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Das Julfest: Hellnachtpürschgang von Hermann Löns

 

Ich sah den Helljäger dahinreiten, die Saufeder in der Hand. Über seinem Hute flatterten die Raben, vor seinem achtfüßigen Schimmel hechteten die Grauhunde. Er warf den Jagdspieß, daß es blitzte und juchte die Meute an, daß es donnerte. Ich rief ihm Waidmannsheil zu, gellte ihm ein Horüdhoh nach und wünschte ihm ein frohes Gejaid.

Im Schnabel der alten Tranlampe schwankt das gelbe Flämmchen, in dem Ofen bullert das Holzfeuer und die Mäuse piepen unter dem Estrich. Ich liege in dem Schlafsacke auf der Pritsche, sehe von der Reimchronik, in der ich lese, ab und zu auf, blicke nach den alten Buntdrucken hin, die an der Wand des Blockhauses hängen, lausche auf das Bohren der Larven im Gebälk und denke an den gestrigen Tag.

Rauh rief der Kolkrabe über den Kronen der Fuhren. Der Wind warf mir nasse Flocken in das Gesicht. Ängstlich lockten im Gezweige der Fichten die Haubenmeisen, schüchtern zirpten im dunklen Geäste die Goldhähnchen. Hohl heulte der Wind und verdrossen murmelte der Bach neben dem Wege her, der sich im Brandmoore verlor. Da sah es düster und verlassen aus.

Mit der Dämmerung, die früher da war als sonst, kam ich in das Blockhaus, aß und las und kroch bald in den Schlafsack. Aber die geladene Luft ließ mich nicht zur Ruhe kommen. Um Mitternacht fuhr ich in die Höhe; himmelblaues Feuer erfüllte den Raum und ein furchtbarer Donnerschlag erschütterte das Blockhaus. Ich wollte aus dem Schlafsacke heraus, aber abermals war das hellblaue Licht da und mit ihm ein Schlag, daß die Teller und Töpfe in dem Wandborde klirrten. Ich fuhr in die Schuhe, warf den Mantel um und öffnete die Tür. Mit gellendem Hohnlachen riß der Sturm sie mir aus der Hand, warf mir eine Schneewolke in das Gesicht und schlug die Tür wieder zu. Ich zog mich gänzlich an, während Blitz auf Blitz zuckte und Donner auf Donner krachte, und trat vor das Haus. Waagerecht trieb der Schnee und so dicht, daß er wie ein weißes Bettlaken anzusehen war, und doch sah ich alle Augenblicke die Wettertanne vor dem Bruche, den Wald dahinter und die hohe Geest, so schnell folgten sich die Blitze.

Ich zog die Mantelkappe um das Gesicht und lachte in das Winternachtgewitter hinein. Immer böser klang der Donner, immer bitterer sein Widerhall. Von dem Walde her kam ein Weinen und Winseln, und ein Stöhnen und Ächzen, so mißhandelte der Sturm ihn. Rossegeschnaube hörte ich daraus, das Geläute der Meute, Hörnerklang und Peitschenknall. Ich sah den Helljäger dahinreiten, die Saufeder in der Hand. Über seinem Hute flatterten die Raben, vor seinem achtfüßigen Schimmel hechteten die Grauhunde. Er warf den Jagdspieß, daß es blitzte und juchte die Meute an, daß es donnerte. Ich rief ihm Waidmannsheil zu, gellte ihm ein Horüdhoh nach und wünschte ihm ein frohes Gejaid.

Da flammte es aus der Wetterfichte herunter, eine Fackel wurde aus ihr. Rot wehte sie aus dem weißen Gestöber heraus. Und abermals fiel Feuer vom Himmel und die Krone der Hudeeiche flog auf den Bruchweg, und beim dritten Male loderte der alte Schafstall auf und stand in hellichter Glut. Ein Fluchwort klang, ein Pfiff schrillte, eine Verwünschung gellte aus den Wolken nach mir hin; ich gedachte, daß der Wode keine Zeugen aus Fleisch und Bein haben will, waidwerkt er in den heiligen Zwölfen. Scheu trat ich zurück und schloß die Tür hinter mir.

Als die Uhr auf eins zeigte und die Stunde vorüber war, die dem Gotte gehört und seiner verblichenen Getreuschaft, brach das wilde Wetter ab. Als ich dann spät erwachte, war alles weiß – das Bruch und die Wohld und die hohe Geest hinter ihm; heller Sonnenschein lag auf dem blanken Lande

Nun steht der Mond über dem Bruche und die Sterne haben sich zu ihm gesellt. Taghell leuchtet es in das Türloch hinein. Die Luft trägt den Klang des Weihnachtsläutens vom Dorfe heran