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Die Jobs der Zukunft: Hauptsache Digital

Das iPhone und das Internet haben die Art, wie wir kommunizieren, uns informieren, einkaufen oder Musik hören, in wenigen Jahren vollkommen verändert. Ähnliches passiert nun wieder. Nur viel größer.

Moderne Roboter, selbstfahrende Autos, künstliche Intelligenz, 3D-Druck oder Big Data werden Wirtschaft und Arbeitswelt ebenso grundlegend ändern. Die Vorstufen dieser digitalen Revolution sind schon zu sehen. Der Online-Händler Amazon läßt inzwischen 15 000 Transport-Roboter durch seine Logistikzentren fahren. Der chinesische iPhone-Produzent Foxconn ersetzt in einem ersten Schritt 30 Prozent seiner Belegschaft durch Industrie-Roboter. Versicherer lassen die Routinetätigkeiten zehntausender Sachbearbeiter in Kürze von intelligenter Software erledigen. Und die selbstfahrenden Autos, die bis vor wenigen Jahren noch als ferne Utopie galten, sind inzwischen auf unseren Straßen unterwegs.

Ob Fabrikarbeiter, Taxifahrer, Buchhalter, Immobilienmakler, Aktienanalyst oder auch Journalist – von den bevorstehenden technischen Quantensprüngen bleibt kaum ein Arbeitsplatz unberührt. Menschen mit Routine-Jobs, egal ob am Fließband oder im Büro, müssen damit rechnen, von einem Roboter oder einer schlauen Software ersetzt zu werden.

In Deutschland sind nach heutigem Stand der Technik etwa fünf Millionen Jobs automatisierbar, hat das Mannheimer Forschungsinstitut ZEW errechnet (PDF). Doch Panik sei aber nicht angebracht, beruhigen die Wissenschaftler: Untersuchungen zeigten, daß 85 Prozent der Arbeitnehmer bei einem Wegfall ihrer Routinetätigkeit eine neue Aufgabe im gleichen Beruf fanden. Nur 15 Prozent mußten den Beruf wechseln. „Aus der Vergangenheit wissenwir, daß Beschäftigte sehr flexibel sind. Arbeitslosigkeit entsteht nur dann, wenn sie sich nicht anpassen können“, hofft ZEW-Arbeitsmarktforscher Ulrich Zierahn.

Während die Wissenschafter schon recht sicher beziffern können, wie viele Jobs bedroht sind, lassen sich die neuen Tätigkeiten wegen des rasanten technischen Fortschritts nur grob schätzen. Arbeitsplätze werden vor allem für die Menschen entstehen, die besonders gut mit den intelligenten Maschinen umgehen können, sie also entweder programmieren, bedienen oder ihre Ergebnisse interpretieren können.

„Nennen Sie mir 10.000 gute Datenanalysten und ich habe 10.000 Jobs für sie. Wir brauchen vielleicht keine zwei Milliarden davon, aber den Wandel des Arbeitsmarktes darf man trotzdem nicht unterschätzen: Es gibt immer neue, interessante Herausforderungen – die immer schneller von weiteren Herausforderungen abgelöst werden“, erwartet der deutsche Wissenschafter Sebastian Thrun, der das selbstfahrende Google-Auto entwickelt hat.

Gesucht werden heute vor allem Datenanalysten, Softwareentwickler oder Experten für UX (neudeutsch für User Experience, also Nutzererfahrung). Hauptsache digital. Den wahrscheinlich sichersten Job der Welt haben die Entwickler von Robotern. Und einen der bestbezahlten obendrein. „Ihr Gehalt in der Zukunft hängt davon ab, wie gut Sie mit Robotern zusammenarbeiten“, sagt der US-Zukunftsforscher Kevin Kelly voraus.

