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Das Julfest – Der Beginn des neuen Sonnenjahres

godjulMit dem Julfest wird der Beginn des neuen Sonnenjahres und des wiederkehrenden Lichtes nach der Wintersonnenwende gefeiert. Die Sonne erreicht um den 21./22. Julmond ihren tiefsten Stand im Jahreslauf. Dies ist die dunkelste Zeit des Jahres, die mit unwirschem Wetter (Regen, Schnee, Kälte …) einhergeht.

Der mythisch gedeutete Naturvorgang dieser Zeit ist die Sonnenwende, also die längste Nacht des Jahres. Und in dieser dunkelsten Zeit bildet die Wintersonnenwende den Wendepunkt. Nun werden die Tage wieder länger und die Sonne wird bald an “Kraft” gewinnen, um das Leben, das wie tot in der Erde ruht, neu entstehen zu lassen.

Wie I. Norden anhand der Betrachtung der Eddamythen feststellt, ist es keine germanische Tradition, zur Wintersonnenwende von der Geburt eines “Sonnenkindes” zu sprechen. Auch kein einzelner Gott wird zu diesem Zeitpunkt “wiedergeboren”. Der Balder-Mythus (Tod zur Sommersonnenwende und Wiedergeburt zu Jul = Wiedergeburt der Sonne / des Lichtes) ist völlig ungermanisch ausgedeutet worden. Norden weist schlüssig nach, daß die Ragnarök, der Untergang der Götter, nicht saisonal gedeutet werden können.

Balder und Höd kommen erst mit der neuen Welt zurück und sitzen gemeinsam in einer Halle – das wäre unlogisch, hier kann kein Jahreszeitenmythus verschlüsselt worden sein. Nur einmal wird in der Edda die Geburt eines Kindes mit der Sonne verknüpft (Vafthrudnismal). Doch auch dabei geht es um das Überleben der Sonne nach den Ragnarök – eine einmalige Angelegenheit. Die Ragnarök, als äußerste Katastrophe, als “Weltuntergang” sind wohl kaum mit dem Wechsel von Sommer zu Winter und neuem Frühling zu verbinden. Norden schließt: “no single deity, solar or otherwise, is the real ‘reason for the season’ within Asatru theology. At best, several beliefs and practices exist – some related to the sun and nature, some unrelated.”

Was also ehrt oder feiert man? Das Feuerbrauchtum symbolisiert beispielsweise mit den Feuerrädern den Lauf der Sonne (Sunna). Man feiert das Wiedererstarken des Lichtes, das den Frühling bringen wird. Natürlich sind Gottheiten mit dem Julfest verbunden. So allen voran Wotan (hier als Totengott, Gott der Ahnen, der wilde Jäger der Rauhnächte), und Freyr, der die Fruchtbarkeit im neuen Jahr sicherstellen soll. Freyr, Herr über Alfenheim, ist den Ahnen-Alfen sehr nah. Man kann sich auch vorstellen, daß Freyrs sehnsüchtige Blicke von Hlidskjalf aus Richtung Gerd mit der Zeit der Wintersonnenwende korrelieren, wenn man die Geschichte um Skirnirs Ritt als göttliches Frühlingserwachen deutet.

Weiterhin spielt Frigg / Frija als Mutter und Beschützerin des Haushalts eine Rolle. Vor allem aber wird der Ahnen gedacht, das Julfest ist ein Fest der Sippe, sozusagen das Hochfest der Alten Sitte. In Indien wird diese Zeit als pitrayanam – Weg der Vorväter – bezeichnet. Wir ehren die Toten an diesem Fest in einem eher familiären Sinn (im Gegensatz zum ‘Totenfest’ Winternächte). Mit dem Totengedenken korreliert die Hirschsymbolik, der Hirsch gilt als Totenbegleiter (nach Biber). Die toten Ahnen können als Alben oder Disen / Idisen vorgestellt werden, man lädt sie zu den Feiern ein, deckt am Tisch für sie, läßt ihnen Essen an der Tür stehen.

“Die Nordmänner senden in ihrer langen Winternacht Boten auf die Gipfel ihrer Berge, um die wiederkehrende Sonne zu erspähen. Dann erhebt sich ein unermeßlicher Jubel und man feiert das Fest der frohen Botschaft des Lichts.”
[Plinius, nach Biber]

Im Begleitband der Isländersagas, die in der Neuübersetzung 2011 im S.Fischer Verlag erschienen sind, schreiben die Herausgeber:

“Daß Jul in der heidnischen Zeit tatsächlich gefeiert wurde, beweist eine Stelle in Strophe 6 des Haraldskvæði von Thorbjörn Hornklofi aus dem späten 9. Jahrhundert. Hier wird der Ausdruck drekka jól „Jul trinken“ gebraucht, was darauf hinweist, daß mit Jul Trinkgelage und vielleicht auch Trankopfer verbunden waren.” Begleitband der Isländersagas (S. 274)