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Der Berg Qiyunshan – Das Zuhause der Taoisten

Von Jiao Feng   China Today, 2. September 2013

In diesem Frühling bin ich mit meinen Freunden in die Provinz Anhui gereist, um den Huangshan, den „Gelben Berg“ zu besteigen. Wir entschieden uns auch, auf den Qiyunshan, der für Taoisten heilig ist, zu pilgern.

Einsiedler und Götter

Taoismus sei früher vor allem unter denjenigen populär gewesen, die dem Tumult des weltlichen Lebens entfliehen wollten und Zuflucht in Meditation in abgelegenen Berghöhlen suchten, erklärt uns Wang. Die meisten taoistischen Mausoleen in den Bergen wurden für solche Pilger gebaut. Der Ruf des Qiyunshan hat schon immer viele Gläubige und Religionsanhänger angezogen, die teils lange Jahre in den Grotten auf den Bergfelsen verbrachten.

Oft findet der Qiyunshan nur beiläufig Erwähnung, wenn es eigentlich um den Huangshan geht – einer von Chinas „fünf großen Bergen“. Aber es sollte sich herausstellen, daß der Qiyunshan nicht weniger zu bieten hat als sein berühmter großer Bruder, sowohl was die Landschaften, als auch die kulturelle Bedeutung angeht.

Die zwei Berge liegen ziemlich nah beieinander – nur rund 50 Kilometer von einander entfernt. Beide finden sich auf dem Verwaltungsgebiet der Stadt Huangshan. „Qiyunshan“ bedeutet auf Chinesisch „hoch wie die Wolken“, wobei der Berg mit seinen bescheidenen 585 Metern über dem Meeresspiegel diesem Namen eigentlich nicht gerecht wird.

Dennoch ist die Benennung nicht komplett unbegründet. Den überwiegenden Teil des Jahres sind die 36 schroffen Anhöhen des Berges in Wolken versunken, morgens kommt dichter Nebel hinzu. Es scheint, als stiegen die Wolken vom Himmel herab, um den Namen des Berges zu rechtfertigen.

Und es sind wahrscheinlich diese permanente Wolkendecke und das Gefühl der Abgeschiedenheit, das daraus entsteht, die erklären, warum der Qiyunshan über mehr als Tausend Jahre ein Epizentrum des chinesischen Taoismus geblieben ist. Chinas Geschichte war in den letzten Jahrhunderten sicherlich turbulent, aber das hat die Taoisten nie davon abgehalten, zum Schrein des heiligen Zhenwu, des „Wahrhaft kämpferischen großen Imperators“, auf dem Qiyunshan zu pilgern. Dynastien kamen an die Macht und fielen, Kriege wüteten, doch Gelehrte, Künstler und Dichter führten die taoistische Tradition ungeachtet dessen weiter und vertieften sich in die ungestörte Ruhe der Wälder auf den steilen Hängen des Qiyunshan. Manche von ihnen haben Kunstwerke wie beschriebene Tafeln hinterlassen, um ihren Aufenthalt zu kennzeichnen. Die Schnitzereien von Sagen über vergangene Tage zieren auch heute majestätisch die Felsen und dienen den Touristen, die den Qiyunshan besteigen, als Schutzpatron.

Das Land der Unsterblichen

Der Qiyunshan liegt am Ufer des Flusses Shuaishui, der sich, wenn man vom Gipfel hinabschaut, malerisch zwischen den Kornfeldern und weißen Häusern hindurchschlängelt. Es wird behauptet, daß der Fluss und seine farblich abwechslungsreiche Umgebung von oben betrachtet stark dem schwarz-weißen Yin und Yang Symbol oder dem „Diagramm des kosmischen Ursprungs“ ähneln. Die Präsenz solch starker taoistischer Symbole ist einer der Gründe, warum der Weise Zhang Sanfeng auf diesem Berg seine letzten Jahre unter den Menschen verbracht haben soll, bevor er unsterblich wurde. Die Kraft des Tao soll Zhang ein langes Leben beschert haben. Der Legende zufolge soll er 200 Jahre gelebt haben, von 1247 bis 1458. Auf dem Qiyunshan gibt es ein Grab von Zhang Sanfeng, das allerdings leer ist. Der chinesischen Mythologie zufolge verschwindet der Körper spurlos aus der vergänglichen Welt, sobald die Seele in den Himmel auffährt.

