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Interview mit Dr. Athanassios Giannis: Die griechische Katastrophe – Diese Austeritätspolitik tötet

Diese Austeritätspolitik tötet

Frage: In Deutschland war vor kurzem zu lesen, auch die Säuglingssterblichkeit in Griechenland nehme immer weiter zu. Dann gab es eine Art “medialer Gegenoffensive”, die darauf insistierte, das sei gar nicht so und dieses Argument umgehend wieder “erschlug” … Wie ist die Lage hier?

Athanassios Giannis: Das Problem der statistischen Erfassung der Kindersterblichkeit ist komplex und es wurden verschiedene Untersuchungen zum Thema publiziert. Mit Sicherheit kann man Folgendes sagen: Die Kindersterblichkeit hat nach 2010 abgenommen. Allerdings blieb die Zahl der Totgeburten konstant hoch.

Gesicherte Zahlen über Flüchtlinge gibt es allerdings nicht – und diese sind von Not und Elend noch mehr betroffen als die ohnehin schon gezeichnete griechische Bevölkerung. Das heißt, daß es hier einen immens großen “Graubereich”, der überhaupt nicht erfasst wird, gibt; und daß in diesem das schlimmste Elend zu vermuten ist.

Eines steht aber fest: Es gibt die dringende Notwendigkeit, Maßnahmen zu ergreifen, um die Qualität der Gesundheit im Allgemeinen, der von Müttern und Kindern jedoch im Besonderen kurz- und langfristig sicherzustellen.

Frage: Haben Sie vielleicht ein, zwei konkrete Beispiele hierzu parat?

Athanassios Giannis: Ja. Vor einiger Zeit wurden Fälle bekannt, bei denen neugeborene Kinder ihren Müttern nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erst dann übergeben wurden, als diese die Entbindungskosten auch begleichen hatten. Und es gibt auch bekannte Fälle von Patienten, die kurz vor ihrer Operation von der Krankenhausverwaltung aus den Operationsräumen wieder hinausgeschmissen wurden, da sie nicht versichert waren. Das ist ein Alptraum. Wer hätte so etwas in der EU von 2015 erwartet?

In diesem Zusammenhang möchte ich Benjamin Disraeli zitieren, der einmal sagte: Es gibt drei Arten von Lügen: gewöhnliche, statistische und katastrophale. Wir dürfen nicht zulassen, daß die obsessive Verwendung statistischer Daten und Parameter den Menschen zu einem mathematischen Objekt degradiert und die Katastrophe der Empathie und des Mitgefühls beraubt.

Frage: Das erinnert mich an eine Wahrheit, die Bertold Brecht einmal aussprach. Er sagte: “Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.”

Athanassios Giannis: Eben das. Und wir müssen das den Menschen in Europa sichtbar machen und vermitteln: Diese Austeritätspolitik tötet. Sie muß ein Ende finden. Das ist sonst Mord. Ganz egal, was eine Statistik oder ein Gesetz dazu sagt.

Frage: Und wenn diese nun Politik weiter fortgesetzt und immer weiterer sozialer Kahlschlag betrieben wird: Mit welchen Folgen rechnen Sie dann?

Athanassios Giannis: Das Gesundheitssystem – und vielleicht auch die Gesellschaft als solche – würde komplett kollabieren, das wäre ein Akt der Barbarei. Die politische und soziale Situation würde sich in einer sowieso instabilen Region in Südosteuropa in kaum vorstellbarer Art und Weise weiter zuspitzen. Einer der “Gewinner” hiervon steht dabei heute bereits fest. Das wäre die Nazipartei in Griechenland.

Geschichte droht sich hier aktuell also als Drama zu wiederholen. Und wenn der griechische Staat zusammenbricht, wird es absolut keine Versorgung der Flüchtlinge – das sind aktuell bereits 55.000 allein in diesem Jahr! – geben.

Frage: Ich komme nicht umhin, bei Ihrer Schilderung der Situation an Noami Kleins “Schock-Strategie” zu denken… Die humanitäre Katastrophe wird von den EU-Granden ja offensichtlich sehenden Auges in Kauf genommen…

Athanassios Giannis: So ist es. Ob hierhinter allerdings wirklich Absicht zu vermuten ist, wage ich zu bezweifeln. In meiner Wahrnehmung handelt es sich eher um eine moderne Art von Schreibtischtätertum, das anhand vermeintlicher Sachzwänge und statistischer Daten, von Not und Elend der Menschen abzusehen vermag und hierdurch deren Not immer mehr und mehr ausbaut und forciert… An der Sache ändert das aber nichts; da haben Sie recht.

Frage: Gibt es denn etwas, das wir alle aktuell tun können, um der griechischen Bevölkerung zu helfen?

Athanassios Giannis: Ja, es gibt eine Hilfe, die unmittelbar notwendig ist und die auf die Linderung der humanitären Notsituation – die es, wir sprachen gerade darüber, laut Troika natürlich überhaupt nicht gibt! – zielt. Konkret geht es um die Zusendung etwa von Medikamenten, Verbandsstoff, Spritzen, Nadeln, chirurgischem Operationsbesteck und anderem.

Mittel- und langfristig sollen unsere europäische Freunde uns helfen, das geHaßte Oligarchen-Regime, das de facto seit Jahrzehnten in Griechenland unter dem Mantel der Demokratie regiert, durch ein gerechtes, humanistisches und modernes System zu ersetzen.

