haben.

brunhilde und siegfried

Sind Brunichild und der Merowingerkönig Siegbert die Vorbilder für Brunhilde und Siegfried? Wolfgang Fels untersuchte 2006 u.a. das Gedicht VIII.3., das „Die Jungfräulichkeit“ betitelt ist und das Fortunat geschrieben hat. In den Versen 393-395 spielt das Gedicht möglicherweise auf Königin Brunichild an, die 575 ihren Mann, König Sigebert I., verloren hatte und kurze Zeit im Witwenstand lebte, bevor sie 576 in zweiter Ehe Merowech II. heiratete, der 577 erschlagen wurde:

Auf die historische Brunichild, deren Mann gemordet wurde, könnte die Kriemhild der Nibelungendichtung zurückgehen; die Rolle der historischen Fredegund müsste dann mit dem Namen der Brünhild (altnord. Brynhildr) verbunden worden sein. Der Namenstausch der beiden Schwägerinnen erklärt sich möglicherweise aus der Ähnlichkeit ihres Charakters. Die Chronik der Merowinger beschreibt beide Königinnen als herrschsüchtig, kampflustig, intrigant, rachsüchtig; „die eine wie die andere ließ ihren Schwager… ermorden“ (RÜCKERT, a.a.O., S. 16. RÜCKERT schreibt, 584 habe dann Brunichild ebenfalls aus Rache die Ermordung ihres Schwagers Chilperich betrieben, S. 11f.). Die Chronik des sogenannten Fredegar zeigt Brunichild als die am meisten verhasste „Furie“ (RÜCKERT, a.a.O., S. 17). Eine weitere Verwechslung könnte hinzugekommen sein, indem man Brunichild, von der man wusste, daß sie auch in Burgund gelebt hatte, – zum Teil als Regentin, um die Herrschaft ihrer Enkel zu stützen, – in der Sage einen Burgunden zum Gemahl gab (RÜCKERT, a.a.O., S. 21). So könnte der fränkische König Burgunds, Gunthram I., mit jenem Burgundenkönig Gunther der Sage vom Untergang des burgundischen Königshauses verknüpft bzw. vertauscht worden sein.
Ob dieser Rollen- und Namenstausch eingetreten ist, läßt sich nicht entscheiden. Hingegen äußert de Boor: „Aller heroischen Dichtung geht es um die historische Persönlichkeit; die Ereignisse sind dichterischer Umgestaltung freigegeben, die großen Namen werden festgehalten“ (HELMUT DE BOOR, 1979, S. XXVII; vgl. auch WERNER HOFFMANN, a.a.O., S. 43).

613 ließ Chlothar II. von Neustrien seine erbitterte Feindin und Tante Brunichild grausam hinrichten (HELLMUT ROSENFELD, a.a.O., S. 72). Er gab ihr alle Schuld an den blutigen Familienkämpfen. Die fast achtzigjährige Brunichild wurde gefoltert und von Pferden zu Tode geschleift, und zwar nach Johann August Zeune (1778-1853) (ZEUNE, Nibelungenlied, Einleitung, S. XVII) im fränkischen Worms, wohin sie sich geflüchtet haben soll. „Dies gelang durch den Verrat des burgundisch-austrischen Adels, an dessen Spitze die Frühkarolinger Pippin der Ältere und Arnulf standen“ (FRIEDRICH PRINZ, Neue deutsche Geschichte, Band 1, München 1985, S. 70). Gerade mal ein Jahr später ernannte Pippin seinen Verbündeten Arnulf zum Bischof von Metz.

Eben zu dieser Zeit wurde das Wormser Bistum von Metz aus gegründet, und damit begann die Wormser Bischofsliste. Man könnte jetzt – rein hypothetisch – fragen: Hat Worms bei der Entstehung des Nibelungenstoffes mitgewirkt? Hat man Worms für die Auslieferung der alten austrasischen Königin den Bischofssitz versprochen? Die Wormser Bischöfe standen dem fränkischen Königshof nahe, wurden von diesem reich beschenkt. Ein Beleg hierfür ist auch die Schenkung von Gau und Stadt „Lobdenburg“, also Ladenburg, 628 an das Bistum Worms durch den fränkischen Merowingerkönig Dagobert I. (629-639), der wohl auch die fränkische Vorläuferkirche des Doms vollendete.