Der technische Fortschritt erfasst die Bürojobs

Wer nun aber glaubt, technischer Fortschritt und die Automatisierung finden wie in der Vergangenheit vor allem in den Fabrikhallen statt, irrt gewaltig. Das Gegenteil ist der Fall: Die große Umwälzung der Digitalisierung ist eher in den Büros als in den Fabrikhallen zu erwarten. 61 Prozent aller Vollzeitarbeitsplätze in Deutschland sind mit einem Computer ausgestattet. Wer vor dem Rechner aber nur manuell Daten verarbeitet, trägt ein hohes Risiko, vom Computer schon bald ersetzt zu werden. „Besonders gefährdet sind jetzt die Routine-Jobs der Wissensarbeiter, zum Beispiel Buchhalter“, sagt MIT-Forscher Andrew McAfee voraus. Denn Computer können jetzt dazulernen und Dinge erkennen, die bisher nur das menschliche Gehirn verarbeiten konnte.

Verantwortlich dafür sind zwei technische Entwicklungen, die nach Jahrzehnten mühsamer Forschung in künstlicher Intelligenz jetzt riesige Fortschritte möglich machen: „Machine Learning“ und „Deep Learning“. Beim maschinellen Lernen merken Computer sich Anwendungsbeispiele, erkennen Gesetzmäßigkeiten und können mit diesem Wissenspäter auch neue Situationen ohne menschliche Hilfe meistern.

Beim „Deep Learning“ werden viele Berechnungen nacheinander auf unterschiedliche Datenschichten angewendet, was nur mit gigantischer Rechenleistung und riesigen Datenmenge („Big Data“) möglich ist. Dann aber können Computer erstmals Klänge oder Bilder erkennen. „Deep Learning“ steckt noch in den Anfängen, aber viele Tech-Firmen haben sich schon mit Begeisterung darauf gestürzt. Zum Beispiel haben Google und Apple ihre Spracherkennungssysteme mit Hilfe dieser Methode wesentlich verbessert. Bald ist diese Technik soweit, die Jobs vieler Dolmetscher zu übernehmen. „Fremdsprachenkenntnisse sind nicht mehr wichtig, da Maschinen schon ziemlich gut übersetzen können und immer besser werden“, erwartet Matthias Hagen, der erste Professor für „Big Data“ in Deutschland.

„50 Prozent der „White-Collar-Jobs“ gefährdet

Die Folgen des technischen Fortschritts reichen aber viel weiter. „Die Digitalisierung führt zu einer Rationalisierungswelle bei den „White-Collar-Jobs“, also den indirekten Tätigkeiten in der Verwaltung. 50 Prozent aller Arbeitnehmer in diesen Bereichen müssen sich neue Aufgaben suchen“, warnt Thomas Bauernhansl, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnik und Automatisierung in Stuttgart. Routine-Tätigkeiten von Controllern, Einkäufern, Auftragsdisponenten oder Servicemitarbeitern erledigt intelligente Software bald besser und effizienter, prognostiziert Jochen Deuse, Professor für Arbeits- und Produktionssysteme an der Technischen Universität Dortmund.

Die beiden Wissenschafter Carl Benedict Frey und Michael Osbourne haben mit Hilfe von Robotik-Experten eine Liste der Jobs (PDF) aufgestellt, die in den kommenden 20 Jahrzehnten höchstwahrscheinlich von Maschinen erledigt werden können.

Dazu gehören: Disponenten in der Logistik, Kreditanalysten in Banken, Chauffeure, Kassierer, Buchhalter, Makler, Call-Center-Mitarbeiter und Busfahrer. Sogar Bibliothekare, Verkehrspolizisten und Piloten weisen eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 50 Prozent auf, bald durch eine Maschine ersetzt zu werden.

Meist gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen Bildung, Einkommen und der Gefahr des Jobverlusts. Menschen, die nur über eine Elementarbildung verfügen, weisen eine Automatisierungswahrscheinlichkeit von 80 Prozent auf, während nur 18 Prozent der Promovierten um ihre Jobs bangen müssen. Ähnlich deutlich sieht der Zusammenhang zwischen Einkommen und Automatisierungswahrscheinlichkeit aus: Die Beschäftigten mit den 10 Prozent geringsten Einkommen weisen eine Wahrscheinlichkeit von 61 Prozent auf, während die Jobs der Gutverdiener am oberen Ende nur mit einer zwanzigprozentigen Wahrscheinlichkeit der Technik zum Opfer fallen, haben die ZEW-Forscher herausgefunden. Menschen mit geringer Bildung und geringem Einkommen stehen also unter dem größten Druck.

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