Home / Mythologie / Germanen / Das Julfest: Die Zwölfnächte – Die Zeit zwischen den Jahren

Das Julfest: Die Zwölfnächte – Die Zeit zwischen den Jahren

sleipnir

Rauhnächte heißt die Zeit, in der sich die Menschen vorstellen, daß in den ‘rauhen Nächten’ der Julzeit der Wilde Jäger Wotan (Wode) mit seinem Totenheer durch die Lüfte zieht und Mensch und Tiere erschreckt, dafür aber den Saaten Fruchtbarkeit bringt.

Die Zwölfnächte
Das Julfest dauert 12 Nächte, diese Zeit wird entsprechend auch Zwölfnächte (“die Zwölften”) genannt.

Über den Termin ist viel diskutiert worden. Da meist wert auf den 6. Hartung gelegt wird (christliches Dreikönigsfest / heidnischer Perchtentag – Tag der Frau Holle), lassen auch manche Heiden das Fest erst am 25. Julmond beginnen (also mit der “heiligen Nacht” vom 24. auf den 25.), so daß sie aber 13 Nächte erhalten. Dem folge ich nicht: De Vries schreibt, daß Mittwinter und Julfest nicht zu trennen seien. Von daher verlege ich den Beginn auf die Nacht, die dem Tag der Wintersonnenwende vorausgeht – und zwar der Wintersonnenwende in moderner Zeit, unabhängig davon, wann und vor welcher Kalenderreform die Sonnenwende in früherer Zeit begangen wurde. Meist ist das also die Nacht vom 20. auf den 21. (dem Tag der Sonnenwende), also Mittwinter / ‘ad midjum vetri’. Mittwinter ist der Beginn des neuen Sonnenjahres, nun werden die Tage wieder länger und die Sonne wird bald wieder mehr “Kraft” haben.

Zeit zwischen den Jahren

Die Zahl 12 hat damit zu tun, daß das Mondjahr mit 354 Tagen eben diese zwölf Tage kürzer ist als das Sonnenjahr. Zum Ausgleich mußten Tage dazwischen geschaltet werden. Deshalb spricht man auch von der Zeit zwischen den Jahren, einer Zeit, die nicht so richtig zum Jahreslauf dazugehört und mit der man deshalb allerlei magisches verbindet.

Mütternacht (modraneht)

Die Nacht vor der Wintersonnenwende, also meist vom 19. auf den 20. Julmond, wird auch als Mütternacht (modraneht) bezeichnet. Die Mütter, das sind weibliche Ahnen, auch Disen genannt. Der Begriff Mütternacht weist nicht auf eine “Große Göttin” hin, die zu Mittwinter ein “Sonnenkind” gebärt. Träume in dieser Nacht sollen prophetische Qualität haben. Diese Nacht bzw. der Tag vor dem Julfest sind der Frigg geweiht. Nach dieser Rechnung endet das Julfest am 1. Hartung. Der 2. Hartung ist wiederum ein Friggatag, der Tag, an dem die Hausarbeit, die während der Zwölfnächte ruhte, wieder beginnt. Man sieht, daß Frigg (die auch mit Frau Holle / der Berchta in Verbindung gebracht wird, s.u.) das Julfest sozusagen umrahmt, was auf den privaten, sippeninternen Charakter der Zwölfnächte hinweist. Da die Arbeit ruht, ist das Julfest eine Zeit der Einkehr und des Rückblicks auf das vergangene Jahr (Julfrieden).

Rauhnächte

Rauhnächte heißt die Zeit, in der sich die Menschen vorstellen, daß in den ‘rauhen Nächten’ der Julzeit der Wilde Jäger Wotan (Wode) mit seinem Totenheer durch die Lüfte zieht und Mensch und Tiere erschreckt, dafür aber den Saaten Fruchtbarkeit bringt.

Jul ist laut De Vries eine Kombination aus Toten- und Fruchtbarkeitsfest, was man gerade an der Gestalt Wotans sieht. Es gibt eine enge Beziehung zwischen dem Wachstum der Erde und dem Wirken von Totengeistern. Es kann gefährlich sein, nachts in dieser Zeit unterwegs zu sein, viele Volksweisheiten ranken sich um des Wodes wilde Hunde und wie man ihnen und ihrem Herrn entgeht. Der Reiter kündigt sich mit Sturmbrausen, Hufgetrappel, Peitschenknallen und Hundebellen an. Es soll von Vorteil sein, sich dann flach auf den Bauch fallen zu lassen und nicht nach oben zu sehen.

Grundy schildert in Rheingold Siegfrieds Begegnung mit dem Wilden Jäger. Henkler meint jedoch, daß die Rauhnächte nicht mit dem Julfest identisch seien. Die Rauhnächte setzt er früher an (christliche Adventszeit). Das macht Sinn, scheinen doch “St. Martin” (11. Neblung) und “St. Nikolaus” (6. Julmond) mit dem wilden Reiter, dem Schimmelreiter (Wittschimmel, Hackelbernd, Berndietrich, Hans Märten), etwas zu tun zu haben.

Vielleicht kann man sagen, daß der dunkle, wilde Aspekt des Reiters auf den “Knecht Ruprecht” (Beelzebub, Bartl, Butzenbercht, schiache Percht, Pelzebock, Leut- / Kindlisfresser, böser Klaus) übertragen wurde. Vielleicht wollte die christliche Kirche auch einfach dem “bösen Wode” zwei “gute” Gestalten gegenüberstellen.

Ein thüringischer Kindervers spricht von “Herr Wude, Herr Wude, Nikolaus!”. Um den Wesen, die sich laut und mit Klopfen bemerkbar machen, etwas entgegenzusetzen, ziehen die Menschen auch verkleidet und lärmend umher (“Klöpflesnächte”) – eine Form sympathetischer Magie. Interessant ist, daß sich für dieses Totenheer im französischen die Begriffe Mesnie und Herlequin gehalten haben. Herlequin kommt von Harilo, was Heerführer bedeutet und klar auf Wotan verweist.

Manche sagen, es müsse nicht Rauhnächte sondern Rauchnächte heißen, weil – wie weiter unten beschrieben – Wohnhaus, Stallungen usw. mit Wacholder ausgeräuchert werden, bevor das neue Jahr beginnt.

Der Heidedichter Hermann Löns hat das Motiv der Wilden Jagd übrigens in einer stimmungsvollen Kurzgeschichte verarbeitet, die sich gut zum Vorlesen oder Einstimmen vor dem Julritual eignet: Hellnachtpürschgang