Unbestritten ist die Bedeutung von Worms und des Wormser Bischofshofes für die Königsmacht im 7. Jahrhundert. Beispielhaft ist die Gedenk-Münze mit dem stilisierten Porträt einer Frau; Forscher halten sie für Brunichild; auf der Rückseite steht „Varmatia vit“. Wurde die Münze im Auftrag von Brunichild in Worms, wo man sie verehrt hatte, geprägt?

Die Dynastie der Merowinger rieb sich in Zwistigkeiten auf. Nach König Dagoberts Tod 639 zerfiel das merowingische Staatswesen. So ermöglichte Pippin der Ältere (um 580-640) es seiner Adelsfamilie, die Hausmeier im Reich der Merowinger zu stellen und damit die eigentliche austrasische Herrscherfamilie zu entmachten. Pippin d. Mittlere (gest. 714) war faktischer Herrscher des Gesamtreiches. Sein Sohn Karl Martell (714-41) wurde schließlich zum Namensgeber der neuen Dynastie der Karolinger (Vgl. PRINZ, a.a.O., S. 74f.; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Pippiniden). Die „parteiische karolingische Historiographie“ (FRIEDRICH PRINZ, ebenda) rügte die Merowingerkönige, die schwach und unfähig gewesen seien und die die Frauen und das Leben zu sehr geliebt hätten. (Vgl. auch den Ausstellungsband „Königinnen der Merowinger“ vom 10.11.2012 bis 24.02.2013 im Archäologisches Museum Frankfurt).

Chroniken über die Merowinger schrieben: Gregor von Tours, Fredegar und Venantius Fortunatus.

Der Merowingerchronist, Dichter und Bischof von Poitiers, Venantius Fortunatus, geb. 540, gestorben zwischen 600 und 610, glorifizierte die Siege Sigeberts I. über die Sachsen, Dänen, Thüringer und Awaren. In der Bibliothèque National befindet sich sein Lobgedicht. Die Lobpreisgedichte des Fortunatus besangen die Waffentaten Sigeberts, der sich gleich bei Regierungsantritt großen Ruhm und die „Dankbarkeit der Kirche“ als „Überwinder heidnischer Völker“ (RÜCKERT, s.o., S. 28) erwarb. Der jugendliche Sigebert galt als mutiger, tapferer Held und wurde von Fortunatus mit dem klassischen, beinahe unverwundbaren Helden Achill verglichen. (RÜCKERT, a.a.O., S. 13-15; vgl. auch ARTE, X:ENIUS, Das Nibelungenlied – Dichtung oder Wahrheit? Erstausstrahlung v. 15.11.2013, 8.30 Uhr)

Beide gewannen Sagenruhm. Der historische Sigebert feierte wie sein literarischer Bruder Siegfried im Nibelungenlied Siege über Sachsen und Dänen, und fiel – wie dieser – einem Meuchelmord zum Opfer. Sigebert wurde von Fortunatus gelobt, während andere Regenten der Merowinger gewalttätig und verhasst waren oder als verweichlicht verachtet wurden.

Fortunatus schrieb auch anlässlich der Hochzeit des jungen Merowingerkönigspaares Sigebert und Brunichild 566 ein lateinisches Hochzeitsgedicht (Epithalamium VI,1). Vorbild könnte das antike Epithalamium des Theokrit gewesen sein, der die Hochzeit der schönen Helena feierte. Das Lied des gallo-italischen Dichters Fortunatus auf das Brautgemach zeichnet Brunichild als Venus und Sigebert als Achill, als Personifikation von Liebesgöttin und trojanischem Heros, tendiert allerdings zu derb-sexueller Darstellung. Das Gedicht könnte dem Nibelungendichter als eine Quelle für die Hochzeitsnacht im burgundischen Königshaus gedient haben. Das Gedicht verschaffte Fortunatus großes Ansehen am Hof; er hatte Zugang zur weltlichen fränkischen Oberschicht gewonnen, pries in seinen Versen Sigebert I., den er zu einem antiken Heroen stilisierte, begeisterte sich für dessen Herrschergeschlecht und deklamierte den trojanischen Anspruch der Merowinger.