Meine Freunde und ich kamen am Nachmittag am Qiyunshan an. Um Zeit zu sparen, beschlossen wir, den Berg nicht zu Fuß zu besteigen, was selbst auf dem kürzesten Pfad drei Stunden gedauert hätte, sondern stattdessen die Seilbahn zu nehmen. Je höher unsere Gondel stieg, desto besser konnten wir die Landschaft überblicken. Die blühenden Rapsfelder unter uns gaben den Flussufern und Tälern einen Hauch goldener Farbe. Auf den gelben Feldern standen hier und da Häuser, die im für diese Region typischen Stil gebaut waren: weiße Wände und dunkle Ziegeldächer. Diese idyllische Landschaft schien – zumindest sah das von unserer Gondel so aus – als könne sie die Zeit und jede Trendwende überdauern.

Als wir den unteren Gipfel erreichten und aus der Gondel stiegen, erblickten wir den Wangxian-Pavillon, von dem man, zumindest dem Namen nach, auf die Unsterblichen blicken kann. Wir folgten unserem Fremdenführer Herrn Wang durch das Tal der Pfirsichblüten in Richtung Dongtianfudi, wie die Taoisten „das Elysium der Unsterblichen“ nennen. Buchstäblich übersetzt heißt es „ein heiliger, von der irdischen Welt geschützter Ort“. In China gibt es viele taoistische Sehenswürdigkeiten, die gleiche Namen tragen, diese ragt jedoch hervor, denn sie grenzt unmittelbar an das Tal der Pfirsichblüten. So ein Tal ist im Chinesischen eine Metapher für das verlorene Paradies. In Dongtianfudi liegt das Grab von Zhang Sanfeng. In der Gegend befinden sich außerdem drei prächtige Beispiele für Schnitzereien auf Felsvorsprüngen – nämlich auf den Hängen Xizhen, Zhonglie und Shouzi.

Herr Wang stammt aus einer der taoistischen Familien, die am Qiyunshan zuhause sind. Sein Großvater wie auch sein Vater sind beide Vorsteher in einem örtlichen taoistischen Kloster. Auch Wang selbst ist ein überzeugter Gläubiger. Für ihn unterscheidet sich der Qiyunshan eindeutig von anderen heiligen taoistischen Orten. Zu einem sei er sowohl für religiöse, als auch für säkulare Gemeinschaften offen. Hier in den Bergdörfern lebten Nicht-Taoisten Seite an Seite mit streng Gläubigen. Dieses Miteinander kann man am besten in der Yuehua-Straße sehen, wo in einer bunten Ansammlung von Gebäuden – Klöstern, Wohnhäusern und einfachen alten Geschäftchen – um geistliche und weltliche Kundschaft gebuhlt wird.

Fast alle Besucher legen eine kurze Rast an der Mengzhen-Brücke im Tal der Pfirsichblüten ein. Viele wünschen sich etwas und binden danach eine gelbe Schleife an das steinerne Geländer. Schließlich bedeutet „Mengzhen“ im Chinesischen „ein Traum, der wahr wird“. Die Brücke führt zu einem mit Steinplatten gepflasterten Pfad, der während der Zeit unter der Regierungsdevise des Kaisers Zhengde (1506 – 1522 n. Chr.) in der Ming Dynastie (1368 – 1644 n. Chr.) gebaut wurde. Über die moosüberwucherten Steine sind über die Jahrhunderte schon Generationen von Pilgern geschritten.

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