Und, ja, es gibt Korruption in Griechenland, aber es gilt: “Die da oben haben angefangen!”, um es mit Dieter Hildebrand zu sagen. Nicht das Volk ist korrupt, verlogen oder faul. Die Kassen plündern die anderen! Und mit eben diesen wurden in den vergangenen Jahrzehnten buchstäblich Bombengeschäfte gemacht, deren Nutznießer in aller Regel deutsche Firmen gewesen sind. Kurz gesagt: Korrupte griechische Politiker und Banker haben in Kooperation mit korrupten europäischen Politikern und Bankern Griechenland zu einer Schulden-Kolonie gemacht. Gibt es noch ein Entkommen hieraus? Das ist schwer zu sagen.

Frage: Und wie könnte sich die griechische Bevölkerung aktuell selbst am besten helfen? Unter der Bedingung einer Akzeptanz des Troika-Diktats kann und will mir eine Linderung der aktuellen Not nicht möglich scheinen. Was meinen Sie?

Athanassios Giannis: Die griechische Bevölkerung zeigt aktuell vor allem ein immenses Maß an Solidarität untereinander, das kann man sehen und spüren, überall. Besonders wichtig dabei: Die solidarische Familie! Die Familien halten gottseidank fest zusammen, häufig dient die Rente der Großmutter oder des Großvaters als Rettung in höchster Not. Ich hörte eine junge Frau sagen: “Ich werde meinen Opa konservieren, damit er nicht stirbt, denn dann ist die letzte Einnahmequelle unserer Familie weg”.

Und irgendwann wird die Troika weg sein und hoffentlich nimmt sie unsere Oligarchen dann mit. Das wäre die größte Hilfe und das größte Geschenk was uns passieren könnte. Die Griechen waren und sind tüchtige und arbeitsame Leute, sie werden die Zukunft meistern; nur die Bedingungen, daß dies möglich wird, werden noch zu schaffen sein.

Frage: Noch ein letztes Wort?

Athanassios Giannis: Ja. Das Griechen-Bashing soll endlich aufhören! Sätze wie “Der Grieche soll aufhören zu nerven!” dürfen von Politikern nicht gesagt werden. Die BLÖD-Zeitung und ihre Helfershelfer sollen schweigen oder mal innehalten. Wenn jemand am Boden liegt, läßt man ihn in Ruhe, das wäre sportlich und fair. Genug ist genug. Und Haß ist stets destruktiv, er kanalisiert eine Menge Energie in die falsche Richtung.

Und die deutschen Politiker sollen aufhören, vom Grexit zu sprechen und damit zu drohen: So kommen keine Investoren nach Griechenland. Dieser Begriff, die Rede hiervon, das war der Totengräber der griechischen Wirtschaft und hat für leere Banken gesorgt. In angelsächsischen Zeitungen wurde geschrieben: “Das, was in Griechenland in letzter Zeit passiert ist, gleicht einem fiskalpolitischen Flächenbombardement!” So ist es, und die Bomben kamen aus Deutschland und der EU.

Ich kann nur wiederholen: Wir brauchen dringend die Unterstützung unserer deutschen und europäischen Freunde, um das Werk der korrupten Politiker und Oligarchen in Griechenland zu beenden. Die Troika, die nun zurückgekehrt ist, hat dieser korrupten Klasse geholfen, noch reicher zu werden. Das muß ein Ende haben. Es muß Schluß damit sein!

Und kurz- oder langfristig braucht Griechenland natürlich einen Schuldenschnitt. Um mit den Worten des französischen wissenschaftlers Thomas Piketty zu sprechen: Deutschland ist das Vorzeigebeispiel für ein Land, das in der Geschichte nie seine öffentlichen Schulden zurückgezahlt hat. Weder nach dem Ersten noch nach dem Zweiten Weltkrieg. Denken Sie an die Londoner Schuldenkonferenz von 1953, auf der 60 Prozent der deutschen Auslandsschulden annulliert und zudem die Inlandsschulden der jungen Bundesrepublik restrukturiert wurden. Griechenland hat im Rahmen dieser Konferenz auf seinen Teil der Schulden – mehrere Milliarden Dollar übrigens! – verzichtet. Wo bleibt im Lande Immanuel Kants da der kategorische Imperativ?

Zu guter Letzt: Es gibt angeblich – und wieder einmal – eine Statistik, nach der 60 Prozent der Griechen die Russen als ihre Freunde betrachten. Nur ein einziges Prozent hingegen sieht die Deutschen als Freunde an. Ich kann und will diese Statistik und diese Zahlen nicht akzeptieren und arbeite intensiv daran, das Freundschaftsverhältnis zwischen Deutschen Griechen zu verbessern. Und ich erlebe momentan eine Menge praktische Solidarität und Hilfe für die notleidende griechische Bevölkerung von Deutschen, was mich extrem optimistisch stimmt! Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit bei unseren aus tiefstem Herz dafür bedanken.

Auf jeden Fall müssen wir verhindern, daß unsere Völker gegeneinander aufgehetzt werden. Nicht “die Deutschen” sind Schuld an der Misere. Und nicht “die Griechen” sind dumm, korrupt oder faul. Vielmehr sind es die Eliten unserer wie anderer Länder der EU, die konsequent gegen die Interessen ihres Volkes agieren. Unsere Kritik und unser Widerstand sollten daher auf die griechischen, deutschen und europäischen Eliten zielen – und nicht aus den Bruder und die Schwester im Nachbarland, gegen die man uns nationalistisch aufzuhetzen versucht.