Eine derartige Huldigung der austrasischen Merowingerdynastie mußte anderen Adelsparteien ein Dorn im Auge sein. (Venantius Fortunatus war der letzte römische Dichter der Spätantike und zugleich der erste Dichter des Mittelalters. Herausgegeben sind seine Schriften in den Monumenta Germaniae Historica, BRUNO KRUSCH (Hrsg.): Scriptores rerum Merovingicarum 2 und 7, Hannover 1919.)

Wolfgang Fels untersuchte 2006 u.a. das Gedicht VIII.3., das „Die Jungfräulichkeit“ betitelt ist und das Fortunat geschrieben hat. In den Versen 393-395 spielt das Gedicht möglicherweise auf Königin Brunichild an, die 575 ihren Mann, König Sigebert I., verloren hatte und kurze Zeit im Witwenstand lebte, bevor sie 576 in zweiter Ehe Merowech II. heiratete, der 577 erschlagen wurde:

(WOLFGANG FELS, Studien zu Venantius Fortunatus mit einer deutschen Übersetzung seiner metrischen Dichtungen, Heidelberg 2006 (online Fakultätsfassung der Dissertation:
http://archiv.ub.uni-heidelberg.de/volltextserver/volltexte/2007/7023/pdf/Studien_zu_VFT.pdf)

“Quot mala plebeiae veniant quis pandere possit?
Vix reginae quae viduata manet.“
Wer kann das Leid einer Frau aus dem Volke beschreiben?
Erst einer Königin gar, welche im Witwenstand lebt.
(GREGOR VON TOURS, Geschichten 4.51 und 5.2. Verse 383f. zitiert nach WOLFGANG FELS, S. 35.)

Fortunatus bedauerte das Schicksal der merowingischen Königin, rühmte aber zugleich ihre Schönheit, Klugheit und Geisteskraft (RÜCKERT, a.a.O., S. 15). In seiner Vorrede zur Vita Radegundis schrieb Venantius: „Die Freigiebigkeit unseres Erlösers ist so reich, daß er mächtige Siege im weiblichen Geschlecht feiert und selbst den körperlich kraftlosen Frauen durch die Stärke eines ruhmreichen Geistes Ehre verleiht.“ (V. FORTUNATUS-Zitat im Archäologisches Museum Frankfurt, Ausstellung „Königinnen der Merowinger“ vom 10.11.2012 bis 24.02.2013). Frauen, die eine politische Rolle spielen, faszinieren eben von je her die Dichter: von Helena über Hildico bis Brunichild. Im Gedächtnis geblieben ist keine Venus, sondern das Bild einer Frau, die selbst im Leid ihre starke Haltung bewahrt, keine Angst vor Männern hat und das Heft selbst in die Hand nimmt (Vgl. ARTE, X:ENIUS, Das Nibelungenlied – Dichtung oder Wahrheit? vom 15.11.2013, 8.30 Uhr).

