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Das Interview: Harald Schumann über die Medien und seine Dokumentation “Macht ohne Kontrolle – Die Troika”

Marcus Klöckner 20.05.2015

Harald Schumann: Er sagte, nachdem wir schon mehrere Anfragen per Email geschickt hatten: “We have considered your request and I have now talked to the other two institutions, the EZB and the IMF, and we came to the conclusion that all three institutions won’t cooperate with your project.”

“Wir haben genau die Medien, die wir verdienen”, sagt der Journalist Harald Schumann im Interview mit Telepolis. Schumann, der 2004 beim Spiegel kündigte, nachdem eine Geschichte von ihm zum Thema Energiepolitik nur in veränderter Form erscheinen sollte, geht im Telepolis-Interview auf die aktuelle Kritik an den Medien ein und erzählt, was er bei seiner Arbeit zu der viel beachtenden Dokumentation “Macht ohne Kontrolle – Die Troika” erlebt hat.

Nach ihm gab es eine Absprache zwischen den Verantwortlichen der Europäischen Zentralbank (EZB), des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU-Kommission, um sich so kollektiv seinen Interviewanfragen zu verweigern. “Das habe ich in 32 Jahren Journalistenleben zum ersten Mal erlebt”, sagt Schumann.

Für den Journalisten, der beim Tagesspiegel arbeitet, ist das Verhalten ein Zeichen dafür, daß sich diese Institutionen nicht der Öffentlichkeit rechenschaftspflichtig fühlen: “Das hat mich schockiert, denn das bedeutet nämlich, daß wir auf der Reise in die Postdemokratie doch schon viel weiter vorangekommen sind, als ich es erwartet habe.”

“Viele Kollegen werden daran gehindert, überhaupt kritische Journalisten zu werden, weil ihre Vorgesetzten das gar nicht wollen.” Die Aussage könnte man vermutlich von ihrer inhaltlichen Richtung her auch in einem Forum eines großen Mediums lesen, wo Leser, die unzufrieden mit den Medien sind, Kritik üben. Nun stammt die Aussage aber von Ihnen, also von jemand, der Medien nicht nur aus seiner Alltagserfahrung kennt, sondern der selbst seit vielen Jahren in den großen Medien arbeitet. Wie kam es zu der Aussage, die Sie vor einigen Jahren einmal getätigt haben?

Harald Schumann: Zum einen spielen da natürlich meine persönlichen Erfahrungen beim Spiegel eine Rolle. Als ich dort gearbeitet habe, gab es Vorgesetzte und Chefredakteure, die kritische Haltungen gar nicht gerne sahen und diese dann, wenn aus ihrer Sicht nötig, abgebügelt haben.

Aber das ist lange her. Ich bin seit 2004 nicht mehr beim Spiegel. Das kann sich längst geändert haben. Allerdings weiß ich ja auch von vielen anderen Kollegen, sowohl bei Zeitungen, als auch bei öffentlich-rechtlichen Anstalten, daß bestimmte Themen und bestimmte Fragestellungen von ihren Chefredakteuren und Vorgesetzten nicht gewollt werden. Oder daß Geschichten, die ganz anders vorgesehen waren, umgestrickt werden.

Also die Problematik findet sich in vielen Medien.

Harald Schumann: Ja, natürlich. Bei Medien handelt sich um hierarchische Organisationen. Und man kann im Grunde sagen, je höher in der Hierarchie die Leute stehen, desto unkritischer wird ihre Einstellung zu Regierungs- und Konzernhandeln.

Q. Wie erklären Sie sich das?

Harald Schumann: Journalisten sind genauso wie alle anderen Menschen. Es handelt sich um den ganz gewöhnlichen Alltagsopportunismus, den es überall gibt. Gegen den Strom schwimmen, kostet nun mal viel mehr Kraft. Da müssen Sie sich erst mal weit mehr Informationen zusätzlich besorgen, die man meist nicht frei Haus serviert bekommt, wie die Agenturschnipsel aus den Pressekonferenzen oder den Pressestellen. Außerdem bekommt man leicht Ärger. Diejenigen, die man kritisiert und deren öffentliche Aussagen man in Frage stellt, haben die Möglichkeit, sich bei Vorgesetzten und Chefredakteuren zu beschweren. Hinzu kommt: Wer kritisch Position bezieht, exponiert sich persönlich. Auch das ist nicht jedermanns Sache. Wer das tut, macht sich angreifbar – was natürlich viele Leute vermeiden wollen.

Jedenfalls führt all das dazu, daß die große Mehrheit der Journalisten diesen beschwerlichen Weg scheuen, und das erst recht, wenn sie von ihren Vorgesetzten mit Gegenwind rechnen müssen.

Sie sehen hier also vor allem diese “menschliche Ebene” am Wirken?

Harald Schumann: Sicher. Hinzu kommt noch das, was meine Kollegin Ulrike Hermann mal als implizite Korruption bezeichnet hat. Es ist doch so, wenn man, um es mal alt-links auszudrücken, den Mächtigen nach dem Maul schreibt, wird man auch eher eingeladen, dann kriegt man die besseren Moderations- und Vortragsangebote, die höheren Honorare. Man gehört dazu. Das ist nicht zu unterschätzen.

Diese Erfahrung mußte ich ja nun auch machen. Als wir unsere Doku gedreht haben, haben sich die relevanten Leute von allen drei Institutionen der Troika konsequent verweigert und keine Interviews gegeben. Und zwar organisiert verweigert! Das habe ich in 32 Jahren Journalistenleben zum ersten Mal erlebt, daß sich die verantwortlichen Presseleute der Institutionen miteinander verabreden und sagen, mit denen reden wir nicht.

Woher wissenSie denn, daß es da eine Absprache gab?

Harald Schumann: Der Sprecher des damals für Währungsfragen zuständigen EU-Kommissars Olli Rehn hat das am Telefon ganz offen gesagt hat.

Was hat er gesagt?

Harald Schumann: Er sagte, nachdem wir schon mehrere Anfragen per Email geschickt hatten: “We have considered your request and I have now talked to the other two institutions, the EZB and the IMF, and we came to the conclusion that all three institutions won’t cooperate with your project.”

Wie bewerten Sie dieses Verhalten?

Harald Schumann: Eine solche Verweigerung gegenüber einem Medium, das ja nicht ganz irrelevant ist – Arte ist immerhin ein auf das europäische Projekt hin ausgerichteter Sender und die ARD, für die wir ebenfalls tätig waren, ist auch nicht ganz unwichtig -, ist schon erstaunlich. Offenbar müssen diese Leute die öffentliche Kritik nicht mehr fürchten. Wenn man so will, war es eine Bestätigung der Ausgangshypothese für die Recherche. Da entwickelt sich auf der supranationalen Ebene eine Form von Macht, die sich der demokratischen Kontrolle entzieht und damit auch der Kontrolle durch die Medien.

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