Es fällt auf, daß Venantius ein ganz anderes Bild von Brunichild herausstellt als die fränkische Geschichtsschreibung überliefert. In den Fredegar-Quellen wird sie nämlich als intrigant und rachsüchtig bezeichnet. Man schob ihr die Bluttaten in die Schuhe. Wem konnte eine negative Darstellung ihrer Rolle nutzen? Sie trat für ein starkes, zentrales Königtum ein, was fränkische Adelsgruppen nicht hinnehmen wollten. (Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Brunichild) Der Stoff des Familienstreites könnte ganz gezielt von diesen benutzt worden sein. Vielleicht haben sie auch selbst Hand angelegt, den „Strahlemann“ Sigebert zu beseitigen, um die eigene Position zu stärken? Die offizielle fränkische Geschichtsschreibung übernahmen nämlich Karolinger, Karl Martells Neffe, Graf Nebelunch/Nibelung I. ab 751 (von seinem Vater Graf Childebrand von Burgund), und zwar die Fortsetzungen der Chronik des Fredegar, die „coninuationes“ (Vgl. RÜCKERT, a.a.O., S. 43f. Er recherchiert: „Graf Hildebrands Sohn, Pipins von Heristall (= Pippins des Mittleren) Enkel hieß Nebelunch/Nibelung“; a.a.O., S. 105f.) Emil Rückert (1800-1868) sieht in Graf Nibelung den Chronisten, der die Geschichte seines fränkisch-frühkarolingischen Hauses fortschreibt; er kommt zu dem Fazit, daß die Nibelungensage „unter den salischen Franken in den Niederlanden“ entstanden sei, sich im 7./8. Jahrhundert ausgebildet habe und die Taten von Exponenten des merowingischen und karolingischen Königshauses verherrliche (a.a.O., S. 9).

JÜRGEN BREUER weist ebenfalls auf die Zugehörigkeit des burgundischen Grafen Nibelungus zu den Karolingern hin. „Mit Graf Nibelung beginnt somit die Geschichtsschreibung des karolingischen Hauses“ (DIETER BREUER/JÜRGEN BREUER, Mit spaeher rede. Politische Geschichte im Nibelungenlied, München 1995, S. 27). Die Chronik des Fredegar und die beiden Continuationes Fredegarii sind im Stil einer Hausgeschichte als Vorgeschichte des karolingischen Königshauses konzipiert und geben insbesondere die hohe Selbsteinschätzung der aufstrebenden Karolinger wieder. „Das Nibelungenlied erscheint demnach als ein weiteres Beispiel adeliger Hausdichtung im Mittelalter….“ (S. 231).

Sigebert ist keineswegs das einzige historische Modell für die Gestalt Siegfrieds. Einige Forscher haben an den ostgotischen Heerführer Uraja erinnert oder an den Cheruskerfürsten Arminius. Hier sind besonders die Untersuchungen des Altgermanisten Otto Höfler zu nennen. Höfler stellt den Sieg des Arminius über Varus im Teutoburger Wald in den Mittelpunkt. Der Sieg sei im Nibelungenlied als Siegfrieds Drachenkampf veranschaulicht worden (vgl. zur Kritik der Siegfried-Arminius-These: VOLKER GALLÉ (Hrsg.): Arminius und die Deutschen. Dokumentation der Tagung zur Arminiusrezeption am 1. August 2009 im Rahmen der Nibelungenfestspiele Worms. Worms 2011)

Manche Forscher sehen die Gestalt Siegfrieds aus Mythos (Franz Rolf Schröder) und Märchen (Friedrich Panzer) erwachsen. (Vgl. auch Nibelungenedition 1. Siegfried – Schmied und Drachentöter von VOLKER GALLÉ (Hrsg.), Worms, 2005). Nach Schröder „repräsentiert Siegfried den Typ des früh sterbenden Göttersohnes“, der das „Chaos-Ungeheuer“ in Form des Drachens überwindet (HOFFMANN, a.a.O., S. 45). Im 19. Jahrhundert wird Siegfried u.a. mit germanischen Göttern wie Freyr oder Baldr identifiziert.

Und Richard Wagner hat das Siegfriedbild dauerhaft verändert. Er hat sich der Nibelungensage, der Edda, der Völsunga- und Thidrekssaga bedient und sie in seine Mythensynthese eingeschmolzen. Sein Siegfried trägt die Züge seiner privaten Mythisierung. In Siegfried sieht Wagner den „neuen Menschen“, den Herrn der Welt; aber Siegfried scheitert in der Liebe zu einer Frau. – Natürlich gibt es noch andere Vorbilder für die Gestalt Siegfrieds, auf die ich hier in diesem Zusammenhang nicht näher eingehen kann.

7. Schluß. Die europäische Dimension des Nibelungenstoffes

Bereits Hellmut Rosenfeld rechnet damit, daß der Untergang der burgundischen Königssippe, „ein aufrüttelndes Geschichtsereignis“ (ROSENFELD, a.a.O., S. 68), in einem Lied der Burgunden selbst besungen wurde, und zwar in mindestens einer Fassung, nach der Umsiedelung der Überlebenden in die Sapaudia: „Eine neue Burgunderdynastie hatte sich aufgetan, die begreiflicherweise sich im Burgundenrest zu verwurzeln sucht durch Anknüpfung an die ruhmvolle und tragische Vergangenheit.“ (a.a.O., S. 73f.) Haben die Burgunden, die dann 534 von den Franken bei Autun besiegt wurden („2. Untergang“), die traumatische Erinnerung an den Untergang in der alten Burgunderkönigssage bewahrt?

„Von den Burgunden könnten die Franken nach Zerstörung des Burgundenreiches an der Rhône das Lied mit neuer, umgedeuteter Funktion übernommen haben.“ (WERNER HOFFMANN, Nibelungenlied, 6., überarbeitete und erweiterte Auflage des Bandes Nibelungenlied von Gottfried Weber und Werner Hoffmann, Stuttgart 1992, Metzler, 1992, S. 62).
Die Nibelungensage signalisiert einen Bezug zu der fränkisch-merowingischen Geschichte des 6./7. Jahrhunderts. Reflexe des strahlenden Helden, des schwachen Königtums und des grauenhaften, mörderischen Streites der fränkischen Dynastenfamilien könnten durchaus in die Sage Eingang gefunden haben, doch läßt sich das im einzelnen mit Sicherheit nicht belegen.

In der Erinnerung der Menschen werden Zeiten und Ereignisse, Gerüchte und Mythen vermischt. Vielleicht hat es in der Nibelungentradition eine Verschmelzung des historischen Sigebert mit der Gestalt des mythischen jungen Heros gegeben, wie wir ihn als Achill der Ilias kennen oder als Sigurd der Edda – eben des Fantasy-Helden aus weiter Ferne. Die nordische Sage bildete Mythen aus. So könnte man es auch erklären, daß Sigurd aus dem Merowingerkönig Sigebert als mythische Gestalt erwuchs und bald als Dänenheld (RÜCKERT, S. 32; 36), bald als Westfranke in Bertangenland (vermutlich ags. die „Bretagne“) in europäischer Dichtung erschien (RÜCKERT, S. 61).

Und: Die nordische Sage machte die starke, wehrhafte Königin Brunichild zur Schildjungfrau und „Valkyrie“ (HEBBEL, Siegfrieds Tod, 4. Akt, 6. Szene) und benutzte den Namen bruna-childis, um auf ihr Waffengewand, ihre brünne (mhdt. „Brustharnisch“), anzuspielen (RÜCKERT, S. 18). So galt nun im Norden – und bei Friedrich Hebbel – die mythische Brünhild als unüberwindliche Amazone und „Riesenweib“ (RÜCKERT, S. 119; vgl. FRIEDRICH THEODOR VISCHER, 1844).
Ob das Lied vom großen Mord an den burgundischen Königen aus der eddischen Atlakvida zurückgewonnen wurde, ob es ein burgundisches oder fränkisches Lied ist, kann nicht beantwortet werden. Die heroischen Stoffe haben sich von ihrem Entstehungsraum über große Gebiete Europas verbreitet und konnten dabei auch in ihrer Funktion verändert werden.

Neuere Forschung hat eine Nibelungentradition als haus- und sippengebundene Adelsliteratur von Familien wie der fränkischen Reichsaristokratie der Karolingerzeit auch in Bayern nachzuweisen vermocht. Als wichtigste Neuerung in einem rekonstruierten (lateinischen) Nibelungentext eines „Baiwarischen Burgundenliedes“ des 8. Jahrhunderts erschließt man, daß Kriemhild jetzt nicht ihre Brüder, sondern den Tod ihres Gatten Siegfried grausam rächt. (Vgl. HOFFMANN, 1982, S. 59f.; 1992, S. 62f.)

Der Umwandlung der Kriemhild, vielleicht schon in einer bairischen Vorstufe des 8. Jahrhunderts, die jetzt nicht die Brüder, sondern ihren Gatten rächt, entspricht die Umwandlung Attilas: Aus dem hortgierigen Barbaren, der er in den nordischen Dichtungen immer geblieben ist, ist jetzt der milde Etzel geworden, der vertriebenen Recken Zuflucht gewährt. Dieses positive Attila-/Etzelbild des Nibelungenliedes ist wohl aus dem südosteuropäischen, gotischen Sagenkreis, in dem die Dietrichdichtung um Theoderich beheimatet blieb, über die Langobarden in das burgundisch-fränkische Lied gedrungen. Ob Dietrich schon im 8. oder 9. Jahrhundert übernommen wurde, ist nicht sicher, vielleicht erst später (HOFFMANN, 1992, S. 63).

Exkurs: Wohin führt die Spur der Thidrekssaga?

Von den nordischen Prosawerken, die in den Nibelungensagenkreis Eingang gefunden haben, gehören die Völsungasaga und die Thidrekssaga ins 13. Jahrhundert. Die Thidrekssaga (thidreks saga) entstand in norwegischer Sprache in Bergen Mitte des 13. Jahrhunderts. Dietrich von Bern steht hier im Mittelpunkt, doch hat der Verfasser auch andere Heldensagenstoffe einbezogen (HOFFMANN, 1992, S. 54f.) Die Quellen für die Erzählung des Niflungenuntergangs bei Susat (Soest) sind umstritten, vielleicht ist das Nibelungenlied selbst verarbeitet worden. Der Sagamann beruft sich auf die Erzählungen deutscher Männer aus Soest, Bremen, Münster, auf sächsische Sänger.

Es wird heute angenommen, daß die Thidrekssaga niederdeutsche schriftliche Quellen benutzt hat, die ihrerseits Bearbeitungen oberdeutscher Vorlagen waren und die in den Norden Europas gelangten (HOFFMANN, 1992, S. 55-57) (wie denn auch die hochdeutsche Sprache nach Norden vordrang und das Niederdeutsche verdrängte). Es läßt sich aber nicht erweisen, daß der Nibelungenstoff um 1200 im niederdeutschen Raum und in den Rheinlanden rezipiert worden ist. Dass man dann aufgrund der Thidrekssaga dem Raum um Virnich bei Zülpich (im Kreis Euskirchen) und Soest „den Primat der historischen und geografischen Authentizität“ (HOFFMANN, 1992, S. 59) an der Ausbildung der Nibelungensage zuschreibt (so die Auffassung von HEINZ RITTER-SCHAUMBURG, Die Nibelungen zogen nordwärts, 1981, der die Niflungen im niederdeutschen Raum lokalisiert) – dazu kann sich die Forschung nicht entschließen. Und: Man kann genauso gut im Untergangslied der Niflungar der Thidrekssaga mit ihren verworrenen geografischen Angaben etwas Umgeformtes, eine sekundäre Bearbeitung der Sage, sehen. Ein spätes Zeugnis für die variable Lokalisierung des Nibelungenuntergangs ist die „Hvensche Chronik“aus dem 16. Jahrhundert. Sie verlegt den Schauplatz der Katastrophe auf die schwedische Insel Ven im Öresund (HOFFMANN, ebenda).

Die Frage nach den Ausgangspunkten des Nibelungenstoffes bleibt weiterhin in einem kontrovers diskutierten Bereich.

Originalbeitrag erschien auf: http://www.nibelungenlied-gesellschaft.de/03_beitrag/bender/fs13_bend.html